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 corona blues - ein coronageschenk  gesiebtes brot - leseprobe  das hexenhaus  lubeck  kleine erzaehlungen  lubeck for considerate visitors  witch tells tiny tales  marke: solo - leseprobe  jugendbuch ist noch aufm papier  über mich/heulmeisje  off the beach


 Ein Corona-Geschenk: unkompliziert, völlig unpointiert, lustig, leicht und (hoffentlich) angenehm zu lesen. Gewalt? Minimal. Sex? Allenfalls dezent-erotische Momente, ein wenig MeToo sozusagen - nix für Romantiker, nothing for the beach. Mit lockerer Hand während der ersten kleinen Lockdowns 1 & 2 geschrieben. Wie - jemand hat jetzt schon Teile geklaut? Hartz4-Empfänger können sie gerne in meinem Namen anzeigen und dann das Geld behalten.

 Viel Spaß beim Lesen!



corona blues von nick jacobse

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I. vorab - kim

 Kims Vater hatte wiederholt davor gewarnt, die Nase oder andere vorstehende Körperteile in den Garten eines Nachbarn zu stecken, es könnte stecken bleiben und umziehen ist doof - als Rentner mit viel Zeit allenfalls. Oder Gärtner. Oder als gleichgültiger, pragmatischer Stoffel mit einem Fell, das nicht einmal eine Bremse zu durchdringen vermag. Und nun hatte sie einen am Hals.

 "QUEEN OF THE DANCE, original mit Alice McArdy. Habe 2 Konzertkarten für den 1. März in Salten und würde mich freuen, eine davon an einen echten Musikliebhaber ohne Weiterverkaufsambitionen weiterzugeben. To mail or not to mail an..."

 Woher hätte sie wissen sollen, dass der Mensch, der so schnoddrig ihre Konzertkarten in den hiesigen SaNews und im Internet feilbot, ihr Nachbar war?

  Na gut, das Konzert sollte in Salten stattfinden, je nach Muskulatur zwei bis vier Steinwürfe von ihrer Haustür entfernt - und? Salten war schließlich kein Kuhdorf, die SAL kein Schmierentheater und aus irgendeinem Grund hatte sich in ihrem Hinterkopf Hamburg als sein Wohnort verankert.

 Als die Städte der Europatour von "Queen of the Dance" bekannt gegeben worden waren, hatte sie mit Paps, Daniel und dessen damaliger Flamme wie immer medien- & digitalfrei Urlaub in der Hütte unten in Bayern gemacht, ihre Anstrengungen scheiterten, nachträglich eine Karte zu ergattern - selbst nach Hamburg wäre sie gefahren!

 "Im Vorverkauf bereits vergriffen, sorry, können wir Ihnen etwas Gleichwertiges anbieten?"

 Shit. Später stellte sich heraus, dass dies eins der letzten öffentlichen Veranstaltungen war - Corona hatte sich bundesweit durchgesetzt.

 Jene Anzeige in den Saltener News schien Alice und ihre CoTänzer auch nicht näher rücken zu lassen: je mehr sie sich schriftlich abstrampelte, wenigstens eine der beiden Karten zu ergattern, umso grotesker wurden die Bemühungen ihres Gegenspielers, sie zu behalten - Don Quixote war dagegen ein Beamter der Peanutsabteilung. Mit Geld war er nicht zu locken - gerne hätte sie beide Karten inklusive Heizdecke und/oder ein paar selbstgestrickte 0maSocken zu einem guten Preis gekauft. Warum auch nicht?

 Sie hatte die kleine, aber exklusive Tischlerei mit dem schlichten Namen 'Holzkiste' von ihrem Vater übernommen, war nicht arm; er als Computerfachmann leider auch nicht.
 Die Wollsocken hätte sie angezogen.
 Nach einigen Wochen Austausch von E-Mails, eine spritziger als die vorherige, hatten seine Geistreicheleien ihre Bedenken derart aufgeweicht, dass ein Blinddate daraus wurde - ihr erstes überhaupt...

 Und nun hatte sie - wie gesagt - einen Kerl am Hals.

 Nicht dass er hässlich war, oh nein, er sah recht passabel aus: halbwegs groß, alle Haare, Zähne und Gliedmaßen vorhanden und am rechten Ort; Typ glattrasierter, wenn auch unsportlicher Landarzt/Anwalt mit Halstuch. Gar nicht übel also - nur: er war nicht ihr Typ. Sie hatte nämlich keinen. Vernünftige und selbständige Frauen nehmen Äußerlichkeiten bekanntlich nicht so wichtig, sonst hätte sie sich mit einem wie zum Beispiel ihrem Bruder eingelassen.

  Statt dessen traf sie sich am 1. März mit Mister Wie-war-doch-der-Name?

"Tiara Andrieux?" Erhobene Brauen, fragend, aber offener und selbstbewusster Blick aus verwaschen pseudoblauen Augen. Oder waren sie grau? oder braun?... hatte er überhaupt Augen? WER...?

 Sie nickte, obwohl sie via Mail zweimal - zweimal! - darauf hingewiesen hatte, dass Tiara ihr zweiter Name war und sie Kim bevorzugte. Ihr Vater hatte den zweiten Namen angehängt fü;r den Fall, dass ihr Kim zu schlicht war. Menschen, die einen dritten Hinweis brauchten - musste man die näher kennenlernen? Man gab sich die Hand und stelzte etwas unsicher zwischen den Reihen - die Schaufensterpuppen, die für Abstand sorgen sollten, machten nicht so schön Platz wie lebendige Besucher. Ohne die Karten wäre sie an ihm vorbei gegangen, soviel stand fest.

 Bei diesem ersten Treffen hatte sich ihre Aufmerksamkeit weniger auf ihn als auf die Bühne konzentriert: schwungvolle Musik und synchrone Bewegungsabläufe als mitreißender KombiPack, der alle Gliedmaße mitzappeln ließ. Dieser den gesamten Körper erfassenden Rhythmus, ein Mix aus Ballett und Steptanzen mit akrobatischen Einlagen: einmalig! Alles mit einer Leichtigkeit - man hätte schwören können, es zu Hause einigermaßen nachtanzen zu können...

 Kurz: sie hatte den Mann neben sich vergessen und musste sich nach dem Konzert zusammenreißen, ihm die nötigste Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Auftakt so vielversprechend wie ein ungeschälter Apfel am Schluß eines 4-Sterne-Menüs.
 Von Monsanto.

 Absichten hatte sie keine: weder ernsthafte noch unehrenhafte. Zwischen zwei ganz patenten "Kerlen" und einer kränkelnden alten Frau relativ unverhätschelt aufgewachsen, hing ihre Glückseligkeit weder von einem Mannsbild noch vom Muttertum ab - im Grunde ein Paar Schuhe, oder? Warten war für sie ein Fremdwort, oder wie ihr Paps immer meinte: "Nur wer die Zeit nicht nützt, muss lange warten" - ihretwegen hätte man sich das Adverb 'lange' schenken können. Im Übrigen musste man mehr als ein beten mall sein, um einen Zustand mutwillig zu verändern, mit dem man rundum einverstanden war. Sie liebte ihren Beruf, ging genauso gerne aus wie sie mit einem guten Buch zu Hause blieb - sie war unabhängig und kultiviert, eine moderne Frau ohne biologisches Ticken und ohne Zicken. Und nicht zu übersehen: die Saltener Meg Ryan sozusagen, ihre fast chronische Abwehrhaltung Männern gegenüber stammte teils daher: mal angenommen sie würde mit den Augen rollen und hecheln beim Anblick jedes attraktiven Mannes, den sie nicht kannte? Dat Oog isst mit, klar, aber ordentlich kauen war auch wichtig, von der Verdauung und Endausscheidung einmal abgesehen. Und als Köchin, Putzfrau und Wäschefrau irgendeiner verzogenen Majestät war sie sich zu schade - umgekehrt verlangte das ook keener, oder? Wieso war eine "Beziehung" also erstrebenswert? Ab und zu ausgehen, sich abwechselnd bekochen - war das nicht genug? Sex? Nichts weswegen man zusammenziehen müsste; und zur Not bediente man sich selbst oder Beate Uhse half aus...

  Er war auch nicht aufdringlich geworden und hatte sich per Händedruck vorm Theater von ihr verabschiedet - wenn auch mit einem halben Wiedersehensversprechen in der Tasche.

 So ging es wochenlang: auf Armeslänge Abstand, aber mit lockerem Handgelenk, weil Vorsicht nicht notwendig schien - ihrer zu niedrig hängende Lampe in der Küche wich sie im Vorbeigehen genauso automatisch aus. Viel später stellte sich heraus, dass er Monate vor seinem Ticketangebot und nur wenige Wochen vorm offiziellen Verkauf der Tickets in die Wohnung ganz unten eingezogen war. Da war der Zeitpunkt zum Auf-dem-Absatz-kehrt bereits verstrichen; irgendwie war sie so unauffällig reingerutscht, nicht mal mit vertauschten Rollen hätte der ausgelutschte Satz von Goethe gepasst: "...halb zog er sie, halb sank sie hin...".

 Tja, und von da an fing sie an, den Überblick zu verlieren und es ging richtig los. Manche Männer scheinen ein bisschen Sex mit dem tierischen Überpinkeln von Revieren verwechseln: Handy, Mailbox, Anrufbeantworter summten um die Wette; dazu noch der dumme Umstand, dass sie im Eifer ihres lockeren Schriftgefechts, als sie ihn in Hamburg wähnte, viele ihrer Gewohnheiten preisgegeben hatte und ihn nun überall antraf, etwa rein zufällig vor der Haustür, beim Einkaufen, vor der "Holzkiste", in der Bücherei, vor der Reinigung, beim Haareschneiden, vorm oder im BioLaden, in ihrem Lieblingscafé, vorm Theater: immer charmant und ein wenig geniert, aber mit sanfter, kaum merklicher Beharrlichkeit.

 Was sollte sie dagegen halten? Permanent über die eigene gute Stube stolpernd, lächelte sie - manchmal schief, aber immerhin -, beantwortete seine Mails, nahm seine Anrufe entgegen. Und gewöhnte sich allmählich an ihn.

 Er war doch kein schlechter Kerl, oder? Und gebildet. Und belesen. Ging mit ihr wohin sie wollte, trug sie auf Händen, hatte einen guten Job, und Manieren und Ideen.

 Und.

 Dennoch: irgendwas fehlte und als ihr aufging, was beziehungsweise dass, waren sie bereits überall als Paar, als glückliches Vorzeigedoppelpack bekannt. Sie hätte auf ihre Intuition hören sollen: nein! Ohne Funke kein Feuer. Punktum.

  Und nun? Dank der eigenen langen Leitung/Trägheit oder guten Stube waren ihre Bekannten inzwischen seine Bekannten. Alle mochten sich, waren begeistert, freuten sich über und auf das schöne Paar - auch und vor allem er.

 Die Zeit plätscherte gemächlich dahin, eine Woche kickte die vorherige vom Platz und der Lack fing an abzublättern: seine tolle Bildung entpuppte sich als angegoogelt, die Humorblitze direkt von - oh Horror! - Simpsons, Raabs & Co; und seine Belesenheit beschränkte sich auf einen Bestseller der grossbuchstabigen Taschenbuchsorte pro Jahr und Hörbücher für unterwegs. Reicht doch, oder? Mehr? Der Luxuskugelschreiber mit dem er bei Gelegenheit angab: "Einzelstück, bei eBay nicht unter 200 Euro zu haben!..." wurde ausschließlich für ganz simple Kreuzworträtsel benutzt, die jedes Kind hätte lösen können: mit der Hand schreiben - wozu gab's Elektronik und Internet? Sport hielt er für etwas für Hirnamputierte. Er war konservativ, sogar etwas rechtslastig - ein Spießer mit Null Flexibilität und noch weniger Phantasie. Und bockig. So.

 Je länger sie als ideales Paar die Runde machten, umso mehr zog sie sich zurück und umso weniger schien sie imstande, die leidige Sache zu beenden. Wie denn, mit welcher Begründung? Selbst ihre älteste Freundin, sonst Verständnis hoch drei, riet ihr, um Himmelswillen nicht alles hinzuschmeißen.

  "Kind", erläuterte die Gleichaltrige mit einer Geduld, als lägen mindestens fünfzig Jahren zwischen ihnen. "Alle Männer sind konservativ und bockig, erlegen ihre Beute und wollen's dann weder hergeben noch teilen. Auf Mike ist wenigsten Verlass und - einen gewissen Charme kannst nicht einmal du ihm absprechen..."

  "Geiht klaar", war ihre unwirsche Antwort gewesen. "Dann nimm du ihn doch mitsamt Charme und Halstuch!" Sie klimperte mit den Wimpern: "Kriegst meine Plattensammlung als Zugabe."

  "Ernsthaft jetzt?" kam es ungläubig. "Du trennst dich von deinen geliebten Platten? Sooo schlimm?" Und auf ihr Nicken hin: "Würd ja gern einschlagen, aber Kim, der hat nur Augen für dich, Mädel..."

  Wohl wahr. Leider. Und leider waren die Haare, die sie in der Suppe fand, nicht sehr ausgeprägt, hätten auch was anderes sein können. Die Nudeln von Loriot etwa. Am schlimmsten fand sie ihre Unterhaltungen beziehungsweise Smalltalks, er ging ernsthafte Gespräche etwas sehr aus dem Wege, war in dieser Hinsicht wie ein Stück Seife - sie hingegen diskutierte für ihr Leben gern.

 "So what?" lautete das Kommentar jener auf Charme abonnierten Freundin zu diesem Minuspunkt. "Alle Männer sind konfliktscheu - deswegen suchen sie sich doch eine Frau."

  Ehrlich?! Und umgekehrt? Suchten die Geschlechtsgenossen einen Mann etwa aus einer Art Konfliktbereitschaft heraus, die für zwei ausreichte bzw. für eine allein womöglich zu inneren Explosionen führen würde? Das war ihr zu hoch, in dem Fall überließ sie den Irren beiderlei Geschlechtes das gesamte Schlachtfeld und hörte lieber Musik. Gerne auch allein.

 Aber sonst war er doch ideal, oder? Nja, der, hm: Mangel an oder besser die einseitige körperliche Anziehung zwischen ihnen war da, keine Frage - aber wer innere Werte stets hoch hält, hat Wertschätzung für Äußerlichkeiten gefälligst nicht zu haben. Und er, sonst blind für ihre Antipathien was ihn selbst betraf, merkte wenigstens auf diesem Gebiet etwas, googelte eifrig herum - es geniert grinsend offen zugebend - und fragte in ihrem Bekanntenkreis nach, woran dies liegen könnte, besorgte sich erotische Videos, ihren Lieblingsweißwein, angeblich aphrodizierend wirkende Rezepte, die er verheißend summend auf Englisch verkochte, Reizwäsche für sie, Reizwäsche für ihn... - wobei seine Reizwäsche sie allenfalls zum Lachen reizte.

 Aber noch hatte sie ihre eigene Wohnung, einen eigenen Computer und eigenen PC-Anschluss, und sie googelte nun ihrerseits - diskret! - nach Hilfe, nach Ratschlägen, und sie suchte in ihrem Bekanntenkreis nach Mädchen und Frauen, die hübscher, reicher, whatever waren als sie, stellte sie ihm vor.

 Umsonst, vergeblich - er war ihr treu und auf drollige Art beleidigt: "Aber, Mäuschen, warum tust du sowas, du bist alles was ich brauche in diesem Leben!" - würg.

  Inzwischen lief während der immer seltener werdenden gemeinsamen Nächten auf natürlichem Wege nichts mehr, sie lag anfangs nur da oder stellte sich schlafend, was nicht viel brachte; auch merkte er jedesmal, wenn sie ihm etwas vorspielte und bearbeitete dann halt zur Not bestimmte Stellen, die sie ihm ebenfalls in ihren unschuldigen E-Mail-Zeiten verraten hatte: der perfekte Liebhaber, du meine Güte, ja. Und was war sie: eine drück-mal-hier-hauch-mal-dort-Puppe, die man an Hand von gewissen Techniken zu körperlichen Hochleistungen bringen konnte - war's das?!

 Sie änderte ihre Taktik, setzte sämtliche ihr zur Verfügung stehenden Mittel ein, damit er auf seine Kosten kam, um es schnell hinter sich zu bringen. Allein: er war nicht nur in der Hinsicht diszipliniert, wollte auch sie jedesmal mit dabei haben, und nichts, aber auch wirklich nichts war ihm zuviel, dies zu erreichen. Auf diesem Gebiet, erkannte sie bald, war nichts zu machen. Sie musste sich mit verbalen Hilfsmitteln begnügen, und stritt sich - verzweifelt nach der klitzekleinsten Angriffsfläche suchend - mit ihm über die Politik, über seine Klamotten, über Mäuse, die Masern und Michelangelo... Alles glitt von ihm ab. Er lächelte - und ließ es unter den Tisch fallen als wären es Brötchenkrümel oder 'Kinnergebabbel'. Wenn sie darauf beharrte, etwas auszufechten wie zwischen zwei vernünftigen Menschenkindern üblich, die halt auch mal unterschiedlicher Meinung sein konnten, nannte er sie amüsiert seine 'streitbare Amazone'. War sie daraufhin ungehalten - ermahnte er sie, nicht zu zicken oder zu schmollen, davon bekäme man Falten...

 Mittlerweile geriet sie selbst während der harmlosen Tagesschau in Rage - sogar das Wetter konnte aufbringen.

 "Schönes Wetter Sonntag - was ist: wollen wir zum Flohmarkt? Ist wahrscheinlich einer der letzten überhaupt", warf er eines Abends etwa gnädig in den Raum, die Augen auf den Fernseher gerichtet. Er hatte sie mit einem seltenen alten Musicalvideo in seine Wohnung gelockt, wollte aber voher noch schnell die Nachrichten sehen. Sie liebte Flohmärkte und das wusste er auch; leider merkte man ihm dieses Wissen nicht nur an, sondern auch seine Belustigung darüber, dass die meisten Frauen und Kinder Flohmärkte liebten - Männer, richtige Männer hatten natürlich Besseres zu tun...

 "Und was?" hatte sie wissen wollen, bereits auf 180.

  "Häh?" bekam er den Mund nicht wieder zu, die Augen ratlos zwischen dem Wetterbericht und Kim hin und her wandernd.

  "Was haben Männer Besseres zu tun? Und wieso lassen seine Hoheit sich dazu herab, mich arme Sterbliche auf etwas so minderwertiges wie einen Flohmarkt zu begleiten?"

 "Ich bitte dich, ich finde Flohmärkte durchaus amüsant und -"

 "Amüsant?" fiel sie ihm versonnen ins Wort. "Und was ist, wenn ich lieber auf die Computermesse möchte, mir einen neuen Laptop kaufen?"

 "Auf Messen kauft man nicht, Maus", belehrte er sie prompt. "Man bestellt höchstens - ist denn dein alter kaputt, warum hast du mir nichts davon erzählt? Wenn ich's mir ansehen soll, brauchst du es nur zu sagen...- Kann dir auch verbilligt über die Firma eins besorgen und es von den Steuern ab..."

 "Mike", unterbrach sie sehr ruhig. "Mein Laptop funktioniert einwandfrei."

  Er machte erneut ein verständnisloses Gesicht. "Wieso willst du denn mit mir auf die Messe?"

  "Will ich doch gar nicht."

 "Also Flohmarkt?" schaltete er ohne Wimperzucken.

 "Mike", versuchte sie es anders, "würdest du ohne mich einen Flohmarkt besuchen?"

 Jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit, er schaute sie mit einer Mischung aus Ratlosigkeit, Belustigung und Herablassung an: Wie sage ich meinem Kind, dass es sich albern benimmt, ohne den Weltfrieden zu gefährden...?
 "Aber Maus, was soll ich dort?"

 "Warum willst du dann mit mir auf den Flohmarkt gehen, bittschön? Glaubst du, ich finde allein nicht hin oder denkst du, man verkauft mich dort an einen arabischen Scheich mit Haremvergrößerungsbedarf?"

  "Doch, ich meine: nein. Mensch, ich will dir doch bloß eine Freude machen."

 Sie starrte ihn an. "Lass uns zusammenfassen: Du glaubst, es bereitet mir Freude, mit jemandem auf einen Flohmarkt zu gehen, der ohne mich nicht hingehen würde?"

 Anstatt sich nun über soviel Spitzfindigkeit zu ärgern oder zu lachen, wie sie es an seiner Stelle getan hätte, meinte er nur begütigend: "Also möchtest du allein auf den Flohmarkt - ist doch kein Problem, sag das doch gleich. Soll ich dich hinfahren oder brauchst das Auto?" Das war natürlich nicht ernst gemeint, sein TUV war zu dick, um durch die diversen in ganz Salten verteilten Hindernissen - Pflanzenkübel, Bäume etc. - zu eiern, wie es die Einwohner manchmal taten, wenn E-Saltran, eine Art Taxi-Service für alle, gerade nicht zur Verfügung stand.

  "lch brauche meine Wohnung", meinte sie und erhob sich.

 "Und das Musical? Hab's nur für heute und morgen ausgeliehen und morgen keine Zeit." Und als sie fast an der Tür war: "Soll ich mitkommen?"

 "Nein, danke." meinte sie höflich - ein gewaltiger Fehler, das Wörtchen 'Danke' war ironisch gemeint, daher an ihm verschwendet.

  "Brauchst dich doch nicht bedanken, Tiarchen."

 Sie hasste es, nicht nur Maus, sondern auch Tiarchen genannt zu werden, wenn sie allerdings deswegen in die Luft ging, hieß es: Mein Gott, bist du empfindlich!

 So schnell gab er nicht auf: "Ich kann auch kurz vor elf" - das war ihre übliche Bettzeit - "kommen und dir ein wenig den Nacken und so massieren. Du bist so verspannt!" setzte er nachsichtig hinzu.

  "Nein", sagte sie diesmal resolut.

 Er rollte mit den Augen. "Was du immer gleich denkst, wollte dir wirklich nur den Nacken..." undsoweiter undsofort.

  Und deswegen gaben starke unabhängige Menschen ihre Freiheit auf?

 So langsam und allmählich baute sich in ihr ein Groll, fast schon Hass auf, dass sie glaubte, explodieren zu müssen. Und sie explodierte. Regelmäßig. Er lächelte. War ganz Verständnis. Machte ihr einen Heiratsantrag, den sie wutschnaubend ablehnte - er war dann nicht zu halten: war sie nicht zum Anbeißen, wenn sie wütend war, sein hübsches kleines Frauchen... grrrrrr.

 Was sollte sie machen? Er war mäßiger Weintrinker und Nichtraucher. Sie auch. Nun fing sie an, Bier zu trinken und ab und zu einen Kotzbalken zu paffen, bloß weil er den Geruch nicht ausstehen konnte. Er war extrem sauber, duschte mindestens zweimal täglich, und gegen seine Garderobe und Toilettenartikel sahen ihre Sachen aus wie Nonnenkram aus dem letzten Jahrhundert. Also verwahrloste sie ihr Äußeres, zog sich mehr als lässig an und wusch sich nur noch einmal in der Woche, wenn's hoch kam. Das roch man. Make-up? Null. Und Parfüm sowieso nicht. Deutsch: sie spielte ohne Deo und Achselhaarrasur im Trägerhemd Tennis und hatte unerwartete Freude daran, sich mit ihm im ungewaschenen ausgebeulten Jogginganzug zu zeigen; seine Reaktion, die sie abermals auf irgendeine Palme brachte:

 "Brauchst ein wenig Geld, Mausi, oder soll ich dir ein paar anständige Sachen besorgen...?"

  Eines Tages hatte sie ein Ei in der Hand und schwups! landete das unschuldige Ding in seinem Briefkasten. Oder sie tröpfelte ein wenig mit Sekundenkleber herum: Türschlösser, Schuhe und Klamotten - alles, was ihr klebenswert schien. Und ihm gehörte.

 Es dauerte, bis ihm aufging, wem er diese Unannehmlichkeiten zu verdanken hatte; ihr waren nämlich die kleinen Ideen - und die Geduld - ausgegangen, heftigeres Geschütz musste her. Als er sie in flagranti erwischte, wie sie alle Reifen seines fast neuen und leider in Salten unerwünschten SUV mit einem Hammertacker bearbeitete, rasselten bei ihm die Alarmglocken los. Es folgten ernsthafte, aber verständnisvolle Gesprächen, alle nach dem Schema:

 "Er = gut + klug

  Sie = unartig + unwissend".

 Mit ihr, mit einigen ihrer nun gemeinsamen Bekannten, mit einem befreundeten Psychologen, mit ihrem alten Vater... Alles durchaus diskret und ohne Namensnennung: die Ehefrau eines Freundes hatte das Problem, nicht er selbst - und sie natürlich schon gar nicht. Und überhaupt: was denn für ein Problem? Ihre Erfahrungsebene wurde auf die eines wegen Kleptomanie angezeigten Raubtiers angehoben und sie fing an, "Der Widerspenstigen Zähmung" mit anderen Augen zu sehen: war nicht Shakespeare auch ein Mann...?

 Und wieder keine Angriffsfläche: ein sehr verliebter und verzweifelter Mann, der sich "unauffällig" Rat holte.

 Wie rührend, waren sich alle einig.

 Alle.

 Ihre letzte Aktion war ein richtiger Stinker - im wahrsten Sinne des Wortes. An einem sehr frühen Sonntagmorgen war er vom Geburtstag eines Freundes leicht angedieselt nach Hause gekommen und gleich mit beiden Füßen reingeplanscht:

 Er hatte den Notklempner rufen müssen, der immerhin innerhalb einer Stunde da war. Leider war der überforderte und überteuerte Mann zwei Stunden später gezwungen, Verstärkung herbeizutelefonieren, um dann mit nunmehr drei Mann und einem Monster von Wagen nicht nur in seiner Wohnung und im Keller, auch der Gullydeckel vorm Haus musste gelüftet werden - sein schöner Steingarten! - zu wühlen und zu saugen und zu pumpen: vier Stunden lang; und immer wieder waren atemberaubende Fäkalien aus dem Klo im Parterre herausgeblubbert, da die Bewohner der höher gelegenen Mietwohnungen - insgesamt fünf Partien eines dieser wunderschönen Altbau-Fachwerkhäuser in der Innenstadt - irgendwann ihre nachts angesammelte Flüssigkeit, wenn nicht Festeres, spürten und aufstanden, um sich diesbezüglich zu erleichtern, und exakt unter seiner Wohnung im Knick Richtung Straße sich die ganze Chose angesammelt hatte. Klar, dass die Herren in Overalls es nicht nötig hatten, sich zu bücken, um den Schweinkram aufzuwischen, und wer wohnte ganz unten, wo an diesem mittlerweile gar nicht mehr frühen, dafür wunderschön klaren Sonntag noch ungefähr achtmal die stinkende Pampe aus dem Klo im Bad seiner wunderschönen Wohnung herausquoll?

 Ein kurzer Blick auf das schuldige "Sperrgut", das sie eimerweise herausgefischt hatten, reichte aus, sofort wurde ihm klar, wem er seine rui- und urinierte Wohnung, wem er das fäkalische Schlachtfeld zu verdanken hatte: die teure Musikanlage, sein schöner Parkettboden mit Bodenheizung mitsamt geerbter und sehr kostbarer Afshari Orientteppiche sowie Chippendale Antiquitäten - alles hinüber. Der entscheidende Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die Erkenntnis, dass er seine in zwei Jahrzehnten liebevoll via Sonderangebote zusammengekaufte italienische Schuhsammlung wegschmeißen konnte. Wech.

 Die dumme Ziege musste ihr Klo wochenlang geduldig Blatt für Blatt damit gefüttert haben, immer soviel wie sich herunterspülen ließ: neunundzwanzig Haushaltsrollen mit seinem Konterfei drauf waren es insgesamt, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, für jedes Jahr eine - kam in etwa hin nach den Unmengen, die das Klempnertrio quasi hatte rauswürgen müssen.

 Ab und zu sah er das neugierig-schadenfrohe Gesicht eines Nachbars im Treppenhaus - nur die Übeltäterin selbst blieb am Tag X oder besser Tag S unsichtbar: Magen-Darm-Grippe. Und er Depp hatte bei ihr bleiben und sie pflegen wollen...

 Ungewohnt verschwitzt und apart duftend stampfte er gegen Abend, als er mit den Säuberungsarbeiten endlich fertig geworden war, die Stufen zu ihr hoch, den Daumen so lange auf ihrem Klingelknopf lassend, bis sie zerknautscht und verschlafen im Morgenmantel die Tür aufmachte.

 Wenn sie gesund gewesen wäre, sein Dauerklingeln und der Gesichtsausdruck hätte gereicht, denn eines hatte sie im Laufe ihrer kurzen Bekanntschaft begriffen: je erregter oder wütender er war, desto nichtssagender wurde seine Miene; wenn es sich langweilte hingegen schien er sich köstlich zu amüsieren. An dem Sonntag jedenfalls waren seine Gesichtszüge schier nicht vorhanden. Und dann der Geruch...

  Er hatte seine rechte, vor ungewohnt körperlicher Arbeit und Wasser geröteten Hand langsam auf ihre linke Wange gelegt, eine bestimmte Stelle ganz leicht berührend, die sie ihm leider einmal verraten hatte: wie ein Hauch. Die linke Hand platzierte er, ihren Morgenmantel leicht öffnend, zielsicher etwas links unterhalb des Nabels. Ihre empfindlichen Geruchsnerven, ihr nach vier Tagen Influenza ohnehin geschwächter Verstand bäumte sich auf und fiel dann wie nicht vorhanden in sich zusammen und er verführte sie trotz ihrer rebellierenden Nase und dem irritierten Magen auf dem schwarzen Schmutzabtreter im Flur.

 Im letzten Augenblick drehte er sie wie eine Bulette inner Pann blitzschnell herum und entlud sich dort nach einigen heftigen Stößen zielsicher, dabei zum ersten Mal den Mund aufmachend: "Passt doch, oder? Ja, durchaus angemessen." Und verschwand - alles ganz ruhig - als würde er die Zeitung lesen oder eben mal für kleine Mädchen.

 Sie rannte ins Bad und übergab sich. Lange. Dann stand ihr Entschluss fest.



II. mehr vorab: olga & roko

 "Sag mal?" Roko sah sie nicht an, den uralten holländischen Prunkofen mit den Keramikfüßen und den delftblau gemalten Originalkacheln bewundernd, der seit Olgas Einzug in der Ecke zwischen Wohn- und Esszimmer - und davor einige Dekaden in ihrem Berliner Empfangsraum - gestanden hatte. "Hast du überhaupt noch Verwandten?"

 "Was soll das heißen: 'überhaupt noch' - gehöre ich zur ausgestorbenen Gattung der Dinosaurier - hast du etwa keine Verwandten mehr?" Der Hinweis auf ihre Gleichaltrigkeit war ihm unangenehm, das sah man. Er war immer noch ein gutaussehender Mann, aber vom Traummann zur älteren Champagnerwerbefigur war offenbar ein zu großer Sprung, und auch die alte von Elisabeth gestrickte Weste konnte das kleine Bäuchlein nicht ganz kaschieren. Sie selbst hielt seit Dekaden ihr Gewicht konstant, auch ihre Haarpracht, von Elisabeth neidisch Alffrisur genannt nach irgendeinem Außerirdischen, war noch voll, nur eben schlohweiß - so what? sie färbte sich jedenfalls nicht die Haare. Befriedigt strich sie sich über ihre Haarpracht, bevor sie hinzusetzte: "Warum fragst du?"

 Zweimal im Jahre trafen sie sich, zu Olgas und zu Elisabeths Geburtstag, die passenderweise fast genau sechs Monaten auseinander lagen - auch drei Jahren nach deren Tod noch. Saßen auf vor gefühlt Äonen kunstvoll geschnitzten, aber gottlob erst vor Jahren frisch gepolsterten Stühlen in ihrem Esszimmer, das wie das gesamte Haus moderat und geschmackvoll mit Antikmöbeln ausgestattet war, Tassen, Kanne mit koffeinfreiem Kaffee und Diätgebäck zwischen sich auf dem im gleichen Stil geschnitzten Tisch. Im Laufe jedes langen Lebens fällt irgendwann das eine oder andere Ritual, vorher lebenswichtig, dem Schafott der Zeit zum Opfer - Olgas letzte Bastion war ihre gute Stube beziehungsweise das Wohnzimmer als Empfangsraum: das Knacken der Gelenke, wenn man sich wie in einer tiefen Grube fallenlassen ließ und die Anstrengung, aus dieser wieder herauszukommen, die Abstände zwischen allem, ob Kanne, Tasse oder oder, die es galt zu überwinden, aber mit gefühltem Zeitlupentempo, weil es sonst garantiert Scherben, Schmerzen oder beides gab. Wie die erste Lesebrille, irgendwann reichte die Reichweite nicht mehr. Es hatte was für sich, ohne aufstehen überall heran zu können und sich den Hals nicht verrenken zu müssen, um Besucher auf den Mund sehen zu können: das Gehör wurde mit den Jahren auch nicht besser, und diese komischen kleinen Dinger, die dem abhelfen sollten, piepten immer zur Unzeit und machten auch ansonsten sonderbare Geräusche, vom Fummelkram mit den noch winzigeren Batterien abgesehen.

 "Kommt sonst niemand?" wies er mit den Augen auf drei weiteren Kaffeegedecke. "Sind Malte und seine Frau und Schwester auch tot?"

 "Nein", meinte sie kurz angebunden. "Nicht dass ich wüsste."

 "Aha", machte er.

 "Was heißt 'aha'? Hast du es verlernt, dich zivilisiert auszudrücken, Roko?"

 "Ich nicht", kam es spitz. "Professor Roko, wenn ich bitten darf - soviel Zivilisation muss sein." Roko war die Kurzform von Robert Konrad und Elisabeths Kreation, er selbst hasste Abkürzungen und Verniedlichungen. Seit seine Frau gegangen war, war Olga die einzige, die ihn noch so nannte, mal freute ihn das, wegen der Erinnerung an Elisabeth, mal war ihm das lästig.

 Missgelaunt setzte er hinzu: "Lass mich raten: du hast die beide mit deinem pampigen Betragen auch vergrault?"

 "Auch?" echote sie. "Du musst nicht kommen, wenn du nicht willst!"

 Als hätte er einen lange erwarteten Startschuss vernommen, stemmte er sich hoch. Er war der letzte, war drei Jahre lang nur wegen der vorvorletzten Worte seiner Frau gekommen: "Roko, versprich mir, ein wenig nach Olga zu sehen, wenigstens an unseren Geburtstagen - sie hat sonst niemanden mehr!"

 Und? Wessen Schuld war das? Seit Olga vor fünfzehn Jahren ihr Geschäft in Berlin verkauft und hierher gezogen war, nervte sie nur noch, wusste immer alles besser und konnte stundenlang erzählen, wie sie es gemacht hätte und was sie alles geleistet hatte, sie, eine der ersten Selfmade-Geschäftsfrauen Deutschlands: erfolgreich, ohne Mann, ohne Kinder, obwohl sie damals als Student an jedem Finger einen Verehrer zu haben schien. Allein und stark, huch. Warum war sie nicht wenigstens in Berlin geblieben, zum Teufel: nur wegen Elisabeth, die von Olga - ausgerechnet! - den Tipp bekommen hatte, dass man nur hier als vollwertiger Mensch und nicht als BIP-Nummer existieren konnte? Wenn er richtig informiert war, hatte die Frau, die sonst niemand hatte, momentan drei Prozesse um die Ohren. Drei. Momentan. Durch die offene Tür im Flur hatte er einen kurzen Blick in ihr Büro werfen können: überall Ordner, Papierhaufen, Akten auf Tischen, Stühlen, selbst auf dem Fußboden - als würde sie noch Tausende von Kunden haben und es den dreißig Angestellten überlassen, die sie angeblich mal gehabt hatte. War das krank oder war das krank?

 Wenn Olga wollte, konnte sie ihrer megaphonähnlichen Stimme zum sanften Katzenschnurren herunterdimmen. Immer noch. "Nun, trink wenigstens deinen Kaffee aus", meinte sie mit einem Lächeln, das entfernt an die charmante Gastgeberin von früher erinnerte.

  Er seufzte. Und setzte sich.

"Also", kam es triumphierend. "Heraus mit der Sprache. Andrieux ist in Salten kein geläufiger Name hier oben - ist dir etwa noch eine von der Sorte über den Weg gelaufen?" Es klang nicht beunruhigt - flüchtig kam ihm der Gedanke, dass sie nicht wegen Elisabeth hierher gezogen war und sehr wohl wusste, von wem die Rede war. Als hätte sie seinen Verdacht gerochen, griff Olga zum Inhalator. Seit ihrem zweiten Anfall hatte sie den Bogen heraus und roch ihren Sauerstoffmangel sozusagen im voraus: "auf meine Nase kann man Wetten abschließen!", pflegte sie zu dröhnen, obwohl ihr der Geruchssinn in ihrem Geburtsort Hamburg abhanden gekommen war, Resultat etlicher in Kellerräumen verbrachten Bombennächten als Kind. Elisabeth hatte ihr kurz vor ihrem Tod an den Kopf geworfen, ihren Inhalator als Erpressungsmittel zu benutzen, "damit man dir willfährt - und zwar pronto!" 'Willfährt, pronto' - wer drückte sich heute noch so aus? Jessas, vermisste sie das alte Mädchen, Männer starben doch sonst auch schneller, warum hätte Roko sich nicht zuerst aus dem Staub machen können?! Sicher aus schierer Dickköpfigkeit. Tz.

 Der Dickkopf starrte nichtsahnend durch sie hindurch, irgendein siebter Sinn sagte ihm, die Neuigkeit über die Existenz jener jungen Person, die seit einiger Zeit in seiner Klinik lag, würde sie aufbringen, und sein Bedarf, dabei Mäuschen zu spielen war minimal - warum bloß hatte er Olga nicht einfach telefonisch verständigt? Oder einen Brief geschrieben? Elizabeths Stimme im Ohr:

 "Dein Fingerspitzengefühl ist leider Gottes ausschließlich manuell, Roko - überlass das Verbale lieber mir", wich er der direkten Frage feige und plump aus: "Schlimme Sache, dieses Corona!"

  Sinnlos, Olga war nicht allein wegen ihrer Charme so erfolgreich geworden, Intuition und eine gewisse Zähigkeit, wenn nicht Penetranz waren hilfreich.

 Richtig: "Roko!" schien ihre Stimme die Härchen seines Trommelfells gleichzeitig zu sträuben und zu mähen. Konsterniert nahm er einen braunen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts, warf es auf den Tisch, stand auf und rannte so rasch die Treppe runter und aus dem Haus wie sein Alter dies zuließ: das hatte man von seiner Gutmütigkeit - zum Deubel mit dem verflixten Pißweib.

* * *

 "Wie lange weißt du davon?" wollte sie ohne Vorrede wissen, als er abends nach einigen Stunden Telefonterror endlich abhob.

 "Nicht lange", wich er aus. Warum konnte sie nicht auf seinen Anrufbeantworter sprechen wie andere? "Wollte erst sicher gehen."

 "Weiß sie von mir?"

 "Wie meinen?"

 "Roko!"

 Mein Gott, er sollte seine Telefonnummer ändern oder auswandern - überhaupt, wer hatte heutzutage noch Festnetz? "Herrje, Olga, nicht jeder hat den ganzen Tag Zeit herumzuprozessieren - ich zum Beispiel bin voll berufstätig", erinnerte er genervt.

 "Weet ick, stand oft genug in der SaNews, dass uns allmählich die Fachleute ausgehen - selbst Chirurgen werden hierzulande nicht mehr anständig bezahlt - das Geld geht wohl für Dividende, Manager und Fußballer komplett drauf. Pscht. Sonst wärst längst pensioniert, mein Lieber. Kann nicht jeder in Würde abtreten, wenn seine Zeit gekommen ist. Außerdem hat mir ein kleines Vögelchen zugezwitschert, dass du seit einigen Jahren nur Sachen machst, die jede Krankenschwester genauso hinkriegt - die Klinik braucht dein Renommee und nicht deine Tattergreishände", setzte sie herzlos hinzu.

 "Ich kann auch aufhängen!"

 "Richtig! Und warum tust du es nicht? Deine Erinnerung an unsren alkoholisierten Ausrutscher damals ist also nicht gänzlich verschütt gegangen?" kam es so trocken aus dem Hörer, als würde sie die Werbung eines Dachdeckers aus den Gelben Seiten zitieren.

 Vor Schreck legte er tatsächlich auf, um nach kurzer Nachfrage in der Klinik und einiger Rechnerei zurück zu rufen: "Sie ist meine Enkelin?" kam es zaghaft.

 "Und meine", bestätigte sie kühl. Was also wollen wir unternehmen? Überleg dir was und in vierundzwanzig Stunden erwarte ich dich zum Abendessen bei mir! Es gibt Zander in Mangosenfsoße mit jungen Kartoffeln, eigenhändig und liebevoll gekocht. Im Restaurant unten, don't worry. Same time, same place. Bis die Tage!" beendete sie das Gespräch auf elisabethanisch.

 "Stopp!" rief er zu spät in das Tuten hinein.

  Das Pißweib hatte eingehängt.


III. irgendwo zwischen I & II - immer noch kim

 Kaum war Kims Gesundheit halbwegs hergestellt, glitt sie eines Nachts in den Keller, einige Schräubchen der schweren Kellertür fester drehend, dafür andere lockernd, so dass die schwere Tür, einmal zugefallen, von innen nicht mehr zu öffnen war - höchstens per Dynamit. Als Tüpfelchen auf dem i hatte sie tags vorher trotz neuer Sicherheitsschlösser das gesamte Werkzeug aus ihren Kellerräumen nach oben geschleppt: fertig war die Falle. Auch außerhalb ihres Berufs war sie begeisterter Tüftler und die einzige im Hause, die den miefigen ehemaligen Bunker aktiv nutzte, so dass eine Störung nicht zu befürchten war - dennoch entschied sie sich für das ruhigere Wochenende. Eventuelles An-der-Tür-Poltern hätte man, wenn überhaupt, höchstens unten im Treppenhaus vor seiner Wohnung hören können, denn Kellerfenster gab es keine: eine Gruft, modrig und nicht eben gut durchlüftet. Und ohne Funkempfang. Lediglich ihre Kellerräume waren gut isoliert und beinahe bequem - sogar mit Klimaanlage; wie es sich für den Keller eines gelernten Handwerkers ziemte. Und - so ein Pech aber auch! - an diesem Weekend war sie ausnahmsweise nicht zu Hause, musste zu ihrem erkrankten Vater, dem einzigen Menschen, der ihre doch recht unbestimmten Vorbehalte gegenüber Mike teilte, ein Mitkommen ihrer allgegenwärtigen 'Beziehung' ausschließend.

 Halleluja.

 Die einzige Schwierigkeit bestand darin, den Faulpelz in den Keller zu locken - denn ohne Grund bewegte der Herr sich niemals, dies verstieß gegen seine sogenannten Prinzipien. Doch hier war ihr eine, wie sie meinte, elegante, beinahe geniale Lösung eingefallen: Einem von ihr fingierten Einbruch der Kellerräume würde er nicht widerstehen können, nach eigener Aussage waren seine beiden Räume unten voller Kostbarkeiten, als besitzstolzer und neugieriger Mensch würde er zumindest einen kurzen Blick reinwerfen wollen - das war so sicher wie die drei Kirchspitzen von Salten.

 Samstag lauerte sie abmarschbereit mit ihrem Rucksack, den sie immer dabei hatte, hinter der Wohnungstür mit einem Buch, voller doppelter Vorfreude erstens auf ein entspanntes Wochenende ohne ihn und mit Paps, dann natürlich über ihren kleinen Scherz und seine mutmaßlichen Folgen: ein Tag Einzelhaft in unsauberer und gruftkalter Umgebung würde selbst den trägsten Döskopp zum Berserker und den unartigen Scherzkeks zum verlassenen, also befreiten Menschen machen... Oder? Sie hatte ihm einen guten Schlafsack dagelassen, und seine Kinderplörre, die er unten verwahrte, hielt auch warm: wohl bekomm's und bye!

 Sie musste lange warten, es ging bereits auf die Mittagszeit zu, als sie ihn nach oben stampfen hörte. Nach oben? wunderte sie sich noch, da klingelte es bereits. Was sollte sie machen? Sie öffnete, konnte nur wie ein Karpfen den Mund auf und zu machen, während er sie atemlos mit eiligen Stakkattosätzen eindeckte:

 "Ah, bist doch noch da, dachte mir, ich hätte dich gehört! Meine Schwester geht es leider auch nicht besonders - muss auf der Stelle hin - hast ja nicht so weit wie ich - könntest du bitte den Polizisten meine Kellerräume zeigen bevor du gehst - müssten spätestens in einem halben Stündchen da sein - mein Taxi ist nämlich gleich da" - von unten war das Läuten der Haustür zu hören - "ha, wenn man vom Teufel spricht - hier sind die Schlüssel zu meinem Keller - treib's nicht zu bunt und Pfote weg von meinen Sachen, klar! Hab mir frei genommen und bin exakt in einer Woche wieder da. Grüße und Genesungswünsche dem Herrn Andrieux - Küssi, mein Mäuschen!"

  Und weg war er, sie mit Schlüsselbund und verdutztem Gesicht zurücklassend: Polizei?

 Oh.

 Und nu? Hier war schnelles Handeln gefragt.

 Kurzentschlossen raste sie die Treppe runter und schloss auf, vorsorglich ein Stück Holz unter die schwere Tür schiebend. Aber zuerst würde sie seine Kellerräume ein wenig unter die Lupe nehmen - die Polizisten mussten ja zuerst klingeln, so eine Gelegenheit ergab sich so bald nicht wieder: vielleicht ließ sich da ein kleiner Nebenstreich einbauen?

 Beim Ausprobieren des vorletzten Schlüssels passierte es: in ihrem Rücken machte es "whuuii" und irgendeine Tür hinter ihr fiel schwerfällig ins Schloss. Automatisch schob sie ohne sich umzudrehen auch die letzten beiden Schlüssel ins Loch: passten nicht. Hatte sie etwas anderes erwartet - ehrlich? Langsam, wie in einem Traum, schritt sie zur bunkerdicken, gut verschlossenen Kellertür...


 Den ersten Minicam entdeckte sie rein zufällig auf der Suche nach Materalien für ihre selbstgebastelte "Kläranlage", eine mehrstöckige Holzkonstruktion. Ihre eigenen Räume hatte sie durch und betätigte sich nun als Einbrecher in der Hoffnung auf halbleere Flaschen oder weitere brauchbaren Stoffreste, um möglichst viel "Gift" aus der einzigen Flüssigkeit im Keller herauszufiltern, die sie bisher gefunden hatte. Ohne passendes Werkzeug Schlösser aufbrechen war keine Kleinigkeit, zumal die meisten Nachbarn wie sie nach dem letzten Einbruch mittlerweile gute Schlösser hatten; der Mangel an Flüssigkeit fing an, sich bemerkbar zu machen - erschöpft hatte sie sich auf den Boden sinken lassen und schaute von dort direkt in die erste Cam: an der Lampe angebracht, die von der niedrigen Decke des langen T-förmigen Korridors die ersten zwei oder drei Meter ausleuchten sollte - Linse Richtung Bunkertür. Einmal aufmerksam, suchte sie weiter und fand eine weitere vor seiner Kellertür, mit Blick auf die gesamte Länge des L-Korridors; die dritte und vierte entdeckte sie in seinen übrigens nur mit Sperrmüll und Rotwein gefüllten Raum, dessen Tür sie als einzige ohne Werkzeug aufzubrechen vermocht hatte - das Schloss war ein Witz aus der Vorkriegszeit. Nach dem Kellervandalismus hatte sie die Installation einer Mini-Überwachungskamera in ihrem Keller erwogen und sich schlau gemacht, kannte sich daher etwas aus. Alle Cams waren mit Bewegungs- oder Lichtmelder ausgestattet, hatten zweifelsohne direkten Kontakt zu Mikes PC und waren halbwegs gut getarnt sowie fachmännisch angebracht: wozu war man gelernter Elektronikfachmann?

 Nur die Vorstellung, wie Mike sich irgendwann an den Bildern ihrer Wut und Verzweiflung weiden würde, hielt sie davon ab, die Kameras eine nach der anderen runterzuholen und an die Wand zu schmettern. Langsam begab sie sich in ihren eigenen Keller und setzte sich an den uralten Schreinertisch, den Kopf auf ihre Arme legend, Gesicht nach unten. Sie musste nachdenken, und zwar ohne digitale Zeugen:

 Er musste sie beim Manipulieren der Kellertür per Cam beobachtet und den getürkten "Einbruch" durchschaut oder zumindest vermutet haben.

  Zweitens: wie sie ihn kannte, würde er zu seinem Wort stehen und tatsächlich seine Schwester besuchen, der es seit deren Geburt immer mehr oder weniger schlecht ging, und dort eine Woche - also noch fünf Tage - bleiben. Dumm war er weiß Gott nicht, warum sollte sein Alibi weniger gut sein als ihres?

  Drittens: hier unten gab es nicht einmal Wasser, nur Wein, aber leider aus seinem Keller, also sehr lieblich und sehr rot und für sie ungenießbar.

 Viertens: nicht nur weil der Wein hier unten die einzige Flüssigkeit war, auch wegen der Kälte würde sie ihn trinken müssen - Abneigung hin, Allergie her.

 Und fünftens: sie hasste ihn mit einer lnbrunst, die ihr Angst einjagte. Je schneller sie sich also aufraffte und etwas unternahm, umso besser; die Grübelei machte sie nur verrückt und die Räume leider nicht gerade wärmer. Auf der Suche nach Lebensmitteln oder Werkzeug, um auch die guten Schlösser knacken zu können, entdeckte sie eine fünfte Kamera: noch kleiner als die anderen und klug unterhalb eines Regals angebracht.

  In ihrem Keller.

 Ihre Gedanken rasten rückwärts: Ihr altes Schloss hatte sie genau wie die Mehrzahl ihrer Nachbarn gegen ein sehr stabiles ausgewechselt, nachdem Rowdys eingebrochen waren und alles kurz und klein geschlagen hatten, und dieses neue Schloss wies keinerlei Einbruchspuren auf. Man konnte also davon ausgehen, dass die winzige Kamera - es traf sie wie eine Keule - vor dem Einbruch und vor ihrer Bekanntschaft mit einem gewissen Computerheini angebracht worden war.

  Soweit, so schlecht.

 Zumal als Nachbar dürfte ein Blick in ihre Online-Gewohnheiten für Mike ein Klacks gewesen sein: die Foren, die sie besuchte, ihre literarischen und in diesem Fall vor allem musikalischen Interessen. Das erklärte im nachhinein auch seine Mails vor ihrem Kennenlernen, deren lnhalt sich fast immer mit ihrer Meinung und Weltanschauung, ihren Vorlieben und Abneigungen deckte; mein Gott, wie beeindruckt war sie gewesen, als er sogar ihr Sternkreiszeichen und ihren Geburtstag fast auf die Minute genau erraten hatte...

 Alles gelogen.

 Er musste die gesamte Strategie seines Vorhabens 'Wie krieg ich Kim Tiara Andrieux herum?' auf die ausspionierten Informationen aufgebaut haben, hatte sie eventuell nach seinem Einzug im Treppenhaus oder vorm Haus gesehen. Und sie Dödel war sich die ganze Zeit so ungeschützt und hilflos vorgekommen, wie jemand, der mit imaginären Hindernissen kämpft, während er mühelos alle Hürden genommen hatte und in ihr Leben eingebrochen war, ohne ihr die kleinste Abwehrmöglichkeit zu lassen.

  Kunststück: er hatte alles gewusst - alles.

 Wesentlich später fügte sie ihrer Aufzählung einen weiteren Punkt hinzu:

 Sechstens: sie würde den Schweinepriester umbringen, und wenn's das letzte war, was sie tat.


*     *     *

 Fünf Tage später wurde sie bewusstlos ins Marien Krankenhaus ein paar Straßen weiter eingeliefert, um erst sechs Tage danach die Augen aufzumachen, und wer saß an ihrem Krankenbett, das Gesicht ein einziges Paket aus Treuherzigkeit und Sorge?

 "Tiara! Schatz! Endlich bist du wieder da, ich bin so froh und erleichtert!"

 Sie verzog unsicher den Mund: "Wo bin ich?" Und dann, ihre Hand aus der seine ziehend: "Wer sind Sie?"

 Wie aus dem Nichts drängelte eine weißhaarige Dame, die seit Tagen von einer bequemen Liege am Fenster aus das Zimmer überwachte, den jungen Mann aus dem Krankenzimmer: "Sie hören es, mein Lieber, meine Enkelin braucht ihre Ruhe!"

 Nachdem sie den ihr gleich unsympathischen jungen Mann aus dem Zimmer bugsiert hatte, setzte die alte Frau sich auf den freigewordenen Stuhl und meinte: "Du hast ja so Recht, Kim, Männer können ziemlich penetrant sein."

 "Söhne auch?" kam es tonlos, dann: "RAUS!"

* * *

 Hauptchor der wenigen Besucher, die sich trotz Corona hertrauten: "Wie konnte das passieren?"

 Refrain: "Wie jammerschade - Mike ist ein prima Kerl und ihr ward ein so schönes Paar - kannst dich wirklich an nichts erinnern?"

 Dumme Frage.

 Von Paps und Daniel keine Spur. Allmählich gingen ihr allerhand Bilder durch den Kopf: die Abwesenheit des einen war schon merkwürdig genug - aber beide?

 Ihr Verhältnis war eng, immer gewesen. Ihr Vater war noch sehr sehr jung, als sie quasi mutterlos zur Welt gekommen war. Es schien beinahe natürlich, das Lehrlingsmädel bei sich aufzunehmen, als dieses fast zeitgleich vom verheirateten Chef schwanger geworden war. Er hatte eine Ersatzmutter oder weibliche Bezugsperson gesucht, sein Selbstvertrauen als junger Vater und überhaupt musste sich erst entwickeln. Viele Jahre später schenkte der umtriebige Boss dem jungen Paar die Tischlerei.

 So undramatisch und simpel spielt das Leben. Manchmal.

 Erst nach einigen Tagen kam ihr Bruder mit ihrem alten Rucksack, Mundschutz und schweren Schritten hereingeschlurft, ganz in Schwarz, noch tiefere Ringe unter den Augen als sonst. Und stumm.

  Kim spürte, wie ihre Blutzirkulation sich völlig aus dem Kopf zurückzog: "Paps?"

 Er nickte nur.

 "Raus damit, ich erfahr's sowieso."

 "Hab natürlich von deinem" - er schnitt eine Grimasse: "Kellerabenteuer gehört und in der Zeitung gelesen und hätte dich längst im Krankenhaus besucht, aber es gibt Corona und die Ärzte versicherten, bei dir ist alles in Ordnung, was man von Paps nicht sagen konnte - ich komm gerade von der Einäscherung..." Er zauderte, bevor er lakonisch hinzufügte: "Corona war's nicht, aber eine bloße Erkältung ebensowenig, in seinem Alter ist mit sowas nicht zu spaßen. Er hätte im Bett bleiben sollen."

 Sie runzelte die Stirn. "Sieht ihm gar nicht ähnlich, aufzustehen - warum...?" Sie brach ab. Ihr Vater hatte sie beide fast im Alleingang großgezogen, mehr Verantwortung und Vernunft in einer Person war unvorstellbar, auf die eigene Gesundheit achtete er daher fast so pedantisch wie auf die seiner Kinder.

 "Wegen mir", beantwortete sie die eigene Frage kaum hörbar.

 "Du hast dich nicht gemeldet, warst unerreichbar", verteidigte er sich, als hätte er es verhindern können, vielleicht sogar müssen. "Wir haben dich alle wie die Irren gesucht - sah so gar nicht nach dir aus, einfach mir nichts, dir nichts zu verschwinden, und dann ausgerechnet wenn Paps krank ist. Selbst Mike hatte keine Ahnung, wo du warst..."

  "Wer ist Mike?" kam es automatisch über ihre fast farblosen Lippen, während ihre Gedanken sich in die entgegengesetzte Richtung davonmachten.

 Er beschloss, das Thema zu wechseln. "Bin im Flur auf deine Großmutter gestoßen, die dein Zimmer bewacht wie die Schweizer Garde - du hast Kontakt?" fragte er ungläubig.

 "Wovon redest du, unsere Großmutter ist doch vor fünfzehn Jahren gestorben?", wollte sie tonlos wissen, bevor sie erneut das Bewusstsein verlor.


* * *


 Ein Tag später wurde in ganz Deutschland Lockdown Numero 2 verhängt. Nachdem Salten auf einem außermonatlichen Bürgertreff kurzlich mit großer Mehrheit besiegelt hatte, französische Corona-Patienten aufzunehmen, beschlossen die frischgebackenen Großeltern auf Nummer Sicher zu gehen und 'dat Mädel' trotz erneuter Bewusstlosigkeit aus dem Krankenhaus zu holen, zumal der junge Mann, der darauf beharrte, ihr Verlobter zu sein, energische Anstalten machte, sie zu seiner Schwester zu verfrachten. Zum Glück wog eine prominente gleichnamige Großmutter mehr als ein mickriger Pseudo-Verlobter, der am Tag vorher von der Patientin herself vor Krankenhauspersonal herausgeschmissen worden war - für den anschließenden Hinauswurf der Großmutter gab es zum Glück keine Zeugen.

 Ohne lange herumzufackeln ließ Olga das obere Appartement ihres dreistöckigem Hauses, bis dahin Solarium, Sauna und Refugium ihrer Perserkatze, Julia, leerräumen und reinigen; das Krankenbett und die Pfleger, die sich ablösten, stammten vom brandneuen Großvater, der sich beim Krankentransport weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Da vom trauernden Bruder keine Widerworte kamen, lag das Mädel noch am gleichen Tag besser abgesichert als so mancher Papst: wer dort hoch wollte, musste erst an einer alten Frau vorbei, die entschlossen war, es nicht nochmal zu verkacken.

 Nach und nach beendete Olga ihre juristischen Kriege, dafür einige Detektiven auf den komischen 'Fiancé' abstellend, und erfuhr unter anderem, dass dessen Firma kurz vorm Bankrott stand und vom Staat als "Coronaopfer" Unterstützung beantragt hatte.

 Ha, wenn der sich da mal nicht verrechnet hatte, noch hatte sie Beziehungen. Nach einigen Worten mit der besten Freundin Kims, weitete Olga die Aufgaben der Detektei auf die Wohnung ihrer Enkelin aus und musste feststellen, dass das "Subjekt", wie sie den jungen Mann fortan mit spitzen Lippen nannte, seine Kellerräume bereits leergeräumt hatte; in Kims Wohnung fanden sich immerhin einige Bugs mit Teilen von Fingerabdrücken, was die Beweislast weiter erschweren würde, falls es seine waren - fehlte bloß die Aussage oder Anzeige des Mädels.

 Nur: würde diese ihre Bemühungen zu schätzen wissen? Ihr Bruder schien daran zu zweifeln, hatte nur widerwillig der Durchsuchung ihrer Wohnung zugestimmt.



IV. bavaria blues

 Es war nicht geplant. Er war doch kein Verbrecher. Nicht so. Die Sache mit dem Keller lag auf einem anderen Blatt, war eine Retourkutsche gewesen, mehr nicht. In Ordnung, etwas derb, aber stundenlang in einer Kloake waten, um hochwertige Brücken, Chippendalemöbel, Chinageschirr zu retten - und dann die Schuhsammlung, sein ganzer Stolz: was war dat, Pillepalle, oder wat? Und die oh so liebe unschuldige Tiara hatte es generalstabsmäßig geplant, auch die Kellergeschichte war ihm zugedacht worden, er sollte tagelang im Keller eingesperrt darben - was konnte er dafür, wenn Tiaras Eltern deren Erziehung so schandbar lasch gehandhabt hatten? Solche Sachen waren in einer Beziehung zwar nicht üblich, aber doch etwas, was nur das Paar etwas anging. Persönlich also, privat.

 Das mit ihrem Bruder war etwas anderes, zugegeben. Doch auch hier war er irgendwie hineingerutscht. Ahnungslos, wenn auch nicht ganz unschuldig. Sein Verhältnis zu Daniel war von Anfang an gut gewesen, sie hatten diverse Sachen ohne weibliche Begleitung gemacht - was Männer so machen, wenn das Wochenende lang und Frauen keine Lust hatten: Fußball gucken, durchs Nachtleben tingeln, sowas. Nicht direkt ein Herz und eine Seele, aber sich in einigen typisch maskulinen Dingen einig und bei Beziehungsstress so, dass der Kollateralschaden minimal blieb. Machten die Weiber genauso. Er hatte dem Jüngeren elektronisch weitergeholfen, und dafür einige Insidertipps vom Bankkaufmann erhalten, die immer Hand und Fuß hatten. Bis Corona kam. Er machte Daniel, der selbst börsenmäßig abgestürzt war, wenn auch nicht in dem Umfang wie er selbst, nicht dafür verantwortlich.

  Sowas passiert. Dumm gelaufen.

 Also Rache oder so - weit gefehlt. Klar, wenn man ihm zutraute, den Berghang wochenlang mit Wasser begossen und präpariert zu haben, damit der pünktlich so runterrutscht, dass niemandem zu Schaden kam - Mann, er hatte von der Existenz der blöden Berghütte bis dahin null Ahnung gehabt. Nachweislich. Erst als Daniel ihn gebeten hatte mitzukommen... Nun gut, die Reihenfolge war eine andere, er selbst hatte Daniel um ein Gespräch gebeten, so war das. Mensch, seine Firma, seine Beziehung - alles im Arsch - einige Schuldner waren trotz Corona hinter ihm her, komm, jeder braucht mal ein offenes Ohr, oder?

 Die Hütte war offenbar länger im Familienbesitz. Tiaras und Daniels Vater hatte es irgendwann geerbt und sich jeden Sommer seine Kids gekrallt, um dort Bergluft zu tanken. Dass Daniel auf den Weg nach Bayern war, um nach den Rechten zu sehen und den Kopf freizukriegen - woher hätte er das wissen sollen?


 Obwohl Kim und Daniel keine Blutsverwandten waren, waren sie wie Geschwister aufgewachsen. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war zufällig: von weitem, von der Seite und von hinten. Fast gleich groß, gleiche Haarfarbe und Länge - der ganze Schwung schien aber beim Mädel hängengeblieben.

 "Die zwei müssen irgendwie die Chromosomen getauscht haben, verflixt!" pflegte der stolze Vater kopfschüttelnd zu scherzen, was Kim, Feministin durch und durch, stets auf die Palme brachte. Im Gegensatz zu ihren giftgrünen, waren Daniels Augen dunkelbraun, umrahmt von Schatten wie die eines Waschbären, von mangelndem Schlaf oder zuviel Arbeit kamen die auf keinen Fall. Er war träge, der vielseitige Tatendrang seiner Schwester ging ihm völlig ab, ja stimmt. Der Lockdown, zu dem Salten sich lange vor Restdeutschland selbst verordnet hatte, um erstmal einen Überblick zu gewinnen, hatte ihm so gut gefallen, dass er kurz davor stand, den Job zu schmeißen. Täglich. Homeoffice reichte ihm nicht mehr. Nur gut, dass Salten von einer ehemaligen Bibliothekarin delegiert wurde: es wurde ernsthaft erwogen, das Bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Das wär's, er hätte dann ein Problem weniger, denn mit #BGE würde seiner Einstellung der Stachel des Hochmuts gezogen: die wenigsten können es sich leisten, nicht zu arbeiten, und sie besaßen immerhin eine halbe Tischlerei, Berghütte und Haus. Letzteres hatten bis zum Auszug Kims alle bewohnt; er hoffte, nein, rechnete fest damit, dass sie nun wieder einziehen würde - optimal: sie unten, er oben. Kim triezte ihn zwar gerne, akzeptierte ihn aber wie er war; als sie noch unter einem Dach gewohnt, hatte sie gelegentlich Mitleid mit seinen sehnsuchtigen Dackelaugen gehabt und ihm eine liebe Freundin vermittelt. Ehrlich, warum konnte man ihm nicht seine Ruhe lassen? Es gab unzählige, die seinen Job bei der Bank besser konnten und mit Kusshand übernommen und das Geld dringend gebraucht hätten - was sollte also der Unfug? Zumal seine vorletzte Freundin einen Gemüsegarten angelegt hatte, den er seit ihrem Abgang wider Erwarten gerne gepflegt hatte. Kim war genauso, ihre paar Angestellten arbeiteten so, wie es ihnen am besten passten. Geld war Neben- und nicht Hauptsache. Paps Stempel halt. Die ehrliche Selbstkritik in Paps Testament änderte daran nichts, er war sich sicher, seine Schwester würde es genauso sehen, hatte aber gleichzeitig Bammel, ihr den Wisch zu zeigen und war entschlossen zu warten, bis sie vollständig gesund war. Eine Ausrede? Logisch!

 Ein weiterer Gegensatz zu seiner Schwester: er war ungern alleine. Leider gefielen den Frauen, die ihm gefielen, sein Hang zur Bequemlichkeit und Genügsamkeit nicht, weswegen er genötigt war, sie alle paar Monaten auszuwechseln, je nachdem, wie lange sie es bei ihm aushielten - dies hatte ihm den unverdienten Status eines Casanovas, und seit Corona den eines Eigenbrötlers eingetragen. Die Energie, die es ihn kostete, eine neue Freundin zu finden, war fast zuviel für ihn.
 Alles war ihm gerade zuviel: Paps, dessen Testament, Kims "Unfall"... - in Bayern mal nach den Rechten zu sehen war auch eine Ausrede. Er wollte, er konnte nicht mehr. Verdammt, er hatte seinen Vater, beinahe seine Schwester verloren. Mikes überraschender Besuch kam wie die Faust aufs Auge.

 "Das hört sich schrecklich an, tut mir echt Leid mit deiner Firma. Weißt was?" kam es spontan. "Bisschen Gesellschaft unterwegs passt. Mußt dich aber sofort entscheiden, ich fahre jetzt los und bleib höchstens eine Woche; danach hab ich keine Zeit mehr, wollte mich dann um meine Schwester kümmern, die momentan dort, wo sie liegt, besser aufgehoben ist."

 Was blieb Mike übrig? Es konnte nicht schaden, den Bruder ein wenig auszuquetschen. Dass der Zug Tiara abgefahren war, hatte er kapiert, aber war deren Amnesie echt und wenn ja, war es irreversibel? Ausgenommen die beiden Wanzen in ihrer Wohnung, an die er nicht herankam, gab es für die Kellergeschichte keine Beweise, die Cams im Keller hatte er entfernt, sobald der Krankenwagen mit Tiara abgefahren war, alle Dateien mehrfach gelöscht. Sie war trotz Temperament ein reservierter Mensch, hatte ihm zum Beispiel nie ihre Schlüssel anvertraut oder allein in der Wohnung gelassen. Sowas Misstrauisches hatte er noch nie erlebt, er selbst war da ganz anders. Die große Frage blieb daher: hatte sie vor, ihn anzuzeigen? Gleichzeitig war Bayern eine gute Gelegenheit, einigen unliebsamen Menschen aus dem Wege gehen.

 Die lange Fahrt verlief ohne Pannen und vorwiegend heiter, Daniel war sichtlich und hörbar erleichtert, sein Trauercape in Salten lassen zu können. Sie wechselten sich beim Fahren ab, gröhlten zur fetzigen Musik und ließen sich unterwegs coronagerecht dreimal Essen rausbringen. Kaum Mißtöne. Verblüfft war er darüber, dass der Sportwagen nicht mehr als 120 hergab.

 "Wieso? Hab extra einstellen lassen, was die Wissenschaft empfiehlt - haben alle Saltener. Wenn die das #Tempolimit lange genug hinauszögern, schaffen die Lobbyisten es bestimmt noch, daraus 140 oder 150 zu machen." Daniel grinste: "Bei mir sind die Eier deswegen nicht abgefallen."

 War trotzdem schön. Auch für ihn selbst. Ohne Schleim jetzt.

 Das nicht allzu große Gebäude sah verwahrlost aus und roch entsprechend, und zum Teil waren die Vorräte abgelaufen; die letzte Überholung lag offenbar eine Weile zurück. Netz gab es nicht, nicht einmal Festnetz, nur ein kleines Fernsehgerät mit Antenne - offenbar gewollt.
 Zwei Tage nach ihrem Ankunft rutschte die Hütte dank einwandfreier Tischlerarbeiten kompakt fast fünfzig Meter den Hang runter, Daniels Sportwagen, das direkt daneben gestanden hatte, wie ein angeleintes Hündchen hinterher; sie hatten geschlafen und waren nicht einmal wach geworden. Und nun saßen sie fest. Wie seine Schwester war Daniel durch technischen Schnickschnack nicht zu beeindrucken, das und Mikes Unlust, sich die gute Stimmung durch Hiobsbotschaften zu verderben, die alle paar Stunden eintrudelten, hatte ihn von vornherein abgehalten, sein Handy herausnehmen und damit anzugeben: das Wunderding empfing nämlich überall, auch vom Boden des Pazifiks, wenn es sein musste. Er hatte einfach die Klappe gehalten und alles auf sich zukommen lassen wollen - war das bereits ein Verbrechen? Niemand konnte ihm den blöden Bergrutsch in die Schuhe schieben, niemand konnte beweisen, dass er Empfang hatte. Wie sollte das gehen? Sein Zauberhandy hatte sogar mehrere Nummern, die unterdrückbar waren, und das Schöne war: der GPS war niemals an gewesen.

  Sicher, unterlassene Hilfeleistung war keine Kleinigkeit, aber es ging ihnen doch gut: sie waren unverletzt, die Vorratskammer war bis obenhin voller Konserven und Wasser, Tee und Kaffee, Alkoholisches, Säfte und was noch alles. Unterlassene Hilfeleistung wäre es gewesen, wenn sie in Not oder verletzt gewesen wären. War nicht der Fall.

 Wie hatte Daniel himself gesagt: "Sowas passiert. Dumm gelaufen".
 Japp.

 Die erste SMS hatte er beim "Holzhacken" geschickt, eine Tätigkeit, die er freiwillig auf sich genommen hatte - Faultier Daniel schien von den ordentlich vertäuten Holzstapeln nichts zu wissen.

 Einfach, kurz und unverfänglich: "Hallo wertes Fräulein, was ist Ihr Bruder Ihnen wert?"

 Die Nachricht hatte er sofort nach dem Senden vom Handy getilgt. Spurlos. Niemand würde je beweisen können, dass er es gewesen war, und selbst wenn: was denn genau? Es war ein spontaner Testballon, er hatte sich nicht festgelegt, hatte nicht einmal einen Plan.

 Eine Antwort auf seinen erpresserischen Versuchsballon war so schnell nicht zu erwarten. Daniel war auf der Hinfahrt gesprächig gewesen, daher wusste er, dass Tiara meistens bewusstlos war oder schlief und bei ihrer Großmutter professionelle Vollverpflegung genoß. Wertvoll war auch die Information, dass Daniel seine Reise nach Bayern nicht angekündigt hatte.

 Und nun war Lockdown. Ohne Kontakt nach draußen. Perfekt. Fast wie eine Einladung. Weder Daniel noch er wurden irgendwo erwartet, und unterwegs aufgehalten hatte man sie nicht: warum auch, bei ihnen im hohen Norden gab es kaum Infizierten - höchstens die paar Franzosen, die das kleinere Saltener Krankenhaus aufgenommen hatte. Besser hätte es nicht kommen können, wenn es wochenlang vorher geplant worden wäre. Ob sie hier oder in Salten daheim blieben, was machte es für einen Unterschied?

 Daniel nahm den Bergrutsch auf die leichte Schulter, zeigte sich von seiner besten pubertären Seite und war ansteckend albern. Sie gebärdeten sie sich wie auf einem Robinson-Crusoe-Trip, beim Essen darüber flachsend, wer von ihnen als Freitag am geeignetesten wäre, wenn der Mittwoch ausfiel und Sonntag nur 13 Stunden hatte. Sowas.

* * *


 Kim hatte ihre paar Siebensachen bereits gepackt, die Daniel ihr ins Krankenhaus gebracht hatte, als die erste Nachricht eintraf. Sie war wackelig auf den Beinen, aber entschlossen, die Großmutter-Farce noch am gleichen Tag ihrer Erwachung zu beenden und zu gehen: kaum war Paps tot, drängte sich die alte Frau, die ihn weggeben hatte, auf - was dachte sie sich dabei? Zufällig war auch der Professor anwesend, sodass beide Zeugen wurden, wie beim Lesen jede Unze Blut aus ihrem ohnehin schmalen Gesicht zu weichen schien.

 "Was ist passiert?!" trompetete Olga erschrocken, während Roko seine Enkeltochter sanft aber energisch zurück zum Bett dirigierte.

 Die junge Frau dachte noch: "Okay, sollen die das übernehmen - ich bin dann mal weg!", überreichte Roko ihr Handy wie einen Degen. Und war weg.

 Die demonstrative Bevorzugung traf Olga wie eine feine Nadel, aber nur kurz: eine Chance war eine Chance - wahrscheinlich ihre letzte. Sie war entschlossen alles zu tun, auszuharren und natürlich auch jede Frage wahrheitsgemäß zu beantworten - Fragen auf die sie seit Jahren vorbereitet gewesen war.

 Und die Fragen kamen.

 Momentan konnten sie alle nichts tun als auf Anforderungen der Entführer warten; obwohl Kim sich rasch erholte, war ihr klar, dass sie der Aufgabe so bald nicht gewachsen sein würde. Die kurzen Blackouts waren eher körperlicher als geistiger Natur, daher blieb sie folgsam im Bett, nach jeder pragmatisch kurzen Frage fast schon einschlafend, und doch spürte Olga, wie die junge Frau aufmerksam, fast saugend zuhörte:

 "Wir waren zwei Kusinen mit nur einer Möglichkeit zu studieren. Von Anfang an stand fest, dass ich studieren würde, Klara war schon immer häuslicher, eine Lichtallergie machte ihr das Leben außerdem zur Hölle. Sie vertraute auf meine Tüchtigkeit und darauf, dass ich erfolgreich sein würde; wir wurden beide aus Hamburg nach Salten evakuiert und gingen dort zur gleichen Schule, wo wir vom Studiumplatz erfuhren und anfingen zu planen. Es war ausgemacht, dass ich sie später finanziell ein wenig unterstützen würde. Im Gegensatz zu mir war sie bescheiden und brauchte nicht viel: Häuschen auf dem Land reichte ihr. Noch bevor ich schwanger wurde, hatten wir alles vertraglich festgelegt..."

 "Ein Kuhhandel also", warf Kim ein, die Augen zu Schlitzen verzogen.

 "Würde ich nicht so nennen. Nachdem meine unplanmäßige Schwangerschaft feststand, hielten wir den Vertrag merkwürdigerweise für überflüssig. Es ergab sich einfach so. Ihr war klar, dass ich mich umso mehr dahinterklemmen würde und sie war begeistert von der Aussicht, ein Kind allein für sich großzuziehen, ohne mit den 'Unannehmlichkeiten' wie sie Sex und Geburt nannte, in Berührung kommen zu müssen. So eine Allergie macht einsam, weißt du. Aber du hast sie gekannt - wem sag ich das? Mein neuer Part war, ihr die zusätzliche Aufgabe finanziell zu ermöglichen, sowie es in meiner Macht lag. Niemand hatte damals Geld oder Eltern mit Geld - nicht in unserem Bekanntenkreis, Familie hatten wir ja nicht mehr. Das Studium wurde gespendet von einer gemeinsamen Tante väterlicherseits, die schon früh nach Schweden ausgewandert war und längst tot ist; sie hatte mit ihrem schwedischen Mann ein Geschäft, das gut genug lief, jeden Monat etwas beiseite legen zu können. Wie viele damals, hatte sie studieren wollen und später für ihren Sohn gespart, der früh gestorben ist.

 So war das. Du wirfst mir vor, aus Karrieregeilheit deinen Vater im Stich gelassen zu haben - meine ehrliche Antwort: jein. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, dass die Möglichkeiten, die er durch mich hatte, auch nicht ohne waren - den Rest musst schon selbst zusammenpuzzeln."

 "Welche Möglichkeiten? Paps hat eine durchschnittliche Schulbildung und anschließend eine Lehre gemacht. Die Tischlerei hatte er und seine Frau vom leiblichen Vater Daniels."

 "Hat er das so gesagt?" Die Frage stammte von Roko, dessen Abneigung, die olle Pißhexe zu besuchen, verschwunden war.

 "Lassen wir's halt so stehen", kam es schnell und schnodderig von Olga, die genug hatte und nach unten in der eigenen Etage verschwand.

 "Jaja, hau nur ab, wenn's nicht passt!" hörte sie ihre Enkelin aufgebracht hinterher rufen.

 Olga deuchte sich zu alt für "Hast du-nicht-hab-ich-doch-nicht-wohl"-Spielchen. Kindergarten. Sie äußerte sich dahingehend, als Roko wenig später herunterkam.

 "Das, was du Spielchen nennst, raubt anderen unter Umständen ihre Ruhe oder gar Daseinsberechtigung", orakelte der. "Hat die erfolgreiche allseit bekannte Olga Andrieux schon darüber nachgedacht?"

 Sie prustete: "Das sagt der Richtige!"

 Er errötete trotz Professur und Alter: "Vergiss nicht, Olga, du hast mir damals die Möglichkeit genommen", konterte er würdevoll. "Ehrlich gesagt, nehme ich dir das sehr sehr übel." Er plusterte sich etwas auf, selbst wenig überzeugt von seiner Rolle.

 "Ach?" spöttelte sie. "Selbstredend hättest du Elisabeth den alkoholisierten Ausrutscher vor eurer Hochzeit gebeichtet, dich scheiden lassen und dich dann mutterseelen-, Quatsch: vaterseelenallein um den Bengel gekümmert? Sei froh, dass ich dir die Illusion, dich stets korrekt zu verhalten, jahrzehntenlang bewahrt habe, du Feigling!"

 Diesmal war er es, der erbost nach unten stolzierte.

 "Jaja, hau nur ab, wenn's nicht passt!" konnte Olga sich nicht verkneifen, ihm hinterher zu werfen, über die eigene Albernheit gackernd wie ein Backfisch: das Leben ab achtzig konnte soviel Spaß machen, wenn nur der Körper nicht ständig hinterherhinken würde.

* * *

 "Roko?!" trompetete sie keine halbe Stunde später auf seinen Anrufbeantworter, völlig entgegen ihrer Gewohnheit, so lange eine Nummer zu wählen bis ein menschliches Wesen abhob. Anrufbeantworter waren ihr ein Greuel, aber sie musste noch packen, verdammt, wieso konnte der Halodri nicht einfach rangehen wie jeder andere? Roko war ein Gewohnheitstier, weswegen sie sicher war, dass er daheim war. "Vorhin hat mein Schnüffler angerufen. Das letzte Lebenszeichen vom Handy des verschwundenen Bruders kam von einem Kaff südlich von Garmisch-Partenkirchen. Plain text: wir haben seine location und zuckeln gleich in meinem Wagen los, kommen vorher bei dir vorbei wegen der unerwarteten Ehre, dass du uns zu begleiten gedenkst. Tudelu."

 Natürlich wollte er. Wollte? Er musste:

 Vor geraumer Zeit, es war die letzte gemeinsamen Fahrt zu dritt mit Olga am Steuer, hatten sie ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude gerammt, weil Olga im Eifer des Wortgefechts nicht auf den Verkehr geachtet hatte - das tat sie selten. Elisabeth hatte auf eine Meldung bei der Polizei bestanden und wochenlang nicht mit Olga gesprochen, als diese sich weigerte: "Denkmalschutz, papperlapapp, das ist ein Pseudo-Alibi der Stadtverwaltung, um ein paar alte kaputte Dinge nicht ausbessern zu müssen. Das Geld geht direkt in einen dieser unzähligen Pflanzenkübel hier in Salten, die jedem normalen Verkehrsteilnehmer das Fahren erschwert. Wenn es dich beruhigt, spendier ich dem hiesigen Waisenheim das Zehnfache, no problems."

 Seit der Versöhnung der Frauen hatten sie bei gemeinsamen Ausflügen einfachheitshalber Roko als Chauffeur missbraucht - das Geschnatter hinten war manchmal mehr als er ertragen konnte.

 Und nun mutete man ihm allen Ernstes zu, sein immer noch schwaches und dazu einziges Enkelkind besagter verantwortungslosen Person zu überlassen, und das holterdipolter durch ganz Deutschland?!
 Selbstredend musste er mit.

 Als Olgas Wagen eine gute Stunde später vor seinem Haus hielt, stand Roko auf dem Bürgersteig, außer einer Reisetasche noch einen Alukoffer in der Hand.

 Olga süffisant: "Das sind doch hoffentlich keine Duellpistolen?"

 "Gute Idee. Guter Mann", lobte Kim trocken, die hinten saß und deren Kopf neugierig in der Lücke zwischen den Sitzen erschienen war.

 "Ganz ruhig. Wie ihr vielleicht wisst, bin ich berufstätig und..."

 "Niemand verlangt, dass du mitkommst!" fiel ihm Olga sofort ins Wort, obwohl ihr graute vor der langen Fahrt mit einer Kranken, die alle paar Minuten einschlief.

 "...also musste ich mich bereit erklären, ein paar Proben fürs Münchner Klinikum mitzunehmen."

 "Aber auf dem Rückweg", bestimmte Olga ungnädig. "Wir haben es eilig."

 "Na gut", gab er sich listig geschlagen. "Dafür fahre ich!"

 In Olgas Gesicht arbeitete es: jahrelang entweder in Rokos Wagen hinten oder alleine fahren zu müssen, als sei sie nicht zurechnungsfähig, das wurmte, doch dann zuckte sie die Achseln, stieg aus und setzte sich auf den Beifahrersitz: irgendwann würde er müde werden, nach Bayern war kein Katzensprung. Und irgendwann mussten sie auch wieder heimwärts, oder? Scheinbar missmutig gab sie Roko die genaue Adresse. Kim war wieder mal eingeschlafen. Dachten sie.

 "So", machte das Mädel mit einer Stimme, die Roko bekannt vorkam und Widerrede von vornherein ausschloß. "Woher wisst ihr von der Hütte?"

 Roko hob und senkte eine Schulter, was gleichzeitig seine Unschuld und sein Unvermögen andeuten sollte, sich auf etwas anderes als das Vehikel unter und denjenigen vor und hinter ihnen konzentrieren zu können.

 "Hab ich meiner Kusine irgendwann überschrieben, dachte, mit der Horde Enkelkids kann sie mehr damit anfangen als ich."

 "Horde?" kam es empört von hinten, weder die erhobenen Brauen noch die übereinander geschlagenen Armen bei der Zusatzfrage musste man sehen: "Tischlerei auch?"

 "Tz", machte Olga. "Ich hatte mit Klara vereinbart, einzuspringen, wann und wo ich kann. Sagte ich das nicht bereits?"

 "Und nun soll ich dir dafür die Füße küssen?"

 Olga hob mit einer für ihr Alter bemerkenswerten Gelenkigkeit ein Bein, mit beiden Händen ihren bestrümpften Fuß nach hinten zwischen den Sitzen schiebend. "Tu dir keinen Zwang an. Zu meiner Zeit hatte man allerdings andere Fetische."

 Kim holte tief Luft und brach dann in schallendes Gelächter aus, in das Olga prompt einfiel, Roko konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

 "Fein", meinte Olga, nachdem sie sich vor allem wohl den Stress heruntergelacht hatten. "War auf einen weiteren Battle gefasst: das Auto ist zwar geräumig, als Ausweichmöglichkeit fehlt aber mein Treppenhaus irgendwie.
Also", setzte sie unaufgefordert ihr Rapport fort. "Wie bereits erwähnt wurde das Handy deines Bruders dort in der Gegend zuletzt geortet. Daniel hat sich etwa 250 km von der Hütte entfernt Essen abgeholt, zusammen mit einem Mann, dessen Beschreibung dem Subjekt ähnelt, stark ähnelt - habe also nur kombiniert, that's all. Miss Marple at her best."

 "Sollten wir nicht besser die Polizei verständigen?" kam es von Roko.

 "Nein!" waren sich die beiden Frauen unisono lautstark einig.

 "Fernerhin", fuhr Olga fort, als hätte es den Zwischenruf nicht gegeben, "habe ich herausgefunden, dass der Hang, auf dem die Hütte steht, dank exzessiver Regenfälle ca. 45 Meter Richtung Tal gerutscht ist."

  Schweigen.

 Und nach einer Weile von hinten: "Schlage vor, ihr seid ein Weilchen ruhig, damit ich in Ruhe per SMS nach einem Lebenszeichen verlangen kann, das sich nicht wie eins anfühlt."

 "Ausgezeichneter Plan!"

 Sie hörten es hinten piepen, dann leise Schnarchtöne.

  Die Senioren drosselten daraufhin Umfang wie Lautstärke ihrer Unterhaltung.

  Eine satte Stunde vorher hatte Olga die Schwester losgeschickt, ihr Auto zu holen - in einer Blitzaktion wurden die Sitze hinten heruntergeklappt und alles auffindbare Bettzeug dort verteilt. Sollte Kim inmitten des Daunenzeugs keine Luft bekommen, würden sie es hören. Hoffentlich. Gelegentlich hielten sie an Tankstellen und kauften ein, was ihrer Meinung nach junge Leute so aßen: von Chips bis Zwieback, Kaffee und Wasser. Die Oldies selbst waren bemüht, nicht allzu viel zu sich zu nehmen - Original-Ton Olga: "Draußen hinhocken ist nix für mich, die Vorstellung nicht zu wissen, ob das, was bei mir hinten runterläuft, lebt oder nicht, mißfällt mir irgendwie - können wir ja beides nachholen, wenn wir da sind, nö."

 "Nächstes Mal kaufe ich mir einen Wohnwagen mit Autopilot", meckerte sie Stunden später, nachdem Roko die Nacht durchgefahren und es bereits hell geworden war. "Soll ich das Lenkrad übernehmen? Du hast wieder Rot übersehen, und das vorhin war kein Zebrastreifen, sondern ein Igel, der fixer war als du."

 "Hab ich nicht", bellte Roko leise zurück.

 "In Ordnung, das war ein UFO. Roko, anhalten - dort vorne ist eine Bushaltestelle. Dalli."

 Er öffnete kurz später murrend Sicherheitsgurt wie Tür und beschloss, nach dem Umsteigen unverrichterdinge die Augen zuzumachen, seiner Erfahrung nach die beste Einstellung, wenn man etwas nicht ändern konnte. Er schlief sofort ein.

 "Oh", machte er nach Stunden ausgeruht. "Bin ich eingenickt? Ist was passiert?"

 "Das Objekt hat sich gemeldet und ein Foto vorm Hintergrund der TV-Sendung #KlimaVorAcht geschickt. Tzz", machte Olga kopfwackelnd, "wenn Klara das wüsste: Fernsehen in der Hütte, oioio."

 "Aha, er ist vom Subjekt zum Objekt mutiert - wie erfreulich. Und Dings?" erkundigte er sich vorsichtig, den Kopf nach hinten zuckend.

 "Dings", kam es aus der angedeuteten Richtung, "geht es gut."

 "Schön", gab Roko zufrieden zurück. "Wie weit sind wir?"

 "Noch etwa 90 Minuten. Übernimmst du?" hielt Olga ohne auf die Antwort zu warten am Straßenrand. Sie fuhren auf einer Landstraße, viel war verkehrsmässig nicht los. "Meine Finger schlafen ein - und my ass erst!"

 "Olga!" schnarrte Roko noch mahnend, als sei Kim erst sieben, bevor er schnell ausstieg, ehe sie es sich anders überlegen konnte.

 "So. Jetzt mal Tacheles: Klara hat einen Banker als biologischen Vater angegeben", kam es von hinten, sobald sie Fahrt aufgenommen hatten. "Wie passt das?"

 Roko machte einen Schlenker, fing den schweren Wagen aber rechtzeitig genug, um einen Käfer vorbeizulassen, von dessen Fahrer sie vornehmlich den mittleren Finger sahen.

 "Ol-ga!" wiederholte der Fahrer, diesmal aus einer tiefen Grotte.

 "Entschuldige mal, als Student warst nicht eben the Bank of America, mein späterer Betthase aber schon. Dass er sterilisiert war, tat nichts zur Sache, der Skandal hätte ihm karrieremäßig das Genick gebrochen, also hat er geblecht. Freiwillig, nur damit Ruhe im Karton ist - also gefragt hatte ich nicht, damit das klar ist. Kann auch sein, dass er mich ein wenig mochte, die Beziehung hat immerhin über zehn Jahre gehalten. Das Geld war für die Geburt und alles Rundherum, zur Absicherung meiner Schwester mit dem Kind. Versprochen ist versprochen; selbst Konfuzius hätte eingesehen, dass es fürs Gemüt und alles andere besser ist, einen Banker zu melken als dessen Bank zu überfallen. Für mich selbst hab ich keinen silly Penny von ihm genommen! Jawoll", schränkte sie widerwillig ein, als hätte es Einwände gegeben, "er hat mir zum Anfangskredit meines Geschäftes verholfen, aber hochoffiziell, habe ich mit Zins etcetera zurück bezahlen müssen und wollen - niemand gab damals einem weiblichen Nobody einen Kredit. Auch heute übrigens nicht, möchte ich wetten.
'Jetzt mal Tacheles', hat Klara immer gesagt", drehte sie sich mühsam nach hinten, mit den Beinen ging das offenbar leichter. "Wir wussten: sie kann das, und ich kann was anderes. Klara hat darauf bestanden mit offenen Karten zu spielen, sonst wär ich gerne öfters als 'Tante' vorbei gekommen. Was soll ich sagen: 'Es tut mir Leid'? Es war die beste Lösung, verdammt!"

 "Also bin ich doch?" brachte Roko endlich hervor. Es klang nicht traurig.

 "Ist mir zu hoch", war Kim mit dem Thema noch nicht durch. "Warum hat der Banker meinen Bruder in seiner Bank aufgenommen und gefördert? Was hatte er davon?"

 "Oh", machte Olga. "Ich hatte ihn darum gebeten. Woher weißt du? Das hat nicht einmal Klara gewusst, die in solchen Dingen heikel war und ungern um Gefälligkeiten bat. Top secret."

 "Ha!" machte ihre Enkeltochter im gleichen Tonfall. "Top secret war das vor wenigen Sekunden noch, richtig."

 "Reingefallen", murmelte Olga halb zu sich selbst, belustigt vor sich hinkichernd.

 "Da wir schon beim Ausplaudern von Geheimnissen sind", warf Roko zwischen den beiden, wie um anzudeuten, dass er ja auch noch da wäre. "Was ist eigentlich passiert zwischen dir und diesem Mike? Was Schlimmes?"

 Die ihnen bereits bekannten Schlafgeräusche ihrer Enkeltochter klangen zu ihnen herüber.

 "Denn eben nicht", zuckte der Fahrer die Achseln.

 "Liebe Tante", ergänzte Olga elisabethhaft, ebenfalls die Schultern hochziehend.


VI. bavaria blues

 Die Hütte hatte beim Runterrutschen eine breite ungleichmäßige Schneise gerissen. Es sah aus, als hätte ein Riese jauchzend sein Alter vergessen und wäre seitlich heruntergerollt; wären ein oder zwei ausgewachsene Bäume im Wege gewesen, das Häuschen hätte es garantiert nicht in einem Stück überstanden. Die paar Büsche und Sträucher an einem halbsteilen Hang, der vom Geschwisterpaar jahrelang, auf Platten oder Schlitten sitzend, als Riesenrutsche benutzt worden war, dazu die dicken Baumstämme, die der Vater nach und nach an Stelle der dünnen Baumarktlatten eingesetzt hatte: wozu war man Tischler? Und doch brauchte das Trio eine Weile, um hinunterzukraxeln: die teils versteckten Krater und Wurzeln, der Matsch, das Alter der Senioren und Kims fehlende Kondition - das alles hielt auf.

 Es war Mittagszeit, als sie die Hütte betraten. Sie fanden beide Männer wohlauf, wenn auch verkatert in ihren Betten vor. Mike war sofort hellwach und spielte erwartungsgemäß das Unschuldslamm. Übergangslos fing Kim an, seine Sachen zu durchsuchen, seine monotone Einwürfe: "Aber Tiara, was suchst du, Mäuschen?" ignorierend.

 "Behalte das Objekt bitte im Auge!" ordnete das Mäuschen an, bevor sie sich nach oben begab. Die Zurückgebliebenen konnten anhand ihrer Flucherei und des Gepolters verfolgen, in welchem Teil sie sich aufhielt - es klang, als wollte sie nachträglich einen Zustand herstellen, wie es sich für einen Bergrutsch gehörte. Nach fast zwanzig Minuten kam sie wieder, schneeweiß und knittrig im Gesicht.
 Es war zuviel.

 "Kim", machte der Bruder sanft. "Du solltest dich hinlegen. Bitte!"

 "Und wer passt auf den" - ihr Kopf deutete auf Mike - "auf?"

 "Wir alle!" versicherte Olga. "Welches Zimmer ist fensterlos und lässt sich abschließen?"

 "Na, hör mal", fing Mike, der sich bis dahin eher zu amüsieren schien, an sich zu wehren: "Darf man fragen, wer oder was Ihnen das Recht gibt...?"

 Weiter kam er nicht. Beim Klang seiner Stimme bäumten sich Kims Lebensgeister auf, kurzerhand drehte sie dem Ex den Arm auf den Rücken und bugsierte ihn unsanft ins Gästeklo. Vor Überraschung ging Mike fast freiwillig mit.

 "Sucht ihr bitte weiter und überlegt, wo er sein Handy versteckt haben könnte?" bat sie, bevor sie sich auf der Couch in eine Decke einrollte und die bereits bekannten Schlafgeräusche von sich gab.

  Die alten Leutchen sahen von sich auf Kim und dann wieder zurück.

 "Was hast uns für eine Enkeltochter besorgt, sag mal?" wollte Roko mit erhobenen Augenbrauen wissen.

 "Tu nicht so, als würde sie dir nicht gefallen", konterte sie glucksend. Sie wandte sich dem Bruder dieser Sensation zu: "Wir suchen sein Smartphone. Und? Wo war er, wenn ihr nicht beisammen ward: draußen, aufm Dach, Luft schnappen?"

 Der schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn: "Stimmt, ist immer freiwillig Holz holen gegangen, obwohl er laut Kim noch fauler ist als ich. Soll ich Ihnen zeigen, wo...?"

 "Nix", fiel Olga dem jungen Mann ins Wort. "Quetsch dir deine Matratze vors Gästeklo und schlaf deinen Rausch aus. Deine Schwester macht aus uns allen Kleinholz, wenn der entschlüpft - erst brauchen wir das Handy. Und hier wird geduzt, klar: we are family. Have a nice nap.

 Kommst mit, Roko?"

 Sie fanden das Handy in einer Art Aushöhlung hinten an der Hütte. Roko hatte dieser Ecke besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da dort offenbar das Holz gehackt wurde. Leider war es gesperrt.

 Nicht sonderlich technikaffin beschlossen die beiden im Esszimmer zu warten, bis die Geschwister ausgeschlafen hatten. Sie selbst brauchten nicht viel Schlaf, sie hatten Zeit.

  Dachten sie, bis es dezent an der Tür klopfte. Konsterniert sahen sie sich an und beeilten sich, zu öffnen und die Tür eilig von außen hinter sich zu schließen, bevor das Objekt auf dem Klo aufmerksam werden konnte.

 Es waren zwei Polizeibeamte, korrekt mit Gesichtsmasken ausgestattet, die nach dem Rechten schauen wollten: "Das muss ja eine tolle Talfahrt gewesen sein. Alles in Ordnung bei Ihnen?"

  Die Maskierung brachte Roko auf die Idee, sich mit vollem Namen und Titel vorzustellen, bevor er die Frage wahrheitsgemäß antwortete:

 "Nicht ganz." Einen warnenden Zeigefinger vor den geschürzten Lippen, entfernte der Gelehrte sich ein wenig vom Hause - fast auf Zehenspitzen trottete das uniformierte Paar hinterher, immer mindestens zwei Meter zwischen sich. Roko, dem das verräterische Zucken um die Mundwinkeln Olgas nicht entgangen war, beeilte sich zu erläutern, er sei im Auftrag der Corona-Gruppe unterwegs.

 "Ich habe einige Virusproben der in unserer Klinik liegenden Franzosen, soviel darf ich verraten, stand ja in allen Zeitungen. Es wäre gut, wenn sich dennoch alle sicherheitshalber fernhalten würden - wir haben alles, was wir brauchen. Ach, und vielleicht verständigen Sie das Münchner Klinikum, dass ich etwas aufgehalten wurde, aber sobald wie möglich vorbeikomme. Danke!"

 Begeistert salutierten die Beamten, machten auf dem Absatz kehrt und verschwanden.

 Das war zuviel für Olga, mit fliegenden Haaren beeilte sie sich, die Tür der Hütte hinter sich zu schließen, bevor sie drinnen in ein herzhaftes Gelächter ausbrach. Fast hätte sie ihre Enkeltochter umgerissen, die widerwillig schmunzelnd wissen wollte, was los war.

 Roko, der langsamer gefolgt war, hörte sich kopfschüttelnd Olgas Version an.

 "Virusproben?" hob Kim die Augenbrauen. "Was die Leute alles glauben, wenn jemand mit einem Titel herumwedelt."

 Der Professor verwahrte sich gegen die Unterstellung, gelogen zu haben. "Im Alukoffer sind tatsächlich Proben der Franzosen, die bei uns liegen, München möchte sie mit den bereits vorhandenen vergleichen. Schon mal von Mutationen gehört?
Übrigens, hast das gesucht?" Er hielt ihr mit Pokergesicht das Smartphone hin. "Leider gesperrt."

 Nach kurzer Inspektion stellte Kim fest, dass das Handy nur via Fingerabdruck zu entsperren war. "Mikes Fingerabdruck, um genauer zu sein - ich entsinne mich, ihn ein paarmal dabei erwischt zu haben. Kein Problem", setzte sie mit glitzernden Augen hinzu, "wir tun ihm etwas in den Wein."

 Olga nahm erfreut das Wörtchen 'wir' zur Kenntnis, während Roko wieder mal mit dem Kopf wackelte und abzählte:

 "Das wäre dann bloß Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Vergiftung..."

 "Und?" unterbrach Olga seine Liste. "Gib her, ich mach's rein - I'm too old to get eingesperrt anyway."

 "'Locked in' wär der korrekte englische Begriff - außerdem sperren die auch Hunderjährige ein", half Roko herablassend.

 "Weet ick", konterte sie. "Wollte erstens eine Verwechslung mit dem Coroner Lockdown vermeiden, zweitens mögen auch Polizisten ältere Frauen lieber, euch Männer ist es super gelungen, euch zu bloßen #Boomer zu degradieren."

 Es fiel der Jüngere sichtlich schwer, ernst zu bleiben: "Ihr seid unmöglich, wirklich. Ich hol das Zeug, ist geschmacksneutral. Klaras letzte Wochen wären ohne sehr schmerzhaft gewesen." Beim letzten Satz musste sie ihre Stimme heben, um den Krach des Klo-Objekts zu übertönen.

 Sie sahen sich an.

 "Aufs Klo will er definitiv nicht", riet Olga. "Fesseln und rauslassen!
Was ist mit den Autoschlüsseln, sind sie an einem sicheren Ort? Die nächste Behausung ist eine gute Stunde mitm Auto, zu Fuß schafft der das nicht - zumal es gleich dunkel wird."

 Kims: "Woher weißt du?" wurde von ihr Bruders: "Lasst uns erst mal gescheit frühstücken!" zugedröhnt, der unten an der Treppe stand und aussah, als würde er auch gleich randalieren.

 Frühstück gab es etwas spät um 18 Uhr, dafür umso reichlicher. Weil er zuerst hier war, schien Daniel sich als Gastgeber zu betrachten und musste zweimal Nachschub holen: sobald etwas leer war, verschwand er in der Küche und kam mit irgendwas anderem wieder. Mikes Knöchel waren vorsichtshalber mit Nylonstrümpfen an die vorderen Stuhlbeinen gebunden worden.

 "Ähem", glaubte das Objekt/Subjekt, protestieren zu müssen. "Euch ist hoffentlich klar, dass das ein Nachspiel haben wird? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei hier sein wird, eine Reihe von Freunden wissen genau, wo ich bin und dürften sich allmählich Sorgen machen."

 Niemand lachte.

 "Also, ich weiß nicht, wie ihr das sieht", verkündete Olga, "aber ich möchte in Ruhe zu Ende speisen - wir könnten eventuell vorhandene Krachmacher ja wieder einfachheitshalber irgendwo einsperren..."

 Worauf der Krachmacher keine Lust hatte.

 Es herrschte eine eigenartige Stimmung am Tisch. Sie waren ausgesucht höflich und doch extrem verfressen - wie Komödianten auf einer Kindergeburtstagsparty. Nur Olga schien sich zusätzlich über irgendwas köstlich zu amüsieren, zappelte, kicherte und trat wahllos unterm Tisch, was ihr von allen Seiten unwirsche Blicke eintrug - selbst von Mike, der aber demonstrativ stumm neben ihr saß, um keinen Rausschmiß zu riskieren. Hin und wieder stand die alte Frau auf, mit Weinglas oder Weinflasche zur Küche und wieder zurück tänzelnd.

 "Olga", machte Roko vorwurfsvoll.

 "Jawoll, Herr Professor - was kann ich armselige Sterbliche für Eure Hoheit tun?"

 "Eventuell solltest du deine Trinkgewohnheiten ein wenig überdenken?" schlug der vor. "Der Wein hat jede Menge Zucker und..."

 "Du hast ja sooo Recht," unterbrach sie kichernd. "Prost, Kinners, auf alle abwesende Zuckerrübenbauer des Nordens!"

 "So!" schien Olga ihre eigenen Possen beenden zu wollen, als alle sich satt gegessen hatten und dennoch sitzen blieben. "Ich stelle hiermit fest, dass das Objekt sich nach wievor weigert, den Standort seines Dingsbums zu verraten, und wär dafür, wir räumen ihn erneut aufs Klo. Was haltet ihr davon? Alle, die nicht die Hand heben, werden mit ihm eingesperrt."

 "Das war wohl wieder ein Wort mit X", verkündigte Daniel, als sie sich nach dem Abwasch, diesmal ohne Mike, alle um den Esstisch wiederfanden. Er setzte nach einem Blick in Olgas Richtung tröstend hinzu: "Nicht weiter schlimm, kann ja nachher eine Flasche Rotwein ins Klo schmuggeln, zusammen mit einigen Decken und Kissen - immerhin waren wir mal gemeinsam auf einer einsamen Insel, vielleicht vertraut er mir."

 "Wieso?" wollte Olga wissen.

 "Naja, soll kalt werden heutnacht."

 "Meinte das Wort mit X - 'nix' nehme ich an? Denkt ihr wirklich, er ist so blöd und trinkt etwas anderes außer Wasser direkt aus der Leitung oder nascht auch nur ein Stück Butter, ohne dass wir vorher daran geleckt haben?"

 "Will heißen?", fragte Roko ungeduldig. "Klartext, bitte, Olga - die jungen Leute möchten bestimmt noch Schlaf nachholen."

 "Will heißen, dass offenbar niemandem aufgefallen ist, dass der Rotwein meine Lippen allenfalls ein wenig nass gemacht hat, ich mag das süße Zeug nämlich nicht", versuchte die alte Frau, nicht allzu triumphierend auszusehen.

 "Reicht die Menge?" verstand ihre Enkeltochter als erste. Und dann: "Deswegen hättest mich nicht ständig treten müssen. Echt!"

 "Klar reicht's. Das Objekt braucht einstweilen weder Decken, Kissen noch Nylonstrumpfhosen. Lass uns aber sicherheitshalber warten, bis er vom Klo runterfällt, okay? Ach, war das dein Bein?" grinste sie Kim spitzbübisch zu. "Bisschen vom Wein musste ich ja unauffällig verschwinden lassen, die besoffene Zappelei und Treterei war eine gute Ablenkung."

 Kim schien nachzudenken. "Stimmt, er war zum Schluss noch dröger als sonst, ist sogar ohne Widerspruch aufs Klo gegangen. Weckt mich wenn es rumst, bitte. Hast gut gemacht", setzte sie widerwillig hinzu, bevor sie gähnend aufstand und sich ohne weitere Worte auf ihren Stammplatz auf der Couch einrollte. Und weg war sie.

 "Kannst du das auch?" wandte Roko sich an den Bruder dieses Einschlafwunders.

 "Nein", musste der neidvoll zugeben. "Aber Vorsicht, sie kann auch im Schlaf noch zuhören."

 "Du selbst siehst aber nicht müde aus?" versicherte sich Olga hoffnungsvoll.

 "Bin putzmunter. War nicht eine Woche im Keller eingelocht."

 Mit einem klickenden Geräusch ihres Gaumens verschwand Olga nach oben und kam mit vier Fotoalben wieder: "Ehrlich gefunden!"

 Erst nach einer Viertelstunde hörten sie es nebenan rumpeln und eilten hinaus, Kim, deren Ohren offenbar tatsächlich auf Dauerempfang waren, im Schlepptau.

 Der Inhalt von Mikes Handy war eine positive Enttäuschung. Sein Bekanntenkreis war zwar groß - Kim stellte aufschnaubend fest, dass er ihre Freunde nahtlos in Grün übernommen hatte -, Vertraulichkeiten, Emojis austauschen oder einfach quasseln war nicht drin. Nicht einmal mit seiner Schwester. Die letzte halbwegs persönliche Nachricht ging an die Putzfrau, die er großspurig Haushälterin nannte und einmal im Monat reinschaute: vor fünf Wochen hatte er sie fristlos gekündigt mit der Aufforderung, seine Schlüssel binnen 24 Stunden in den Briefkasten zu werfen. Die restlichen betrafen Leute, denen er Geld schuldete und entweder vertröstet oder abgewimmelt hatte. Keine persönlichen Notizen, keine Fotos. Nur Termine mit mysteriösen Abkürzungen. Nicht einmal Geburtstage.

 "Mit sowas warst zusammen?" sah Daniel seine Schwester verblüfft an. "Ein Katalog mit Unterwäsche für Menschen im fortgeschrittenem Alter stell ich mir spannender vor."

 "Nicht so voreilig, junger Mann", nuschelte Olga, ihre Bluse mit beiden Händen seitlich aufreizend langsam glatt streichend, Rokos Augenrollen zum Trotz.

 Kim, die neben ihrem Bruder saß und lautlos mitgelesen hatte, sah ihren Bruder indigniert an. "Hörst auch mal zu, wenn man mit dir redet? 'Ein Stoffel', habe ich monatelang vergebens versucht dir einzubleuen, oder hast ihn zum Omastrapsenbegucken nach Bayern mitgeschleppt?"

 Der hob die Hände übern Kopf: "Okay, krieg dich wieder ein, bin auch auf ihn reingefallen."

 "Lass uns wie andere normale Leute nachts schlafen und den Kaiser" - Kim sah auf den selig dahinschlummernden Stoffel, den sie auf zwei Stühlen verteilt hatten - "wieder auf den Pott setzen, wo er hingehört".

 "Der kaiserliche Vergleich hinkt", beanstandete Olga. "Nicht der Fischer war der Übeltäter, sondern dessen Fru. Was hast du vor, o holde Ilsebill?2

 "Gute Nacht."

  Es dauerte, bis 'der Pißpottkaiser', wie Olga ihn nun betitelte, wach wurde; diese Zeit nützte Kim wie immer horizontal, während die Oldies mittels Fotoalben und Daniel ihre großelterlichen missing pieces eingesetzt bekamen.

 Rokos Interesse für Kindheit und Jugend seines einzigen Enkelkindes war nicht geringer als das von Olga, aber irgendwann war sein Speicher voll. Gähnend erkundigte der Opa sich nach Kims Lieblingsgericht, nickte erfreut und verschwand in der Küche.

 Nachdem die Tomatensoße eine Weile sanft vor sich hingebrutzelt hatte, gesellte Kim sich zu ihm, schnüffelte und machte: "Hm hm."

 "Ich kann das", versicherte Roko, als ihm klar wurde, dass sie hier Wurzeln schlagen wollte.

 "Stör ich?" Es klang nicht besorgt. Roko bedankte sich im Stillen bei seinem Sohn: mein Gott, er hatte einen Sohn! -, der es offenbar nicht versäumt hatte, seine Kinder mit Selbstbewusstsein zu versorgen.

 Er machte sich nicht die Mühe zu antworten, schmeckte die Soße ab, dabei schmatzende Geräusche von sich gebend. "Hm, außer stundenlangem Köcheln fehlt wieder was", nahm er einen sauberen Löffel und tauchte ihn in die Soße, ihn nach ausgiebiger Pusterei Kim hinhaltend: "Mund auf!"

 Sie gehorchte, schmatzte nun ihrerseits, den Kopf schräge haltend, wie ein lauschender Vogel: sie war seine Enkeltochter und wunderschön - wie bald würde er wieder Gelegenheit haben, das festzustellen? "Nun?"

 "Etwas Zimt."

 Er klatschte sich an die Stirn. "Genau, das isses! Ich hab das Gericht seit drei Jahren versucht nachzukochen und kam einfach nicht darauf." Er schaute sich im GewÜrzfach um, fand, wÜrzte und probierte. "War auch mein Leibgericht, konnte meine Frau perfekt kochen, was vor allem dann geschah, wenn ich kurz vorm Umkippen war. Zimt also, danke."

 Sie hatte ihn mit der gleichen unverfrorenen Aufmerksamkeit begutachtet wie er sie. Sie lächelten sich zu.

 "Wie hättest du als junger Vater reagiert, mal ehrlich jetzt?"

 Er seufzte, verstand sofort. Die Frage war ihm ständig im Kopf herumgegeistert, seit er von seinem Sohn erfahren hatte. "Die Hexe hat nicht Unrecht. Wusstest du übrigens, dass ich Olga über meine spätere Frau Elisabeth kennengelernt habe?" wich er scheinbar aus.

 "Elisabeth? Mochte sie keine Spitznamen?"

 Er lächelte erneut: wer außer seinem eigenen Fleisch und Blut konnte eine solche Frage stellen - nicht einmal Elisabeth hatte ihn das je gefragt. "Doch, aber ich nicht. Sag bloß", weitete sich sein Lächeln zu einem breiten Grinsen, "du auch nicht?" Ohne ihre Entgegnung abzuwarten, setzte er seine umständliche Antwort auf ihre Frage fort:

 "Beim Studium in Berlin hatten sie sich von Anfang an ein Zimmer geteilt und wider Erwarten ausgezeichnet verstanden. Zwei so gegensätzliche Frauen habe ich selten kennengelernt. Elisabeth war eine dieser stillen, wenn auch keineswegs grauen Mäuschen, die immer irgendwo im Hintergrund sitzen und lesen oder nähen; am liebsten hätte sie gestrickt, wollte aber die Gespräche nicht stören. Das genaue Gegenstück von Olga also, die gerne ihre Mitmenschen herumschubst - natürlich zu deren Besten. Unsere Vermählung war ein gutes Beispiel, denn obwohl Olga an meiner Frau hing wie an einem Glücksbringer und sie hinterher sehr vermisst hat, was sie natürlich nie im Leben zugegeben hätte: ohne Olgas Unterstützung oder besser Einmischung hätte Elisabeth ihr Studium nie hingeschmissen."

 Er war indessen nicht untätig gewesen, hatte den Wasserkocher gefüllt und eingeschaltet und den kleineren Topf mit Soße auf die kleinste Platte geschoben. Er sah sie fragend an.

 "Weiter", machte sie nur.

 "Du willst wissen, wie es dazu kam - es war tatsächlich ein Ausrutscher. Elisabeth war für einige Wochen nach Hause gefahren, um die Hochzeit vorzubereiten - sowas liegt mir nun mal nicht, und sie war froh, es mir recht machen zu können. So war sie halt. Ihre Familie hatte ursprünglich was anderes für sie geplant: Studium und dann Beamte, und sie selbst hatte nie etwas dazu gesagt, also geschah es. Tja, Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel - alles Beamten..."

 "War es damals nicht üblich, alles hinzuschmeißen, sobald ein Mannsbild ernste Absichten hatte?" Sie entnahm einer seitlichen Kammer einen Trumm von Pott, kippte das kochende Wasser rein und füllte den Kocher erneut.

 Roko schaltete die zwei Gasflammen darunter an, es war ein großer Topf. "Jein. Wie soll ich sagen? Sie war nie gerne Studentin, konnte weder mit ihren freigeistigen Gleichaltrigen noch mit den Blaustrümpfen etwas anfangen. Und doch hätte sie die fehlenden Semester alle zu Ende studiert und auf mich gewartet. Olga fand das selten dämlich und sagte es auch, hat sich Weihnachten bei Elisabeth untergehakt und das mit deren Familie gedeichselt. Einfach so. Du hättest mal erleben sollen, welche Steine Elisabeth von der Seele fielen! Seither war sie komplett auf Familienleben und Kinder eingestellt, vor allem während unserer ersten Ehejahren in Salten - auch übrigens eine Idee von Olga, nun wissen wir ja warum - war sie überglücklich. Mit Emanzipation hat das nichts zu tun, so war sie halt."


 "Und dann?"

 "Drei Fehlgeburte." Er musste schlucken, die Emotionen, die bei diesen zwei Worten hochkamen, wegdrängen.

 "Tut mir Leid. Adoption?"

 "Adoptieren kam für sie nicht in Frage, sie war der Ansicht, es würde ihr bei 'fremden' Kindern an Bauchgefühl fehlen und sie kläglich versagen: eine halbe Mutter wollte sie keinem Kind zumuten. Hab mein Bestes gegeben, ihr das auszureden - nix zu machen.
Aber wir sprachen über etwas anderes: Elisabeth war scheußlich eifersüchtig, nur auf Olga nicht - zu der hatte sie restlosem Vertrauen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Olga jemals verziehen hätte."

 "Wie kam es dazu?"wiederholte sie geduldig.

 Er zog die Schultern hoch. "Ursprünglich war es eine kleine Gesellschaft, einige von uns hatten endlich ein Diplom in der Tasche. Wir waren beide blau, ich erinnere mich nur noch an Fetzen und habe Jahrzehntelang geglaubt, ich hätte es nur geträumt - verdammt, man hat Olga nicht das geringste angemerkt, sie war Brautjungfer und in all den Jahren immer für Olga da gewesen. Hab sie nach jeder Fehlgeburt heimlich angerufen, weil sie als einzige in der Lage war sie zu beruhigen."

 Er griente geniert, bevor er zugab: "Ja, Eure Ehren, Olga hat es mir, uns allen leicht gemacht - es stimmt." Er hob eine Hand, als sie etwas einwenden wollte: "Und nochmal ja, du hast Recht, auch sich selbst. Leugnet sie ja gar nicht - uff, wer hätte gedacht, dass ich die olle Nervensäge mal verteidige?"

 Der Ältere sah seine Enkeltochter offen an: "Du bist das Schönste, was mir seit langem passiert ist, es tut mir unendlich Leid, deinen Vater, meinen Sohn, nicht gekannt zu haben. Und ein drittes Ja, ich glaube, im nachhinein hätte auch Elisabeth sich gefreut. Kannst du damit leben?"

 "Er ist wach!" platzte Daniel in das Gespräch. "Deswegen bin ich aber nicht hier, wenn ich ehrlich sein soll. Im ganzen Haus duftet es himmlisch, und wenn nicht bald etwas geschieht, garantiere ich für gar nichts und fang an zu singen!"

 Statt zu anworten fing seine Schwester auf diese Drohung sofort an, den Tisch zu decken, worauf Daniel sich händereibend daranmachte, ihren Gast aus dem Klo zu befreien. Als alle mit gefüllten Teller um den Tisch saßen, platzierte Kim ihre Bombe so emotionsfrei auf den Tisch, als verkünde sie, einen Job ergattert zu haben, der zwar doof ist, aber wen kümmert's:
"Einer von den hier Anwesenden wird diese Hütte nicht lebendig verlassen."

 Eine Weile sagte niemand etwas. Sie aßen weiter, als würden sie das eben Gehörte über den Gaumen prüfen wie ein exotisches Gericht.

 "Aha", gab Olga als erste ein Lebenszeichen von sich.

 "Hm", schloss sich Roko sofort an.

 "Und warum, wenn ich fragen darf?" forschte Daniel, verbittert darüber, seine Verdauung so mitten drin gestört zu bekommen.

 "Genau!" stürzte Mike sich auf diese erste vermeintlich zu seinen Gunsten vorgebrachte Vorwand. "Ich habe dir nichts getan, der kleine Scherz mitm Keller war von dir ausgeknobelt und ursprünglich mir zugedacht gewesen." Er holte Luft: "Schön übrigens so nebenbei zu hören, dass deine sogenannte Amnesie sich verflüchtigt hat, aber wenn du glaubst..."

 "Was für einen kleinen Scherz?", schnitt Olga ihm das Wort ab.

 Kim erklärte es in wenigen Worten, Gesicht und Körper voller Abwehr, aber entschlossen es hinter sich zu bringen.

 Sie setzte krächzend hinzu: "Mein kleiner Streich sollte das Weekend nicht überdauern, nicht einmal zwei Tage - und nicht eine ganze verdammte Woche!"

 "Dir haben wir es also zu verdanken", brachte Daniel, der kreidebleich geworden war, "dass Paps gestorben ist? Du hast gewusst, der ist krank und haust trotzdem ohne ein Wort ab, du Arschloch!"

 "Hat er von deiner Weinallergie gewusst?" wollte der Mediziner schmallippig wissen.

 "Ja doch", beeilte sich Mike, weiteren Beschuldigungen zuvor zu kommen. "Aber woher hätte ich wissen sollen, dass kein Wasser im Keller ist?"

 "Du denkst wohl, mir ist die Verwanzung der Kellerräume entgangen?" schoss Kim zurück. "Keinen Schritt, keine Bewegung konnte ich machen, ohne dass du's erfahren hast. Und zwar nicht nur im Keller, sondern seitdem du eingezogen warst."

 "Beweise es!" sprang Mike trotz Fesseln auf die Füße, triumphierend auf sie heruntersehend wie eine Götze.

 "Setzen!", bellte Olga, ihn gleichzeitig einen Stoß versetzend, dass er ohne Wand hintenüber gekippt wäre. "Mir reicht das Wort meiner Enkelin. Menschen, die in ihrem Adressenbuch bloß Initiale und keine Geburtstage führen, sind mir suspekt!"

 "Dito!" sekundierte Roko.

 "Genau!" kam es fast gleichzeitig von Daniel.

 "Was?" lachte Mike falsch auf. "Ihr habt mein Handy also gefunden und geknackt. Das wird euch teuer zu stehen kommen - was wollt ihr machen: mich in einen Gletscher schubsen, Ötzi der Zweite oder was?" Er lachte nochmal, diesmal länger, wie um zu zeigen, dass er es konnte.

 "Covid 19", sagte Kim nur.

 Olga, Roko und Daniel starrten sie an, sich an und dann Mike an.

 Der schien das als Aufforderung zu deuten. "Covid 19?", wiederholte er höhnisch. "Ich soll also mit einem Virus gerichtet werden? Ihr habt sie nicht alle! Ich verlange, dass ihr sofort mein Smartphone rausrückt und dann könnt ihr euch auf eine Anzeige gefasst machen, die seinesgleichen sucht!"

 Roko stand langsam auf. "Macht den Blödmann etwas ordentlicher fest, aber bitte nehmt wieder alte Nylonstrümpfe, deren Abdrücke verschwinden nämlich besser, und binde sie flach über die Kleidung", gab er seine Anweisungen höflich und präzise. "War eine ganze Reihe von Jahren in der Pathologie, fein, dass sich das mal auszahlt."

 Mike saß fest wie in einem Kokon, als Roko wieder kam und den Alukoffer auf den Tisch stellte. Der Professor ließ sich Zeit bei der Suche und entschied sich schließlich für eine graue, versiegelte Ampulle. "So. Der wär geeignet: sehr virenlastig, also schnell und gründlich."

 "Also, wenn ich für den Mörder meines Sohnes", Olgas Stimme klang seltsam brüchig: es war das erste Mal, dass sie ihren Sohn als ihren Sohn ausgab, "die Wahl zwischen schnell und gründlich und langsam und schlampig hätte, ich würde letzteres nehmen."

 Rokos Augen wanderten von Olga zu seiner Enkeltochter, die beide Entschlossenheit ausstrahlten, achselzuckend beugte er sich erneut über den Koffer und tauschte stillschweigend die Ampullen aus. "So. Wir brauchen einen Plan, oder will jemand selbst mit dem da" - er schüttelte die Ampulle leicht - "in Verbindung kommen? Vorschläge?"

 Mike, der hölzern von einem zum anderen guckte, wie jemand, der sich in einem Alptraum wähnt, aber es nicht so recht glauben will, meinte etwas vorsichtiger: "Wie wollt ihr das Fehlen einer Ampulle erklären? Denkt ihr echt, ihr kommt damit durch? Das wäre Mord, wenn es klappen sollte - ich kann ja auch überleben, bin jung." Wenn er den Ernst seiner Lage erfasst hätte, er hätte eventuell einen anderen Ton angeschlagen.

 Kim: "Würd mich an deiner Stelle nicht darauf verlassen. Vorteilhaft sind gute Gesundheit und Fitness, eine große Klappe eher nicht. Im Gegenteil."

 "Oh, wie reizend", hatte Olga beide Brauen oben, "das Objekt macht sich unseretwegen Sorgen."

 Roko schien für Späße nicht in der richtigen Stimmung zu sein: "Das sind ausgesuchte Ultraproben. Ein Wattenstäbchen hier rein" - er hob die Ampulle - "und dann in die Nase, leider ziemlich weit hoch, aber keine Panik", beruhigte er Mike, "ich habe Erfahrung und bin vorsichtig. Reicht."

 "Aber jedes Kind weiß doch, dass die diversen Mutationen ihren eigenen Stempel haben", beharrte Mike. "Kann man leicht bis nach Salten verfolgen."

 "Das lass mal meine Sorgen sein", wurde Roko ungeduldig. "Könntest du eine Weile die Klappe halten oder möchte seine Majestät lieber wieder auf den Pott? Wir haben einiges zu bereden, bevor es losgeht."

 Ruhig besprach die Gruppe, wer was zu tun hatte, während Mike dasaß, als hätte er die Armen übereinander geschlagen, eine Haltung, die ihm dank Perlonstrümpfe nicht möglich war. Dann sackte er weg.

 "Nanu?" hatte Roko die Brauen wieder oben, Olga einen vorwürfsvollen Zeigefinger hinhaltend. "Hast du ihm etwa wieder was reingetan? Dass mir das nicht zur Gewohnheit wird."

 "Nur ganz wenig", gab sie zu und erhob sich. "Wir können also in Ruhe packen, Spuren verwischen und derlei - macht man in Krimis auch so", belehrte sie.

 Roko schien nachzudenken. "Du meinst, den Dummkopf infizieren und einfach hier lassen?" Den Kopf schräg, starrte er fragend von Olga zu Kim: "Keine schlechte Idee, oder? Wir könnten alles Ess- und Trinkbare wegschaffen und das Wasser so abstellen, dass er es nicht wieder anmachen kann. Ausgleichende Gerechtigkeit nennt sich das. Ist das mit'm Wasser machbar, Frau Handwerker?"

  Es war.

 Er warf noch einen Seitenblick auf seine Enkeltochter: "Ob du ihm ein wenig trocknen Wein dalassen willst, bleibt dir überlassen."

 Der sonst bequeme Daniel hatte Olgas Wagen von sich aus so nahe wie möglich herangefahren und den Weg etwas freigemacht, sodass binnen einer Stunde alles verstaut war.

 "Prima", äußerte Stadtmensch Olga, sichtlich erleichtert. "Alle einsteigen - soll ich fahren?"

 "Nein!" kam es unisono von Kim und Roko.

 "Tz", öffnete sie die Beifahrertür, den Sitz weit nach vorne verstellend, damit die junge Leute mehr Platz hatten. "Denn nicht, liebe Tanten!"

 "Kim?" hielt Roko die junge Frau am Ärmel, während der Rest einstieg.

 "Ja?"

 "Bist du sicher?"

 "Soll ich es machen? Verstehe ich vollkommen, dir ist bestimmt dein Hippokratischer Eid im Wege." Sie schien die Frage erwartet zu haben, verzog ein wenig den Mund, bevor sie abschwächend hinzusetzte: "Hab paar Semester Medizin hinter mir."

 Er schüttelte den Kopf: "Das meinte ich nicht. Etwas mehr Vorbildung und vor allem Praxis ist manchmal nicht übel, wenn später nichts nachweisbar sein soll. Steig schon mal ein, bin in zehn Minuten wieder bei euch", setzte er mit fester Stimme hinzu.

 Der Beschluss, Olgas Wagen zu nehmen, war nicht freiwillig; Daniels Auto war einige Meter weiter den Hang heruntergerutscht und nicht von der Stelle zu bewegen - nicht einmal anspringen tat das schnittige Teil. Der junge Mann war vorher trotz Müdigkeit nochmal heruntergestelzt, geistig damit beschäftigt, sich vor einer ganz anderen Aufgabe zu grauen, die ihm bevorstand: Werkstätten anrufen, Preise vergleichen, feilschen, und mit geliehenen Autos hin und her fahren, um nach den Rechten zu sehen. Und das während einer Pandemie.
 Es war wie ein Abschied.

 Freiwillig hatte er fast im Alleingang alles Ess- und Trinkbare entsorgt - entweder ins Auto oder in die Natur. Wie besessen hatte er davor Olgas Wagen via platt getretene Kartons so nahe an der Hütte wie nur möglich manövriert, die Monsteraufgabe um seinen Flitzer von sich wegschiebend. Diese ungewohnte Doppelbelastung - geistig und körperlich - ließ seine Kiefer unbeherrscht alle paar Minuten knacken.

 "Der Bengel denkt daran, sich zu bewegen", pflegte Paps zu unken, wenn er die Gähngeräusche Daniels hörte. "Wir sollten uns in Sicherheit bringen."

  Den halben Rückweg schwammen Daniels Gedanken in beinahe genüsslicher Selbstdestruktion, Annoncen verfassend wie:
  "Neuwertiger Sportwagen günstig abzugeben, liegt umständehalber an einem pittoresken Hang in Bayern, inkl. Ferien in einer rustikalen abgelegenen (genießen Sie es, mal nicht Abstand halten zu müssen) Hütte direkt daneben. Besichtigung und Abholung bitte eigenständig vornehmen, danke."

 Seine Schwester würde ihm nicht helfen, war derzeit weder gesundheitlich noch sonst in der Lage und hatte Paps immer ermahnt, dem Jungen nicht ständig zu pampern.
Ja, Paps... erst jetzt traf ihn die Verlust eines Mentors und guten Freundes, der stets für ihn dagewesen war, mit voller Wucht.

 Mit halbem Ohr hörte er zu, wie Olga versuchte, Kim - mein Gott, ja, war ja ein Mädchen, muss man helfen, klar - zum Bleiben in ihrem Haus zu überreden: die ungute Erinnerungen, der Keller, die Polizei, die dort gewiss eines Tages aufkreuzen würde.

 "Keine Sorgen", wehrte seine tapfere Schwester etwas großspurig ab. "Paps hat uns gut versorgt, das alte Häuschen am Rande von Salten ist abbezahlt, so viel ich weiß, besten Dank."

 Das war zuviel. "Vonwegen. Nichts Paps", ritt Daniel irgendein Teufel, "Olga hat uns all diese schöne Dinger besorgt. Eigentlich logisch, du müsstest eigentlich wissen, was eine Tischlerei finanziell so vermag und nicht, liebe Schwester. Du kannst also genauso gut zu ihr ziehen, ist gehüpft wie gesprungen."

 Schweigen.

 Dann, mit gepresster Stimme: "Woher willst du Trantüte das wieder wissen?"

 Trantüte?! Er war nicht empfindlich und den Spitzen seiner älteren Schwester gewohnt, aber sowas jetzt, wo er sich im absoluten Alarmzustand befand und dann noch vor Zeugen - das war zu viel.

 "Aus dem Testament von Paps, stell dir vor", schnappte er. "Dort bittet er uns um Verzeihung, so lange geschwiegen zu haben - es hat sich halt so ergeben beziehungsweise nicht ergeben. Erwähnt übrigens auch eine größere Summe, die er sich von deiner verschmähten Großmutter geliehen hat, als sich herausstellte, dass die biologische Mutter seiner kostbaren Tochter entschlossen war, dich abzutreiben."

 "Moment", fiel ihm Olga ins Wort. "Er hat damals nicht gewusst, dass das Geld von mir stammte, meine Kusine hat es ihm erst sehr spät verraten - kurz vor ihrem Tod, wenn ich richtig informiert bin."

 "Halte bitte sofort an!" zischte Kim.

 Klar doch. Sie fuhren auf der Autobahn, 'sofort' konnten sie knicken. Bei der nächster Auffahrt betätigte Roko den Blinker.

 "Nicht!" protestierte Olga. "Verdammt, Roko, sie ist noch lange nicht übern Berg!"

  Er bog ab.

 "Bitte!" setzte Olga mühsam hinzu. Sie saß stocksteif auf dem Beifahrersitz, eine Hand an der Autotür, als könnte sie so alle Türe zuhalten.

 "Sorry." Stirnrunzelnd sah Roko nach rechts bei den Geräuschen des vergeblichen Öffnen der linken Tür hinten. "Olgachen", machte er sanft. "Wie sagstest du, als es mit Elisabeth zu Ende ging: Loooslassen."

 "Very funny!" schnaubte sie auf. "Mein ganzes Leben ist ein einziges Loslassen!" Wütend entriegelte sie mit einem doppelten "Tock, tock" die Kindersicherungen hinten.

 Über hundertsechzig Jahre saßen vorne, ohne Worte, ohne sich zu bewegen, während Kim mitsamt Rucksack ausstieg.

 "Macht euch keine Sorgen!" kam es reuevoll von hinten, sobald ihre Gestalt grußlos davongeeilt war. "Ich lass sie nicht aus den Augen, versprochen. Was für ein beschissener Tag", setzte er entschuldigend hinzu, ebenfalls seinen Backpack umwerfend.

 "Dein Auto macht dir Kummer?" heischte Olga, die sich während Kims und Rokos Intermezzo in der Küche mit dem jungen Mann unterhalten hatte. "Lass Papiere und Schlüssel hier, mail mir eine Blankovollmacht und ich erledige das. Und melde dich bitte! Meine Nummer hast du ja."

 Immer noch zu aufgebracht, sich auch nur umzudrehen, konnten die alten Leutchen hören, wie etwas auf den Rücksitz abgelegt wurde: hätte der Lümmel mit dem Testament nicht warten können, verdammt?!

 "Danke, Olga!" kam es vom Herzen. "Bis die Tage!"

 "Wie hast du ihm das so schnell beibringen können?" wollte der Fahrer wissen, als sie bereits eine ganze Weile dahinfuhren, als säßen sie in zwei verschiedenen Autos.

 "Was?"

 "'Bis die Tage!'", zitierte er, affektiert ihre krächzende Stimme imitierend.

 Ohne hinzusehen wuchtete sie ihm ihre schwere Handtasche an der Brust. "Das erzähl ich Elisabeth."


VII. versenk's in den teich

 Salten ist eine schöne kleine Stadt. Wie tausende andere - nur stiller wegen der kompletten Verkehrsberuhigung. Das Besondere waren die Saltener selbst. Welche Stadt kann das von sich behaupten - und wenn, spricht es eher gegen die Stadt oder für deren Bewohner?

 Nicht dass Salten äußerlich nichts zu bieten hatte. Ein harmonisches Mischmasch aus Lübeck und Utrecht, dem ein wenig San Francisco nicht schlecht täte: die Trams würden hier gut hinpassen. Das Alter war da, zusammen mit einer Geschichtsträchtigkeit, die einige Saltener veranlasst hatten, unterhaltsame Kinder- und Sachbücher darüber zu schreiben, die sogar in den Schulen eingeführt worden waren.
 Dieser Scheideweg, die bewusste Entscheidung zwischen zwei konträren Wegen, kennen nämlich nicht nur Menschen - bei Salten war es die Geschichte vom Huf:

 Vor dem letzten Weltkrieg noch ein prachtvolles Schloss mit Türmchen und Zugbrücken und schrulligen Schlossbewohnern, entfachte ein ursprünglich Hamburg zugedachtes Bömbchen ein Feuer - lichterlohe Aufforderung genug für weitere Bomben, bis vom Schloss nur die Dienstbotentracht übrig war, wegen der Form "Huf Saltens" genannt und imposant und altertümlich genug war, Denkmalschützer auf den Plan zu rufen. Selbst wenn oder gerade weil es der Stadt gehörte - ein Geschenk des letzten kinderlosen Schlossherrn, der sich gewiss nicht hatte träumen lassen, damit soviel Verwirrung zu stiften. Es war gut gemeint und sollte den Kulturgütern Saltens, die zu dem Zeitpunkt im alten verfallenen Museum vor sich hingammelten, einen würdevollen Rahmen verschaffen, ja - sie mittels Schlossinventar seiner Tanten vergrößern. Als kerngesunder Mann vor seinen bedeutend älteren drei Tanten zu sterben war nicht geplant. Das entrüstete Dreiergepann hatte nach dieser "Enterbung" testamentarisch bestimmt, ihre beweglichen Güter in den verdammten Teich zu versenken oder ihrethalben an die Hamburgern zu verscherbeln, bloß - ins Schloss kam das Zeug nicht. Punktum. Angesichts der Verfügung des Schlossherrn, mindestens siebzig Prozent des Schlosses kulturell belegen zu müssen, eine harte Nuss. Ohne Tantenerbe reichte die bewegliche Kultur Saltens nicht aus, auch nur einen Bruchteil der Räume zu füllen, während Tanten-Inventar plus Schloss plus die restlichen Kulturgüter Saltens dem kleineren Städtchen locker zu der Attraktion im Norden Deutschlands und darüber hinaus hätte machen können.

 Der Dauerstreit um diese 70% ging durch alle Schichten, durch einzelne Familien und hatte Salten irgendwann derart entzweit, dass nichts mehr lief. Es musste erst jemand sterben, um die allmähliche Erkenntnis in Gang zu setzen, wegen nichts und wieder nichts jahrzehntelang Beziehungen aufs Eis, Freundschaften verleugnet und Verwandte ignoriert zu haben, die Einsicht, dass nicht nur einige, sondern alle Recht beziehungsweise Unrecht hatten und weder der Schlossherr noch deren Tanten etwas dafür konnten. Niemand. Das prägte. Aus dieser Zeit entwickelten sich die monatlichen Bürgertreffs, die Neigung, ihre Angelegenheiten unter sich auszumachen, der Widerwille, fast Ekel vor Schreihälse und Ellenbogenmentalität. Sie hatten am eigenen Leibe erfahren, wie man sich auf keinen Fall streitet. Vergaß einer von ihnen es, wurde er mit einem Satz daran erinnert und zur Vernunft gebracht: "Jöh, versenken wir's doch in den Teich!"

 Zu Olga, dem armen Großstadtpflänzchen mit den ewigen Prozessen, war es noch nicht durchgedrungen, daher konnte sie nicht anders als fragend gucken, als sie von Roko den Satz hörte. "Wie bitte?"

 Geduldig erzählte Roko ihr die Geschichte vom Schlossherrn und deren Tanten. Es kam selten vor, dass Olga Nichtkundschaft so lange reden ließ.

 "Ach so", war ihr Kommentar, so ungläubig vorgebracht als hätte er ihr einen unsittlichen Antrag gemacht. "Deswegen also krieg ich hier keine Anwälte?!"

 "Wir Saltener sind der Meinung, unsere Angelegenheiten können und sollten wir unter uns ausmachen - sollte es mal nicht klappen, gibt es Schiedsstellen: meist Familienoberhäupter über 80. In den meisten Rechtssachen geht es den Anwälten doch bloß ums Geld und nicht ums Recht, wie gerade du eigentlich wissen solltest."

 Sie saßen wieder mal beim koffeinfreien Kaffee ohne Kuchen, vorschriftsmäßig auf Olgas vorderen Veranda durch einen großen Tisch voneinander getrennt. "Ich soll ernsthafte Rechtsangelegenheiten vor sich hinsabbelnden Grufties überlassen? Hast du dein Hirn offen, mein Lieber?"

 Klingeltöne ersparten dem Professor eine Antwort. Olga zog sich erfreut am Geländer hoch, winkte und rief, als befänden sie im höchsten Baum des Hambacher Waldes:
 "Ist offen! Herein und heraufspaziert, Desinfektionsmittel und Masken unten!" Sie ließ sich ächzend nieder und griff nach einer offenbar vollen Thermoskanne unter ihrem Stuhl. "Tee", erläuterte sie überflüssigerweise. "Kim trinkt keinen Kaffee."

 Die alte Frau hatte "the family", wie sie es verzückt bei sich nannte, zusammengetrommelt. Es ging um die Anzeige, die gegen Roko vorlag wegen versuchten Mordes, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Verletzung der ärztlichen Fürsorgepflichten, Amtsmissbrauch u.a.

 Mike war nach seinem Bayrischen Abenteuer Hals über Kopf erst nach Salten und dann weiter nach Hamburg geflüchtet und hatte sich dort einen sehr guten Rechtsanwalt genommen - ebenfalls aus Hamburg. Die Anklage ging über fast fünf DIN-A1-Seiten und beschrieb Kopfschmerzen, Luftnot, totale Erschöpfung, Bewegungsstörungen undsoweiter, die bis heute nicht verschwunden und chronischer Natur waren: der junge Mann war angeblich arbeitsunfähig und auf eine stattliche Rente aus.

 Olga war vom Hamburger Anwalt gewogen und als zu schwer oder gewieft befunden, die beiden Geschwister von Mike nicht einmal erwähnt worden. Ein unbedarfter Professor mit weißer Weste hatte mehr zu verlieren. Immerhin hatte er die eigens mitgebrachte "Tatwaffe" bei vollem Bewusstsein und Wissen geführt.

 Natürlich war Olga Feuer und Flamme, eine Gegenklage zu lancieren, was bei Kim auf zögerliche Zustimmung stieß, während Daniel sich heraushielt.

 "Lasst uns das ganze in den Teich versenken", brachte Roko das Saltener Motto zum zweiten Male an, bei den jungen Saltenern sofort eine Reaktion hervorrufend, wenn auch unterschiedlich.

 "Das sieht nach einem Geständnis aus!" argumentierte Olga empört. "Haben wir das nötig?"

 "Wir?" wiederholte Roko amüsiert. "Euch ist klar, dass es dem Dummkopf nur ums Geld geht, der ist nicht nur pleite, er hat einige Gläubiger am Hals, dem ich am hellichten Tag auf der Fußgängerzone nicht guten Tag sagen würde. Alle Beteiligten waren zum Zeitpunkt in Salten gemeldet, Hamburg hat also nichts zu melden - wenn der Anwalt merkt, hier ist nichts zu holen, im Gegenteil, wird er ihn fallenlassen wie eine heiße Kartoffel. - Kim?" sah der alte Mann seine Enkeltochter direkt an. "Was möchtest du? Wir richten uns komplett nach dir" - er sah zu den anderen hin - "Wir können das auch unter vier oder sechs Augen besprechen, wenn dir das lieber ist."

 Olga öffnete den Mund wie zum Protest, hob die Schultern und klappte ihn wieder zu.

  Ihre Enkelin sah es und verzog den Mund, schien auf irgendwas zu warten.

 "Okay okay, I'm gone", erhob Olga sich würdevoll. "Werde uns inzwischen einen hervorragend frischen Tee kochen."

 Um Kims Mund zuckte es abermals: "Setz dich wieder, bitte, Olga."

 "Oh!" gehorchte diese sofort, von einem Ohr zum anderen grinsend. "Andrerseits kann ich auch hervorragend die Klappe halten."

 "Wenn ich daran denke", kam Kims brüchige Stimme nach einer Weile so leise, dass alle sich unwillkürlich vorbeugten, "dass ein klares Wort von mir gereicht hätte und Paps wär noch am Leben. Egal wie unerfreulich für beide, verdammt, dafü;r aufrichtig: scher dich zum Teufel, du Arschloch! Aber nein, ich musste mich unbedingt rächen, ich Idiot!"

 "Nein, Kim", widersprach Roko ruhig.

 Sie hob abwartend die Brauen: Skepsis mit einer gehörigen Prise Bereitschaft, sich überreden zu lassen.

 "Hab mir die Krankenakten kommen lassen und mit den behandelnden Kollegen gesprochen: seine Lungen waren schon vorher nicht zu retten. Das Suchen nach dir hat ihn allenfalls abgelenkt; und wem schon einmal die Luft ausgegangen ist, weiß, wie unangenehm allein die ständige Angst davor ist. Hat sich wochenlange Quälerei erspart - Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium ist unheilbar, Kim, zumal bereits damals Metastasen da gewesen sein müssen, spätestens nach drei Monaten wäre es aus gewesen. Allerspätestens. Bei optimalsten Bedingungen. Du hast ihn besser gekannt: hätte er sich einige Organe rausschneiden lassen, um sich weitere Wochen Armseligkeit herauszuwürgen? Ich, ehrlich gesagt, nicht."

 Roko holte Luft, als er sah, dass Kims Brauen sich zwar etwas gesenkt hatten, ihre Zweifel jedoch nicht. "Er war mein Sohn und ich bin letztendlich Wissenschaftler, daher wollte ich es genau wissen, besonders seine letzten Tage interessierten mich, also habe ich nicht nur Daniel wie eine Zitrone ausgequetscht. Möchtest du es hören?"

 Jetzt hatte er sie, sie nickte.

 "Wie ihr wisst, hat euer Paps es als Erkältung, allenfalls Bronchitis abgetan, ist aber weder in strömendem Regen rausgegangen noch hatte er sich überanstrengt. Er hat sich deinetwegen Sorgen, stimmt, aber er hat sich nicht verrückt gemacht - er hatte Vertrauen. Bettruhe hätte ihn nicht geheilt, weißt du."

 Er hob eine Hand, als würde sie ihn unterbrechen wollen, was nicht der Fall war: "Ich weiß, ihr habt ihm beide gut zugeredet, sich ordentlich untersuchen zu lassen, aber fast möchte ich unterstellen, er hat gewusst oder geahnt, dass es sinnlos war und wollte den 'short cut' wie es eine gewisse Dame formulieren würde" - er warf der stumm dasitzenden Olga einen verschmitzten Seitenblick zu: endlich hatte er mal das Wort und war nicht bereit, die Gelegenheit ungenutzt zu lassen. "Die Frau macht mich noch wahnsinnig mit ihren scheußlichen Anglizismen, my god", erklärte er, bevor er sich erneut seiner Enkeltochter zuwandte:
 "Ich kenne deine Einstellung nicht, meine ist, dass Liebe ohne Respekt keine Liebe ist. Persönlich bin ich der Ansicht..."

 Kim hob ihrerseits eine Hand und beendete den Satz: "...dass er seine letzten Tage lieber mit seinen beiden Kindern verbracht hätte, aber du hast Recht: er hätte den short cut gewählt."

 Roko sah in ein Paar Augen, genauso gerötet wie die eigenen: "In Ordnung?"

 "In Ordnung..." Diesmal war sie an der Reihe zu zaudern, fragte dann: "Du hast Mike nicht wirklich mit dem Virus infiziert, oder?" Das Fragezeichen war gerade noch herauszuhören.

 "Was denkst du?"

 "Nein", kam es mit fester Stimme. Sie setzte hinzu: "Ist in Ordnung, hätte ich an deiner Stelle auch nicht geschafft - und einen Fast-Mörder zum Opa? Nee, muss nicht sein."

 "Schlappschwanz!" war es Olga unmöglich, sich länger zurückzuhalten. "Mir wäre ein ehrlicher Mord lieber gewesen". Plötzlich holte sie tief Luft und musste lange und herzlich lachen, mit Tränen in den Augen bekannte sie: "Ich habe seine Krankenakte gelesen, der hat tatsächlich geglaubt, im Sterben zu liegen und war wochenlang richtig suuuperkrank! Leider ist einer der Polizisten ein paar Tage nach unserem Abgang zurückgekommen, wollte fürs Protokoll einen Autogramm und war erstaunt nur diesen Mistkäfer vorzufinden. Wie krank er sich wähnte, hat der Egomane wohlweislich verschwiegen, um als angeblicher Enkelsohn des berühmten CoronaProfessors nach Hause chauffiert zu werden. Ohne Skrupel das Leben der beiden Polizisten aufs Spiel setzen und dann noch mit unseren Steuern ist schon ein dickes Ding!"

 Roko hatte missbilligend zugehört: "Woher hast du das schon wie...?"

 Weiter kam er nicht. "Aber Kim!", wandte Olga sich begeistert an ihre Enkeltochter: "Die Gegenseite hat also gar nichts in der Hand! Mensch, wir könnten den jungen Mann zu Tode prozessieren!"

 Die junge Frau lächelte, schief, aber immerhin. "Nein."

  Es klang endgültig.

 "Oh hell!" entfuhr es der streitsüchtigen alten Dame geschmeidig. "Why don't you guys piss in your fuckin' lil Teich, damn it!"

 "Olga!" kam es fast gleichzeitig aus drei Kehlen.

ende


 Alle Figuren sind frei erfunden - eine Ausnahme: die Olga. Ursprünglich war mir nach etwas mit Ehrgeiz und brauchte dazu eine zänkische Erfolgsfrau - sofort ist mir eine Bekannte eingefallen, die "schnecken"mässig verlinkt ist: Ursula Laabs - bin ziemlich sicher, die Geschichte hätte ihr gefallen, aber doch froh, sie nicht fragen zu müssen, da sie bestimmt nicht hätte widerstehen können und was komplett anderes daraus gemacht hätte. Die Geschichte selbst ist natürlich erfunden, ich konnte aber nicht widerstehen, das mit den Haushaltstüchern mit reinzunehmen. Die Pampe ist bei mir stundenlang aus dem Klo geschwommen, weil ein älteres Paar unterm Dach Haushaltsrollen mit Klorollen (oder was weiß ich) verwechselt hatte, ich verbürge mich also für die Machbarkeit. Außerdem habe ich die Kellerszene leicht abgeändert aus 'gesiebtes brot' übernommen - kein Plagiat, weil von mir selbst geschrieben - Kellerszenen sind nicht so meins. Ich möchte Alicia danken (und mich gleichzeitig entschuldigen, weil ich immer herumändere - hier zum Beispiel), die einige haarsträubenden Fehler entdeckt hatte und deren Rechtsschreibung aktueller als meine ist. Und auch gendert. Und wenn ich schon dabei bin und diese Story ein Geschenk ist und ihr euch daher nicht wehren könnt: nein, als in USA aufgewachser Holländer hab ich's nicht so mitm Gendern, dort gibt es das Problem nicht; und wenn jemand über Ärzte redet, kommen mir dabei nicht nur behodete Geschöpfe in den Sinn. Finde aber ausdrücklich gut, wenn um Gleichberechtigung gerungen wird - die #Frauenquote ist längst überfällig, oder gibt es ernsthaft noch Leute, die denken: alte Männer würden freiwillig ihren Platz räumen; und die jungen doch bestimmt gerne teilen? Es sollte nicht nur möglich sein, ohne Ellenbogen und Mauschelei nach oben zu kommen, sondern Standard. Zum Schluss noch das Angebot für Hartz4empfänger am Anfang: zweierlei kann ich ums Verrecken nicht ab: Verschwendung und Gier - klar ist/war das also ernst gemeint: melkt die hohlen Copycats, verdammt! Wer was zu loben oder meckern hat, bin auf Twitter. Vielleicht.
 Paßt auf euch auf,
 Nick

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