m e n u
 hexhouse  corona blues - ein lesegeschenk  lubeck  kleine erzaehlungen  marke: solo 1989 - leseprobe  saltener bits 1992 - leseprobe  icemakers 2008 (?) - leseprobe  gesiebtes brot 2015 - leseprobe  das heulmeisje und ich  witch tells tiny tales  lubeck for considerate visitors  off the beach - a corona gift // about me

corona blues

nick jacobse

me & corona


vorwort
(muss niemand lesen)

Dies ist ein ca. 40seitiges Corona-Geschenk: komplett, unkompliziert, so gut wie nicht pointiert, lustig und (hoffentlich) angenehm zu lesen. Gewalt? Minimal. Sex? Allenfalls dezent-erotische Momente, ein wenig #MeToo for insiders - nix fuer Romantiker, nothing for the beach. Mit lockerer Hand waehrend den ersten sog. Lockdowns 1 & 2 geschrieben. Ein Geschenk, aber kein Freiwild: Hartz4-Empfaenger sind herzlich eingeladen, evtl. Plagiate in meinem Namen zur Anzeige zu bringen und dann gerne das Geld am Strand zu verjubeln. Viel Spass beim Lesen! (Ende 2020 korrigiert von Alicia, die sicherlich verzweifelt ist, weil ich schon wieder etwas geaendert habe - danke!)

Nachdem die engl. Version ("off the beach", seit Mitte 2021 online) ausgerechnet wegen einiger deplazierten Zwischenrufen besser sein soll (uebersetzen ist nicht immer unterhaltsam, und die Gelegenheit, meiner Familie in NL/USA einiges zu erklaeren, ohne gleich eine Autobiographie schreiben zu muessen, war verlockend), erwog ich so etwas auch hier einzubauen, allein... hier passt es nicht. Die Botschaft ueber meine grottenschlechte Kommunikation ist aber angekommen, daher einige Erlaeuterungen zu dieser Website: Angefangen hat es 2004 mit dem Hexenhaus, ein stummes Plaedoyer gegen das diarhoeische Fliessen im weltweiten Geldsumpf, um vorhandene Menschlichkeit und Solidaritaet sichtbar zu machen - ich weiss, es sind viel viel mehr - mag jemand uebernehmen? Es folgten drei/vier Infokarten ueber #Luebeck, wo ich - mit Unterbrechungen - seit 1976 lebe: hexandthecity was born. Anstelle der ueblichen blauen und pinkfarbenen autobiographischen Donuts wurden die Loecher gestopft mit Erzaehlungen, Essays, short stories, Raetsel und Episoden, das sind fast 20 Jahre, ik weet het niet meer - wir Hollaender moegen eh lieber frische Oliebollen. Wem das zu wenig Donuts/oliebollen sind: "das #heulmeisje und ich" verraet etwas mehr, unser beider Leben sind derart miteinander verwoben, dass ich das eigene Twitteraccount geloescht hab, um das Maedchen wenigstens hier am Leben zu lassen - werde nicht juenger, zwei war zu viel.
Es sei ihr gegoennt - ich lebe ja.
(Juni 2022 - nachdem die Formattierung inkl. Umlaeute sich zum soundsovielten Male davongemacht hatte, beschloss ich, es so zu lassen)


I. vorab

(kim)

Kims Vater hatte wiederholt davor gewarnt, die Nase oder andere vorstehende Koerperteile in den Garten eines Nachbarn einzutauchen - es koennte stecken bleiben, und umziehen ist doof. Als Gaertner oder Rentner mit viel Zeit allenfalls. Oder als gleichgueltiger, pragmatischer Stoffel mit einem Fell, das nicht einmal eine Bremse zu durchdringen vermag. Und nun hatte sie einen am Hals.

"QUEEN OF THE DANCE, original mit Alice McArdy.
Habe 2 Konzertkarten fuer den 1. Maerz in Salten & wuerde
mich freuen, eine davon an einen echten Musikliebhaber
ohne Weiterverkaufsambitionen abzugeben.
To mail or not to mail an..."

Woher haette sie wissen sollen, dass der Mensch, der so schnoddrig ihre Konzertkarten in den hiesigen SaNews und im Internet feilbot, ihr Nachbar war? Nun gut, das Konzert sollte in Salten stattfinden, je nach Bizeps zwei bis vier Steinwuerfe von ihrer Haustuer entfernt - und? Salten war kein Kuhdorf, die SAL kein Schmierentheater und aus irgendeinem Grund hatte sich Hamburg in ihrem Hinterkopf als sein Wohnort verankert.

Als die Staedte der Europatour von Queen of the Dance bekannt gegeben worden waren, hatte sie mit Paps und Daniel Urlaub in der Huette unten in Bayern gemacht: medien- und digitalfrei; ihre Anstrengungen, nachtraeglich eine Karte zu ergattern, scheiterten:
"Im Vorverkauf bereits vergriffen, sorry, koennen wir Ihnen etwas Gleichwertiges anbieten?"
Shit.
Spaeter stellte sich heraus, dass dies eine der letzten oeffentlichen Veranstaltungen war - #Corona hatte sich bundesweit durchgesetzt.

Jene Anzeige in den Saltener News schien Alice und ihre CoTaenzer auch nicht naeher ruecken zu lassen: je mehr sie sich schriftlich abstrampelte, wenigstens eine der beiden Karten zu ergattern, umso grotesker wurden die Bemuehungen ihres Gegenspielers, sie zu behalten - dagegen war Don Quixote ein mickriger Beamte der Peanutsabteilung. Mit Geld war er nicht zu locken - gerne haette sie beide Karten inklusive Heizdecke und/oder von der Oma gestrickte Socken zu einem guten Preis gekauft.
Warum auch nicht? Sie hatte die kleine, aber exklusive Tischlerei mit dem schlichten Namen 'Holzkiste' von ihrem Vater uebernommen, war nicht arm; er als Computerfachmann leider auch nicht. Die Wollsocken haette sie angezogen.

Nach einigen Wochen Austausch von E-Mails, eine spritziger als die vorherige, hatten seine Geistreicheleien ihre Bedenken derart aufgeweicht, dass ein Blinddate daraus wurde - ihr erstes ueberhaupt...
Und nun hatte sie einen Kerl am Hals.

Nicht dass er haesslich war, oh nein, ganz passabel: halbwegs gross, alle Haare, Zaehne und Gliedmassen vorhanden; Typ glattrasierter, wenn auch unsportlicher Landarzt/Anwalt/Beamter mit Halstuch. Gar nicht uebel also - nur: er war nicht ihr Typ. Sie hatte naemlich keinen. Vernuenftige und selbstaendige Frauen nehmen Aeusserlichkeiten bekanntlich nicht so wichtig, stimmt's?

"Tiara Andrieux?" Erhobene Brauen, fragend, aber offener und selbstbewusster Blick aus verwaschen pseudoblauen Augen. Oder waren sie grau? oder braun?... hatte er ueberhaupt Augen? Wer...?
Obwohl sie via Mail zweimal - zweimal! - darauf hingewiesen hatte, dass Tiara ihr zweiter Name war und sie Kim bevorzugte, nickte sie. Ihr Vater hatte Tiara rangehaengt fuer den Fall, dass Kim ihr zu schlicht war. Menschen, die einen dritten Hinweis brauchten - musste man die naeher kennenlernen? Sie gaben sich die Hand und stelzte unsicher zwischen den Reihen - die Schaufensterpuppen, die fuer Abstand sorgen sollten, machten nicht Platz wie das Frischfleisch. Ohne die Karten waere sie an ihm vorbei gegangen, soviel stand fest.

Bei diesem ersten Treffen hatte sich ihre Aufmerksamkeit weniger auf ihn als auf die Buehne konzentriert: schwungvolle Musik und synchrone Bewegungsablaeufe, ein mitreissender KombiPack, der alle Gliedmasse mitzappeln liess. Dieser den gesamten Koerper erfassende Rhythmus, ein Mix aus Ballett und Steptanzen mit akrobatischen Einlagen: einmalig! Alles mit einer Leichtigkeit - man haette schwoeren koennen, es zu Hause einigermassen nachtanzen zu koennen. Kurz: sie hatte den Mann neben sich vergessen und musste sich nach dem Konzert zusammenreissen, ihm die noetigste Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Auftakt so vielversprechend wie ein ungeschaelter Apfel am Schluss eines 4-Sterne-Menues.
Ein Apfel von #Monsanto.

Absichten hatte sie keine - weder ernsthafte noch unehrenhafte. Zwischen zwei ganz patenten "Kerlen" und einer kraenkelnden, dafuer sehr lieben alten Frau relativ unverhaetschelt aufgewachsen, hing ihre Glueckseligkeit weder von einem Mannsbild noch vom Muttertum ab - im Grunde ein Paar Schuhe, oder? Warum mutwillig einen Zustand veraendern, mit dem man rundum einverstanden war? Sie liebte ihren Beruf, ging genauso gerne aus wie sie mit einem guten Buch zu Hause blieb - sie war unabhaengig und kultiviert, eine moderne Frau ohne biologisches Ticken und ohne Zicken. Und nicht zu uebersehen: die Saltener Meg Ryan sozusagen, ihre fast chronische Abwehrhaltung Maennern gegenueber stammte teils daher: mal angenommen sie wuerde mit den Augen rollen und hecheln beim Anblick jedes attraktiven Mannes, der vorbei lief? Auge isst mit, klar, aber ordentlich kauen war auch wichtig, von der Verdauung und Endausscheidung einmal abgesehen. Und als Koechin, Putzfrau und Waeschefrau irgendeiner verzogenen Majestaet war sie sich zu schade - umgekehrt verlangte das auch keiner. Wieso also war eine "Beziehung" erstrebenswert? Ab und zu ausgehen, sich abwechselnd bekochen - war das nicht genug? Sex? Nichts weswegen man zusammenziehen muesste, fuer Notfaelle blieben Beate Uhse oder selbst Hand anlegen - besser als eine bakterielle Vaginose oder Schlimmeres. Er war auch nicht aufdringlich geworden und hatte sich per Haendedruck vorm Theater von ihr verabschiedet - wenn auch mit einem halben Wiedersehensversprechen in der Tasche.

So ging es wochenlang: auf Armeslaenge Abstand, aber mit lockerem Handgelenk, weil Vorsicht nicht notwendig schien - ihrer zu niedrig haengende Lampe in der Kueche wich sie genauso mechanisch aus. Viel spaeter erfuhr sie, dass er Monate vorm offiziellen Verkauf der Tickets in die Wohnung ganz unten eingezogen war. Da war der Zeitpunkt zum Auf-dem-Absatz-kehrt bereits verstrichen; irgendwie war sie so unauffaellig reingerutscht, nicht mal mit vertauschten Rollen haette der ausgelutschte Satz von Goethe gepasst: "...halb zog er sie, halb sank sie hin...".
Tja, und von da an fing sie an, den Ueberblick zu verlieren und es ging richtig los. Er gehoerte zu den Neandertalern, die ein bisschen Sex mit dem huendischen ueberpinkeln von Revieren verwechseln: Handy, Mailbox, Anrufbeantworter summten ploetzlich um die Wette; dazu noch der dumme Umstand, dass sie im Eifer ihres lockeren Schriftgefechts, als sie ihn in Hamburg waehnte, viele ihrer Gewohnheiten preisgegeben hatte und ihn nun ueberall antraf, etwa rein zufaellig vor der Haustuer, beim Einkaufen, vor der "Holzkiste", in der Buecherei, vor der Reinigung, beim Haareschneiden, vorm oder im BioLaden, in ihrem Lieblingscafé, vorm Theater: immer charmant und ein wenig geniert, aber mit sanfter, kaum merklicher Beharrlichkeit.
Was sollte sie dagegen halten? Permanent ueber die eigene gute Stube stolpernd, laechelte sie - manchmal schief, aber immerhin -, beantwortete seine Mails, nahm seine Anrufe entgegen. Und gewoehnte sich allmaehlich an ihn. Er war doch kein schlechter Kerl, oder? Und gebildet. Und belesen. Ging mit ihr wohin sie wollte, trug sie auf Haenden, hatte einen guten Job, und Manieren und Ideen.
Und.

Dennoch: irgendwas fehlte, und als ihr aufging, was beziehungsweise dass, waren sie bereits ueberall als Paar, als glueckliches Vorzeigedoppelpack bekannt. Sie haette auf ihre Intuition hoeren und dabei bleiben sollen: nein! Punktum. Und nun? Dank der eigenen langen Leitung/Prokrastination waren ihre Bekannten inzwischen seine Bekannten. Alle mochten sich, waren begeistert, freuten sich ueber und auf das schoene Paar - auch und vor allem er.
Die Zeit plaetscherte gemaechlich dahin, eine Woche kickte die vorherige vom Platz und der Lack fing an abzublaettern: seine tolle Bildung entpuppte sich als angegoogelt, die Humorblitze direkt von - Horror! - Simpsons, Raabs & Co, und seine Belesenheit beschraenkte sich auf Hoerbuecher fuer unterwegs. Noch eins? Der Luxuskugelschreiber mit dem er bei Gelegenheit angab: "Einzelstueck, bei eBay nicht unter 500 Euro zu haben!..." wurde ausschliesslich fuer Unterschriften und ganz simple Kreuzwortraetsel benutzt, die jedes Kind haette loesen koennen: mit der Hand schreiben - wozu gab's Elektronik und Internet? Sport war etwas fuer Hirnamputierte. Er war konservativ, sogar etwas rechtslastig - ein Spiesser mit Null Flexibilitaet und noch weniger Phantasie. Und bockig. So.

Je laenger sie als ideales Paar die Runde machten, umso mehr zog sie sich zurueck und umso weniger schien sie imstande, die leidige Sache zu beenden. Wie denn, mit welcher Begruendung? Selbst ihre aelteste Freundin, sonst Verstaendnis hoch drei, riet ihr, um Himmelswillen nicht alles hinzuschmeissen.
"Kind", erlaeuterte die Gleichaltrige mit einer Geduld, als laegen mindestens fuenfzig Jahren zwischen ihnen. "Alle Maenner sind konservativ und bockig, erlegen ihre Beute und wollen's dann weder hergeben noch teilen. Auf Mike ist wenigsten Verlass und - einen gewissen Charme kannst nicht einmal du ihm absprechen..."
"Geiht klaar", war ihre unwirsche Antwort gewesen. "Dann nimm du ihn doch mitsamt Charme und Halstuch!" Sie klimperte mit den Wimpern: "Kriegst meine Plattensammlung als Zugabe."
"Ernsthaft jetzt?" kam es unglaeubig. "Du trennst dich von deinen geliebten Platten? Sooo schlimm?" Und auf ihr Nicken hin: "Wuerd ja gern einschlagen, aber Kim, der hat nur Augen fuer dich, Maedel..."

Wohl wahr. Leider. Und leider waren die Haare, die sie in der Suppe fand, nicht sehr ausgepraegt, haetten auch was anderes sein koennen: Loriots Spaghetti etwa. Am schlimmsten waren ihre Unterhaltungen beziehungsweise Smalltalk, er ging ernsthafte Gespraeche aus dem Wege, war in dieser Hinsicht wie ein Stueck Seife - sie hingegen diskutierte fuer ihr Leben gern.
"So what?" lautete das Kommentar jener auf Charme abonnierten Freundin zu diesem Minuspunkt. "Alle Maenner sind konfliktscheu - deswegen suchen sie sich doch eine Frau."
Ehrlich?! Und umgekehrt: suchten Frauen einen Mann aus einer Art Konfliktbereitschaft heraus, die fuer zwei ausreichte, bzw. litten Singlefrauen konstant unter innere Explosionen? Das war ihr zu hoch, in dem Fall ueberliess sie den Irren beiderlei Geschlechtes das gesamte Schlachtfeld und hoerte lieber Musik. Gerne auch allein.
Aber sonst war er doch ideal, oder? Nja, der Mangel an, oder besser: die einseitige koerperliche Anziehung zwischen ihnen war da, keine Frage - aber wer staendig mit inneren Werten herumwedelt, hat seine Wertschaetzung fuer Aeusserlichkeiten gefaelligst still zu halten. Und er, sonst blind fuer ihre Zurueckhaltung was ihn selbst betraf, merkte wenigstens auf diesem Gebiet etwas, googelte eifrig herum - es geniert grinsend offen zugebend - und fragte in ihrem Bekanntenkreis nach, woran dies liegen koennte, besorgte sich erotische Videos, ihren Lieblingsweisswein, angeblich aphrodizierend wirkende Rezepte, die er verheissend summend auf Englisch verkochte, Reizwaesche fuer sie, Reizwaesche fuer ihn... - wobei seine Reizwaesche sie allenfalls zum Lachen reizte, was ihn wenig stoerte: wenn es half?
Noch hatte sie ihre Wohnung, einen eigenen Computer und PC-Anschluss, und googelte nun ihrerseits - diskret! - nach Hilfe, nach Ratschlaegen, und suchte weniger diskret in ihrem Bekanntenkreis nach Maedchen und Frauen, die huebscher, reicher - Charakter, Humor und Intelligenz schienen ihm egal - waren als sie, stellte sie ihm vor.
Vergebliche Muehe - er war ihr treu und auf drollige Art beleidigt: "Aber, Maeuschen, warum tust du sowas, du bist alles was ich brauche in diesem Leben!" - wuerg.
Inzwischen lief waehrend der immer seltener werdenden intimen Stunden auf natuerlichem Wege nichts mehr, leider merkte er jedesmal, wenn sie keine Lust hatte und bearbeitete dann bestimmte Stellen, die sie ihm ebenfalls in ihren unschuldigen E-Mail-Zeiten verraten hatte: der perfekte Liebhaber, du meine Guete, ja. Und was war sie: eine drueck-mal-hier-hauch-mal-dort-Puppe, die man an Hand von gewissen Techniken zu koerperlichen Hochleistungen bringen konnte - war's das?! Sie aenderte ihre Taktik und setzte saemtliche ihr zur Verfuegung stehenden Mittel ein, damit er auf seine Kosten kam, um es schnell hinter sich zu bringen. Allein: er war nicht nur in der Hinsicht diszipliniert, wollte auch sie jedesmal mit dabei haben, und nichts, aber auch wirklich nichts war ihm zuviel, dies zu erreichen.
Der verbale Weg brachten auch nichts, sie hatte mittlerweile alle Angriffs-flaechen abgeklappert: ob Politik, seine Klamotten, Maeuse, die Masern und Michelangelo - alles glitt von ihm ab. Er laechelte - und liess es unter den Tisch fallen wie Broetchenkruemel oder 'Kinnergebabbel'. Beharrte sie darauf, etwas auszufechten wie zwischen zwei vernuenftigen Menschenkindern ueblich, die halt auch mal unterschiedlicher Meinung sein konnten, nannte er sie amuesiert seine 'streitbare Amazone'. War sie daraufhin ungehalten - erinnerte er sie daran, dass man davon Falten bekaeme...

Mittlerweile geriet sie wegen jeder Kleinigkeit in Rage - selbst die popelige Wettervorhersage konnte sie aufbringen:
"Schoenes Wetter Sonntag", warf er etwa eines Abends gnaedig in den Raum, die Augen auf den Fernseher gerichtet. Er hatte sie mit einem raren alten Musicalvideo in seine Wohnung gelockt, selbst mochte er den "Musikkram" nicht und wollte voher wenigstens noch schnell die Nachrichten sehen. "Was ist: wollen wir zum Flohmarkt? Ist wahrscheinlich Coronaseidank einer der letzten ueberhaupt." Sie liebte Flohmaerkte und das wusste er; leider merkte man ihm dieses Wissen nicht nur an, sondern auch seine Belustigung darueber, dass viele Frauen und Kinder Flohmaerkte liebten: Maenner, richtige Maenner hatten natuerlich Besseres zu tun...
"Und was?" hatte sie wissen wollen, bereits auf 180.
"Haeh?" bekam er den Mund nicht wieder zu, die Augen ratlos zwischen dem Wetterbericht und dem vorlauten Wesen hin und her wandernd.
"Was haben Maenner Besseres zu tun? Und wieso lassen seine Hoheit sich dazu herab, mich arme Sterbliche auf etwas so minderwertiges wie einen Flohmarkt zu begleiten?"
"Ich bitte dich, ich finde Flohmaerkte durchaus amuesant und -"
"Amuesant?" fiel sie ihm ins Wort. "Und was ist, wenn ich lieber auf die Computermesse moechte, mir einen neuen Laptop kaufen?"
"Auf Messen kauft man nicht, Maus", belehrte er sie prompt. "Man bestellt hoechstens, wenn man wie ich einen eigenen Betrieb hat - ist denn dein alter kaputt, warum hast du mir nichts davon erzaehlt? Wenn ich's mir ansehen soll, brauchst du es nur zu sagen...- Kann dir auch verbilligt ueber die Firma eins besorgen und es von den Steuern ab..."
"Mike", unterbrach sie sehr ruhig. "Mein Laptop funktioniert einwandfrei."
Er machte erneut ein verstaendnisloses Gesicht. "Wieso willst du denn mit mir auf die Messe?"
"Will ich doch gar nicht."
"Also Flohmarkt?" schaltete er ohne Wimperzucken.
"Mike", versuchte sie es anders, "wuerdest du ohne mich einen Flohmarkt besuchen?"
Jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit, er schaute sie mit einer Mischung aus Ratlosigkeit, Belustigung und Herablassung an: Wie sage ich meinem Kind, dass es sich albern benimmt, ohne den Weltfrieden zu gefaehrden...?
"Aber Maus, was soll ich dort?"
"Warum willst du dann mit mir auf den Flohmarkt gehen, bittschoen? Glaubst du, ich finde allein nicht hin oder denkst du, man verkauft mich dort an einen arabischen Scheich mit Haremvergroesserungsbedarf?"
"Doch, ich meine: nein. Mensch, ich will dir doch bloss eine Freude machen."
Sie starrte ihn an. "Lass uns zusammenfassen: Du glaubst, es bereitet mir Freude, mit jemandem auf einen Flohmarkt zu gehen, der ohne mich nicht hingehen wuerde?"
Anstatt sich nun ueber soviel Spitzfindigkeit zu aergern oder zu lachen, wie sie es an seiner Stelle getan haette, meinte er beguetigend: "Also moechtest du allein auf den Flohmarkt - ist doch kein Problem, sag das doch gleich. Soll ich dich hinfahren oder brauchst das Auto?" Das war nicht ernst gemeint, sein #SUV war zu dick, um die auf Saltens Strassen verteilten Hindernissen - Baeume, Pflanzenkuebel etc. - umfahren zu können, wie es die Einwohner in Notfaellen taten, wenn E-Saltran, eine Art Taxi-Service fuer Saltener, nicht zur Verfuegung stand.
"lch brauche meine Wohnung", meinte sie und erhob sich.
"Und das Musical? Hab's nur fuer heute und morgen ausgeliehen und morgen keine Zeit." Und als sie fast an der Tuer war: "Soll ich mitkommen?"
"Nein, danke." meinte sie hoeflich - ein Fehler, Ironie prallte genauso an ihm ab wie alles andere auch.
"Brauchst dich doch nicht bedanken, Tiarchen."
Sie hasste es, nicht nur Maus, sondern auch Tiarchen genannt zu werden, wenn sie allerdings deswegen in die Luft ging, hiess es: Mein Gott, bist du empfindlich!
So schnell gab er nicht auf: "Ich kann auch kurz vor elf" - das war ihre uebliche Bettzeit - "kommen und dir ein wenig den Nacken und so massieren. Du bist so verspannt!" setzte er nachsichtig hinzu.
"Nein", sagte sie diesmal resolut.
Er rollte mit den Augen. "Was du immer gleich denkst, wollte dir wirklich nur den Nacken..." undsoweiter undsofort.
Deswegen gaben starke umd unabhaengige Menschen ihre Freiheit auf?

Allmaehlich baute sich in ihr ein Groll auf, dass sie glaubte, explodieren zu muessen. Und sie explodierte. Regelmaessig. Er laechelte. War ganz Verstaendnis. Machte ihr einen Heiratsantrag, den sie wutschnaubend ablehnte - er war dann nicht zu halten: war sie nicht zum Anbeissen, wenn sie wuetend war, sein huebsches kleines Frauchen... grrrrrr.
Was sollte sie machen? Er war maessiger Weintrinker und Nichtraucher. Sie auch. Nun fing sie an, Bier zu trinken und ab und zu einen Kotzbalken zu paffen, weil er den Geruch nicht ausstehen konnte. Er war extrem sauber, duschte zweimal taeglich, und gegen seine Garderobe und Toilettenartikel sahen ihre Sachen aus wie Nonnenkram aus dem letzten Jahrhundert. Also verwahrloste sie ihr Aeusseres komplett, zog sich mehr als laessig an und wusch sich nur noch einmal in der Woche, wenn's hoch kam. Das roch man. Make-up? Null. Und Parfuem sowieso nicht. Deutsch: sie spielte ohne Deo und Achselhaarrasur im Traegerhemd Tennis und hatte unerwartete Freude daran, sich mit ihm im ungewaschenen ausgebeulten Jogginganzug zu zeigen; seine Reaktion, die sie abermals auf irgendeine Palme brachte:
"Brauchst ein wenig Geld, Mausi, oder soll ich dir ein paar anstaendige Sachen besorgen - man sagt, mein Geschmack ist nicht so uebel...?"

Eines Tages hatte sie ein Ei in der Hand und schwups! landete das unschuldige Ding in seinem Briefkasten. Oder sie troepfelte ein wenig mit Sekundenkleber herum: Tuerschloesser, Schuhe und Klamotten - alles, was ihr klebenswert schien. Und ihm gehoerte. Es dauerte, bis ihm aufging, wem er diese Unannehmlichkeiten zu verdanken hatte; ihr waren naemlich die kleinen Ideen - und die Geduld - ausgegangen, heftigeres Geschuetz musste her. Erst als er sie in flagranti erwischte, wie sie alle Riesenreifen seines ausserhalb der Stadt parkenden SUV mit einem Hammertacker bearbeitete, nachdem er sie tags zuvor ueber einen Hamburger Termin informiert hatte, rasselten bei ihm die Alarmglocken los. Es folgten ernsthafte, aber verstaendnisvolle Gespraechen, alle nach dem Schema:
"Er = gut + klug;
Sie = unartig + dumm".
Mit ihr, mit einigen ihrer nun gemeinsamen Bekannten, mit einem befreundeten Psychologen, mit ihrem Vater... Alles diskret und ohne Namensnennung: die Ehefrau eines Freundes hatte das Problem, nicht er selbst - und sie natuerlich schon gar nicht. Wo sie doch so gerne diskutierte, und ueberhaupt: was denn fuer ein Problem? Ihre Erfahrungsebene wurde auf die eines wegen Kleptomanie angezeigten Raubtiers angehoben und sie fing an, "Der Widerspenstigen Zaehmung" mit anderen Augen zu sehen: war Shakespeare nicht ein Mann...?
Und wieder keine Angriffsflaeche: ein sehr verliebter und verzweifelter Mann, der sich "unauffaellig" Rat holte.
Wie ruehrend, waren sich alle einig.
Alle.

Ihre letzte Aktion war ein richtiger Stinker - im wahrsten Sinne des Wortes. An einem sehr fruehen Sonntagmorgen war er von einem Geschäftsessen in Hamburg leicht angedieselt nach Hause gekommen und gleich mit beiden Fuessen reingeplanscht. Er hatte den Notklempner rufen muessen, der - schliesslich war Sonntag - innerhalb einer laaangen Stunde da war. Dieser ueberteuerte Mann war zwei Stunden spaeter gezwungen, Verstaerkung herbeizutelefonieren, um dann mit nunmehr drei Mann und einem fuer Saltener Verhaeltnisse Monster von Wagen, der nach einem ausgekügelten System hatte durch Saltens Strassen gelotst werden muessen, nicht nur in seiner Wohnung, auch der Gullydeckel vorm Haus wurde gelueftet (sein schoener Steingarten!) zu wuehlen und zu saugen und zu pumpen - vier Stunden lang; und immer wieder waren atemberaubende Faekalien aus dem Klo im Parterre herausgeblubbert, weil die Bewohner der hoeher gelegenen Mietwohnungen - insgesamt fuenf Partien eines dieser wunderschoenen Altbau-Fachwerkhaeuser in der Innenstadt - irgendwann ihre nachts angesammelte Fluessigkeit, wenn nicht Festeres, spuerten und aufstanden, um sich diesbezueglich zu erleichtern, und exakt unter seiner Wohnung im Knick Richtung Strasse sich die ganze Chose angesammelt hatte. Selbstverstaendlich hatten die Herren in Overalls es nicht noetig, sich zu buecken, um den Schweinkram aufzuwischen, und wer wohnte ganz unten, wo an diesem mittlerweile gar nicht mehr fruehen, dafuer wunderschoen klaren Sonntag noch ungefaehr achtmal die stinkende Pampe aus dem Klo im Bad seiner wunderschoenen Wohnung herausquoll?
Ein kurzer Blick auf das pampig-pappige "Sperrgut", das sie eimerweise herausgefischt, herausgeschabt hatten, reichte aus, sofort wurde ihm klar, wem er seine rui- und urinierte Wohnung, das faekalische Schlachtfeld zu verdanken hatte: die teure Musikanlage, sein schoener Parkettboden mit Bodenheizung mitsamt geerbter Afshari Orientteppiche sowie Chippendale Antiquitaeten - alles hinueber. Der entscheidende Tropfen, der das Fass zum Ueberlaufen brachte, war die Erkenntnis, dass er seine in zwei Jahrzehnten liebevoll via Sonderangebote zusammengekaufte italienische Schuhsammlung wegschmeissen konnte: wech! Die dumme Ziege musste ihr Klo wochenlang damit gefuettert haben, Blatt fuer Blatt, immer soviel wie sich herunterspuelen liess: neunundzwanzig Haushaltsrollen mit seinem Konterfei auf jedem Blatt, ein originelles Geburtstaggeschenk zu ihrem Neunundzwanzigsten - kam in etwa hin nach den Unmengen, die das Klempnertrio quasi hatte rauswuergen muessen. Ab und zu sah er das neugierig-schadenfrohe Gesicht eines Nachbars im Treppenhaus - nur die Uebeltaeterin selbst blieb am Tag X oder besser Tag S unsichtbar: Magen-Darm-Grippe. Und er Depp hatte bei ihr bleiben und sie pflegen wollen...

Ungewohnt verschwitzt und apart duftend stampfte er gegen Abend, als er mit den Saeuberungsarbeiten endlich fertig geworden war, die Stufen zu ihr hoch, den Daumen so lange auf ihrem Klingelknopf lassend, bis sie zerknautscht und verschlafen im Morgenmantel die Tuer aufmachte.
Wenn sie gesund gewesen waere, sein Dauerklingeln und der Gesichtsausdruck haette gereicht, denn eines hatte sie im Laufe ihrer kurzen Bekanntschaft begriffen: je erregter oder wuetender er war, desto nichtssagender wurde seine Miene. An dem Sonntag jedenfalls waren seine Gesichtszuege schier nicht vorhanden. Und dann der Geruch...

Sie sanft in ihre Wohnung bugsierend und mit einem Seitenkick die Tuer schliessend, hatte er seine rechte, vor ungewohnt koerperlicher Arbeit und Wasser geroeteten Hand auf ihre linke Wange gelegt, eine bestimmte Stelle ganz leicht beruehrend, die sie ihm leider einmal verraten hatte: wie ein Hauch. Die linke Hand platzierte er, ihren Morgenmantel oeffnend, zielsicher etwas links unterhalb des Nabels. Ihre empfindlichen Geruchsnerven, ihr nach vier Tagen Influenza ohnehin geschwaechter Verstand, alles baeumte sich auf und fiel dann wie nicht vorhanden in sich zusammen, und er verfuehrte sie trotz ihrer rebellierenden Nase und dem irritierten Magen auf dem schwarzen Schmutzabtreter im Flur. Im letzten Augenblick drehte er sie wie eine Bulette inner Pann blitzschnell herum und entlud sich dort nach einigen heftigen Stoessen zielsicher, dabei zum ersten Mal den Mund aufmachend: "Passt doch, oder? Ja, durchaus angemessen." Und verschwand - alles ganz ruhig - als wuerde er die Zeitung lesen oder eben mal fuer kleine Maedchen.

Sie rannte ins Bad und uebergab sich. Lange. Dann stand ihr Entschluss fest.





II. mehr vorab
(olga & roko)

"Sag mal", Roko sah sie nicht an, stattdessen den uralten hollaendischen Prunkofen mit den Keramikfuessen und delftblau gemalten Originalkacheln bewundernd, der seit Olgas Einzug in der Ecke zwischen Wohn- und Esszimmer - und davor einige Dekaden in ihrem Berliner Empfangsraum - gestanden hatte. "Hast du ueberhaupt noch Verwandten?"
"Was soll das heissen: 'ueberhaupt noch' - gehoere ich zur ausgestorbenen Gattung der Dinosaurier - hast du etwa keine Verwandten mehr?" Der Hinweis auf ihre Gleichaltrigkeit war ihm unangenehm, das sah man. Er war immer noch ein gutaussehender Mann, aber vom Traummann zur aelternden Champagnerwerbefigur war offenbar ein zu grosser Sprung, und die alte, von Elisa gestickte Weste konnte das kleine Baeuchlein nicht kaschieren. Sie selbst hielt seit Dekaden ihr Gewicht konstant, auch ihre Haarpracht, von Elisa neidisch "Alffrisur" genannt nach irgendeinem Ausserirdischen, war noch voll, nur eben schlohweiss - so what? sie faerbte sich jedenfalls nicht die Haare. Befriedigt strich sie sich uebers Haar, bevor sie hinzusetzte: "Warum fragst du?"

Zweimal im Jahre trafen sie sich zum jeweiligen Geburtstag der Freundinnen, die passenderweise fast sechs Monaten auseinander lagen - auch vier Jahren nach Elisabeths Tod noch. Sassen auf vor Aeonen kunstvoll geschnitzten, aber gottlob erst vor Jahren frisch gepolsterten Stuehlen in Olgas Esszimmer, das wie das gesamte Haus moderat und geschmackvoll mit Antikmoebeln ausgestattet war, Tassen, Kanne mit koffeinfreiem Kaffee und Diaetgebaeck zwischen sich auf dem im gleichen Stil geschnitzten Tisch. Im Laufe jedes langen Lebens faellt irgendwann das eine oder andere vormals lebenswichtige Ritual dem Schafott der Zeit zum Opfer - Olgas letzte Bastion war ihre gute Stube beziehungsweise das Wohnzimmer als Empfangsraum: das Knacken der Gelenke, wenn man sich in dieser tiefen Grube namens Sofa fallenlassen liess und die Anstrengung, aus derselben wieder herauszukommen, die Abstaende zwischen allem, von Kanne bis zur Zeitung, die es galt zu ueberwinden, moeglichst in Zeitlupentempo wegen evtl. nachfolgenden Schmerzen und/oder Scherben, die irgendwer wegraeumen musste. Wie die erste Lesebrille: irgendwann reichte die Reichweite nicht mehr. Es hatte was fuer sich, ohne aufstehen ueberall heranzukoennen und sich den Hals nicht verrenken zu muessen, um Besucher auf den Mund sehen zu koennen, denn das Gehoer wurde mit den Jahren auch nicht besser, und diese komischen kleinen Dinger, die dem abhelfen sollten, piepten immer zur Unzeit und machten auch ansonsten sonderbare Geraeusche, vom Fummelkram mit den noch winzigeren Batterien abgesehen. Olga sann darueber nach, ob das Trendwort #Achtsamkeit nicht eher ein Boomerwort war, kicherte und vergass es gleich darauf wieder.

"Kommt sonst niemand?" wies Roko mit den Augen auf drei weiteren Kaffeegedecke. "Sind Malte und seine Frau und Schwester auch tot?"
"Nein", meinte sie kurz angebunden. "Nicht dass ich wuesste."
"Aha", machte er.
"Was heisst 'aha'? Hast du es verlernt, dich zivilisiert auszudruecken, Roko?"
"Ich nicht", kam es spitz. "Professor Roko, wenn ich bitten darf - soviel Zivilisation muss sein." Roko war die Kurzform von Robert Konrad und Elisabeths Kreation, er selbst hasste Abkuerzungen und Verniedlichungen. Seit seine Frau gegangen war, war Olga die einzige, die ihn noch so nannte, mal freute ihn das, wegen der Erinnerung an Elisabeth, mal war ihm das laestig.
Missgelaunt setzte er hinzu: "Lass mich raten: du hast alle mit deinem pampigen Betragen auch vergrault?"
"Auch?" echote sie. "Du musst nicht kommen, wenn du nicht willst!
Als haette er einen lange erwarteten Startschuss vernommen, stemmte er sich hoch. Er war der letzte, war die vergangenen drei Jahre nur wegen der vorvorletzten Worte seiner Frau gekommen: "Roko, versprich mir, ein wenig nach Olga zu sehen, wenigstens an unseren Geburtstagen - sie hat sonst niemanden mehr!" Und? Wessen Schuld war das? Seit Olga vor eineinhalb Dekaden holterdipolter ihr Geschaeft in Berlin verkauft und hierher gezogen war, nervte sie nur noch, wusste immer alles besser und konnte stundenlang erzaehlen, wie sie es gemacht haette und was sie alles geleistet hatte, sie, eine der ersten Selfmade-Geschaeftsfrauen Deutschlands: erfolgreich, ohne Mann, ohne Kinder, obwohl sie damals als Student an jedem Finger einen Verehrer zu haben schien. Warum hätte sie nicht wenigstens in Berlin bleiben können, zum Teufel? Nur wegen Elisabeth, die vor Dekaden von Olga - ausgerechnet! - den Tipp bekommen hatte, dass man nur in Salten als vollwertiger Mensch und nicht als BIP-Nummer existieren konnte? Wenn er richtig informiert war, hatte die Frau, die sonst niemand hatte, momentan drei Prozesse um die Ohren. Drei. Momentan. Durch die offene Tuer im Flur hatte er einen kurzen Blick in ihr Buero werfen koennen: ueberall Ordner, Papierhaufen, Akten auf Tischen, Stuehlen, selbst auf dem Fussboden - als wuerde sie noch Tausende von Kunden haben und es den dreissig Angestellten ueberlassen, die sie angeblich mal gehabt hatte. War das krank oder war das krank?

Wenn Olga wollte, konnte sie ihrer megaphonaehnlichen Stimme zum sanften Katzenschnurren herunterdimmen. Immer noch. "Nun, trink wenigstens deinen Kaffee aus", meinte sie mit einem Laecheln, das entfernt an die charmante Gastgeberin von frueher erinnerte.
Er seufzte. Und setzte sich.
"Also", kam es triumphierend. "Heraus mit der Sprache. Andrieux ist kein gelaeufiger Name hier oben - ist dir etwa noch eine von der Sorte ueber den Weg gelaufen oder warum fragst du?" Es klang nicht beunruhigt - fluechtig wackelte der Gedanke, dass sie nicht wegen Elisabeth hierher gezogen war und es laengst wusste, wieder mit dem Schwanz.
Olga griff zum Inhalator, als haette sie den Hund gerochen. Seit ihrem zweiten Anfall hatte sie den Bogen heraus und roch ihren Sauerstoffmangel sozusagen im voraus: "auf meine Nase kann man Wetten abschliessen!" pflegte sie zu droehnen, wiewohl oder gerade weil ihr der Geruchssinn in ihrem Geburtsort Hamburg abhanden gekommen war, Resultat etlicher in Kellerraeumen verbrachten Bombennaechten als Kind. Elisabeth hatte ihr gelegentlich an den Kopf geworfen, ihren Inhalator als Erpressungsmittel zu benutzen, "damit man dir willfaehrt, und zwar pronto!" - wer drueckte sich heute noch so aus: 'willfaehrt, pronto'? Jessas, vermisste sie das alte Maedchen; Maenner starben doch sonst regelmaessig frueher, warum haette Roko sich nicht zuerst aus dem Staub machen koennen? Sicher aus schierer Dickkoepfigkeit. Tz.
Der Dickkopf starrte nichtsahnend durch sie hindurch. Irgendein siebter Sinn sagte ihm, die Neuigkeit ueber die Existenz jener jungen Person, die seit einiger Zeit in seiner Klinik lag, wuerde sie aufregen, und sein Bedarf, dabei Maeuschen zu spielen war minimal - warum hatte er Olga nicht einfach telefonisch verstaendigt? Oder einen Brief geschrieben? Elisabeths Stimme im Ohr: "Dein Fingerspitzengefuehl ist leider Gottes ausschliesslich manuell, Roko - ueberlass das Verbale lieber mir", wich er der direkten Frage feige und plump aus: "Schlimme Sache, dieses Corona!" Sinnlos, Olga war nicht allein wegen ihrer Charme als Immobilienmakler erfolgreich geworden, Intuition und eine gewisse Zaehigkeit, wenn nicht Penetranz klebten an den meisten Karrieristen.
Richtig: "Roko!" schien ihre Stimme die Haerchen seines Trommelfells gleichzeitig zu straeuben und zu maehen. Konsterniert stand er auf, nahm einen braunen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts, warf es auf den Tisch und rannte so rasch die Treppe runter und aus dem Haus wie sein Alter dies zuliess: das hatte man von seiner Gutmuetigkeit - zum Deubel mit dem verflixten Pissweib.

* * *

"Wie lange weisst du davon?" wollte sie ohne Vorrede wissen, als er abends nach einigen Stunden Telefonterror endlich abhob.
"Nicht lange", wich er aus. Warum konnte sie nicht auf seinen Anrufbeantworter sprechen wie andere? "Wollte erst sicher gehen."
"Weiss sie von mir?"
"Wie meinen?"
"Roko!"
Mein Gott, er sollte seine Telefonnummer aendern oder auswandern - ueberhaupt, wer hatte heutzutage noch Festnetz? "Herrje, Olga, nicht jeder hat den ganzen Tag Zeit herumzuprozessieren - ich zum Beispiel bin voll berufstaetig", erinnerte er genervt.
"Weet ick, stand oft genug in der SaNews, dass uns allmaehlich die Fachleute ausgehen, selbst in Salten werden sie nicht mehr anstaendig bezahlt - das Geld geht wohl fuer Dividende, Mauschelei, Manager und Fussballer komplett drauf. Pscht. Sonst waerst laengst pensioniert, mein Lieber. Kann nicht jeder in Wuerde abtreten, wenn seine Zeit gekommen ist" - den Zusatz "wie ich", hörte Roko, als haette sie es ausgesprochen. "Ausserdem hat mir ein kleines Voegelchen zugezwitschert, dass du seit einigen Jahren nur Sachen machst, die jede Krankenschwester genauso hinkriegt - die Klinik braucht dein Renommee und nicht deine Tattergreishaende", setzte sie herzlos hinzu.
"Ich kann auch aufhaengen!"
"Richtig! Und warum tust du es nicht? Deine Erinnerung an unsren alkoholisierten Ausrutscher damals ist also nicht gaenzlich verschuett gegangen?" kam es trocken wie die Werbung eines Dachdeckers aus dem Hoerer.
Vor Schreck legte er auf, um nach kurzer Nachfrage in der Klinik und einiger Rechnerei zurueck zu rufen: "Sie ist meine Enkelin?" kam es zaghaft.
"Und meine", bestaetigte sie kuehl. Was also wollen wir unternehmen? Ueberlege dir etwas und in vierundzwanzig Stunden erwarte ich dich zum Abendessen bei mir. Es gibt Zander in Mango-Senf-Sosse mit jungen Kartoffeln, eigenhaendig und liebevoll gekocht - im Restaurant unten, don't worry. Same time, same place. Bis die Tage!" beendete sie das Gespraech auf elisabethanisch.
"Stopp!" rief er zu spaet in das Tuten hinein.
Das Pissweib hatte eingehaengt.





III. irgendwo zwischen I & II

(immer noch oder schon wieder kim)

Kaum war Kims Gesundheit wieder hergestellt, schlich sie nachts in den Keller, einige Schraeubchen der Bunkertuer fester drehend, dafuer andere lockernd, so dass die schwere Tuer, einmal zugefallen, von innen nicht mehr zu oeffnen war - hoechstens per Dynamit. Als Tuepfelchen auf dem i hatte sie tags zuvor das gesamte Werkzeug aus ihren Kellerraeumen nach oben geschleppt: fertig war die Falle. Kellerfenster gab es keine: eine Gruft ohne Funkempfang, modrig und nicht eben gut durchlueftet, eventuelles Poltern drang allenfalls als Rattenkonzert durch die Bunkertuer - vorm Einrichten ihrer Bastelraeume hatte sie das getestet. Auch ausserhalb ihres Berufs war sie begeisterter Tueftler und die einzige im Hause, die den miefigen ehemaligen Bunker aktiv nutzte, so dass eine Stoerung nicht zu befuerchten war; dennoch entschied sie sich fuer das ruhigere Wochenende, um nicht in Versuchung zu kommen, den Halunke vorzeitig rauszulassen: an diesem Weekend war sie ausnahmsweise nicht zu Hause, musste zu ihrem erkrankten Vater, dem einzigen Menschen, der ihre doch recht vagen Vorbehalte gegenueber Mike teilte, ein Mitkommen dieser allgegenwaertigen 'Beziehung' ausschliessend. Halleluja.
Die einzige Schwierigkeit bestand darin, das Faultier in den Keller zu locken - denn ohne Grund bewegte der Herr sich nicht, das verstiess gegen seine Prinzipien. Doch hier war ihr eine, wie sie meinte, elegante, beinahe geniale Loesung eingefallen: Einem von ihr fingierten Einbruch der Kellerraeume wuerde er nicht widerstehen koennen, nach eigener Aussage waren seine beiden Raeume unten voller Kostbarkeiten, als besitzstolzer und neugieriger Mensch wuerde er zumindest einen kurzen Blick reinwerfen wollen - das war so sicher wie die drei Kirchspitzen von Salten.

Samstag schaukelte sie mit Tolstois "Krieg und Frieden" im bequemen Haengesitz, ihr Rucksack fix und fertig gepackt neben der Wohnungstuer und voller Vorfreude erstens auf ein entspanntes Wochenende ohne ihn und mit Paps, dann natuerlich ueber ihren Streich und dessen mutmasslichen Folgen: ein Tag Einzelhaft in unsauberer und gruftkalter Umgebung wuerde selbst den traegsten Doeskopp zum Berserker und den unartigen Scherzkeks zum verlassenen freien Menschen machen... Oder? Es war vielleicht albern, aber sie wollte, dass er sie zum Teufel schickte und nicht umgekehrt - warum auch immer. Sie hatte ihre Raeume nicht abgeschlossen und ihm einen guten Schlafsack dagelassen, tja, und seine rote Kinderploerre, die er unten verwahrte, hielt auch warm: wohl bekomm's und adieu, Maus!
E
s ging bereits auf die Mittagszeit zu, als sie ihn nach oben stampfen hoerte. Nach oben? hatte sie noch Zeit, sich zu wundern, als es klingelte. Was sollte sie machen? Sie oeffnete, wie ein Karpfen den Mund auf und zu machend, waehrend er sie atemlos mit eiligen Stakkattosaetzen eindeckte:
"Ah, dachte ich's mir doch, ich haette dich gehoert! Meine Schwester geht es leider auch nicht besonders - muss auf der Stelle hin - hast ja nicht so weit wie ich - koenntest du bitte den Polizisten meine Kellerraeume zeigen, bevor du gehst - muessten spaetestens in einem halben Stuendchen hier sein - mein Taxi ist naemlich gleich da" - von unten war das Laeuten der Haustuer zu hoeren - "ha, wenn man vom Teufel spricht - hier sind die Schluessel zu meinem Keller - treib's nicht zu bunt und Pfote weg von meinen Sachen, klar! Hab mir frei genommen und bin exakt in einer Woche wieder da. Gruesse und Genesungswuensche dem Herrn Andrieux - Kuessi, mein Maeuschen!"
Und fort war er, sie mit Schluesselbund und verdutztem Gesicht stehenlassend: Polizei? Oh.
Und nu? Hier war schnelles Handeln gefragt. Kurz entschlossen schnappte sie sich ihren Rucksack mit dem obligatorsichen Madenschraubendreher, der stets griffbereit im Flur lag, raste die Treppe runter und schloss auf, vorsorglich eine Keile unter die schwere Tuer schiebend. Zuerst wuerde sie seine Kellerraeume ein wenig unter die Lupe nehmen, bevor die Polizisten klingelten, so eine Gelegenheit ergab sich so bald nicht wieder: vielleicht liess sich da ein kleiner Nebenstreich einbauen?
Beim Ausprobieren des vorletzten Schluessels passierte es: in ihrem Ruecken machte es "whuuii", mehr spuer- als hoerbar, und irgendeine Tuer hinter ihr fiel schwerfaellig ins Schloss. Erstarrt, schob sie automatisch und ohne sich umzudrehen auch noch die letzten beiden Schluessel ins Loch: passten nicht. Hatte sie etwas anderes erwartet - ernsthaft? Langsam, wie in einem Traum, schritt sie zur bunkerdicken, gut verschlossenen Kellertuer...

Die erste Minicam entdeckte sie auf der Suche nach Materialien fuer ihre selbstgebastelte "Klaeranlage", eine bereits vierstoeckige mit Stoffresten bespannte Holzkonstruktion. Holz hatte sie ja. Ihre eigenen Raeume hatte sie schnell durch, waren gut isoliert und beinahe bequem - sogar mit Klimaanlage, wie es sich fuer den Keller eines gelernten Handwerkers ziemte; froh über den Schraubendreher, betaetigte sie sich als den Einbrecher, den sie erfunden hatte, auf der Suche nach Flaschen und Stoffresten fuer die 'Entgiftung' der einzigen Fluessigkeit im Keller - die Melkquote des Airconditioners ueberschritt selten 1 Fingerhut pro Tag. Mit einem kleinen Schraubendreher Schloesser aufbrechen war keine Kleinigkeit, zumal die meisten Nachbarn nach dem letzten Einbruch entweder stabile Schloesser oder nichts zu verlieren hatten, die Schrauben der Scharnieren waren alle verrostet - irgendwann fing der Mangel an Fluessigkeit und Schlaf an, sich bemerkbar zu machen. Erschoepft hatte sie sich auf den Boden sinken lassen und schaute von dort direkt in die erste Cam: an der Lampe angebracht, die von der niedrigen Decke des langen T-foermigen Korridors die ersten drei oder vier Meter ausleuchten sollte, Linse Richtung Bunkertuer. Einmal aufmerksam, fokussierte sie ihre Suchaktion und fand noch eine vor seiner Kellertuer, mit Blick auf die gesamte Laenge des L-Korridors; die dritte und vierte entdeckte sie in seinen mit Sperrmuell und Rotwein gefuellten Raeumen, dessen Tuer sie als einzige ohne Werkzeug aufzubrechen vermocht hatte - das Schloss war ein Witz aus der Vorkriegszeit. Nach dem Kellervandalismus hatte sie die Installation einer Mini-Ueberwachungskamera in ihrem Keller erwogen und sich schlau gemacht, kannte sich daher etwas aus: alle Cams waren mit Bewegungs- oder Lichtmelder ausgestattet, hatten zweifelsohne direkten Kontakt zu Mikes PC und waren halbwegs gut getarnt sowie fachmaennisch angebracht: wozu war man gelernter Elektronikfachmann?

Nur die Vorstellung, wie Mike sich irgendwann an den Bildern ihrer Wut und Verzweiflung weiden wuerde, hielt sie davon ab, die Kameras eine nach der anderen runterzuholen und an die Wand zu schmettern. Langsam begab sie sich in ihren eigenen Keller und setzte sich an den uralten Schreinertisch, den Kopf auf ihre Arme legend, Gesicht nach unten. Sie musste nachdenken, und zwar ohne digitale Zeugen:
Er musste sie beim Manipulieren der Kellertuer per Cam beobachtet und den getuerkten Einbruch durchschaut oder zumindest vermutet haben.
Zweitens: wie sie ihn kannte, wuerde er zu seinem Wort stehen und tatsaechlich seine Schwester besuchen, der es seit deren Geburt immer mehr oder weniger schlecht ging, und dort eine Woche - also noch vier Tage - bleiben. Dumm war er weiss Gott nicht, warum sollte sein Alibi weniger gut sein als ihres?
Drittens: hier unten gab es nicht einmal Wasser, nur Wein, aber leider aus seinem Keller, also sehr lieblich und sehr rot und fuer sie ungeniessbar.
Viertens: nicht nur weil der Wein hier unten die einzige Fluessigkeit war, auch wegen der trotz einiger Lagen Altkleider und Iso-Schlafsack spuerbaren Kaelte, wuerde sie ihn trinken muessen - Abneigung hin, Allergie her.
Und fuenftens: sie hasste ihn mit einer lnbrunst, die ihr unbekannt war und ihr mehr Angst einjagte als alles andere. Je schneller sie sich also aufraffte und etwas unternahm, umso besser; die Gruebelei machte nur verrueckt und die Raeume leider nicht waermer. Auf der Suche nach Lebensmitteln - die drei verschrumpfelte Kartoffeln hatte sie wie Köstlichkeiten eingeteilt - oder Werkzeug, um auch die guten Schloesser knacken zu koennen, entdeckte sie eine fuenfte und letzte Kamera: noch kleiner als die anderen und klug unterhalb eines Regals angebracht.
In ihrem Keller.
Ihre Gedanken rasten rueckwaerts: Ihr altes Schloss hatte sie genau wie die Mehrzahl ihrer Nachbarn durch ein teures gutes ersetzt, nachdem Rowdys eingebrochen waren und alles kurz und klein geschlagen hatten - und dieses Schloss wies keinerlei Einbruchspuren auf. Man konnte also davon ausgehen, dass die winzige Kamera - es traf sie wie eine Keule - vor dem Einbruch, ergo vor ihrer Bekanntschaft mit einem gewissen Computerheini angebracht worden war.
Soweit, so schlecht.
Zumal als Nachbar duerfte ein Blick in ihre Online-Gewohnheiten fuer Mike ein Klacks gewesen sein: die Foren, die sie besuchte, ihre literarischen und in diesem Fall vor allem musikalischen Interessen. Das erklaerte im Nachhinein seine hellsichtigen Mails, deren lnhalt sich fast immer mit ihrer Meinung und Weltanschauung, ihren Vorlieben und Abneigungen deckte; mein Gott, wie beeindruckt war sie gewesen, als er sogar ihr Sternkreiszeichen und ihren Geburtstag fast auf den Tag genau erraten hatte...
Alles gelogen.
Er musste die gesamte Strategie seines Vorhabens 'Wie krieg ich Kim Tiara Andrieux herum?' auf die ausspionierten Informationen aufgebaut haben, hatte sie wahrscheinlich nach seinem Einzug im Treppenhaus oder vorm Haus gesehen und beschlossen: die hol ich mir. Und sie Doedel war sich die ganze Zeit so ungeschuetzt und hilflos vorgekommen, wie jemand, der mit imaginaeren Hindernissen kaempft, waehrend er muehelos alle Huerden genommen hatte und in ihr Leben eingebrochen war, ohne ihr die kleinste Abwehrmoeglichkeit zu lassen.
Kunststueck: er hatte alles gewusst - alles.
Wesentlich spaeter fuegte sie ihrer Aufzaehlung einen weiteren Punkt hinzu:
Sechstens: sie wuerde den Schweinepriester umbringen, und wenn's das letzte war, was sie tat.





IV. legen wir (ohne klammern) los?

Fuenf Tage lag Kim bereits im Marienkrankenhaus, bevor sie ihre Augen aufmachte, und wer sass an ihrem Krankenbett, das Gesicht ein einziges Paket aus Treuherzigkeit und Sorge?
"Tiara! Maus! Endlich bist du wieder da, ich bin so froh und erleichtert!"
Sie verzog unsicher den Mund: "Wo bin ich?" Und dann, ihre Hand aus seiner ziehend: "Wer sind Sie?"
Wie aus dem Nichts draengelte eine weisshaarige Dame, die tagelang von einer bequemen Liege am Fenster aus das Zimmer ueberwachte, sich dazwischen: "Sie hoeren es, mein Lieber, meine Enkelin braucht ihre Ruhe!" Nachdem sie den ihr gleich unsympathischen jungen Mann aus dem Zimmer bugsiert hatte, setzte die alte Frau sich auf den freigewordenen Besucherstuhl und meinte: "Du hast ja so Recht, Kim, Maenner koennen ziemlich penetrant sein."
"Soehne auch?" kam es tonlos, dann: "RAUS!"

Hauptchor der wenigen Besucher, die sich trotz Corona hertrauten: "Wie konnte das passieren?"
Refrain: "Wie jammerschade - Mike ist ein prima Kerl und ihr ward ein so schoenes Paar - kannst dich wirklich an nichts erinnern?"
Dumme Frage.

Von Paps und Daniel keine Spur. Waehrend ihrer kurzen wachen Momente gingen ihr Bilder durch den Kopf: die Abwesenheit des einen war schon merkwuerdig genug - aber beide? Ihr Verhaeltnis war eng, immer gewesen. Ihr Vater hatte gerade den Gesellenbrief in der Tasche, als sie quasi mutterlos zur Welt gekommen war. Es schien natuerlich, das Lehrlingsmaedel bei sich aufzunehmen, als dieses fast zeitgleich vom verheirateten Chef schwanger geworden war. Er hatte eine Ersatzmutter oder weibliche Bezugsperson gesucht, sein Selbstvertrauen als junger Vater und ueberhaupt musste sich erst entwickeln. Viele Jahre spaeter ueberschrieb der umtriebige Boss dem jungen Paar die Tischlerei.
So undramatisch und simpel spielt das Leben. Manchmal.

Erst nach einigen Tagen kam ihr Bruder mit einem alten Rucksack, Mundschutz und schweren Schritten hereingeschlurft, ganz in Schwarz, die Ringe unter den Augen noch tiefer als sonst. Und stumm.Kim spuerte, wie ihre Blutzirkulation sich voellig aus dem Kopf zurueckzog: "Paps?"
Er nickte nur.
"Raus damit, ich erfahr's sowieso."
"Hab natuerlich von deinem" - Daniel schnitt eine Grimasse: "Kellerabenteuer gehoert und in der Zeitung gelesen und haette dich laengst im Krankenhaus besucht, aber es gibt Corona und die Aerzte versicherten, bei dir ist alles unter Kontrolle, was man von Paps nicht sagen konnte - ich komm gerade von der Einaescherung..." Er zauderte, bevor er lakonisch hinzufuegte: "Corona war's nicht, aber eine blosse Erkaeltung ebensowenig, in seinem Alter ist mit sowas nicht zu spassen. Er haette im Bett bleiben sollen."
Sie runzelte die Stirn. "Nicht gerade wie Paps, einfach aufzustehen - warum...?" Sie brach ab. Ihr Vater hatte sie beide fast im Alleingang grossgezogen, mehr Verantwortung und Vernunft in einer Person war unvorstellbar, auf die eigene Gesundheit achtete er daher fast so pedantisch wie auf die seiner Kinder.
"Wegen mir", beantwortete sie die eigene Frage kaum hoerbar.
"Du hast dich nicht gemeldet, warst unerreichbar", verteidigte er sich, als haette er es verhindern koennen, vielleicht sogar muessen. "Wir haben dich alle wie die Irren gesucht - sah so gar nicht nach dir aus, einfach mir nichts, dir nichts zu verschwinden, und dann ausgerechnet wenn Paps krank ist. Selbst Mike hatte keine Ahnung, wo du warst..."
"Wer ist Mike?" kam es automatisch ueber ihre farblosen Lippen, waehrend ihre Gedanken sich in die entgegengesetzte Richtung davonmachten.
Daniel beschloss, das Thema zu wechseln: "Im Flur hat deine Grossmutter sich vorgestellt, Telefonnummer ausgetauscht und Hilfe angeboten, offenbar macht sie das mit allen und bewacht dein Zimmer wie die Schweizer Garde - du hast Kontakt?" fragte er unglaeubig.
"Grossmutter? Die ist vor fuenfzehn Jahren gestorben - schon vergessen?" wollte sie tonlos wissen, bevor sie erneut das Bewusstsein verlor.

* * *

Ein Tag spaeter wurde in ganz Deutschland Lockdown Numero 2 verhaengt. Fast zeitgleich stimmte Salten auf einem Zoom-Buergertreff mit grosser Mehrheit zu, eine begrenzte Anzahl franzoesische Corona-Patienten aufzunehmen, daher beschlossen die frischgebackenen Grosseltern auf Nummer Sicher zu gehen und 'dat Maedel' trotz gelegentlicher Bewusstlosigkeit aus dem Krankenhaus zu holen, zumal der junge Mann, der darauf beharrte, ihr Verlobter zu sein, energische Anstalten machte, sie zu seiner Schwester zu lotsen. Nix! Eine gleichnamige Grossmutter wog mehr als ein mickriger Pseudo-Verlobter, der am Tag vorher von der Patientin herself vor Krankenhauspersonal herausgeschmissen worden war - zumal der angesehene Professor Robert Konrad Landauer ein alter Freund der Familie war.

Ohne lange herumzufackeln liess Olga das obere Appartement ihres dreistoeckigem Hauses, bis dahin Refugium ihrer Perserkatze, Julia, Solarium, Massageraum und Sauna leerraeumen und reinigen; Krankenhausbett und Pfleger stammten vom brandneuen Grossvater, der sich beim Krankentransport weit aus dem Fenster gelehnt hatte, nachdem deutlich wurde, dass von Kims Bruder nichts zu erwarten war. Am gleichen Tag lag das Maedel besser abgesichert als so mancher Papst: wer dort hoch wollte, musste erst an einer alten Frau vorbei, die entschlossen war, es nicht nochmal zu verkacken.

Nach und nach beendete Olga ihre juristischen Kriege, dafuer einige Detektiven auf den merkwuerdigen "Verlobten" abstellend, und erfuhr unter anderem, dass dessen Firma kurz vorm Bankrott stand und er vom Staat als "Coronaopfer" Unterstuetzung beantragt hatte: Wenn der sich da mal nicht verrechnet hatte, noch hatte sie Beziehungen. Nach einigen Worten mit den Freunden Kims, die sich trotz Corona ins Krankenhaus getraut hatten, weitete Olga die Aufgaben der Detektei auf die Wohnung ihrer Enkelin aus und musste feststellen, dass das "Subjekt", wie sie den jungen Mann mit spitzen Lippen nannte, seine Kellerraeume bereits leergeraeumt hatte; in Kims Wohnung fanden sich immerhin einige Bugs mit Teilen von Fingerabdruecken, die nicht Kims waren - fehlte bloss die Aussage oder Anzeige des Maedels.
Nur: wuerde diese ihre Bemuehungen zu schaetzen wissen? Ihr Bruder schien daran zu zweifeln, hatte nur widerwillig der Durchsuchung ihrer Wohnung zugestimmt.

V. bavaria blues
(boys gotta have fun)

Es war nicht geplant. Er war doch kein Verbrecher. Nicht so. Die Sache mit dem Keller war eine Retourkutsche gewesen, mehr nicht. In Ordnung, etwas derb, aber stundenlang in einer Kloake waten, um hochwertige Bruecken, Chippendalemoebel, Chinageschirr zu retten - und dann die Schuhsammlung, sein ganzer Stolz: was war dat, Pillepalle, oder wat? Und die oh so liebe unschuldige Tiara hatte es generalstabsmaessig geplant, auch die Kellergeschichte war ihm zugedacht worden, er sollte tagelang im Keller eingesperrt darben - was konnte er dafuer, wenn Tiaras Eltern deren Erziehung so schandbar lasch gehandhabt hatten? Solche Sachen waren in einer Beziehung zwar nicht ueblich, aber doch etwas, was nur das Paar etwas anging. Persoenlich also, privat.

Das mit ihrem Bruder war etwas anderes, zugegeben. Doch auch hier war er irgendwie hineingerutscht. Ahnungslos, wenn auch nicht komplett unschuldig. Sein Verhaeltnis zu Daniel war von Anfang an gut gewesen, sie hatten diverse Sachen ohne weibliche Begleitung gemacht - was Maenner waehrend einer Pandemie so machen, wenn das Wochenende lang und Frauen keine Lust hatten: ein wenig ueber den Durst trinken, Fussball und heisse Filme gucken, sowas. Nicht direkt ein Herz und eine Seele, aber sich in einigen typisch maskulinen Dingen einig und bei Beziehungsstress so, dass der Kollateralschaden minimal blieb. Machten die Weiber genauso. Er hatte dem Juengeren elektronisch weitergeholfen, und dafuer einige Insidertipps vom Bankkaufmann erhalten, die immer Hand und Fuss hatten. Fast immer. Er machte Daniel nicht dafuer verantwortlich, der das gleiche 'sichere' Aktienpaket und ebenfalls Federn gelassen hatte, wenn auch nicht in dem Umfang wie er selbst. Wie hatte Daniel himself gesagt?
"Sowas passiert, Mike, das ist Monopoly fuer Maenner: just for fun. Dumm gelaufen".

Also Rache oder so - weit gefehlt. Klar, wenn man ihm zutraute, einen Berghang am anderen Ende Deutschlands wochenlang mit Wasser begossen und praepariert zu haben, damit die Huette puenktlich so runterrutschte, dass die zwei Maenner, die zufaellig darin sassen, nicht zu Schaden kam? Laecherlich. Mann, er hatte von der Existenz der Berghuette bis dahin null Ahnung gehabt. Nachweislich. Erst als Daniel ihn gebeten hatte mitzukommen... Okay, die Reihenfolge war eine andere, er selbst hatte Daniel um ein Gespraech gebeten, so war das. Sauber bleiben, er hatte nichts zu verbergen. Mensch, seine Firma, seinen guten Ruf, seine Beziehung: alles im Arsch - einige Schuldner waren trotz Corona hinter ihm her. Jeder braucht mal ein offenes Ohr und vielleicht auch ruhiges Plaetzchen, oder? Und letztendlich hatte er seine momentane Pechstraehne dem Geschwisterpaar zu verdanken - eine kleine Entschaedigung war faellig.

* * *

Die aehnlichkeit zwischen Daniel und seiner Schwester war auch aeusserlich minimal: von weitem, von der Seite und von hinten. Fast gleich gross, gleiche Haarfarbe und Haarlaenge - nur der ganze Schwung schien beim Maedel haengengeblieben:
"Die zwei muessen irgendwie die Chromosomen vertauscht haben, verflixt!" pflegte der stolze Vater kopfschuettelnd zu scherzen, was Kim, #Feminist durch und durch, stets auf die Palme brachte. Im Gegensatz zu ihren giftgruenen, waren Daniels Augen dunkelbraun, umrahmt von Waschbaerschatten, die keinesfalls von mangelndem Schlaf oder zuviel Arbeit kamen. Ihm hatte der Lockdown, zu dem Salten sich lange vor Restdeutschland selbst verordnet hatte, um erstmal einen Ueberblick zu gewinnen, so gut gefallen, dass er kurz davor stand, den guten Job in Hamburg zu schmeissen. Taeglich. Homeoffice reichte ihm nicht mehr. Die wenigsten konnten es sich leisten, nicht zu arbeiten, und er besass jeweils die Haelfte einer Tischlerei, Berghuette und eines Hauses. Letzteres hatten bis zum Auszug Kims alle bewohnt, und er hoffte, nein, rechnete fest damit, dass sie nun wieder einziehen wuerde - optimal: sie unten, er oben. Kim triezte ihn gerne, akzeptierte ihn aber wie er war; als sie noch unter einem Dach gewohnt, hatte sie gelegentlich Mitleid mit seinen sehnsuchtigen Dackelaugen gehabt und ihm eine liebe Freundin vermittelt. Ehrlich, warum konnte man ihm nicht seine Ruhe lassen? Es gab Unzaehlige, die seinen Job bei der Bank besser konnten und das Geld dringender benoetigten - was sollte also der Unfug? Zumal seine vorletzte Freundin einen Gemuesegarten angelegt hatte, den er seit ihrem Abgang wider Erwarten gerne gepflegt und vergroessert hatte: seine Kuerbissuppe war ein Gedicht! Einige Ziegen und Huehner dazu - mehr braucht doch kein Mensch. Kim war genauso, ihre paar Angestellten arbeiteten so, wie es ihnen am besten passten, Geld war Nebensache. Paps Stempel halt. Die ehrliche Selbstkritik in Paps Testament aenderte daran nichts, er war sich sicher, seine Schwester wuerde es genauso sehen, hatte aber gleichzeitig Bammel, ihr den Wisch zu zeigen - besser warten, bis sie vollstaendig gesund war. Eine Ausrede? Ja und?
Er war
ungern alleine. Leider mochten die Frauen, die ihm gefielen, seinen Hang zur Bequemlichkeit und Genuegsamkeit, seinen mangelnden Ehrgeiz nicht, weswegen er genoetigt war, sie alle paar Monaten auszuwechseln, je nachdem, wie lange sie es bei ihm aushielten - dies hatte ihm den unverdienten Status eines Casanovas, und seit Corona den eines Eigenbroetlers eingetragen. Die Energie, die es ihn kostete, eine neue Freundin zu finden, war fast zuviel fuer ihn. Alles war ihm gerade zuviel: Paps, dessen Testament, Kims ungewohnte Energielosigkeit - natuerlich war es auch eine Ausrede, in Bayern unbedingt nach den Rechten sehen zu muessen, was sonst? Er wollte, er konnte nicht mehr. Verdammt, er hatte seinen Vater, beinahe seine Schwester verloren. Mikes ueberraschender Besuch war trotz dessen Gejammer wie die Faust aufs Auge:

"Das hoert sich schrecklich an, tut mir echt Leid mit deiner Firma. Weisst was?" unterbrach er spontan das Klagelied seines Gegenuebers. "Bisschen Gesellschaft unterwegs passt. Ich wollte nach Bayern, bleib hoechstens eine Woche - hast Lust?" Taktvoll verschwieg er seinen Plan, sich danach um Kim kuemmern zu wollen, die momentan dort, wo sie lag, besser aufgehoben war.

Was blieb Mike uebrig? Es konnte nicht schaden, den Bruder ein wenig auszuquetschen. Dass der Zug Tiara abgefahren war, hatte er kapiert, aber war deren Amnesie echt und wenn ja, war es irreversibel? Ausgenommen beiden Wanzen in ihrer Wohnung, an die er nicht herankam, gab es fuer seine digitale Schnuffelei keine Beweise, die Cams im Keller hatte er entfernt, sobald die Ruecklichter des Krankenwagens mit Tiara ausser Sicht waren, alle Dateien mehrfach geloescht bzw. ueberschrieben. Sie war trotz Temperament ein reservierter Mensch, hatte ihm zum Beispiel nie ihre Schluessel anvertraut oder allein in der Wohnung gelassen. Sowas Misstrauisches hatte er noch nie erlebt, er selbst war da ganz anders. Die grosse Frage blieb daher: hatte sie vor, ihn anzuzeigen? Gleichzeitig war Bayern eine gute Gelegenheit, in Ruhe neue Plaene zu schmieden und einigen unliebsamen Menschen aus dem Wege gehen.

* * *

Die lange Fahrt verlief ohne Pannen und vorwiegend heiter, Daniel war sichtlich und hoerbar erleichtert, sein Trauercape in Salten lassen zu koennen. Sie wechselten sich beim Fahren ab, groehlten zur fetzigen Musik und liessen sich unterwegs coronagerecht dreimal Essen rausbringen. Kaum Misstoene. Verbluefft war Mike darueber, dass der Sportwagen nicht mehr als 120 hergab:
Daniel:
"Wieso? Hab extra einstellen lassen, was die Wissenschaft empfiehlt - haben alle Saltener, manche haben sogar bloss 100, soll noch besser sein. Wenn die das #Tempolimit lange genug hinauszoegern, schaffen die Lobbyisten es bestimmt noch, daraus 140 oder 150 zu machen." Daniel grinste: "Meine Eier sind mir wider Erwarten nicht abgefallen. Alles eine Sache der Vernunft und Gewohnheit."
Die Fahrt war trotz der oekologischen Klugscheisserei des Juengeren schoen. Auch fuer ihn selbst. Ohne Schleim jetzt.

* * *

Das Gebaeude bestand aus zwei Etagen; oben drei Schlafzimmer und ein Badezimmer inklusive Dusche, unten Kueche, Vorratskammer, Gaesteklo und zwei weitere Zimmer - alles sah verwahrlost aus und roch miefig, und die Vorraete waren zum Teil abgelaufen, die letzte ueberholung lag offensichtlich eine Weile zurueck. Netz gab es nicht, nicht einmal Festnetz, nur ein kleines Fernsehgeraet mit Antenne - offenbar gewollt. Zwei Tage nach ihrem Ankunft rutschte die Huette dank einwandfreier Tischlerarbeiten kompakt fast fuenfzig Meter den Hang runter, Daniels Sportwagen, der direkt daneben gestanden hatte, wie ein angeleintes Huendchen hinterher; sie hatten geschlafen und waren nicht einmal wach geworden. Und nun sassen sie fest.

Wie seine Schwester war Daniel durch technischen Schnickschnack nicht zu beeindrucken, das und Mikes Unlust, sich die gute Stimmung durch Hiobsbotschaften zu verderben, die wie ein Dauerregen auf einen losprasselten und alle mit C anfingen, hatte ihn abgehalten, sein iPhone herausnehmen und damit anzugeben, das Wunderding empfing naemlich ueberall, auch vom Boden des Pazifiks, wenn es sein musste. Er hatte einfach die Klappe gehalten und alles auf sich zukommen lassen - war das bereits ein Verbrechen? Niemand konnte ihm den bloeden Bergrutsch in die Schuhe schieben, niemand konnte beweisen, dass er Empfang hatte. Wie sollte das gehen? Sein Zauberphone hatte mehrere Nummer, die unterdrueckbar waren, und das Schoene war: der GPS war niemals an gewesen. Wie eine Aufforderung.
Sicher, unterlassene Hilfeleistung war keine Kleinigkeit, aber es ging ihnen doch gut: sie waren unverletzt, die Vorratskammer war bis obenhin voller Konserven, Tee und Kaffee, Alkoholisches, Saefte und was noch alles. Wasser und Strom war vorhanden. Unterlassene Hilfeleistung waere es gewesen, wenn sie in Not oder verletzt gewesen waeren. War nicht der Fall.
Wie hatte Daniel himself gesagt: "Sowas passiert. Dumm gelaufen"? Japp.

Die erste SMS hatte er beim "Holzhacken" geschickt, eine Taetigkeit, die er freiwillig auf sich genommen hatte - Faulpelz Daniel schien von den ordentlich vertaeuten Holzstapeln, denen die kleine Rutschpartie nichts hatte anhaben koennen, nichts zu wissen. Der Text war einfach, kurz und unverfaenglich:

"Hallo wertes Fraeulein, was ist Ihr Bruder Ihnen wert?"

Die Nachricht hatte er sofort nach dem Senden vom iPhone getilgt. Spurlos. Niemand wuerde je beweisen koennen, dass er es gewesen war, und selbst wenn: was denn genau? Es war ein spontaner Testballon, er hatte sich nicht festgelegt, hatte nicht einmal einen Plan: just for fun. Monopoly.

Eine Antwort auf seinen erpresserischen Versuchsballon war so schnell nicht zu erwarten. Daniel war auf der Hinfahrt gespraechig gewesen, daher wusste er, dass Tiara meistens schlief und bei ihrer reichen Grossmutter professionelle Vollverpflegung genoss. Wertvoll war auch die Information, dass der ruhebeduerftige arme Junge seine Reise nach Bayern nicht angekuendigt hatte.

Und nun war Lockdown. Ohne Kontakt nach draussen. Perfekt, fast wie eine Einladung. Weder Daniel noch er wurden irgendwo erwartet, und unterwegs aufgehalten hatte man sie nicht: warum auch, bei ihnen im hohen Norden gab es kaum Infizierten - hoechstens die paar Franzosen, die das kleinere Saltener Krankenhaus aufgenommen hatte. Besser haette es nicht kommen koennen, wenn er es wochenlang geplant haette.
Daniel nahm den Bergrutsch auf die leichte Schulter, zeigte sich von seiner besten pubertaeren Seite und war ansteckend albern. Sie gebaerdeten sie sich wie auf einem Robinson-Crusoe-Trip, beim Essen des aufgewaermten Dosenfrass darueber flachsend, wer von ihnen als Freitag am geeignetesten waere, wenn der Mittwoch ausfiel und Sonntag nur 13 Stunden hatte. Sowas.

* * *

Kim hatte die paar Siebensachen, die Daniel ihr ins Krankenhaus gebracht hatte, bereits wieder in ihren Rucksack gestopft, als die erste Nachricht eintraf. Sie war wackelig auf den Beinen, aber entschlossen, die Farce ihrer "Grossmutter" noch in der gleichen Stunde ihrer Erwachung zu beenden und zu gehen: kaum war Paps tot, draengte sich die alte Frau, die ihn weggegeben hatte, auf - was dachte sie sich dabei? Zufaellig war auch der Professor anwesend, sodass beide Zeugen wurden, wie beim Lesen jede Unze Blut aus ihrem ohnehin schmalen Gesicht zu weichen schien.

"Was ist passiert?!" trompetete Olga erschrocken, waehrend Roko seine Enkeltochter sanft aber energisch zurueck zum Bett dirigierte.

Die junge Frau dachte noch: "Okay, sollen die das uebernehmen - ich bin dann mal weg!", ueberreichte Roko ihr Handy wie einen Degen. Und war weg.

Die demonstrative Bevorzugung traf Olga kurz wie eine feine Nadel, aber was soll's: eine Chance war eine Chance - wahrscheinlich ihre letzte. Sie war entschlossen alles zu tun, auszuharren und natuerlich auch jede Frage wahrheitsgemaess zu beantworten - Fragen auf die sie seit Jahren vorbereitet gewesen war. Und die Fragen kamen. Momentan konnten sie eh nichts tun als auf Anforderungen der Entfuehrer warten; obwohl Kim sich rasch erholte, war der jungen Frau klar, dass sie der Aufgabe so bald nicht gewachsen sein wuerde. Die kurzen Blackouts waren mehr koerperlicher als geistiger Natur, daher blieb sie folgsam im Bett und ass und trank alles, was man ihr vorsetzte, nach jeder pragmatisch kurzen Frage sofort wegnickend - und doch spuerte Olga, wie sie aufmerksam, fast saugend zuhoerte:

"Wir waren zwei Kusinen mit nur einer Moeglichkeit zu studieren. Von Anfang an stand fest, dass ich studieren wuerde, Klara war schon immer haeuslicher, eine Lichtallergie machte ihr das Leben ausserdem zur Hoelle. Nach dem Krieg waren wir beide die letzten unsrer Familie, und wie damals ueblich wurden wir Kinder aus dem zerbombten Hamburg evakuiert und landeten in Salten, wo man bemueht war Familienmitglieder zusammenzuhalten, sind sogar zur gleichen Schule gegangen. Dank der chaotischen Zeiten erfuhren wir erst spaeter vom Studiumplatz und fingen an zu planen. Es war ausgemacht, dass ich sie spaeter finanziell unterstuetzen wuerde. Im Gegensatz zu mir war sie bescheiden und brauchte nicht viel: Haeuschen auf dem Land reichte ihr. Noch bevor ich schwanger wurde, hatten wir alles genau festgelegt..."

"Ein Kuhhandel also", blitzte es kurz und giftgruen aus schmalen Schlitzen hervor, bevor Kim ihre Augen wieder schloss.

"Wuerde ich nicht so nennen. Nachdem meine ausserplanmaessige Schwangerschaft feststand, hielten wir den Vertrag fuer ueberfluessig. Es ergab sich so. Ihr war klar, dass ich mich umso mehr dahinterklemmen wuerde und sie war begeistert von der Aussicht, ein Kind allein fuer sich zu haben, ohne mit den 'Unannehmlichkeiten' wie sie Sex und Geburt nannte, in Beruehrung kommen zu muessen. So eine Allergie macht einsam, weisst du. Aber du hast sie gekannt - wem sag ich das? Mein neuer Part war, ihr die zusaetzliche Aufgabe finanziell zu ermoeglichen, sowie es in meiner Macht lag. Niemand hatte damals Geld oder Eltern mit Geld - nicht in unseren Kreisen. Das Studium wurde gespendet von einer gemeinsamen Tante vaeterlicherseits, die schon frueh nach Schweden ausgewandert war und mit 78 verstarb; sie hatte mit ihrem schwedischen Mann ein Geschaeft, das gut genug lief, jeden Monat etwas beiseite legen zu koennen. Wie viele damals, hatte sie studieren wollen und spaeter fuer ihren Sohn gespart, der frueh toedlich verunglueckte.
So war das. Du wirfst mir vor, aus Karrieregeilheit deinen Vater im Stich gelassen zu haben - meine ehrliche Antwort: jein. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, dass die Moeglichkeiten, die er durch mich hatte, auch nicht ohne waren - den Rest musst schon selbst zusammenpuzzeln."

"Welche Moeglichkeiten? Paps Schulbildung war genauso einfach wie die Lehre hinterher. Die Tischlerei kam vom leiblichen Vater Daniels."

"Hat er das so gesagt?" Die Frage stammte von Roko, dessen Abneigung fuer die 'olle Pisshexe' vor einiger Zeit einer penetranten Neugierde gewichen war.

"Lassen wir das halt so stehen", kam es schnell und schnodderig von Olga, die genug hatte und nach unten in der eigenen Etage verschwand.

"Jaja, hau nur ab, wenn's nicht passt!" hoerte sie ihre Enkelin aufgebracht hinterher rufen.

Fuer "Hast du-nicht-hab-ich-doch-nicht-wohl"-Spielchen hatte Olga bereits als junger Mensch keinen Nerv gehabt: musste das sein? Sie aeusserte sich dahingehend, als Roko spaeter herunterkam.

"Das, was du Spielchen nennst, raubt anderen unter Umstaenden ihre Ruhe oder gar Daseinsberechtigung", orakelte der. "Hat die erfolgreiche allzeit bekannte Olga Andrieux schon darueber nachgedacht?"

"Das sagt der Richtige!" prustete sie ihm ins Gesicht.

Er erroetete trotz Professur und Alter: "Vergiss nicht, Olga, du hast mir damals die Moeglichkeit einer Wahl genommen", konterte er wuerdevoll. "Ehrlich gesagt, nehme ich dir das sehr sehr uebel." Er plusterte sich etwas auf, selbst wenig ueberzeugt von seiner Rolle.

"Ach?" spoettelte sie. "Selbstredend haettest du Elisabeth den alkoholisierten Ausrutscher vor eurer Hochzeit gebeichtet, dich scheiden lassen und dann mutterseelen-, Quatsch: vaterseelenallein um den Bengel gekuemmert? Sei froh, dass ich dir die Illusion, dich stets korrekt zu verhalten, jahrzehntelang bewahrt habe, du Feigling!"

Diesmal war er es, der erbost nach unten stolzierte.

"Jaja, hau nur ab, wenn's nicht passt!" konnte Olga sich nicht verkneifen, ihm hinterher zu werfen, ueber die eigene Albernheit gackernd wie ein Backfisch: das Leben ab achtzig konnte soviel Spass machen. Wenn bloss der Koerper nicht staendig hinterherhinken wuerde.

"Roko?!" trompetete sie keine halbe Stunde spaeter auf seinen Anrufbeantworter, voellig entgegen ihrer Eigenart als Privatier mit viel Zeit, so lange eine Nummer zu waehlen bis ein menschliches Wesen abhob: sie musste noch packen, verdammt, wieso konnte der Hallodri nicht einfach rangehen wie jeder andere? Roko war ein Gewohnheitstier, sie wusste, er war daheim. "Vorhin hat mein Schnueffler angerufen. Das letzte Lebenszeichen vom Handy des verschwundenen Bruders kam von einem Kaff suedlich von Garmisch-Partenkirchen. Plain text: wir haben seine location und zuckeln gleich in meinem Wagen los, kommen vorher bei dir vorbei wegen der unerwarteten Ehre, dass du uns zu begleiten gedenkst. Tudelu."

Natuerlich wollte er mit. Wollte? Er musste:
Vor geraumer Zeit, es war die letzte gemeinsamen Fahrt der Freundinnen mit Olga am Steuer, hatte sie ein unter Denkmalschutz stehendes Gebaeude gerammt, weil sie im Eifer des Wortgefechts nicht auf den Verkehr geachtet hatte. Elisabeth hatte auf eine Meldung bei der Polizei bestanden und wochenlang nicht mit Olga gesprochen, als diese sich weigerte: "Denkmalschutz, papperlapapp, das ist ein Pseudo-Alibi der Stadtverwaltung, um ein paar alte kaputte Dinge nicht ausbessern zu muessen. Das Geld geht bestimmt direkt in einen dieser unzaehligen Pflanzenkuebel und Baeume hier in Salten, die jedem normalen Verkehrsteilnehmer das Fahren erschwert. Wenn es dich beruhigt, spende ich dem hiesigen Waisenheim das Zehnfache, no problems."

Die Versoehnung war Roko gar nicht Recht gewesen, wegen eines Sehfehlers durfte Elisabeth selbst nicht mehr fahren und hatte ihn jedesmal bequasseln koennen, den Chauffeur zu spielen - das Geschnatter hinten war manchmal mehr als er ertragen konnte.
Und nun mutete man ihm allen Ernstes zu, sein immer noch schwaches und dazu einziges Enkelkind besagter verantwortungslosen Person zu ueberlassen, und das holterdipolter durch ganz Deutschland?!

Als Olgas Wagen eine gute Stunde spaeter vor seinem Haus hielt, stand Roko wie eine Saeule am Strassenrand, ausser einer kleinen Reisetasche noch einen Alukoffer in der Hand.

Olga sueffisant: "Das sind doch hoffentlich keine Duellpistolen?"

"Gute Idee. Guter Mann", lobte Kim trocken, die hinten sass und deren Kopf neugierig in der Luecke zwischen den Sitzen erschienen war.

"Ganz ruhig. Wie ihr vielleicht wisst, bin ich berufstaetig und..."

"Niemand verlangt, dass du mitkommst!" fiel ihm Olga sofort ins Wort, obwohl ihr graute vor der langen Fahrt mit einer Kranken, die alle paar Minuten einschlief.

"...also musste ich mich bereit erklaeren, ein paar Proben fuers Muenchner Klinikum mitzunehmen."

"Aber auf dem Rueckweg", bestimmte Olga ungnaedig. "Wir haben es eilig."

"Na gut", gab er sich listig geschlagen, Olgas Schwierigkeiten mit den hiesigen Politessen waren ihm bekannt, eine weitere gelbe Karte konnte Olga sich nicht leisten. "Aber ich fahre!"

In Olgas Gesicht arbeitete es: jahrelang das gezischelte "Psst, ich muss mich konzentrieren" oder laute Pfeifkonzerte von Roko, waehrend sie dazu verdonnert wurde, hinten zu sitzen, als sei sie nicht zurechnungsfaehig, das wurmte, doch dann zuckte sie die Achseln, stieg aus und setzte sich auf den Beifahrersitz. Irgendwann wuerde er muede werden, nach Bayern war kein Katzensprung, und irgendwann mussten sie auch wieder heimwaerts, oder? Bis dahin konnte sie ein wenig Schlaf tanken. Scheinbar missmutig gab sie Roko die genaue Adresse. Kim war wieder mal eingeschlafen. Dachten sie.

"So", machte das Maedel mit einer Stimme, die Roko bekannt vorkam und Widerrede von vornherein in den Boden stampfte. "Woher wisst ihr von der Huette?"

Roko hob und senkte eine Schulter, was gleichzeitig seine Unschuld und sein Unvermoegen anzudeuten schien, sich auf etwas anderes als das Vehikel unter und denjenigen vor und hinter ihnen konzentrieren zu koennen.

"Hab ich meiner Kusine irgendwann ueberschrieben, dachte, mit der Horde Enkelkids kann sie mehr damit anfangen als ich."

"Horde?" kam es empoert von hinten, weder die erhobenen Brauen noch die uebereinander geschlagenen Armen bei der Zusatzfrage musste man sehen: "Tischlerei auch?"

"Tz", machte Olga. "Ich hatte mit Klara vereinbart, einzuspringen, wann und wo ich kann. Sagte ich das nicht bereits?"

"Und nun soll ich dir dafuer die Fuesse kuessen?"

Olga, die waehrend laengerer Autoreisen stets ihre Schuhe abstreifte und seit zwei Dekaden im Auto ueberall dicke Socken herumliegen hatte, hob mit einer fuer ihr Alter bemerkenswerten Gelenkigkeit ein Bein, mit beiden Haenden ihren bestrumpften Fuss nach hinten zwischen den Sitzen schiebend. "Tu dir keinen Zwang an. Zu meiner Zeit hatte man allerdings andere Fetische."

Kim schien die gesamte Innenluft des Autos zu inhalieren und brach dann in ein schallendes Gelaechter aus, in das Olga prompt einfiel, Roko schuettelte den Kopf, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen.

"Fein", meinte Olga schliesslich, nachdem sie sich vor allem wohl den Stress heruntergelacht hatten. "War auf einen Battle gefasst, im Auto fehlt mein Treppenhaus als Ausweichmoeglichkeit irgendwie. Also", setzte sie unaufgefordert ihren Rapport fort. "Wie bereits erwaehnt wurde das iPhone deines Bruders dort in der Gegend zuletzt geortet. Daniel hat etwa 250 km von der Huette entfernt Essen per Handy bestellt und abgeholt, zusammen mit einem Mann, dessen Beschreibung dem Subjekt aehnelt, stark aehnelt - habe also nur kombiniert, that's all. Miss Marple at her best."

"Sollten wir nicht besser die Polizei verstaendigen?" kam es von Roko.

"Nein!" waren sich die beiden Frauen unisono einig.

"Fernerhin", fuhr Olga fort, als haette es den Zwischenruf nicht gegeben, "habe ich herausgefunden, dass der Hang, auf dem die Huette steht, vor wenigen Tagen dank exzessiver Regenfaelle nach ebenso exzessiver Trockenheit ca. 45 Meter Richtung Tal gerutscht ist. Welcome to the #climatecrisis."

Schweigen.

Und nach einer Weile von hinten: "Schlage vor, ihr seid ruhig, damit ich die Aufforderung eines Lebenszeichens zusammengebastelt krieg, das sich nicht wie eine anhoert."

"Ausgezeichneter Plan!"

Sie hoerten es hinten piepen, dann leise Schnarchtoene - beruhigende Musik fuer Olga, die vor eineinhalb Stunden Schwester Maya gebeten hatte, ihr Auto zu holen und mit Blinklichtern vorm Haus zu warten, waehrend sie selbst alles auffindbare Bettzeug die Treppen hinuntergeworfen hatte; Kim war wesentlich langsamer gefolgt. Sollte sie inmitten des Daunenzeugs keine Luft bekommen, wuerden sie es hoeren bzw. nicht hoeren. Gelegentlich hielten sie an Tankstellen und kauften ein, was ihrer Meinung nach das junge Volk so konsumierten: von Chips bis Zwieback, Softdrinks und Schnaps. Die Oldies selbst waren bemueht, nicht allzu viel zu sich zu nehmen - wie Olga meinte: "Die ueberlegung, ob das, was in der Natur bei mir hinten runterlaeuft, lebt oder nicht, missfaellt mir irgendwie - koennen wir ja nachholen, noe."
"Naechstes Mal kaufe ich mir einen Wohnwagen mit Autopilot", meldete sie sich erst wieder,
nachdem Roko die Nacht durchgefahren und es bereits hell geworden war. "Soll ich das Lenkrad uebernehmen? Du hast wieder Rot uebersehen, und das vorhin war kein Zebrastreifen, sondern ein Igel, der fixer war als du."

"Hab ich nicht", bellte Roko leise zurueck.

"In Ordnung, das war ein Ufo. Roko, anhalten - dort vorne ist eine Bushaltestelle. Dalli."

Er oeffnete kurz spaeter murrend Sicherheitsgurt wie Tuer und beschloss, nach dem Umsteigen unverrichterdinge die Augen zuzumachen, seiner Erfahrung nach die beste Einstellung, wenn man etwas nicht aendern konnte. Er schlief sofort ein.

"Oh", machte er nach Stunden ausgeruht. "Bin ich eingenickt? Ist was passiert?"

"Das Objekt hat sich gemeldet und ein Foto vom schlafenden Daniel vorm Hintergrund der TV-Sendung #KlimaVorAcht geschickt. Tzz", wackelte Olga mit dem Kopf, "wenn Klara das wuesste: TV in the hut, oioio."

"Aha, er ist vom Subjekt zum Objekt mutiert - wie erfreulich. Und Dings?" erkundigte er sich vorsichtig, den Kopf nach hinten zuckend.

"Dings", kam es aus der angedeuteten Richtung, "geht es gut."

"Schoen", gab Roko zufrieden zurueck. "Wie weit sind wir?"

"Noch etwa 90 Minuten. uebernimmst du?" hielt Olga ohne auf die Antwort zu warten am Strassenrand. Sie fuhren auf einer Landstrasse, viel war um diese Zeit nicht los. "Meine Finger schlafen ein - und my ass erst!"

"Ol-ga!" schnarrte Roko noch mahnend, als sei Kim erst sieben, bevor er schnell ausstieg, ehe das verruchte Weib es sich anders ueberlegen konnte.

"So. Jetzt mal Tacheles: Oma Klara hat einen Banker als biologischen Vater angegeben", kam es von hinten, sobald sie Fahrt aufgenommen hatten. "Wie passt das?"

Roko machte einen Schlenker, fing den Wagen aber rechtzeitig genug, um einen Kaefer vorbeizulassen, von dessen Fahrer sie vornehmlich den mittleren Finger sahen.

"Ol-ga!" wiederholte der Fahrer, diesmal aus einer tiefen Grotte.

"Entschuldige mal, Klara war eine unverbesserliche Plaudertasche und als Student warst du nicht eben the Bank of America, mein damaliger Betthase aber schon. Dass er sterilisiert war, tat nichts zur Sache, der Skandal haette ihm karrieremaessig das Genick gebrochen, also hat er geblecht. Freiwillig - also gefragt hatte ich nicht, damit das klar ist. Kann auch sein, dass er mich ein wenig mochte, die Beziehung hat immerhin ueber dreizehn Jahre gehalten. Das Geld war fuer die Geburt und alles Rundherum, sowie zur Absicherung der ersten Zeit mit dem Kind, bis ich selbst verdiente. Versprochen ist versprochen; selbst Konfuzius haette eingesehen, dass es fuers Gemuet und alles andere besser ist, einen Banker zu melken als dessen Bank zu ueberfallen. Fuer mich selbst hab ich keinen bloody Penny von ihm genommen! Jawoll", schraenkte sie widerwillig ein, als haette es Einwaende gegeben, "er hat mir zum Anfangskredit meines Geschaeftes verholfen, aber hochoffiziell, habe ich mit Zins etcetera zurueck bezahlen muessen und wollen. Niemand gab damals einem weiblichen Nobody einen Kredit - auch heute uebrigens nicht, moechte ich wetten. 'Jetzt mal Tacheles', hat Klara immer gesagt", drehte sie den Kopf muehsam nach hinten, mit den Beinen ging das offenbar leichter. "Wir wussten: sie kann das, und ich kann was anderes. Klara hat darauf bestanden mit offenen Karten zu spielen, sonst waer ich gerne oefters als 'Tante' vorbeigekommen. Was soll ich sagen: 'Es tut mir Leid'? Es war die beste Loesung, verdammt!"

"Also bin ich doch?" brachte Roko endlich hervor. Es klang nicht traurig.

"Ist mir zu hoch", war Kim mit dem Thema noch nicht durch. "Warum hat der Banker meinen Bruder in seiner Bank aufgenommen und gefoerdert? Was hatte er davon?"

"Oh", machte Olga. "Ich hatte ihn darum gebeten. Woher weisst du? Das hat nicht einmal Klara gewusst, die in solchen Dingen heikel war und ungern um Gefaelligkeiten bat. Top secret."

"Ha!" machte ihre Enkeltochter im gleichen Tonfall. "Bis eben gerade top secret - gut geraten."

"Reingefallen", murmelte Olga halb zu sich selbst, belustigt vor sich hinkichernd.

"Da wir schon beim Ausplaudern von Geheimnissen sind", warf Roko zwischen den beiden, wie um anzudeuten, dass er ja auch noch da waere. "Was ist eigentlich passiert zwischen dir und diesem Mike? Was Schlimmes?"

Die ihnen bereits bekannten Schlafgeraeusche ihrer Enkeltochter klangen zu ihnen herueber.

"Denn eben nicht", zuckte der Fahrer die Achseln.

"Liebe Tante", ergaenzte Olga elisabethhaft, ebenfalls die Schultern hochziehend.





VI. schraeglage

Die Huette hatte beim Runterrutschen eine breite ungleichmaessige Schneise gerissen; es sah aus, als haette ein Riese jauchzend sein Alter vergessen und waere seitlich heruntergerollt: ein oder zwei ausgewachsene Baeume im Wege und anstatt Baumstaemme die urspruenglichen Baumarktlatten und das Haeuschen haette es nicht so kompakt ueberstanden. Wozu war man Tischler? Zum Hinabklettern des halbsteilen Hanges, der jahrelang vom Geschwisterpaar als Riesenrutsche benutzt worden war, brauchte das Trio wesentlich laenger: die teils versteckten Krater und Wurzeln, der Matsch, das Alter der Senioren und Kims fehlende Kondition.
Es war fast Mittagszeit, als sie die Huette betraten. Sie fanden beide Maenner wohlauf, wenn auch verkatert in ihren Betten vor. Mike war sofort hellwach und spielte erwartungsgemaess das Unschuldslamm. uebergangslos fing Kim an, seine Sachen zu durchsuchen, seine monotone Einwuerfe: "Aber Tiara, was suchst du, Maeuschen?" ignorierend.

"Behalte das Objekt bitte im Auge!" ordnete das Maeuschen an, bevor sie sich nach oben begab. Anhand des Gepolters konnten die Senioren und die junge Maenner exakt verfolgen, in welchem Teil sie sich gerade aufhielt - es hoerte sich an, als wuerde sie nachtraeglich einen Zustand herstellen, der sich eher fuer einen zunftigen Bergrutsch ziemte. Nach knapp vierzehn Minuten kam sie langsam die Treppe wieder herunter, schneeweiss und knittrig im Gesicht. Es war zuviel.

"Kim", machte der Bruder sanft. "Du solltest dich hinlegen. Bitte!"

"Und was ist mit dem" - ihr Kopf deutete auf Mike - "da?"

"Wir passen auf!" versicherte Olga. "Ihr habt hoffentlich den Schluessel fuers Gaesteklo nicht verloren?"

"Na, hoer mal", fing Mike, der sich bis dahin eher zu amuesieren schien, an sich zu wehren: "Darf man fragen, wer oder was Ihnen das Recht gibt...?"

Weiter kam er nicht. Beim Klang seiner Stimme baeumten sich Kims Lebensgeister auf, spontan drehte sie dem Ex den Arm auf den Ruecken und bugsierte ihn unsanft ins Gaesteklo; vor ueberraschung ging Mike fast freiwillig mit.

"Er hat bestimmt alles geloescht, aber sucht ihr bitte weiter und ueberlegt, wo er sein iPhone versteckt haben koennte?" bat sie kraechzend, bevor sie sich auf der Couch in eine Decke einrollte und die bereits bekannten Schlafgeraeusche von sich gab.

Die alten Leutchen sahen von sich auf Kim und dann wieder zurueck.

"Was hast uns fuer eine Enkeltochter besorgt, sag mal?" wollte Roko mit erhobenen Augenbrauen wissen.

"Tu nicht so, als wuerde sie dir nicht gefallen", erwiderte sie glucksend. Sie wandte sich dem Bruder dieser Sensation zu: "Wir suchen sein iPhone. Wo war er, wenn ihr nicht beisammen ward: draussen, aufm Dach, Luft schnappen?"

Der schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn: "Stimmt, ist immer freiwillig Holz holen gegangen, obwohl er laut Kim noch fauler ist als ich. Soll ich Ihnen zeigen, wo...?"

"Nix", fiel Olga dem jungen Mann ins Wort. "Quetsch deine Matratze vors Gaesteklo und schlaf dich aus. Deine Schwester macht aus uns allen Kleinholz, wenn der entschluepft - erst brauchen wir das Dingsbums. Und hier wird geduzt, klar: we are family. Have a nice nap." Und zu Roko gewandt: "Kommst mit, Alder?"

Sie fanden das iPhone in einem Gefrierbeutel hinter einer losen Platte rechts neben der Huette, hatten dieser Ecke besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da dort offenbar das Holz gehackt wurde. Leider war es gesperrt. Nicht sonderlich technikaffin beschlossen sie im Esszimmer zu warten, bis die Geschwister zu Ende geschnarcht hatten. Sie selbst waren ausgeschlafen und hatten Zeit.

Dachten sie, bis es dezent an der Tuer klopfte. Konsterniert sahen sie sich an und beeilten sich, zu oeffnen und die Tuer von aussen hinter sich zu schliessen, bevor das Objekt auf dem Klo aufmerksam werden konnte.

Es waren zwei Polizeibeamte, die nach dem Rechten schauen wollten, korrekt mit Gesichtsmasken ausgestattet: "Wir haben die Autos gesehen, das muss ja eine tolle Talfahrt gewesen sein. Alles in Ordnung bei Ihnen?"

Die Maskierung brachte Roko auf die Idee, sich mit vollem Namen und Titel vorzustellen, bevor er die Frage wahrheitsgemaess antwortete:
"Nicht ganz." Einen warnenden Zeigefinger vor den geschuerzten Lippen, entfernte der Gelehrte sich ein wenig vom Hause - fast auf Zehenspitzen trippelte das uniformierte Paar respektvoll rueckwaerts, darauf bedacht, den zwei 2-Meter-Abstand nicht zu veringern. Roko, dem das verraeterische Zucken um Olgas Mundwinkeln nicht entgangen war, beeilte sich zu erlaeutern, er sei im Auftrag der Corona-Gruppe unterwegs. "Ich habe einige Virusproben der in unserer Klinik liegenden Franzosen mit dabei, soviel darf ich verraten, stand ja in allen Zeitungen. Es waere gut, wenn sich dennoch alle sicherheitshalber fernhalten wuerden - wir haben alles, was wir brauchen. Ach, und vielleicht verstaendigen Sie das Muenchner Klinikum: ich kaeme zeitnah - meine Enkelkinder sind unerwartet aufgetaucht. Danke!"

Begeistert salutierten die Beamten, machten auf dem Absatz kehrt und kraxelten zuegig den Hang wieder rauf, kein Zweifel daran lassend, dass alles bis aufs i-Tuepfelchen ausgefuehrt werden wuerde. Aber zackig.

Das war zuviel fuer Olga, mit fliegenden Haaren brachte sie die Tuer der Huette zwischen sich und der Aussenwelt, bevor sie in ein herzhaftes Gelaechter ausbrach. Fast haette sie Kim umgerissen, die widerwillig schmunzelnd wissen wollte, was los war.

Roko, der langsamer gefolgt war, hoerte sich kopfschuettelnd die Version von Drama Queen Olga an.

"Virusproben?" hob Kim die Augenbrauen. "Was die Leute alles glauben, wenn jemand mit einem Titel wedelt."

Der Professor verwahrte sich gegen die Unterstellung, gelogen zu haben. "Im Alukoffer sind tatsaechlich Proben der Franzosen, die bei uns liegen, Muenchen moechte sie mit den bereits vorhandenen vergleichen. Schon mal von Mutationen gehoert? - uebrigens, hast das gesucht?" hielt er ihr wie ein Magier das Smartphone hin. "Leider gesperrt."

Nach kurzer Inspektion stellte Kim fest, dass das iPhone nur via Fingerabdruck zu entsperren war. "Mikes Fingerabdruck, um genauer zu sein - ich entsinne mich, ihn ein paarmal dabei beobachtet zu haben. Kein Problem", setzte sie mit glitzernden Augen hinzu, "wir tun ihm etwas in den Wein."

Olga nahm erfreut das Woertchen 'wir' zur Kenntnis, waehrend Roko wieder mal mit dem Kopf wackelte und anfing, an seinen Fingern abzuzaehlen: "Das waeren dann bloss mal eben unerlaubtes Parken, Koerperverletzung, Freiheitsberaubung, Diebstahl, Vergiftung..."

"Und?" unterbrach Olga seine Liste. "Gib her, ich mach's rein - I'm too old to get eingesperrt anyway."

"'Locked in' waer der korrekte englische Begriff - ausserdem sperren die auch Hunderjaehrige ein", half Roko herablassend.

"Weet ick", konterte sie. "Wollte erstens eine Verwechslung mit dem Coroner Lockdown vermeiden, zweitens moegen auch Polizisten aeltere Frauen lieber, euch alten Maennern ist es ja gelungen, euch zu blossen #Boomer zu degradieren."

Der Enkeltochter dieser Streithaehnen fiel es sichtlich schwer, ernst zu bleiben: "Ihr seid unmoeglich, wirklich. Das Zeug ist im Bad oben, geschmacksneutral und fast ewig haltbar, Klaras letzte Wochen waeren ohne sehr schmerzhaft gewesen." Beim letzten Satz musste sie ihre Stimme heben, um den Krach des Klo-Objekts zu uebertoenen.

Sie sahen sich an.

"Aufs Klo will er bestimmt nicht", riet Olga. "Rauslassen und fesseln! Was ist mit den Autoschluesseln, sind sie an einem sicheren Ort? Die naechste bewohnte Behausung ist eine gute halbe Stunde mitm Auto, wenn man weiss, wohin, auch zu Fuss schafft der das nicht ohne Ortskenntnisse und gutes Schuhwerk - zumal es hier im tiefsten Wald in wenigen Stunden dunkel wird."

Kims: "Woher weisst du?" wurde von ihr Bruders: "Lasst uns erst mal gescheit fruehstuecken!" zugedroehnt, der unten an der Treppe stand und elend verhungert aussah.

Fruehstueck gab es etwas spaet um 13 Uhr, dafuer umso reichlicher. Weil er zuerst eingetrudelt war, schien Daniel sich als Gastgeber zu betrachten und musste viermal hin und her: sobald etwas leer war, verschwand er in der Kueche und kam mit irgendwas anderem wieder. Mikes Knoechel waren vorsichtshalber mit Nylonstrumpfhosen an den vorderen Beinen seines Stuhles festgebunden.

"aehem", glaubte das Objekt/Subjekt, protestieren zu muessen. "Euch ist hoffentlich klar, dass das ein Nachspiel haben wird? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei hier sein wird, eine Reihe von Freunden wissen genau, wo ich bin und duerften sich allmaehlich Sorgen machen."

Niemand lachte.

"aehem" aeffte Olga ihm nach, "ich weiss nicht, wie ihr das sieht, aber ich moechte in Ruhe zu Ende speisen - wir koennten eventuell vorhandene Krachmacher ja wieder einfachheitshalber irgendwo einsperren..."

Darauf hatte der Krachmacher offenbar keine Lust, was zu der eigenartigen Stimmung am Tisch passte. Sie waren ausgesucht hoeflich und doch extrem verfressen - wie Komoedianten auf einer Kindergeburtstagsparty. Nur Olga schien sich zusaetzlich ueber irgendwas koestlich zu amuesieren, zappelte, kicherte und trat wahllos unterm Tisch, was ihr von allen Seiten unwirsche Blicke eintrug - selbst von Mike, der demonstrativ stumm neben ihr sass, um keinen Rausschmiss zu riskieren. Hin und wieder stand die alte Frau auf und taenzelte mit Weinglas oder Weinflasche zur Kueche und wieder zurueck.

"Olga", machte Roko vorwurfsvoll.

"Jawoll, Herr Professor - was kann ich armselige Sterbliche fuer Eure Hochwohlgeborene tun?"

"Eventuell solltest du deine Trinkgewohnheiten ein wenig ueberdenken?" schlug der vor. "Der Wein hat jede Menge Zucker und..."

"Du hast ja sooo Recht," unterbrach sie kichernd. "Prost, Kinners, auf alle abwesende Zuckerruebenbauer des Hohen Nordens!"

"So!" schien Olga die eigenen Possen beenden zu wollen, als alle sich satt gegessen hatten und dennoch sitzen blieben. "Ich stelle hiermit fest, dass das Objekt sich nach wievor weigert, den Standort seines Dingsbums zu verraten, und waer dafuer, wir raeumen ihn erneut aufs Klo. Was haltet ihr davon? Alle, die nicht die Hand heben, werden mit ihm eingesperrt."

"Das war wohl wieder ein Wort mit X", verkundete Daniel, als sie sich nach dem Abwasch, diesmal ohne Mike, alle um den Esstisch wiederfanden. Er setzte nach einem Blick in Olgas Richtung troestend hinzu: "Nicht weiter schlimm, kann ja nachher eine Flasche Rotwein ins Klo schmuggeln, zusammen mit einigen Decken und Kissen - immerhin waren wir mal gemeinsam auf einer einsamen Insel, vielleicht vertraut er mir."

"Wieso?" wollte Olga wissen.

"Die Decken? Soll kalt werden heutnacht."

"Meinte das Wort mit X - 'nix' nehme ich an? Denkt ihr wirklich, er ist so bloed und trinkt etwas anderes ausser Wasser direkt aus der Leitung oder nascht auch nur ein Stueckchen Butter, ohne dass wir vorher daran geleckt haben?"

"Will heissen?", fragte Roko ungeduldig. "Klartext, bitte, Olga - die jungen Leute moechten bestimmt noch Schlaf nachholen."

"Will heissen, dass offenbar niemandem aufgefallen ist, dass der Rotwein meine Lippen allenfalls ein wenig nass gemacht hat, ich mag das suesse Zeug naemlich nicht", versuchte die alte Frau, nicht allzu triumphierend auszusehen. "Die rote Bluse war eine glueckliche Fuegung."

"Reicht die Menge?" verstand ihre Enkeltochter als erste. Und dann: "Deswegen haettest mich nicht staendig treten muessen. Echt!"

"Klar reicht's. Das Objekt braucht einstweilen weder Decken, Kissen noch Nylonstrumpfhosen. Lass uns aber sicherheitshalber warten, bis er vom Klo runterfaellt, okay? Ach, war das dein Bein?" grinste sie Kim spitzbuebisch zu. "Bisschen vom Wein musste ich ja unauffaellig verschwinden lassen, die besoffene Zappelei und Treterei war eine gute Ablenkung."

Kim schien nachzudenken. "Stimmt, er war zum Schluss noch droeger als sonst, ist sogar ohne Widerspruch aufs Klo gegangen. Weckt mich wenn es rumst, bitte. Hast gut gemacht", setzte sie widerwillig hinzu, bevor sie gaehnend aufstand und sich ohne weitere Worte auf ihren Stammplatz auf der Couch einrollte. Und weg war sie.

"Kannst du das auch?" wandte Roko sich mit erhobenen Brauen an den Bruder dieses Einschlafwunders.

"Nein", musste der neidvoll zugeben. "Aber Vorsicht, sie hoert auch im Schlaf noch zu."

"Du selbst siehst aber nicht muede aus?" versicherte sich Olga hoffnungsvoll.

"Bin putzmunter. War nicht eine Woche im Keller eingelocht."

Mit einem klickenden Geraeusch ihres Gaumens verschwand Olga nach oben und kam mit vier Fotoalben wieder: "Ehrlich gefunden!"

Erst nach einer Viertelstunde hoerten sie es nebenan rumpeln und eilten hinaus, Kim, deren Ohren offenbar tatsaechlich auf Dauerempfang waren, im Schlepptau.

Der Inhalt von Mikes iPhone war nichtssagend. Sein Bekanntenkreis war zwar gross, Kim stellte aufschnaubend fest, dass er ihre Freunde nahtlos in Gruen uebernommen hatte, chatten oder einfach Emojis austauschen war aber nicht drin. Nicht einmal mit seiner Schwester. Seine letzte halbwegs persoenliche Nachricht ging an die Putzfrau, die er grossspurig Haushaelterin nannte und einmal im Monat reinschaute: vor fuenf Wochen hatte er sie fristlos gekuendigt mit der Aufforderung, seine Schluessel binnen 24 Stunden in den Briefkasten zu werfen. Die restlichen betrafen Leute, denen er Geld schuldete und entweder vertroestet oder abgewimmelt hatte. Keine persoenlichen Notizen, keine Fotos. Nur Termine mit mysterioesen Abkuerzungen. Nicht einmal Geburtstage. Die letzten anonymen Nachrichten an Kim waren unauffindbar, aber im Grunde nicht mehr notwendig.

"Mit sowas warst zusammen?" sah Daniel seine Schwester verbluefft an. "Ein Katalog mit Unterwaesche fuer Menschen im fortgeschrittenem Alter stell ich mir spannender vor."

"Nicht so voreilig, junger Mann", nuschelte Olga, ihre rote Bluse mit beiden Haenden seitlich aufreizend langsam glatt streichend, Rokos Augenrollen zum Trotz.

Kim, die neben ihrem Bruder sass und lautlos mitgelesen hatte, sah ihren Bruder indigniert an. "Hoerst auch mal zu, wenn man mit dir redet? 'Ein Stoffel', habe ich monatelang vergebens versucht dir einzubleuen, oder hast ihn zum Begucken von Omastrapsen nach Bayern mitgeschleppt?"

Der hob die Haende uebern Kopf: "Okay, krieg dich wieder ein, er ist wohl nur charmant, wenn er was will - bin auch auf ihn reingefallen."

"Lasst uns wie andere normale Leute nachts schlafen und den Kaiser" - Kim sah auf den selig dahinschlummernden Stoffel, den sie auf drei Stuehlen verteilt hatten - "wieder auf den Pisspott setzen, wo er hingehoert".

"Der kaiserliche Vergleich hinkt", beanstandete Olga. "Nicht der Fischer war der uebeltaeter, sondern seine Fru. Was hast du vor, o holde Ilsebill?"

"Gute Nacht."

Es dauerte, bis der Pisspottkaiser wach wurde; diese Zeit nuetzte Kim wie immer horizontal, waehrend die Oldies mittels Fotoalben und Daniel ihre grosselterlichen missing pieces eingesetzt bekamen.

Rokos Interesse fuer Kindheit und Jugend des einzigen Sohnes und der einzigen Enkeltochter war nicht geringer als das von Olga, aber irgendwann war sein Speicher voll. Gaehnend erkundigte der Opapa sich nach Kims Lieblingsgericht und wurde sofort hellwach nach den zusaetzlichen Hinweisen vom Gaertner Daniel, nicht nur genuegend Tomaten, Karotten, Zwiebel und Kraeuter aus Salten mitgebracht zu haben - im Vorratsraum waren reichlich Rinderfleischdosen, die nur minimal abgelaufen waeren. Haendereibend verschwand der alte Mann in der Kueche.

Nachdem die Tomatensosse eine Weile sanft vor sich hingebrutzelt hatte, gesellte Kim sich zu ihm, schnueffelte und machte: "Hm hm."

"Ich kann das", versicherte Roko, als ihm klar wurde, dass sie hier Wurzeln schlagen wollte.

"Stoer ich?" Es klang nicht besorgt. Roko bedankte sich im Stillen bei seinem Sohn: mein Gott, er hatte einen Sohn! -, der es offenbar nicht versaeumt hatte, seine Kinder mit Selbstbewusstsein zu versorgen.

Er machte sich nicht die Muehe zu antworten, schmeckte die Sosse ab, dabei schmatzende Geraeusche von sich gebend. "Hm, ausser stundenlang Koecheln fehlt wieder was." Er tauchte einen sauberen Loeffel in die Sosse, ihn nach ausgiebiger Pusterei Kim hinhaltend: "Mund auf!"

Sie gehorchte, schmatzte nun ihrerseits, den Kopf schraege haltend, wie ein lauschender Vogel: sie war seine Enkeltochter und wunderschoen - wie bald wuerde er wieder Gelegenheit haben, das festzustellen? "Nun?"

"Etwas Zimt."

Er klatschte sich an der Stirn. "Genau! Ich versuche seit Jahren, das Gericht nachzukochen und kam einfach nicht darauf." Er schaute sich im Gewuerzfach um, fand, wuerzte und probierte. "War auch mein Leibgericht, konnte meine Frau perfekt kochen, was vor allem dann geschah, wenn ich kurz vorm Umkippen war. Zimt also, danke."

Sie hatte ihn mit der gleichen unverfrorenen Aufmerksamkeit begutachtet wie er sie. Sie laechelten sich zu.

"Wie haettest du als junger Vater reagiert, mal ehrlich jetzt?"

Er seufzte, verstand sofort. Die Frage war ihm staendig im Kopf herumgespukt, seit er von seinem Sohn erfahren hatte. "Die Hexe hat nicht Unrecht. Ich habe Olga uebrigens via Elisabeth, meine Frau, kennengelernt" wich er scheinbar aus.

"Elisabeth? Mochte sie keine Spitznamen?"

Er laechelte erneut: wer ausser seinem eigenen Fleisch und Blut konnte eine solche Frage stellen - nicht einmal Elisabeth hatte ihn das je gefragt. "Doch, aber ich nicht. Sag bloss", weitete sich sein Laecheln zu einem breiten Grinsen, "du auch nicht?" Ohne ihre Entgegnung abzuwarten, setzte er seine umstaendliche Antwort auf ihre Frage fort: "Beim Studium in Berlin hatten sie sich von Anfang an ein Zimmer geteilt und wider Erwarten ausgezeichnet verstanden. Zwei so gegensaetzliche Frauen habe ich selten kennengelernt. Elisabeth war eine dieser stillen, wenn auch keineswegs grauen Maeuschen, die immer irgendwo im Hintergrund sitzen und lesen oder naehen; am liebsten haette sie gestrickt, wollte aber die Gespraeche nicht stoeren. Das genaue Gegenstueck von Olga also, die gerne ihre Mitmenschen herumschubst - natuerlich zu deren Besten. Unsere Vermaehlung war ein gutes Beispiel, denn obwohl Olga an meiner Frau hing wie an einem Gluecksbringer und sie hinterher sehr vermisst hat, was sie nie im Leben zugegeben haette: ohne Olgas Unterstuetzung oder besser Einmischung haette Elisabeth ihr Studium nie hingeschmissen."

Er war nicht untaetig gewesen, hatte den Wasserkocher gefuellt und eingeschaltet und den kleineren Topf mit Tomatensosse auf die kleinste Platte geschoben. Er sah sie fragend an.

"Weiter", machte sie nur.

"Du willst wissen, wie es dazu kam - es war tatsaechlich ein Ausrutscher. Elisabeth war fuer einige Wochen nach Hause gefahren, um die Hochzeit vorzubereiten - sowas liegt mir nun mal nicht, und sie war froh, es mir recht machen zu koennen. So war sie halt. Ihre Familie hatte urspruenglich was anderes fuer sie geplant: Studium und dann Beamte, und sie selbst hatte nie etwas dazu gesagt, also geschah es. Tja, Eltern, Grosseltern, Tanten und Onkel - alles Beamten..."

"War es damals nicht ueblich, alles hinzuschmeissen, sobald ein Mannsbild ernste Absichten hatte?" Sie entnahm einer seitlichen Kammer einen Topf, kippte das broedelnde Wasser rein und fuellte den Kocher erneut und fing an das Dosenrindfleisch kleinzuschneiden.

Roko schaltete die zwei Gasflammen darunter an, es war ein Trumm von Pott. "Schon. Wie soll ich sagen? Sie war nie gerne Student gewesen, konnte weder mit ihren freigeistigen Gleichaltrigen noch mit den Blaustruempfen etwas anfangen. Und doch haette sie die fehlenden Semester alle zu Ende studiert und auf mich gewartet. Olga fand das selten daemlich und sagte es auch, hat sich Weihnachten bei Elisabeth untergehakt und das mit deren Familie gedeichselt. Einfach so. Du haettest mal erleben sollen, sie erleichtert und froh Elisabeth danach war, seither war sie komplett auf Familienleben und Kinder eingestellt, und vor allem waehrend unserer ersten Ehejahren war sie uebergluecklich. Mit Emanzipation hat das nichts zu tun, so war sie halt."

"Und dann?"

"Fuenf Fehlgeburte." Er musste schlucken, die Emotionen, die bei diesen zwei Worten hochkamen, wegdraengen.

"Tut mir Leid. Adoption?"

"Adoptieren kam fuer sie nicht in Frage, sie war der Ansicht, es wuerde ihr bei 'fremden' Kindern an Bauchgefuehl fehlen und sie klaeglich versagen: eine halbe Mutter wollte sie keinem Kind zumuten. Hab mein Bestes gegeben, ihr das auszureden - nix zu machen. Aber zurueck zum Thema: Elisabeth war scheusslich eifersuechtig, nur auf Olga nicht - zu der hatte sie restlosem Vertrauen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Olga jemals verziehen haette." Er zoegerte, bevor er leise hinzusetzte: "Oder mich."

"Wie kam es dazu?"

Er zog die Schultern hoch. 2Wir waren eine kleine Gesellschaft und einige von uns hatten endlich das begehrte Diplom in der Tasche. Fast alle waren blau, ich erinnere mich nur noch an Fetzen und habe Jahrzehntelang geglaubt, ich haette es nur getraeumt. Verdammt, man hat Olga nicht das geringste angemerkt, sie war Wochen spaeter Brautjungfer und ist in all den Jahren immer fuer Elisabeth dagewesen. Hab sie nach jeder Fehlgeburt heimlich angerufen, weil sie als einzige in der Lage war, sie zu beruhigen."
Er griente geniert, bevor er zugab: "Ja, Eure Ehren, Olga hat es mir, uns allen leicht gemacht - es stimmt." Er hob eine Hand, als sie etwas einwenden wollte: "Und nochmal ja, du hast Recht, auch sich selbst. Leugnet sie ja gar nicht - uff, wer haette gedacht, dass ich die olle Nervensaege mal verteidige?" Der aeltere sah seine Enkeltochter offen an: "Du bist das Schoenste, was mir seit langem passiert ist, und es tut mir unendlich Leid, deinen Vater, meinen Sohn, nicht gekannt zu haben. Und ein drittes Ja, ich glaube, im nachhinein haette auch Elisabeth sich gefreut. Kannst du damit leben?"

"Er ist wach!" platzte Daniel in das Gespraech. "Deswegen bin ich aber nicht hier, wenn ich ehrlich sein soll. Im ganzen Haus duftet es himmlisch, und wenn nicht bald etwas geschieht, garantiere ich fuer gar nichts und fang an zu singen!"

Statt zu antworten fing seine Schwester auf diese Drohung sofort an, den Tisch zu decken, worauf Daniel sich haendereibend daranmachte, ihren Gast aus dem Klo zu befreien. Als alle mit dreiviertel geleerten Teller um den Tisch sassen und schmatzten, platzierte Kim ihre Bombe so emotionsfrei auf den Tisch, als verkuende sie, einen Job ergattert zu haben, der zwar doof ist, aber wen kuemmert's:
"Einer von den hier Anwesenden wird diese Huette nicht lebendig verlassen."

Eine Weile sagte niemand etwas. Sie assen weiter, als wuerden sie das eben Gehoerte ueber den Gaumen pruefen wie ein exotisches Gericht.

"Aha", gab Olga als erste ein Lebenszeichen von sich.

"Hm", schloss sich Roko sofort an.

"Und warum, wenn ich fragen darf?" forschte Daniel, leicht verbittert darueber, seine Verdauung so mitten drin gestoert zu bekommen.

"Genau!" stuerzte Mike sich auf diese erste vermeintlich zu seinen Gunsten vorgebrachte Einwand. "Ich habe dir nichts getan, der kleine Scherz im Keller war von dir ausgeknobelt und urspruenglich mir zugedacht gewesen." Er holte Luft: "Schoen uebrigens so nebenbei zu hoeren, dass deine sogenannte Amnesie sich verfluechtigt hat, aber wenn du glaubst..."

"Was fuer einen kleinen Scherz?", schnitt Olga ihm mit arktischer Kaelte das Wort ab.

Kim erklaerte es in wenigen Worten, Gesicht und Koerper voller Abwehr, aber entschlossen es hinter sich zu bringen. Sie setzte kraechzend hinzu: "Mein Scherz sollte das Weekend nicht ueberdauern, nicht mal zwei Tage also - und nicht eine ganze verdammte Woche!"

"Dir haben wir es also zu verdanken", brachte Daniel, der kreidebleich geworden war, "dass Paps gestorben ist? Du hast gewusst, der ist krank und haust trotzdem ohne ein Wort ab, du Arschloch!"

"Hat er von deiner Weinallergie gewusst?" wollte der Mediziner schmallippig wissen.

"Ja doch", beeilte sich Mike, weiteren Beschuldigungen zuvor zu kommen. "Aber woher haette ich wissen sollen, dass kein Wasser im Keller ist?" argumentierte er wie ein Geschaeftsmann mit den besseren Karten.

"Du denkst wohl, mir ist die Verwanzung der Kellerraeume entgangen?" schoss Kim zurueck. "Keinen Schritt, keine Bewegung konnte ich machen, ohne dass du's erfahren hast. Und zwar nicht nur im Keller, sondern seitdem du eingezogen warst."

"Beweise es!" sprang Mike trotz Fesseln auf die Fuesse, triumphierend auf sie heruntersehend wie eine Goetze.

"Setzen!", bellte Olga, ihn gleichzeitig einen Stoss versetzend, dass er ohne Wand mitsamt Stuhl hintenueber gekippt waere. "Mir reicht das Wort meiner Enkelin. Menschen, die in ihrem Adressenbuch blosse Initiale und keine Geburtstage fuehren, sind mir suspekt!"

"Dito!" sekundierte Roko.

"Genau!" kam es fast gleichzeitig von Daniel.

"Was?" lachte Mike falsch auf. "Ihr habt mein iPhone also gefunden und geknackt. Das wird euch teuer zu stehen kommen - was wollt ihr machen: mich in einen Gletscher schubsen, oetzi der Zweite oder was?" Er lachte nochmal, diesmal laenger, wie um zu zeigen, dass er es konnte.

"Covid 19", sagte Kim nur.

Olga, Roko und Daniel starrten sie an, sich an und dann Mike an.

Der schien das als Aufforderung zu deuten. "Covid 19?", wiederholte er hoehnisch. "Ich soll also mit einem Virus gerichtet werden? Du hast sie nicht alle! Ich verlange, dass ihr sofort mein Smartphone rausrueckt und dann koennt ihr euch auf eine Anzeige gefasst machen, die seinesgleichen sucht!"

Roko sprach langsam: "Wir essen erst zu Ende. Dann macht ihr den Bloedmann etwas ordentlicher fest, aber bitte nehmt wieder alte Nylonstruempfe, deren Abdruecke verschwinden naemlich besser, und binde sie flach ueber die Kleidung", seine Anweisungen hoeflich und korkentrocken. "War eine ganze Reihe von Jahren in der Pathologie, fein, dass sich das mal auszahlt."

Mike sass fest wie in einem Kokon, als Roko die Treppe herunterkam und den Alukoffer auf den Tisch stellte. Der Professor liess sich Zeit bei der Suche und entschied sich schliesslich fuer eine graue, versiegelte Ampulle. "So. Der waer geeignet: sehr virenlastig, also schnell und gruendlich."

"Also, wenn ich fuer den Moerder meines Sohnes", Olgas Stimme klang seltsam bruechig: es war das erste Mal, dass sie ihren Sohn als ihren Sohn ausgab, "die Wahl zwischen schnell und gruendlich und langsam und schlampig haette, ich wuerde letzteres nehmen."

Rokos Augen wanderten von Olga zu seiner Enkeltochter, die beide pure Entschlossenheit ausstrahlten, achselzuckend beugte er sich erneut ueber den Koffer und tauschte stillschweigend die Ampullen aus. "So. Wir brauchen einen Plan, oder will jemand selbst mit dem da" - er schuettelte die Ampulle leicht - "in Verbindung kommen? Vorschlaege?"

Mike, der hoelzern von einem zum anderen guckte wie jemand, der sich in einem Alptraum waehnt, aber nicht sicher ist, meinte vorsichtiger: "Wie wollt ihr das Fehlen einer Ampulle erklaeren? Denkt ihr echt, ihr kommt damit durch? Das waere Mord, wenn es klappen sollte - ich kann ja auch ueberleben, bin jung."

Kim: "Wuerd mich an deiner Stelle nicht darauf verlassen. Vorteilhaft sind gute Gene, Gesundheit und Fitness, eine grosse Klappe eher nicht. Im Gegenteil."

"Oh, wie reizend", hatte Olga beide Brauen oben, "das Objekt macht sich unsertwegen Sorgen."

Roko war fuer Spaesse nicht in der richtigen Stimmung: "Das sind ausgesuchte Ultraproben. Ein Wattenstaebchen hier rein" - er hob die Ampulle - "und dann in die Nase, leider ziemlich weit hoch, aber keine Panik", beruhigte er Mike, "ich habe Erfahrung und bin vorsichtig. Reicht."

"Aber jedes Kind weiss doch, dass die diversen Mutationen ihren eigenen Stempel haben", beharrte Mike. "Kann man leicht bis nach Salten verfolgen."

"Das lass mal meine Sorgen sein", wurde Roko ungeduldig. "Koenntest du eine Weile die Klappe halten oder moechte seine Majestaet lieber wieder auf den Pott? Wir haben einiges zu bereden, bevor es losgeht."

Ruhig besprach die Gruppe, wer was zu tun hatte, waehrend Mike dasass, als haette er die Armen uebereinander geschlagen, eine Haltung, die ihm dank Perlonstruempfe nicht moeglich war. Dann sackte er weg.

"Nanu?" hatte Roko die Brauen wieder oben, Olga einen vorwurfsvollen Zeigefinger hinhaltend. "Hast du ihm etwa wieder was reingetan? Dass mir das nicht zur Gewohnheit wird."

"Nur ganz wenig", gab sie zu und erhob sich. "Wir koennen also in Ruhe packen, Spuren verwischen und derlei - macht man in Krimis so", belehrte sie.

Roko schien nachzudenken. "Du meinst, den Dummkopf infizieren und einfach hier lassen?" Den Kopf schraeg, starrte er fragend von Olga zu Kim: "Keine schlechte Idee, oder? Wir koennten alles Ess- und Trinkbare wegschaffen und das Wasser so abstellen, dass er es nicht wieder anmachen kann. Ausgleichende Gerechtigkeit nennt sich das." Er warf einen Seitenblick auf seine Enkeltochter: "Ob du ihm ein wenig trocknen Wein dalassen willst, bleibt dir ueberlassen. Geht das mit'm Wasser, Frau Handwerker?"

Es ging.

Es ging vor allem schnell, niemand schien laenger als notwendig bleiben zu wollen. Nicht einmal Daniel, dessen Traegheit wie weggeblasen war. Innerhalb einer Stunde waren sie startklar.

"Prima", aeusserte Stadtpflanze Olga, sichtlich erleichtert Mutter Natur verlassen zu koennen. "Alle einsteigen - soll ich fahren?"

"Nein!" kam es unisono von Kim und Roko.

"Tz", oeffnete sie die Beifahrertuer, den Sitz weit nach vorne verstellend, damit die junge Leute mehr Platz hatten. "Denn nicht, liebe Tanten!"

"Kim?" hielt Roko die junge Frau am aermel, waehrend der Rest einstieg.

"Ja?"

"Bist du sicher?"

"Soll ich es machen? Verstehe ich vollkommen, dir ist bestimmt dein Hippokratischer Eid im Wege." Sie schien die Frage erwartet zu haben, verzog ein wenig den Mund, bevor sie hinzusetzte: "Hab paar Semester Medizin studiert, bevor mir klar wurde, dass Holz mir lieber ist."

Er schuettelte den Kopf: "Das meinte ich nicht. Etwas mehr Vorbildung und vor allem Praxis ist manchmal nicht uebel, wenn spaeter nichts nachweisbar sein soll. Steig schon mal ein, bin in zehn Minuten wieder bei euch", setzte er mit fester Stimme hinzu.

Der Beschluss, Olgas Wagen zu nehmen, war alternativlos, Daniels Auto war einige Meter weiter den Hang heruntergerutscht und nicht von der Stelle zu bewegen - nicht einmal anspringen tat das schnittige Teil. Der junge Mann war vorher trotz Muedigkeit nochmal heruntergestelzt, geistig damit beschaeftigt, sich vor einer ganz anderen Aufgabe zu grausen, die ihm bevorstand: Werkstaetten anrufen, Preise vergleichen, feilschen, und mit geliehenen Autos hin und her fahren, um nach den Rechten zu sehen. Und das waehrend einer Pandemie.
Es war wie ein Abschied. Freiwillig hatte er fast im Alleingang alles Ess- und Trinkbare entsorgt - entweder ins Auto oder in die Natur. Wie besessen hatte er Olgas Wagen via platt getretene Kartons so nahe an der Huette wie nur moeglich manoevriert, die Monsteraufgabe um seinen Flitzer von sich wegschiebend. Diese ungewohnte Doppelbelastung - geistig und koerperlich - liess seine Kiefer unbeherrscht alle paar Minuten knacken.

"Der Bengel denkt daran, sich zu bewegen", pflegte Paps zu unken, wenn er die Gaehngeraeusche Daniels hoerte. "Wir sollten uns in Sicherheit bringen."

* * *

Den halben Rueckweg schwammen Daniels Gedanken in beinahe genuesslicher Selbstdestruktion, Annoncen verfassend wie:
"Neuwertiger E-Sportwagen guenstig abzugeben, liegt umstaendehalber an einem pittoresken Hang in Bayern, alles inkl. Ferien in einer rustikalen abgelegenen (geniessen Sie es, mal nicht Abstand halten zu muessen) Huette direkt daneben. Besichtigung und Abholung bitte eigenstaendig vornehmen, danke."
Unmoeglich.

Seine Schwester wuerde ihm nicht helfen, war derzeit weder gesundheitlich noch sonst in der Lage und hatte Paps immer ermahnt, dem Jungen nicht staendig zu pampern. Ja, Paps... erst jetzt traf ihn die Verlust eines Mentors und guten Freundes, der stets fuer ihn dagewesen war, mit voller Wucht. Mit halbem Ohr hoerte er zu, wie Olga versuchte, Kim - mein Gott, ja, war ja ein Maedchen, muss man helfen, klar - zum Bleiben in ihrem Haus zu ueberreden: die ungute Erinnerungen, der Keller, die Polizei, die dort gewiss oefters aufkreuzen wuerde.

"Keine Sorgen", wehrte seine tapfere Schwester etwas grossspurig ab. "Paps hat uns gut versorgt, das alte Haeuschen am Rande von Salten ist abbezahlt, so viel ich weiss, besten Dank."

Das war zuviel. "Vonwegen. Nichts Paps", ritt Daniel irgendein Teufel, "Olga hat uns all diese schoene Dinger besorgt. Eigentlich logisch, du muesstest eigentlich wissen, was eine Tischlerei finanziell so vermag und nicht, liebe Schwester. Du kannst also genauso gut zu ihr ziehen, ist gehuepft wie gesprungen."
Schweigen.

Dann, mit gepresster Stimme: "Woher willst du Trantuete das wieder wissen?"

Trantuete?! Er war nicht empfindlich und den Spitzen seiner aelteren Schwester gewohnt, aber sowas jetzt, wo er sich im absoluten Alarmzustand befand und dann noch vor Zeugen - das war zu viel.

"Aus dem Testament von Paps, stell dir vor", schnappte er. "Dort bittet er uns um Verzeihung, so lange geschwiegen zu haben - es hat sich halt so ergeben beziehungsweise nicht ergeben. Erwaehnt uebrigens auch eine groessere Summe, die er sich von deiner verschmaehten biologischen Grossmutter geliehen hat, als sich herausstellte, dass die biologische Mutter seiner kostbaren Tochter entschlossen war, dich abzutreiben."

"Moment", fiel ihm Olga ins Wort. "Er hat damals nicht gewusst, dass das Geld von mir stammte, meine Schwester hat es ihm erst sehr spaet verraten - kurz vor ihrem Tod, wenn ich richtig informiert bin."

"Halte bitte sofort an!" zischte Kim.

Klar doch. Sie fuhren auf der Autobahn, 'sofort' konnten sie knicken. Bei der naechster Auffahrt betaetigte Roko den Blinker.

"Nicht!" protestierte Olga. "Verdammt, Roko, sie ist noch lange nicht uebern Berg!"

Er bog ab.

"Bitte!" setzte Olga muehsam hinzu. Sie sass stocksteif auf dem Beifahrersitz, eine Hand an der Autotuer, als koennte sie so alle Tuere zuhalten.

"Sorry", Roko starrte stirnrunzelnd nach rechts bei den Geraeuschen des vergeblichen oeffnen der linken Tuer hinten. "Olgachen", machte er sanft. "Wie sagstest du, als es mit Elisabeth zu Ende ging: Loooslassen."

"Very funny!" schnaubte sie auf. "Mein ganzes Leben ist ein einziges Loslassen!" Wuetend entriegelte sie mit einem doppelten "Tock, tock" die Kindersicherungen hinten.

ueber hundertsechzig Jahre sassen vorne, ohne Worte, ohne sich zu bewegen, waehrend Kim mitsamt Rucksack ausstieg.

"Macht euch keine Sorgen!" kam es reuevoll von hinten, sobald ihre Gestalt grusslos davongeeilt war. "Ich lass sie nicht aus den Augen, versprochen. Was fuer ein beschissener Tag", setzte er entschuldigend hinzu, ebenfalls seinen Backpack umwerfend.

"Dein Auto macht dir Kummer?" heischte Olga, die sich waehrend Kims und Rokos Intermezzo in der Kueche mit dem jungen Mann unterhalten hatte. "Lass Papiere und Schluessel hier, mail mir eine Blankovollmacht und ich erledige das. Und melde dich bitte! Meine Nummer hast du ja."

Immer noch zu aufgebracht, sich auch nur umzudrehen, konnten die alten Leutchen hoeren, wie etwas auf den Ruecksitz abgelegt wurde: haette der Luemmel mit dem Testament nicht warten koennen, verdammt?!

"Danke, Olga!" kam es vom Herzen. "Bis die Tage!"

"Hast du ihm das beigebracht?" wollte der Fahrer wissen, als sie bereits eine ganze Weile dahinfuhren, als saessen sie in zwei verschiedenen Autos.

"Was?"

"'Bis die Tage!'", zitierte er, affektiert ihre kraechzende Stimme imitierend.

Ohne hinzusehen wuchtete sie ihm ihre mit einigen Flaschen Painkillers schwere Handtasche an der Brust. "Das erzaehl ich Elisabeth."




VII. versenk's in den teich

Salten ist eine schoene kleine Stadt. Wie tausende andere - etwas stiller wohl dank der kompletten Verkehrsberuhigung. Das Besondere waren die Saltener selbst. Welche Stadt kann das von sich behaupten - und wenn, spricht es eher gegen die Stadt oder fuer deren Bewohner?
Nicht dass Salten aeusserlich nichts zu bieten hatte. Ein harmonischer Cocktail aus Luebeck und #Utrecht, dem ein wenig San Francisco nicht schlecht taete: die Trams wuerden hier gut hinpassen. Das Alter war auch da, zusammen mit einer Geschichtstraechtigkeit, die einige Saltener veranlasst hatten, unterhaltsame Kinder- und Sachbuecher darueber zu schreiben, die sogar in den Schulen eingefuehrt worden waren.

Etwas Besonders war die Stadt durch einen Scheideweg geworden, die Entscheidung zwischen zwei kontraeren Wegen ist nicht uns Menschen vorbehalten. Bei Salten war es die Geschichte vom Huf:

Vor dem letzten Weltkrieg noch ein prachtvolles Schloss mit Tuermchen und Zugbruecken und schrulligen Schlossbewohnern, entfachte ein urspruenglich Hamburg zugedachtes Boembchen ein Feuer - lichterlohe Aufforderung genug fuer weitere Bomben, bis vom Schloss nur das U uebrig war, bald "Huf Saltens" genannt und imposant und altertuemlich genug, Denkmalschuetzer auf den Plan zu rufen. Selbst wenn oder gerade weil es der Stadt gehoerte - ein Geschenk des letzten kinderlosen Schlossherrn, der sich gewiss nicht hatte traeumen lassen, damit soviel Verwirrung zu stiften. Wie fast alles im Leben war es gut gemeint und sollte den Kulturguetern Saltens, die zu dem Zeitpunkt im alten verfallenen Museum vor sich hingammelten, einen wuerdevollen Rahmen verschaffen, ja - sie mittels Schlossinventar seiner Tanten vergroessern. Aus zuverlaessigen Quellen ist belegt, dass der kerngesunde Schlossherr nicht geplant hatte, vor seinen bedeutend aelteren drei Tanten zu sterben. Das entruestete Dreiergepann hatte dennoch nach dieser "Enterbung" testamentarisch bestimmt, ihre beweglichen Gueter in den verdammten Teich zu versenken oder ihrethalben an die Hamburgern zu verscherbeln, bloss - ins Schloss kam das Zeug nicht. Punktum. Angesichts der Verfuegung des Schlossherrn, mindestens siebzig Prozent des Schlosses kulturell belegen zu muessen, eine harte Nuss. Ohne Tantenerbe reichte die bewegliche Kultur Saltens nicht aus, auch nur einen Bruchteil der Raeume zu fuellen, waehrend Tanten-Inventar plus Schloss plus restliche Kulturgueter Saltens dem kleineren Staedtchen locker zu der Attraktion im Norden Deutschlands und darueber hinaus haette machen koennen.

Der Dauerstreit um diese 70% ging durch alle Schichten, durch einzelne Familien und hatte Salten irgendwann derart entzweit, dass nichts mehr lief. Es musste erst jemand sterben, um die allmaehliche Erkenntnis in Gang zu setzen, wegen nichts und wieder nichts jahrzehntelang Beziehungen aufs Eis, Freundschaften verleugnet und Verwandte ignoriert zu haben, die Einsicht, dass nicht nur einige, sondern alle Recht beziehungsweise Unrecht hatten und weder der Schlossherr noch deren Tanten etwas dafuer konnten. Niemand. Und diese Zeit war weg - was fuer eine Verschwendung! Das praegte. Aus dieser Zeit entwickelten sich die monatlichen Buergertreffs, die Neigung, ihre Angelegenheiten unter sich auszumachen, der Widerwille, fast Ekel vor Schreihaelse und Ellenbogenmentalitaet. Sie hatten am eigenen Leibe erfahren, wie man sich auf keinen Fall streitet. Vergass einer von ihnen es, wurde er mit einem Satz daran erinnert und zur Vernunft gebracht:
"Joeh, versenken wir's doch in den Teich!"

Bis Olga, das arme Grossstadtpflaenzchen mit den ewigen Prozessen, war es noch nicht durchgedrungen, daher konnte sie nicht anders als fragend gucken, als sie von Roko den Satz hoerte.

"Wie bitte?"

Geduldig erzaehlte Roko ihr die Geschichte vom Schlossherrn und deren Tanten.

"Ach so", aeusserte die alte Frau sich unglaeubig, als haette er ihr einen unsittlichen Antrag gemacht. "Deswegen also krieg ich hier keine Anwaelte?!"

"Wir Saltener sind der Meinung, unsere Angelegenheiten koennen und sollten wir unter uns ausmachen - sollte es mal nicht klappen, gibt es ehrenamtlichen Schiedsstellen, die in der Regel aus bewaehrten Familienoberhaeuptern ueber 80 bestehen, die regelmaessig hinterfragt werden. In den meisten Rechtssachen geht es den meisten Anwaelten doch bloss ums Geld und nicht ums Recht, wie gerade du eigentlich wissen solltest. Guck dir mal unser #Bundestag an und staune."

Sie sassen wieder mal beim koffeinfreien Kaffee ohne Kuchen, diesmal auf Olgas vorderen Veranda, vorschriftsmaessig durch einen grossen Tisch voneinander getrennt. "Wie bitte, ich soll ernsthafte Rechtsangelegenheiten vor sich hinsabbelnden Grufties ueberlassen? Hast du dein Hirn offen, mein Lieber?"

Klingeltoene ersparten dem Professor eine Antwort. Olga zog sich erfreut am Gelaender hoch, winkte und rief, als befaenden sie sich auf dem hoechsten Baum im #HambergerWald:
"Ist offen! Herein und heraufspaziert, Desinfektionsmittel und Masken sind unten!" Sie liess sich aechzend nieder und griff nach einer offenbar vollen Thermoskanne unter ihrem Stuhl. "Tee, eben gekocht", erlaeuterte sie ueberfluessigerweise. Sie war immerhin zweimal beim Geschwisterpaar zu Besuch gewesen, deren Zoo allerdings gewoehnungsbeduerftig war: Hunde, Huehner, Ziegen: nja, wer's mag. "Kim trinkt keinen Kaffee."

Fuer diese Jahrezeit war es viel zu warm, Olga erwog ernsthaft, den Sommer in Norwegen zu verbringen und suchte im Internet bereits nach passenden Immobilien. Sie hatte "the family", wie sie es entzueckt bei sich nannte, zusammengetrommelt, es ging um die Anzeige, die gegen Roko vorlag wegen versuchten Mordes, Koerperverletzung, Freiheitsberaubung, Verletzung einer Reihe von aerztlichen Fuersorgepflichten, Amtsmissbrauch, Untreue u.a.

Mike war nach seinem Bayrischen Abenteuer Hals ueber Kopf erst nach Salten und dann weiter nach Hamburg gefluechtet und hatte sich dort einen Rechtsanwalt genommen - ebenfalls aus Hamburg. Die Anklage ging ueber fast fuenf DIN-A1-Seiten und beschrieb Kopfschmerzen, Luftnot, totale Erschoepfung, Depressionen, Bewegungsstoerungen undsoweiter, die bis heute nicht verschwunden und chronischer Natur waren: der junge Mann war angeblich arbeitsunfaehig und auf eine stattliche Rente aus.

Olga war vom Hamburger Anwalt gewogen und als zu schwer befunden, die beiden Geschwister von Mike nicht einmal erwaehnt worden. Ein unbedarfter alter Professor mit weisser Weste hatte mehr zu verlieren, immerhin hatte er die eigens mitgebrachte "Tatwaffe" bei vollem Bewusstsein und Wissen gefuehrt, keine Kleinigkeit.

Natuerlich war Olga Feuer und Flamme, eine Gegenklage zu lancieren, was bei Kim auf hoefliche Aufmerksamkeit stiess, waehrend Daniel sich heraushielt.

"Lasst uns das ganze in den Teich fallen", brachte Roko das Saltener Motto zum zweiten Male an, bei den jungen Saltenern sofort eine Reaktion hervorrufend.

"Das sieht nach einem Gestaendnis aus!" wehrte sich Olga empoert. "Haben wir das noetig?"

"Wir?" wiederholte Roko amuesiert. "Euch ist klar, dass es dem Dummkopf nur ums Geld geht, der ist nicht nur pleite, er hat einige Glaeubiger am Hals, dem ich am hellichten Tag auf der Fussgaengerzone nicht guten Tag sagen wuerde. Alle Beteiligten waren zum Zeitpunkt in Salten gemeldet; sobald der Anwalt merkt, hier ist nichts zu holen, im Gegenteil, wird er ihn fallenlassen wie eine heisse Kartoffel. - Kim?" sah der alte Mann seine Enkeltochter direkt an. "Was moechtest du? Wir richten uns komplett nach dir" - er sah zu den anderen hin und zwinkerte - "Wir koennen das auch unter vier oder sechs Augen besprechen, wenn dir das lieber ist."

Olga oeffnete den Mund wie zum Protest, hob die Schultern und klappte ihn wieder zu. Ihre Enkelin sah es und verzog den Mund, schien auf irgendwas zu warten.
"Okay okay, I'm gone", erhob die alte Frau sich schliesslich wuerdevoll. "Werde uns inzwischen einen hervorragend frischen Tee kochen - der hier ist ja total abgestanden."

Um Kims Mund zuckte es: "Der Tee schmeckt hervorragend. Setz dich wieder, bitte, Olga."

"Oh!" gehorchte diese sofort, von einem Ohr zum anderen grinsend. "Andrerseits kann ich auch hervorragend die Klappe halten."

"Wenn ich daran denke", kam Kims bruechige Stimme nach einer Weile so leise, dass alle sich unwillkuerlich vorbeugten, "dass ein klares Wort von mir gereicht haette und Paps waer noch am Leben. Egal wie unerfreulich fuer beide, dafuer aufrichtig: scher dich zum Teufel, du Arschloch! Aber nein, ich musste mich unbedingt raechen, ich Idiot!"

"Nein, Kim", widersprach Roko ruhig.

Sie hob abwartend die Brauen: Skepsis mit einer gehoerigen Prise Bereitschaft, sich ueberreden zu lassen.

"Ich habe mir die Krankenakten kommen lassen und mit den behandelnden Kollegen gesprochen: seine Lungen waren schon vorher nicht zu retten. Das Suchen nach dir hat ihn allenfalls abgelenkt; und wem schon einmal die Luft ausgegangen ist, weiss, wie unangenehm allein die staendige Angst davor ist - das ist ihm erspart geblieben. Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium ist unheilbar, Kim, zumal bereits damals Metastasen da gewesen sein muessen, spaetestens nach zwei Monaten waere es aus gewesen. Allerspaetestens. Bei optimalsten Bedingungen. Du hast ihn besser gekannt: haette er sich einige Organe rausschneiden lassen, um aus sich weitere Wochen Armseligkeit herauszuwuergen? Ich, ehrlich gesagt, nicht."

Roko holte Luft, als er sah, dass Kims Brauen sich zwar etwas gesenkt hatten, ihre Zweifel jedoch nicht. "Er war mein Sohn und ich bin letztendlich Wissenschaftler, daher wollte ich es genau wissen, besonders seine letzten Tage interessierten mich, also habe ich nicht nur Daniel wie eine Zitrone ausgequetscht. Moechtest du es hoeren?"

Jetzt hatte er sie, sie nickte.

"Wie ihr wisst, hat euer Paps es als Erkaeltung, allenfalls Bronchitis abgetan, ist aber weder in stroemendem Regen rausgegangen noch hatte er sich ueberanstrengt. Er hat sich deinetwegen Sorgen, stimmt, aber er hat sich nicht verrueckt gemacht - er hatte Vertrauen. Bettruhe haette ihn nicht geheilt, weisst du."

Er hob eine Hand, als wuerde sie ihn unterbrechen wollen, was nicht der Fall war: "Ich weiss, ihr habt ihm beide gut zugeredet, sich endlich ordentlich untersuchen zu lassen, aber fast moechte ich unterstellen, er hat gewusst oder geahnt, dass es sinnlos war und wollte den 'short cut' wie es eine gewisse Dame formulieren wuerde" - er warf der stumm dasitzenden Olga einen verschmitzten Seitenblick zu: endlich hatte er mal das Wort und war nicht bereit, die Gelegenheit ungenutzt zu lassen. "Die Frau macht mich noch wahnsinnig mit ihren scheusslichen Anglizismen, by god", erklaerte er, bevor er sich erneut seiner Enkeltochter zuwandte:
"Ich kenne deine Einstellung nicht, meine ist, dass Liebe ohne Respekt keine Liebe ist. Persoenlich bin ich der Ansicht..."

Kim hob eine Hand und beendete den Satz: "...dass er seine letzten Tage lieber mit seinen beiden Kindern verbracht haette, aber du hast Recht: er waere nicht ins Krankenhaus gegangen."

Roko sah in ein Paar Augen, genauso geroetet wie die eigenen: "In Ordnung?"

"In Ordnung..." Diesmal war sie an der Reihe zu zaudern, fragte dann: "Du hast Mike nicht wirklich mit dem Virus infiziert, oder?" Das Fragezeichen war gerade noch herauszuhoeren.

"Was denkst du?"

"Nein", kam es mit fester Stimme. Sie setzte hinzu: "Ist in Ordnung, haette ich an deiner Stelle auch nicht geschafft - und einen Fast-Moerder zum Opa? Nee, muss ich nicht haben."

"Schlappschwanz!" war es Olga unmoeglich, sich laenger zurueckzuhalten. "Also mir waere ein ehrlicher Mord lieber gewesen". Ploetzlich holte sie Luft und musste lange und herzlich lachen, mit Traenen in den Augen bekannte sie: "Ich habe seine Krankenakte gelesen, der hat tatsaechlich geglaubt, im Sterben zu liegen und war wochenlang richtig suuuperkrank! Ein anonymer Anruf bei der Polizei ein paar Tage nach unserem Abgang hat dafuer gesorgt, dass diesem Mistkaefer allenfalls schlecht war vom Weisswein." Die alte Frau vermied den Blickkontakt mit ihrer Enkelin, bevor sie hinzusetzte: "Wie krank er sich auch waehnte, hat der Egomane wohlweislich verschwiegen, um als angeblicher Enkelsohn des beruehmten CoronaProfessors zum Bahnhof chauffiert zu werden, und von fort mit dem Zug nach Salten. Ohne Skrupel das Leben der beiden Polizisten und der Bahnpassagiere aufs Spiel setzen ist schon ein dickes Ding, find ich!"

Roko hatte missbilligend zugehoert: "Woher hast du das schon wie...?"

Weiter kam er nicht. "Aber Kim!", wandte Olga sich begeistert an ihre Enkeltochter: "Die Gegenseite hat also gar nichts in der Hand! Mensch, wir koennten den kleinen Scheisser zu Tode prozessieren!"

Die junge Frau laechelte, schief, aber immerhin. "Nein."

Es klang endgueltig.

"Oh hell!" entfuhr es der streitsuechtigen alten Dame geschmeidig. "Why don't you guys piss in your fuckin' lil Teich, damn it!"

"Olga!" kam es fast gleichzeitig aus drei Kehlen.


ende



entwarnung

Salten ist ueberall, ob einzeln oder als Familie oder als komplette Nachbarschaft - habe auch von ganzen Doerfern gehoert, deren mutige Bewohner sich durchsetzen konnten. Chapeau! Dennoch sind alle Figuren frei erfunden - eine Ausnahme: die Olga. Mir war nach etwas mit Ehrgeiz, nach einer zaenkischen alten Erfolgsfrau - sofort ist mir eine Bekannte eingefallen, die irgendwo schneckenmaessig auf der HP erwaehnt wird: Ursula Laabs. Bin sicher, die Geschichte haette ihr gefallen, aber doch froh, sie nicht fragen zu muessen, da sie bestimmt nicht haette widerstehen koennen und langsam und unauffaellig etwas komplett anderes daraus gemacht haette - wahrscheinlich haette ich es nicht einmal gemerkt. Die Geschichte selbst ist natuerlich erfunden, ich konnte aber nicht widerstehen, das mit den Haushaltstuechern mit reinzunehmen. Die Pampe ist bei mir stundenlang aus dem Klo geschwommen, weil ein aelteres Paar unterm Dach Haushaltsrollen mit Klorollen (oder was weiss ich) verwechselt hatte - ich verbuerge mich also fuer die Machbarkeit. Ausserdem habe ich die Kellerszene leicht abgeaendert aus 'gesiebtes brot' uebernommen - kein Plagiat, weil von mir selbst geschrieben - Kellerszenen sind nicht so meins, einmal schreiben reicht. Die Gelegenheit moechte ich nutzen, mich hier abschliessend bei meiner Famile zu bedanken, die mich erdet und dafuer sorgt, dass ich nicht komplett in meiner eigenen Welt verschwinde: hab euch lieb!

Passt auf euch auf,

Nick

©hexandthecity dezember 2020