m e n u
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das heulmeisje

  Es war an einem Sonntag, 24. Oktober, 1976. Gegen 17 Uhr wurde die Leiche einer jungen Frau im Wald gefunden: nackt, bedeckt mit Laub, Ästen und Schmutz. Es lag weder Krankheit noch eine Vergiftung vor; Anzeichen von Schuss- und/oder Stichwunden waren auch nicht vorhanden - wahrscheinlich war ihr entweder die Kehle aufgeschlitzt oder sie war erdrosselt worden.
  Sie hatte bereits etliche Monate im Wald gelegen, einem Ort, wo gewisse organische Vorgänge beschleunigt vor sich gehen, eine genaue Feststellung der Todesursache war deshalb nicht möglich - damals nicht und heute wohl noch weniger. Oder? Immerhin konnte eine Schwangerschaft ausgeschlossen werden.

  Die üblichen Ermittlungen: Gebiet durchkämmen, Nachbarn befragen, Metalldetektor usw. blieben ohne Ergebnis, der Fokus der Polizei richtete sich daher auf die Liste aller vermissten Mädchen, die zur Beschreibung passten:
  Sie war zwischen 15 und 20, 1,60 Meter groß und schlank, hatte eine helle Haut, 43 Zentimetern langes kastanienbraunes Haar und gute unbehandelte Zähne (keine Füllungen) - lediglich der untere rechte Zahn (4-6) hatte gefehlt, vermutlich in ihrem letzten Lebensjahr gezogen.
  Bereits 1976 waren Zähne ohne Füllungen selten: von eintausendfünfhundert 12-Jährigen war statistisch gesehen nicht mal ein einziges Kind ohne Füllung - dieser Aspekt war also ein genauso guter Anhaltspunkt wie der fehlende Zahn.
  Man verglich ihre Zähne mit allen zahnärztlichen Aufzeichnungen im Lande. Fehlanzeige. Erschwerend kam hinzu, dass Zahnärzte ihre Aufzeichnungen nach einem Jahr zu entsorgen pflegten. Die Zahnbefunde wurden nach Interpol in Paris weitergereicht, um ganz Westeuropa zu checken - und von dort den Rest der Welt. Ergebnis: Ende des Jahres hatte das Mädchen trotz Eingrenzung des Alters auf höchstens 18 Jahre immer noch keinen Namen.
  Um etwas über ihre Lebensweise herauszufinden, wurden ihre Haare genauer untersucht, eine Prozedur, die damals nicht oft angewandt wurde. Da auch diese Ergebnisse nicht zur Identifizierung führte, setzte sich der Name "Heulmeisje" nach De Heul als Fundort durch, einem Parkplatz an der A12, einer viel befahrenen Autobahn bei Maarsbergen, Niederlande, etwa vierzig Autominuten von der deutschen Grenze entfernt.
  Durch den Vergleich von Projektionen des Schädels mit Fotos etlicher Vermißten, darunter der 16-jährigen Schülerin Monique Jacobse, die am 7. April 1975 aus ihrem Elternhaus verschwunden war, versuchte man 1986 eine völlig neue Technik, um das Heulmeisje doch noch einen Namen geben zu können. Und siehe da: sie passten. Zugegeben, Moniques Zahnarzt hatte unmittelbar nach dem Fund im Jahre 1976 die Zahndaten miteinander verglichen und war rasch zum Schluss gekommen, dass es nicht Monique sein konnte [völlig korrekt: meine Zähne waren bereits in den USA, wo wir eine Dekade lebten, reichlich mit Amalgam bedacht worden - es war nicht zu übersehen. Übrigens hat Schweden als einziges Land bereits 1999, das Gift Amalgam bzw. Quecksilber verboten]. Doch offenbar waren dem Zahnarzt bürokratische Fehler unterlaufen, und plötzlich hatte das tote Mädchen einen Namen. Meinen. [Es ist schwer, an dieser Stelle ruhig zu bleiben. Wie erwähnt hatte ich bereits damals den Mund voller Amalgam - etwa ein Dutzend Füllungen mussten mir 2011 fachmännisch rausgenommen werden, nachdem ich bereits zeitweise im Brainfog-Himmel weilte. Fast absurd, welche Streiche mir die verflixten Füllungen bisher gespielt haben. Übrigens war ich 1976 168cm groß, 8 cm größer als das Heulmeisje.]

  1994 wurde die Akte des Heulmeisjes, diesmal mit Monique Jacobse vorne darauf, erneut eröffnet, nachdem die Polizei einen Tipp wegen eines 73jährigen Mannes aus Groenlo als möglichen Mörder erhielt, der auch geographisch paßte, da der damals 55-Jährige 1976 an einer Schule in der Nähe vom Fundort unterrichtet hatte. Nach seiner Pensionierung war er mitsamt Frau nach Groenlo gezogen, wo seine Gesundheit sich drastisch verschlechterte - zweimal war der depressive Mann in einer psychiatrischen Einrichtung gewesen. Verschiedene Begebenheiten hatten seine Frau misstrauisch werden lassen, sie vermutete ein schreckliches Geheimnis und konfrontierte ihn mehrmals mit dem Leichenfund von 1976. Aber er leugnete jedes Mal. Dann kam seine Verhaftung und er wurde erneut in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Die ständigen Vorwürfe und Verhöre, das Mißtrauen - irgendwann machte der alte Mann ein Geständnis, was dank einiger Indizien durchaus ernst genommen wurde, zumal er es seiner Familie vor der Verhaftung gestanden haben soll.
[Habe mich später oft gefragt, was er genau gestanden hatte. Als ich 16jährig gen Osten trampte, bin ich tatsächlich von einem Mann in mittleren Jahren mit älterem Alltagsauto ein gutes Stück mitgenommen worden. Nach dem üblichen Blabla wurde der irgendwann zudringlich, sowie er aber entdeckte, dass das wohl nichts wurde, setzte er mich wütend/enttäuscht auf einem Parkplatz an der Autobahn aus, wo leider wenig Verkehr war. Ich hatte die Wahl zwischen einer Übernachtung auf dem Parklatz oder weiter trampen - daher brauchte die Hengeloer Polizei mich nur noch von der Autobahn pflücken. Geplant war das nicht, spontan gab ich mich als meine volljährige Schwester aus, profitierte von deren schulischer Überlastung wegen Prüfungen und konnte nach einem telefonischen Austausch zwischen Polizei und Schule bald weiterziehen.]
  Im November desselben Jahres beging der Mann, der seine Geständnis längst widerrufen hatte, Selbstmord - [etwa weil er sich mitschuldig an "meinem" Tod fühlte? Es kommt selten vor, dass Menschen mit Depressionen Hand an anderen legen, dann eher an sich selbst. Spekulationen, ich weiss, aber durchaus möglich]. Die Ermittlungen wurden beendet, da in NL ein Verfahren eingestellt wird, sobald der Verdächtiger stirbt.

  Bis 2006 zweifelte niemand außer ihrem Zahnarzt daran, dass das Heulmeisje Monique Jacobse war, dann meldete sich Monique. [Wir alle waren uns immer sicher, dass unsere Schwester Marion irgendwann in der Öffentlichkeit Erfolg haben würde, und so googelte ich vertrauensselig 2006 (würde ich heute nicht mehr machen, es gibt Suchmaschinen, die keine Daten sammeln), um ihr via E-Mail alles Gute zum 50. Geburtstag zu wünschen. Ich war nicht sicher, ob mein zaghaftes Anklopfen nach so vielen Jahren willkommen war, daher gab ich mich nicht sofort zu erkennen und eierte herum - kann ich gut. Irgendwann mußte ich verblüfft feststellen, dass sie wahrhaftig Zweifel an meine Identität hatte - ernste Zweifel. Das hatte ich nicht erwartet. Erst als ich mit Details aufwartete, die nur wir beide wissen konnten, wurde sie stützig:
"WHO ARE YOU?!?!" lautete ihre nächste E-Mail kurz und bündig über die gesamte Länge des Schirms.
  Schwer zu sagen, wer von uns beiden den größeren Schock erlitt, nachdem ich von "meiner" Ermordung erfuhr. Aus Rücksicht auf mich, immerhin seit drei Dekaden in einem fremden Land unter einem anderen Namen registriert, informierte meine niederländische Familie die Polizei erst, als diese ankündigte, "mein" Grab im Rahmen der Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Serienmörder Peter C. erneut öffnen zu wollen.
  Erst im September 2012 bestätigte die nierderländische Polizei via DNA-Untersuchung, dass ich tatsächlich ich war; 2013 erhielt ich offiziell meine Identität zurück - es war ein stupider Kampf gegen unsichtbare Windmühlen, den ich nun auf deutschem Boden wg. bißchen Rente wiederholen soll: eine Monique Jacobse hat nie in die Rentenkasse eingezahlt.]

  Die Sucherei nach der Identität des Heulmeisje ging also erneut los, dafür war die Technik drei Dekaden weiter. Man ordnete eine Gesichtsrekonstruktion an; Schädelmaße und zahnärztliche Aufzeichnungen von 1976 wurden ebenfalls verglichen. Das Ergebnis war ein Foto, das 2007 in "Opsporing Verzocht" vom niederländischen Sender präsentiert wurde; das Bild ist nicht aktuell, wird daher hier nicht gezeigt.
  In den Labors ging der Siegeszug der DNA bekanntlich erst 2012 los, mehrere vermissten Mädchen konnten seitdem ausgeschlossen werden. Die Polizei war nicht untätig, es gab noch die vielen Hinweise aus der Bevölkerung, zum Beisapiel die Aussage eines Mannes, der einen Mann und ein Mädchen gefahren haben soll: sie sollen Deutsch gesprochen haben und gerieten während der Fahrt in Streit. Das Mädchen soll gesagt haben, sie würde nach Deutschland zurückkehren wollen, während der Mann in den Niederlanden bleiben wollte. Der Fahrer erinnerte sich daran, dass das Mädchen Stuyvesant Zigaretten rauchte und dass sie in der Gastronomie gearbeitet hatten, entweder in Den Haag oder Scheveningen. Das Paar verließ das Auto etwa 1 Kilometer vom Parkplatz De Heul entfernt. Solche Hinweise waren keine Seltenheit, dieses Beispiel mag reichen.

  Zudem meldeten sich etliche Anwälte im Namen von Familien, die wissen wollten, ob das Mädchen nicht ihr Kind sein könnte. Kein Treffer.

  Isotopenuntersuchungen kamen hinzu. An Haaren, Zähnen und Knochen des Heulmeisjes konnte man feststellen, dass sie in einem vulkanischen Bereich aufgewachsen war. Innerhalb Europas hieß das: Eifel (Deutschland), Auvergne (Frankreich), Böhmen (Tschechische Republik), Griechenland oder Italien. Die Sauerstoffisotope hingegen schlossen Auvergne, Griechenland und Italien aus. Auch Böhmen kam nicht mehr in Frage. Blieb nur die Eifel.
  Es gibt mehrere Einwände gegen die Schlußfolgerung, sich bei der Neuaufnahme des Mordfalls auf die Eifel als Herkunftsland zu beschränken; das erschien einigen Onlookern oberflächlich gedacht, zumal in den Haaren des Heulmeisjes Blei war, welches zu dem damals üblichen "Russenbenzin" passte. In der Eifel sei damals diese Sorte Benzin nicht erhältlich gewesen, wurde argumentiert. Solche Hinweise findet man in mehreren Foren in etlichen Sprachen.
  Unser aller Haar wächst im Durchschnitt etwa einen Zentimeter pro Monat und kann Auskunft darüber geben, wo man während dieser Zeit gewesen ist. Die 43 Zentimeter Haar des Heulmeisjes gaben also Auskunft über dessen letzten drei Jahre und sieben Monate; die letzten sieben Monate ihres Lebens soll sie in Westeuropa verbracht haben, möglicherweise in Deutschland, aber für wahrscheinlicher wurde die Gegend von Maastricht oder Utrecht/Amsterdam gehalten. Die Haare des Heulmeisjes verrieten auch, dass sie sich vor ihrem Tod sehr sparsam oder einseitig ernährt hatte, sie aß täglich das gleiche und bekam nicht genug Proteine: Entführung, Diät, Armut? Alles möglich. Das DNA-Profil des Heulmeisje lieferte immerhin einen handfesten Nachweis: sie hatte braune Augen.
 Nach Bekanntgabe der mutmaßlichen deutschen Herkunft des Mädchens kamen noch mehr Hinweise. So erzählte 2012 ein Taxifahrer von einem betrunkenen Mann, der behauptete, ein junges Mädchen aus Essen getötet zu haben. Nach einer Folge von "Aktenzeichen XY ungelöst" (das Heulmeisje war in zwei Sendungen mit dabei), deutscher Version von "Opsporing Verzocht", erhielt die Polizei unzählige neue Tipps.

  Anfang 2013 verkundete das Niederländische Forensische Institut Heulmeisjes endgültige Alter: 13,5 bis 15 Jahre - oh, doch ein gutes Stück jünger als ursprünglich angenommen. Die alte Rekonstruktion von Heulmeisjes Gesicht ging von einem älteren Mädchen, fast schon junger Frau aus, also musste eine neue Rekonstruktion her. Es wurde in Schottland an der University of Dundee angefertigt und in etlichen Medien präsentiert:



 Es kamen noch mehr Hinweise - [ich finde Gangster- & Gruselfilme nun mal doof, und meide Thriller ... bitte woanders nachlesen - gibt genug Infos!]

  2013 kam die deutsche Polizei mit dem Plan einer DNA-Verwandtschaftssuche, mit dem Hintergedanken, Heulmeisjes DNA-Profil mit denen der Polizeidatenbanken von beiden Ländern zu vergleichen - vielleicht könnte man so einen Verwandten des Mädchens aus dem Hut zaubern? Dies wurde 2016 von Deutschland genehmigt und meines Wissens bisher nicht durchgeführt.

  2016 traf auch das OK aus Amerika wegen der Suche nach einem amerikanischen Soldaten ein, der 1976 in der Nähe von Maarsbergen stationiert war. Eine verspätete Reaktion auf einen vielversprechenden Hinweis zwei Jahren zuvor: der amerikanischer Soldat und ein deutsches Mädchen sollen in der Nähe von Maarsbergen gelebt haben - sie soll von zu Hause weggelaufen sein und wurde versteckt gehalten, weil minderjährig. Amerikanische Soldaten, die hier stationiert waren, mussten sich nicht registrieren, weshalb die Polizei um Hilfe nachgesucht hatte. Was daraus geworden ist? Fragen Sie die Amerikaner.

  In den Niederlanden gibt es übrigens (leider) eine Verjährungsfrist auch für Mord, Priorität hat daher für die NL nicht die Auffindung des Mörders, sondern die Identität dessen Opfer: das Heulmeisje. Sollte der Täter und/oder das Opfer allerdings wie angenommen kein Niederländer sein... Hm.

  Ja, es ist 34 Jahre her, und das ist eine ganze Weile. Dennoch kann es doch sein, dass sie trotzdem irgendwo immer noch jemandem fehlt: einer Schwester, Nichte, ehemaligen Schulfreundin?

  Wer Hinweise hat, bitte gleich an die Polizei weiterleiten. Danke!


© 2019 hexandthecity - übrigens a human being, der auch schon mal irrt und nicht haftbar ist. Alle Angaben ohne Gewähr.


  Versuche immer noch, das Wegwerfen einer guten wahren menschlichen Geschichte zu verdauen, schwupps: in die Verbrechertonne - nämlich hier:

  War eventuell sogar gut gemeint; aber nach dem Lesen war meine erste, zweite und dritte Reaktion: vielleicht sollte man es einfach lassen und alle Versuche begraben, das Heulmeisje doch noch zu ihrer Identität zu verhelfen. Es geht gar nicht um sie, es ist nur die Lust am Gruseln. Mehr nicht. Schade.

  Wer aber dennoch denkt, etwas zu wissen, heulmeisje ist auf Twitter. Etwas Positives kam dabei doch daraus: auf der Suche nach passenden Unterlagen fand ich ein Schreiben vom Arbeitsamt, welches es mir als Ausländer untersagte, freiberuflich tätig zu werden. Für mich gehörte alles um meine größere Werke* bis dahin zur Kategorie "Brainfog Fata Morgana", jahrelang konnte ich auf Fragen wie: "Gibt's denn arbeiten von dir irgendwo?" nur mit dem hilflosen Hochziehen meiner Schultern reagieren - ein harter Brocken für mein Selbstbewußtsein..

© 2020 hexandthecity


 *Krisen bewirken bei jedem was anderes. Während Corona hat der eine sich das Stricken, die andere das Gitarrenspielen beigebracht; viele Keller sind endlich entrümpelt, einige Gärten nun eine mittlere Katastrophe.
  Ich schreibe.

Nicht erst seit Corona. Ende 1989 lagen sich alle in den Armen, als der Nabob seiner ärmeren kleinen Nachbarin die Ehe anbot und diese mehr oder weniger freiwillig akzeptierte. Manchmal hat man nicht viel Wahl. Das nagt, zumal offenbar niemand den Mauerfall ("Wende" finde ich unpassend, dazu hätte sich etwas mehr wenden müssen) vorausgesehen hatte. Hab in der Bibliothek sämtliche Ausgaben vom damals noch tiefroten Spiegel durchgeforstet: null. Und so verließ ich zum ersten Mal die üblichen short stories, Glossen, Kreuzworträtsel und Übersetzungen, die ich abends/nachts verfasste, und eine lustige längere Geschichte entstand ("marke: solo", siehe Menu oben), zeitlich etwas vorgezogen im Jahr vor den Montagsdemonstrationen.

 Mein zweiter Krisenstreich entstand, als hierzulande die Asylheime brannten: "saltener bits". Mit Liebe und Humor geschrieben. Der Siegeszug der Digitalismus hatte da bereits angefangen, deutlich erkennbar auch im späteren Jugendbuch, erstaunlicherweise noch ohne Titel (Korrektur: das Jugendbuch heißt "the icemakers" - ist mir tatsächlich wieder eingefallen) - als Oma hat auch mich das Thema "Daddeln" interessiert, als Tochter einer der ersten Frauen, die im Computerwesen eine Zukunft sah, erst recht..

 Geld macht bekanntlich dumm. Die Finanzkrise und Occupy haben bei mir nichts Kreatives bewirkt, bin wie so viele auf die Straße gegangen und dann auch noch komplett ausgestiegen. Erst 2015 kam die nächste literarische Eruption während der Flüchtlingskrise: "gesiebtes brot", allerdings handelt es unterschwellig mehr von meiner eigenen Krise zwischen Brainfog und pflegebedürftiger Mutter, tja, steht alles im Buch, Leseprobe anbei.

 Seit 2020 ha'm wir #Corona. Anfangs waren alle solidarisch: die digitale Umarmungen, das Klatschen allen, die sich dennoch exponieren mußten, die Onlinekonzerte - war das nicht irgendwie wunderschön? Und alles geschenkt! Mein Beitrag war "corona blues", diesmal mit erstaunlich wenig Bio. Aus der #Solidarität am Anfang wurde eine einzige Schlammschlacht zwischen Geimpften und Ungeimpften, anstatt Lösungen (es gibt einige sog. Totimpfstoffe, macht doch ein wenig Drück, verflixt) zu suchen fallen alle übereinander her. Nichts dazu gelernt. Mensch.

 Achtung, außer "corona blues" und dessen engl. Übersetzung "off the beach" gibt es von allen "books" nur Leseproben, hab sogar Exposés und derlei zustande gebracht. Irgendwo. Interessierte Verleger bräuchten allerdings eine Rechtsabteilung für die Gründung einer Stiftung - meiner lustigen Klaue sieht man es nicht an, aber ich bin konsequent und möchte mit diesem Finanzsystem nichts zu tun haben.
 Hatte ich im Grunde nie.

 Irgendwann kommt jeder in das Alter, wo man denkt: na, wird langsam Zeit - auch meine Gesundheit und die Arbeit an hexandthecity pusht: Erinnerungen kommen hoch, einiges schwindet in eigener Bedeutungslosigkeit, andere strahlen mich plötzlich an wie eine alte Liebe. Also los.

  Mein Ziel war und ist ein sehr großes Grundstück - falls noch nicht Naturschutzgebiet, würde ich schleunigst daran arbeiten. Kein Baum, kein Wolf soll weichen müssen, weil wir vermessene Menschen den Platz für uns beanspruchen oder etwas unschön oder unbequem finden. Habe bereits als junge Frau und Mutter, wohlgemerkt: alleinstehende zweifache Mutter, die Wichtigkeit eines Daches überm Kopf erkannt, es ist nicht nur der größte Geldposten, es gibt tatsächlich ein Recht auf Wohnen (u.a. Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte) - wann verpassen wir diesem Grundrecht endlich ein festes Fundament? Mein Ehrgeiz beschränkt sich darauf, das was ich tue, ordentlich zu tun, also sein Bestes zu geben, und ich finde, das müßte normalerweise reichen - wenn nicht, sind die Rahmenbedingungen nicht in Ordnung.

  Jetzt stellt euch mal vor, wir wären alle ausreichend versorgt: Wohnung inklusive autonomer Strom- & Wasserversorgung und Garten (ein Balkon oder Fensterbank vermag auch viel, come on!) - wir könnten uns dann, Bescheidenheit vorausgesetzt, aussuchen, was wir am liebsten mit unserer Zeit anfangen würden: nix Ausbeutung, 3 Jobs und Sanktionen oder Schuften bis zum Umfallen, um sein Bißchen Rente für später zu sichern, nix Wohngeld, nix Überwachung und ständiges Zurverfügungstehen ob via Smartphone oder sonstwas - ein paar Stunden Arbeit in der Woche würde den meisten reichen, wozu sonst ist Automatisierung, Digitalisierung und wasweißichnoch da? Für Workaholics bliebe immer noch genug. Jessas, wir könnten es uns aussuchen - vielleicht möchte der eine sich mehr um alte Menschen, Kinder, den Garten zwecks Eigenversorgung, irgendein Ehrenamt kümmern, eine Fremdsprache erlernen, eine Software kreiern, die aufgeblähte Gesundheitskassen schrumpft oder überflüssig macht oder gar ein neues transparentes Gesundheitssystem ermöglicht? Geld wurde allmählich zu dem schrumpfen, was es sein sollte: ein Tauschmittel. Vielleicht steigt die Großfamilie, durch eine abgeguckte bzw aufgezwungene Mobilität in alle Winde verweht, wieder aus der Asche und man fängt wieder an, das eine oder andere zusammen zu machen?

  Da aber zu befürchten steht, dass dieser Zustand und auch das #BedingungsloseGrundeinkommen auf sich warten lassen wird, möchte ich eine Stiftung gründen. Habe zu diesem Zweck bereits einen Verleger vergrault, weil ich anstatt Honorar eine Stiftung möchte. Bin keine Geschäftsfrau und brauche nicht viel - warum sollte ich mir sowas antun? Was so peu à peu an den Tag kommt, habe ich immer gewusst: dieses Geldsystem taugt nichts - selbst mit Muscheln handeln ist besser.
  Verschiedenes müsste ausgerechnet und festgelegt werden: wieviel Quadratmeter ein selbstverständlich ökologischer Mensch oder ein Paar braucht zum Beispiel - dieser Raum würde einem dann lebenslänglich zustehen und bleibt Eigentum der #Stiftung, transparent einsehbar und mit Vorlagen, die einen Mißbrauch ausschliessen; mittlerweile erwäge ich, alte Container zusammensetzen wie Legosteine - wär evtl. das am Ökologischten. I dunno, tell me. Es sind auch schon 5 Doppelplätze vorab belegt: family first. Man könnte sich gewisse Räume und Aufgaben und Freuden teilen: Wäscheraum, Garten, Fahrradschuppen, Spielplatz, eine gemeinsame Sauna mit Solarstrom vom Dach und ein genau aufeinander abgestimmtes Abwassersystem...

  Also, wer einen Verleger kennt, der sich auf sowas (nur Stiftung - Sauna etc. können wir allein) einlassen würde, anstatt immer nur über Gott und die Welt zu philosophieren - tell me, please! Ach so, und nein danke, E-Books hab ich ausprobiert - ist nicht meins.

  Diese letzte freie Fläche wird genutzt, um abzuschließen, oder besser: um aus einigen Geschichten eine einzige zu machen, nämlich meine. In dem Bemühen, einiges aufzuklären und auch, es hier unterzubringen, damit nicht nur meine Kinder und deren Kinder und wen es noch interessiert, verstehen, fing ich selbst an, ein paar Dinge in ihrer Gesamtheit zu hinterfragen und teilweise zu erfassen. Bei mir werden Gedanken erst klar, wenn sie niedergeschrieben werden, vorher sind sie wie die Landschaft, die im Zug an einem vorbeirauscht: meist ist man mit etwas anderem beschäftigt und sieht zwar alles, aber im Grunde nichts.

  Die schwersten Päckchen, das viele Kinder zu tragen haben, sind die Erwartungen, die in sie gesetzt werden - ich vermute, deswegen habe ich von meinen wenig erwartet: sie sollten eine schöne Kindheit haben und ihren Weg finden, welchen Weg auch immer. Ich war und bin sicher, sie schaffen es.
  Die Ratlosigkeit, die Enttäuschung meiner Eltern hatte für mich die Botschaft: sie wissen auch nicht weiter; ich war ein "Problem", das sie nicht in der Lage waren zu lösen. Die unbewußte Art, sich als Problem zu definieren, fuhrte dazu, dass ich mein neues Leben ohne das unbekannte Kind Monique anfing. Die letzten Jahren waren nicht nur ein Kampf um meine Gesundheit, sondern auch eine Suche nach diesem Mädchen, als sei sie jemand anderes. Die parallele Suche während der letzten Monaten nach der Identität des Heulmeisjes hat geholfen. Herauskam eine Art Deal mit einem Toten: hilf du mir, helfe ich dir. Makaber, schizophren? Vielleicht. Die Suche nach der Identität des Heulmeisjes verschmolz mit der Suche nach dem Mädchen, das ich vor 46 Jahren verlassen hatte, weil ich dachte, ohne geht's besser. Und ohne zu wissen, dass das gar nicht geht - mühelos schließt sich der Kreis dann nicht mehr, und schon gar nicht von alleine. Pure Rationalität ist unmöglich und ungesund, das haben mir die letzten Jahren gezeigt.
  Natürlich ist es wichtig, wer du bist - aber wen du glaubst zu sein, das ist der Weg. Laß dich nicht irre machen, was andere denken oder erwarten, denn sie sind nicht du. Laß deine Kinder so, wie sie sind, unterstützt sie bei dem, was sie tun; hinterfragen ist OK, aber zerbricht euch nicht den Kopf der anderen. Es ist ihr Leben, nicht deins. Die Bewegung #FridaysforKids freut mich aus diesen Gründen besonders, nicht etwa nur, weil diese Welt dabei ist, sich meiner Welt anzupassen: Ja, verdammt, es stinkt - packen wir's an?! Und was mich selbst betrifft: halleluja, das nächste Mal, wenn jemand Sachen wegen der Vergangenheit fragt, kann ich auf die Hexe verweisen. Abgehakt!

  Bye, macht's gut!

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