m e n u
 corona blues - ein coronageschenk  gesiebtes brot - leseprobe  das hexenhaus  lubeck  kleine erzaehlungen  lubeck for considerate visitors  witch tells tiny tales  marke: solo - leseprobe  jugendbuch ist noch aufm papier  über mich/heulmeisje  off the beach


  Über mich? Gibt eigentlich genügend Individuen, die ihre Egos öffentlich raushängen lassen wie die Zungen ausgepowerter Hunde; die Geschichte des heulmeisjes und meiner sind so eng verwoben - reicht doch. Hab ein paar Ergänzungen hinzugefügt.
  Wer direkt vom Zeit-Album des Verbrechens (mit Hitler zusammen in einem Magazin, ach Mensch) hierherkommt: Es ist gut geschrieben, in Teilen erkenne ich mich wieder, in vielen definitiv nicht. Hätte man mir die Geschichte vorab zu lesen gegeben, hätte ich einiges korrigiert: das Abenteuer habe ich nämlich nie gesucht, nur mich. Immerhin begreife ich jetzt das Gestöhne, wieder mal aus dem Zusammenhang gerissen woanders zitiert zu werden. Geboren bin ich in Goor, auf einer Gänsefarm übrigens. Ganze Lebensinhalte verschluckt. Im Grunde egal. Abgeschlossen.
  Ich bedanke mich bei den unzähligen Polizeibeamten, die nicht prügeln, sondern ihre Aufgabe durchaus verstanden haben, und immer noch emsig suchen - bitte nicht immer alle über 1 Kamm, gibt zu viele Haare.


das heulmeisje

  Es war an einem Sonntag, 24. Oktober, 1976. Gegen 17 Uhr wurde die Leiche einer jungen Frau im Wald gefunden: nackt, bedeckt mit Laub, Ästen und Schmutz. Es lag weder Krankheit noch eine Vergiftung vor; Anzeichen von Schuss- und/oder Stichwunden waren auch nicht vorhanden - wahrscheinlich war ihr entweder die Kehle aufgeschlitzt oder sie war erdrosselt worden.

  Sie lag bereits etliche Monate im Wald, einem Ort, wo gewisse organische Vorgänge beschleunigt vor sich gehen, eine genaue Feststellung der Todesursache war deshalb nicht möglich - damals nicht und heute wohl noch weniger. Oder? Immerhin konnte eine Schwangerschaft ausgeschlossen werden.

  Die üblichen Ermittlungen: Gebiet durchkämmen, Nachbarn befragen, Metalldetektor usw. blieben ohne Ergebnis, der Fokus der Polizei richtete sich daher auf die Liste aller vermissten Mädchen, die zur Beschreibung passten:
  Sie war zwischen 15 und 20, 1,60 Meter groß und schlank, hatte eine helle Haut, 43 Zentimetern langes kastanienbraunes Haar und gute unbehandelte Zähne (keine Füllungen) - lediglich der untere rechte Zahn (4-6) hatte gefehlt, vermutlich in ihrem letzten Lebensjahr gezogen.
  Bereits 1976 waren Zähne ohne Füllungen selten: von eintausendfünfhundert 12-Jährigen war statistisch gesehen nicht mal ein einziges Kind ohne Füllung - dieser Aspekt war also ein genauso guter Anhaltspunkt wie der fehlende Zahn.
  Man verglich ihre Zähne mit allen zahnärztlichen Aufzeichnungen im Lande. Fehlanzeige. Erschwerend kam hinzu, dass Zahnärzte ihre Aufzeichnungen nach einem Jahr zu zerstören pflegten (noch nicht bestätigt - wer weiß das?). Die Zahnbefunde wurden nach Interpol in Paris weitergereicht, um ganz Westeuropa zu checken - und von dort den Rest der Welt. Ergebnis: Ende des Jahres hatte das Mädchen trotz Eingrenzung des Alters auf höchstens 18 Jahre immer noch keinen Namen.

  Um etwas über ihre Lebensweise herauszufinden, wurden ihre Haare genauer untersucht, eine Prozedur, die damals nicht oft angewandt wurde. Da auch diese Ergebnisse nicht zur Identifizierung führte, setzte sich der Name "Heulmeisje" nach De Heul als Fundort durch, einem Parkplatz an der A12, einer viel befahrenen Autobahn bei Maarsbergen, Niederlande, etwa vierzig Autominuten von der deutschen Grenze entfernt.

  Durch den Vergleich von Projektionen des Schädels mit Fotos von etlichen Vermißten, darunter der 16-jährigen Schülerin Monique Jacobse, die am 7. April 1975 aus ihrem Elternhaus verschwunden war, versuchte man 1986 eine völlig neue Technik, um das Heulmeisje doch noch einen Namen geben zu können. Und siehe da: sie passten. Zugegeben, Moniques Zahnarzt hatte unmittelbar nach dem Fund im Jahre 1976 die Zahndaten miteinander verglichen und war rasch zum Schluss gekommen, dass es nicht Monique sein konnte (*völlig korrekt: meine Zähne waren bereits in den USA, wo wir eine Dekade lebten, reichlich mit Amalgam bedacht worden - es war nicht zu übersehen. Als einziges Land hat Schweden bereits 1999, das Gift Amalgam bzw. Quecksilber verboten*). Doch offenbar waren dem Zahnarzt bürokratische Fehler unterlaufen, und plötzlich hatte die Polizei einen Namen. Meinen.
  Fehlte nur der/die Täter
*Es ist schwer, an dieser Stelle ruhig zu bleiben. Wie erwähnt hatte ich bereits damals den Mund voller Amalgam - etwa ein Dutzend Füllungen mussten mir 2011 fachmännisch rausgenommen werden, nachdem ich bereits im Brainfog-Himmel weilte. Fast absurd, welche Streiche mir die verflixten Füllungen bisher gespielt haben. Übrigens war ich 1976 168cm groß, 8 cm größer als das Heulmeisje.*

  1994 wurde die Akte des Heulmeisjes, diesmal mit Monique Jacobse vorne darauf, erneut eröffnet, nachdem die Polizei einen Tipp wegen eines 73jährigen Mannes aus Groenlo als möglichen Mörder erhielt, der auch geographisch paßte, da der damals 55-Jährige 1976 an einer Schule in der Nähe vom Fundort unterrichtet hatte. Nach seiner Pensionierung war er mitsamt Frau nach Groenlo gezogen, wo seine Gesundheit sich drastisch verschlechterte - zweimal war der depressive Mann in einer psychiatrischen Einrichtung gewesen. Verschiedene Begebenheiten hatten seine Frau misstrauisch werden lassen, sie vermutete ein schreckliches Geheimnis und konfrontierte ihn mehrmals mit dem Leichenfund von 1976. Aber er leugnete jedes Mal. Dann kam seine Verhaftung und er wurde erneut in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Die ständigen Vorwürfe und Verhöre, das Mißtrauen - irgendwann gestand der alte Mann die Tat, was dank einiger Indizien durchaus ernst genommen wurde - zumal er es seiner Familie vor der Verhaftung gestanden haben soll.
*Habe mich oft gefragt, was er genau gestanden hatte. Als ich 16jährig gen Osten trampte, bin ich tatsächlich von einem Mann in mittleren Jahren mit älterem Alltagsauto ein gutes Stück mitgenommen worden. Nach dem üblichen Blabla wurde der irgendwann zudringlich, sowie er aber entdeckte, dass das wohl nichts wurde, setzte er mich wütend/enttäuscht auf einem Parkplatz an der Autobahn aus, wo leider wenig Verkehr war. Ich hatte die Wahl zwischen einer Übernachtung auf dem Parklatz oder weiter trampen - daher brauchte die Hengeloer Polizei mich nur noch von der Autobahn pflücken. Geplant war das nicht, spontan gab ich mich als meine volljährige Schwester aus, profitierte von deren schulischer Überlastung wegen Prüfungen und konnte nach einem telefonischen Austausch zwischen Polizei und Schule bald weiterziehen.*
  Im November desselben Jahres beging der Mann, der seine Geständnis längst widerrufen hatte, Selbstmord - *etwa weil er sich mitschuldig an "meinem" Tod fühlte? Es kommt selten vor, dass Menschen mit Depressionen Hand an anderen legen, dann eher an sich selbst. Spekulationen, ich weiss, aber durchaus möglich*.
 Die Ermittlungen wurden beendet, da in NL ein Verfahren eingestellt wird, sobald der Verdächtiger stirbt.

  Bis 2006 zweifelte niemand außer ihrem Zahnarzt daran, dass das Heulmeisje Monique Jacobse war, dann meldete sich Monique.

*Ich übernehme jetzt besser selbst:
  Wir alle waren uns immer sicher, dass unsere Schwester Marion irgendwann in der Öffentlichkeit Erfolg haben würde, und so googelte ich 2006 (würde ich heute nicht mehr machen, es gibt Suchmaschinen, die keine Daten sammeln), um ihr via E-Mail alles Gute zum 50. Geburtstag zu wünschen. Ich war nicht sicher, ob mein zaghaftes Anklopfen nach so vielen Jahren willkommen war, daher gab ich mich nicht sofort zu erkennen und eierte herum - kann ich gut. Irgendwann mußte ich verblüfft feststellen, dass sie wahrhaftig Zweifel an meine Identität hatte - ernste Zweifel. Das hatte ich nicht erwartet. Erst als ich mit Details aufwartete, die nur wir beide wissen konnten, wurde sie stützig:
"WHO ARE YOU?!?!" lautete ihre nächste E-Mail kurz und bündig über die gesamte Länge des Bildschirms.
  Schwer zu sagen, wer von uns beiden den größeren Schock erlitt, nachdem ich von "meiner" Ermordung erfuhr. Aus Rücksicht auf mich, immerhin seit drei Dekaden in einem fremden Land unter einem anderen Namen registriert, informierte meine niederländische Familie die Polizei erst, als diese ankündigte, "mein" Grab im Rahmen der Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Serienmörder Peter C. erneut öffnen zu wollen.
  Erst im September 2012 bestätigte die nierderländische Polizei via DNA-Untersuchung, dass ich tatsächlich ich war; 2013 erhielt ich offiziell meine Identität zurück - es war ein stupider Kampf gegen unsichtbare Windmühlen.*

  Die Sucherei nach der Identität des Heulmeisje ging also erneut los, dafür war die Technik drei Dekaden weiter. Man ordnete eine Gesichtsrekonstruktion an; Schädelmaße und zahnärztliche Aufzeichnungen von 1976 wurden ebenfalls verglichen. Das Ergebnis war ein Foto, das 2007 in "Opsporing Verzocht" vom niederländischen Sender präsentiert wurde; das Bild ist nicht aktuell, wird daher hier nicht gezeigt.

  In den Labors ging der Siegeszug der DNA bekanntlich erst 2012 los, mehrere vermissten Mädchen konnten seitdem ausgeschlossen werden. Die Polizei war nicht untätig, es gab noch die vielen Hinweise aus der Bevölkerung, zum Beisapiel die Aussage eines Mannes, der einen Mann und ein Mädchen gefahren haben soll: sie sollen Deutsch gesprochen haben und gerieten während der Fahrt in Streit. Das Mädchen soll gesagt haben, sie würde nach Deutschland zurückkehren wollen, während der Mann in den Niederlanden bleiben wollte. Der Fahrer erinnerte sich daran, dass das Mädchen Stuyvesant Zigaretten rauchte und dass sie in der Gastronomie gearbeitet hatten, entweder in Den Haag oder Scheveningen. Das Paar verließ das Auto etwa 1 Kilometer vom Parkplatz De Heul entfernt. Solche Hinweise waren keine Seltenheit, dieses Beispiel mag reichen.

  Zudem meldeten sich etliche Anwälte im Namen von Familien, die wissen wollten, ob das Mädchen nicht ihr Kind sein könnte. Kein Treffer. *Bin nicht makaber genug, Details zu schildern, bitte selbst suchen - es ist erschütternd.*

  Isotopenuntersuchungen kamen hinzu. An Haaren, Zähnen und Knochen des Heulmeisjes konnte man feststellen, dass sie in einem vulkanischen Bereich aufgewachsen war. Innerhalb Europas hieß das: Eifel (Deutschland), Auvergne (Frankreich), Böhmen (Tschechische Republik), Griechenland oder Italien. Die Sauerstoffisotope hingegen schlossen Auvergne, Griechenland und Italien aus. Auch Böhmen kam nicht mehr in Frage. Blieb nur die Eifel.
  Es gibt mehrere Einwände gegen die Schlußfolgerung, sich bei der Neuaufnahme des Mordfalls auf die Eifel als Herkunftsland zu beschränken; das erschien einigen Onlookern oberflächlich gedacht, zumal in den Haaren des Heulmeisjes Blei war, welches zu dem damals üblichen "Russenbenzin" (auch "DDR-Benzin"?) passte. In der Eifel sei damals diese Sorte Benzin nicht erhältlich gewesen, wurde argumentiert. Solche Hinweise findet man in mehreren Foren in etlichen Sprachen.
  Unser aller Haar wächst im Durchschnitt etwa einen Zentimeter pro Monat und kann Auskunft darüber geben, wo man während dieser Zeit gewesen ist. Die 43 Zentimeter Haar des Heulmeisjes gaben also Auskunft über dessen letzten drei Jahre und sieben Monate; die letzten sieben Monate ihres Lebens soll sie in Westeuropa verbracht haben, möglicherweise in Deutschland, aber für wahrscheinlicher wurde die Gegend von Maastricht oder Utrecht/Amsterdam gehalten. Die Haare des Heulmeisjes verrieten auch, dass sie sich vor ihrem Tod sehr sparsam oder einseitig ernährt hatte, sie aß täglich das gleiche und bekam nicht genug Proteine: Entführung, Diät, Armut? Alles möglich. Das DNA-Profil des Heulmeisje lieferte immerhin einen handfesten Nachweis: sie hatte braune Augen.
 Nach Bekanntgabe der mutmaßlichen deutschen Herkunft des Mädchens kamen noch mehr Hinweise. So erzählte 2012 ein Taxifahrer von einem betrunkenen Mann, der behauptete, ein junges Mädchen aus Essen getötet zu haben. Nach einer Folge von "Aktenzeichen XY ungelöst" (das Heulmeisje war in zwei Sendungen sehr präsent), deutscher Version von "Opsporing Verzocht", erhielt die Polizei unzählige neue Tipps.

  Anfang 2013 verkundete das Niederländische Forensische Institut Heulmeisjes endgültige Alter: 13,5 bis 15 Jahre - oh, doch ein gutes Stück jünger als ursprünglich angenommen. Die alte Rekonstruktion von Heulmeisjes Gesicht ging von einem älteren Mädchen, fast schon junger Frau aus, also musste eine neue Rekonstruktion her. Es wurde in Schottland an der University of Dundee angefertigt und in etlichen Medien präsentiert:



 Es kamen noch mehr Hinweise - *ich finde Gangster- & Gruselfilme nun mal doof, und meide Thriller ... bitte woanders nachlesen - gibt genug Infos!*

  2013 kam die deutsche Polizei mit dem Plan einer DNA-Verwandtschaftssuche, mit dem Hintergedanken, Heulmeisjes DNA-Profil mit denen der Polizeidatenbanken von beiden Ländern zu vergleichen - vielleicht könnte man so einen Verwandten des Mädchens aus dem Hut zaubern? Dies wurde 2016 von Deutschland genehmigt und meines Wissens bisher nicht durchgeführt.

  2016 traf auch das OK aus Amerika wegen der Suche nach einem amerikanischen Soldaten ein, der 1976 in der Nähe von Maarsbergen stationiert war. Eine verspätete Reaktion auf einen vielversprechenden Hinweis zwei Jahren zuvor: der amerikanischer Soldat und ein deutsches Mädchen sollen in der Nähe von Maarsbergen gelebt haben - sie soll von zu Hause weggelaufen sein und wurde versteckt gehalten, weil minderjährig. Amerikanische Soldaten, die hier stationiert waren, mussten sich nicht registrieren, weshalb die Polizei um Hilfe nachgesucht hatte. Was daraus geworden ist? Fragen Sie die Amerikaner.

  In den Niederlanden gibt es übrigens (leider) eine Verjährungsfrist auch für Mord, Priorität hat daher für die NL nicht die Auffindung des Mörders, sondern die Identität dessen Opfer: das Heulmeisje. Sollte der Täter und/oder das Opfer allerdings wie angenommen kein Niederländer sein... Hm.

  Ja, es ist 34 Jahre her, und das ist eine ganze Weile. Dennoch kann es doch sein, dass sie trotzdem irgendwo immer noch jemandem fehlt: einer Schwester, Tante, ehemaligen Schulfreundin?

  Wer Hinweise hat, bitte gleich an die Polizei weiterleiten. Danke!


© 2019 hexandthecity - übrigens a human being, der auch schon mal irrt und nicht haftbar ist. Alle Angaben ohne Gewähr.


  Versuche immer noch, das Wegwerfen einer guten wahren menschlichen Geschichte zu verdauen, schwupps: in die Verbrechertonne - nämlich hier:

  War eventuell sogar gut gemeint; aber nach dem Lesen war meine erste, zweite und dritte Reaktion: vielleicht sollte man es einfach lassen und alle Versuche begraben, das Heulmeisje doch noch zu ihrer Identität zu verhelfen. Es geht gar nicht um sie, es ist nur die Lust am Gruseln. Mehr nicht. Schade.

  Wer aber dennoch denkt, etwas zu wissen, heulmeisje ist auf Twitter. 

© 2020 hexandthecity


 Krisen bewirken bei jedem was anderes. Während Corona hat der eine sich das Stricken, die andere das Gitarrenspielen beigebracht; viele Keller sind endlich entrümpelt, einige Gärten eine mittlere Katastrophe.
Ich schreibe.
Nicht erst seit Corona.

 Ende 1989 lagen sich alle in den Armen, selbst als der Nabob seiner ärmeren kleinen Nachbarin die Ehe anbot und diese mehr oder weniger freiwillig akzeptierte. Manchmal hat man nicht viel Wahl. Das nagt, zumal offenbar niemand den Mauerfall - "Wende" finde ich unpassend, dazu müßten alle sich wenden - vorausgesehen hatte. Hab in der Bibliothek sämtliche Ausgaben des damals noch und heute wieder sehr roten Spiegels durchgeforstet: null. Und so verließ ich zum ersten Mal meine üblichen short stories, Glossen, Kreuzworträtsel und Übersetzungen, und eine lustige längere Geschichte entstand ("marke: solo", siehe Menu oben), zeitlich angesiedelt im Jahr vor den Montagsdemonstrationen - wie, Sie merken nichts von meinen Spiegel-Recherchen? Eben.

 Mein zweiter Krisenstreich entstand, als hierzulande die Asylheime brannten: "saltener bits". Mit Liebe und Humor geschrieben, auch wenn ich während dem Schreiben an einer Stelle bitterlich weinen mußte. Jedes Mal. Seitdem muß niemand bei mir sterben. Der Siegeszug der Digitalismus hatte da bereits angefangen, deutlich erkennbar im späteren Jugendbuch, erstaunlicherweise noch ohne Titel.

 Geld macht bekanntlich dumm. Die Finanzkrise und Occupy haben bei mir nichts Kreatives bewirkt, bin wie so viele auf die Straße gegangen und ausgestiegen. Erst 2015 kam die nächste literarische Eruption: "gesiebtes brot".

 Seit 2020 ha'm wir #Corona. Anfangs waren alle solidarisch: die digitale Umarmungen, das Klatschen allen, die sich dennoch exponieren mußten, die Onlinekonzerte - war das nicht irgendwie schön? Und alles geschenkt! Mein Beitrag war "corona blues", diesmal mit erstaunlich wenig Bio.
Aus der #Solidarität von damals wurde Schlammschlächte zwischen Geimpften und Ungeimpften, anstatt Lösungen (es gibt einige sog. Totimpfstoffe, macht doch ein wenig Drück, verflixt) zu suchen fallen alle übereinander her. Mensch.

 Achtung, außer vom Geschenk "corona blues" gibt es von allen "Stories" nur Leseproben, hab sogar Exposés und derlei zustande gebracht. Interessierte Verleger bräuchten allerdings eine Rechtsabteilung für die Gründung einer Stiftung - meiner lustigen Klaue sieht man es nicht an, aber ich bin konsequent und möchte mit diesem Finanzsystem nichts zu tun haben.
 Hatte ich im Grunde nie.

 Irgendwann kommt jeder in das Alter, wo man denkt: na, wird langsam Zeit - auch die Arbeit an hexandthecity pusht: Erinnerungen kommen hoch, einiges schwindet in eigener Bedeutungslosigkeit, andere strahlen mich plötzlich an wie eine alte Liebe. Also.

  Mein Ziel war und ist ein sehr großes Grundstück - falls noch nicht Naturschutzgebiet, würde ich schleunigst daran arbeiten. Kein Baum, kein Wolf soll weichen müssen, weil wir vermessene Menschen den Platz für uns beanspruchen oder etwas unschön oder unbequem finden: nicht mit mir. Habe bereits als junge Frau und Mutter, wohlgemerkt: alleinstehende zweifache Mutter, die Wichtigkeit eines Daches überm Kopf erkannt - seid froh, liebe Immobilienspekulanten, dass ich nichts zu sagen habe, denn ich würde dem Recht auf Wohnen (Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte) ein verdammt festes Fundament verpassen. Mein Ehrgeiz beschränkt sich darauf, das was ich tue, ordentlich zu tun, also sein Bestes zu geben, und ich finde, das müßte normalerweise reichen - wenn nicht, sind die Rahmenbedingungen nicht in Ordnung.

  Jetzt stellt euch mal vor, wir wären diesbezüglich alle ausreichend versorgt, inklusive autonomer Strom- & Wasserversorgung und Garten (ein Balkon oder Fensterbank vermag auch viel, come on!) - wir könnten uns dann, Bescheidenheit vorausgesetzt, aussuchen, was wir am liebsten mit unserer Zeit anfangen würden: nix Ausbeutung, 3 Jobs und Sanktionen oder Schuften bis zum Umfallen, um sein Bißchen Rente für später zu sichern, nix Wohngeld, nix Überwachung und ständiges Zurverfügungstehen ob via Smartphone oder sonstwas - ein paar Stunden Arbeit in der Woche würde den meisten reichen. Jessas, wir könnten es uns aussuchen - vielleicht möchte der eine sich mehr um alte Menschen, Kinder, den Garten, irgendein Ehrenamt kümmern, eine Fremdsprache erlernen? Vielleicht steigt die Grossfamilie, durch eine Mobilität, die wir uns abgeguckt bzw. uns aufgezwungen wurde in alle Winde verweht, wieder aus der Asche und man fängt wieder an, das eine oder andere zusammen zu machen?

  Da aber zu befürchten steht, dass dieser Zustand und auch das #BedingungsloseGrundeinkommen auf sich warten lassen wird, möchte ich eine Stiftung gründen. Habe zu diesem Zweck bereits einen Verleger vergrault, weil ich anstatt Honorar eine Stiftung möchte. Bin keine Geschäftsfrau - warum sollte ich mir sowas antun? Was so peu à peu an den Tag kommt, habe ich immer gewusst: dieses Geldsystem taugt nichts - selbst mit Muscheln handeln ist besser.
  Verschiedenes müsste ausgerechnet und festgelegt werden: wieviel Quadratmeter ein selbstverständlich ökologischer Mensch oder ein Paar braucht zum Beispiel - dieser Raum würde einem dann lebenslänglich zustehen und bleibt Eigentum der #Stiftung, transparent einsehbar und mit Vorlagen, die einen Mißbrauch ausschliessen. Es sind auch schon 5 Doppelplätze vorab belegt - sorry: family first. Man könnte sich gewisse Räume und Aufgaben und Freuden teilen: Wäscheraum, Garten, Fahrradschuppen, eine gemeinsame Sauna mit Solarstrom vom Dach und ein genau aufeinander abgestimmtes Abwassersystem...

  Also, wer einen Verleger kennt, der sich auf sowas (nur die Stiftung - Sauna etc. können wir allein) einlassen würde, anstatt immer nur leere Moralpredigte über Gott und die Welt zu nuscheln - tell me, please! Ach so, und nein danke, E-Books hab ich ausprobiert - ist nicht meins.

  Diese letzte freie Fläche wird genutzt, um abzuschließen, oder besser: um aus einigen Geschichten eine einzige zu machen, nämlich meine.
In dem Bemühen, einiges aufzuklären und auch, es hier unterzubringen, damit nicht nur meine Kinder und deren Kinder und wen es noch interessiert, verstehen, fing ich selbst an, ein paar Dinge in ihrer Gesamtheit zu hinterfragen und teilweise zu erfassen. Bei mir werden Gedanken erst klar, wenn sie niedergeschrieben werden, vorher sind sie wie die Landschaft, die im Zug an einem vorbeirauscht: meist ist man mit etwas anderem beschäftigt und sieht zwar alles, aber im Grunde nichts.

  Die schwersten Päckchen, das viele Kinder zu tragen haben, sind die Erwartungen, die in sie gesetzt werden - ich vermute, deswegen habe ich von meinen wenig erwartet: sie sollten eine schöne Kindheit haben und ihren Weg finden, welchen Weg auch immer. Ich war und bin sicher, sie schaffen es.
  Die Ratlosigkeit, die Enttäuschung meiner Eltern hatten für mich die Botschaft: sie wissen auch nicht weiter. Ich muss weg, um das "Problem", das ich selbst war, zu lösen. Die unbewußte Art, sich als Problem zu definieren, fuhrte dazu, dass ich mein neues Leben ohne das unbekannte Kind Monique anfing.
  Die letzten Jahren waren nicht nur ein Kampf um meine Gesundheit, sondern auch eine Suche nach diesem Mädchen, als sei sie jemand anderes. Die parallele Suche während der letzten Monaten nach der Identität des Heulmeisjes auf Twitter und anderswo hat geholfen. Herauskam eine Art Deal mit einem Toten: hilf du mir, helfe ich dir. Makaber, schizophren? Vielleicht. Die Suche nach einem Namen für das Heulmeisjes verschmolz mit der Suche nach dem Mädchen, das ich vor 46 Jahren verlassen hatte, weil ich dachte, ohne geht's besser.
  Pure Rationalität ist unmöglich und ungesund, das haben mir die letzten Jahren gezeigt. Gründlich
  Natürlich ist es wichtig, wer du bist - aber wen du glaubst zu sein, das ist der Weg. Laß dich nicht irre machen, was andere denken oder erwarten, denn sie sind nicht du. Laß deine Kinder so, wie sie sind, unterstützt sie bei ihrem Tun; hinterfragen ist OK, aber zerbricht euch nicht den Kopf der anderen. Es ist ihr Leben, nicht deins. Die Bewegung #FridaysforKids freut mich aus diesen Gründen besonders, nicht etwa nur, weil diese Welt dabei ist, sich meiner Welt anzupassen: Ja, verdammt, es stinkt - packen wir's an?!

  Bye, macht's gut!

© 2021 hexandthecity