Flapbook kann jeder, sagte
Luna, fast 19 Jahre alt, und schüttelte einige platforms aus dem
Ärmel. Ich probiere es und setze hier ein paar leseproben
rein. Hoffe, das
geht auch ohne Namen, noch hat die EU den Wildwuchs (Hass,
Mobbing, Stalking etc) nicht im Griff.
Ich darf mich in
einem Satz vorstellen: meine Initiale und Geburtsjahr decken sich
mit denen von Michael Jackson, bin aber weiblich und gebürtige
Europäerin, ausgewandert nach California mit 4, zurück etwa 10
Jahre später, um zwei Jahre darauf abermals auszuwandern –
diesmal inoffiziell und familienlos nach Deutschland, wo ich
trotz Hindernisse („Ein Mensch ohne Pass ist eine Leiche auf
Urlaub“ Remarque) still und unauffällig drei Dekaden ohne
jemanden zu stören lebte, bis ich beschloss: GENUG! - eine
Prozedere, die dank Bürokratie jahrelang dauerte; seitdem lebe
ich wieder
offiziell in
dieser Welt und kehre gerne die Dona Quixote raus, trotz zwei
Kinder, drei Enkel und 1 Urenkelin.
Ich weiss nicht, warum
James Joyce so viel Spaß daran hatte, kurze Sätze können sehr
wohltuend sein.
leseprobe II
Nach dem lässigen, fast
schnoddrigen Erstlingswerk „marke: solo“ aus dem Jahre 1990,
und als mir klar wurde, dass die Bürokratie es mit dem
Berufsverbot (wahrscheinlich Hauptursache meines heutigen Don
Quijotismus: als nun offizieller Niederländer lasse ich mir,
verdomme, nichts gefallen) ernst meinte und ich dementsprechend
frei und nichtweisungsgebunden war, war mir trotz fehlendem
Uni-Abschluß nach etwas Intellektuellem zumute. Im Ohr noch die
Unken meiner Beinahe-Lektorin: „Autoren müssten ausschließlich
über Dinge schreiben, von denen sie alles wüssten“ (gemeint
war der „langweilige Ökokram“, von meiner
Führerscheinlosigkeit wusste sie wiederum nichts), dachte ich
dankbar an den Dekaden Daueraufenthalt in öffentlichen
Büchereien dreier Ländern, der Mittelpunkt von dem alle
Erzähltränge ausgingen, stand also fest. Getreten, äh:
inspiriert wurde ich diesmal u.a. von Lichterketten und
Asylheimbränden, dem damals noch zaghaften Verschlucken der
Kleinen (ob Vorstadt, Verein, Straße, Geschäft oder sonstwas) -
erste Vorbote einer geldgetriebenen Globalisierung, die so vieles
platt gemacht hat. Meine konsequente Bedingung, mich mit dem
stupiden Mammon zu verschonen und lieber einen Tausch
vorzuschlagen, hat die wenigen Verleger, die bisher hierher
fanden, vor den Kopf gestossen – macht nix, ziehe weiterhin
meine Bahnen und hab zu tun. Tot ziens.
der
maulwurf (1992/1994)
I.
scanner
(diese
automatische
großschreibung macht mich wuschig)
Sie waren fleißig gewesen, hatten
viel gemacht seit seinem letztem anonymen Besuch - unverkennbar.
Das Geländer für die verbreiterte Treppe am Eingang fehlte
noch, ebenso die linke Tür zum ehemaligen Elektroshop.
Verlockend…
Robert biss sich auf die Lippen. Es war kurz
nach zwei, Mittagsruhe also und entsprechend leer. Wem schadete
es, wenn er kurz einen Blick hineinwarf, wem? Verstohlen sah der
Doktor der Philosophie nach links und rechts, tat einige
unphilosophische Riesensätze - und war im Innern der Saltener
Bücherei oder Sabü, wie sie liebevoll genannt wurde. Zum Glück
ließen die mannshohen Fenster trotz Schmutz genügend Licht
herein, um das eine oder andere erkennen zu können; ab und zu
laserte sich ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke und es gab
eine flimmernde Goldstaubmorgana, die sich sachte legte. Der
Boden war übersät mit Holzteilen, Putz, Werkzeug, Steinen,
allerlei Pappe und Papier, leere Bierflaschen und derlei.
Baustelle halt. Einige nichttragenden Innenwände waren entfernt
worden, und dicke Plastikplane hingen zwischen der Alt-Sabü und
dem früheren Elektro-Shop, um Schmutz und Staub von der mit
Büchern besetzten Seite fernzuhalten. Wie die hellen Quadrate
einer von ihren Bildern gestrippten Wand verrieten längliche
Streifen, wo die dicke Mauer zwischen Büchern und Elektronik
sich einst befunden hatte. Eifrig stieg er über Schutt, Eimer
und herumliegendes Gerät, stolperte über ein aus dem Nichts
ragendes Kabel, eine weniger schöne Staubwolke aufwirbelnd.
Er nieste. Und das alles sollte
innerhalb acht Wochen fertig sein? Voller Skepsis wackelte er mit
dem Kopf, immerhin war er in der Baubranche tätig gewesen: bei
dem Tempo würden die es nicht einmal in acht Monaten schaffen,
unmöglich.
"Findet der Raum keine
Zustimmung oder kränkelt Ihre Wirbelsäule gerade?" störte
eine melodiöse Stimme den Eindringling beim Schwarzmalen.
Obwohl er sie nicht hatte kommen
hören und sein Gewissen nicht rein war, hatte Robert kein
bisschen gezuckt, ein angenehmes Nebenprodukt seiner Kindheit.
Das stereotype "Lass Robbie in Ruhe, Kinder!" der
Eltern hatte seine Geschwister - Lieschen ausgenommen - zu
allerhand Schocktherapien mit Kaltwasser, Knaller, Pseudoleichen
samt Ketchup verleitet. Eine vorbildliche Abhärtung.
Sich langsam umdrehend, sah Robert
sich einer grazilen Frau gegenüber, deren blaugraue Augen ihn
wie einen seltenen Käfer aufzuspießen schienen. Trotz feiner
Fältchen im gebräunten Gesicht und etwas zu langem
silbrig-weißem Bürstenschnitt, der bei jeder Bewegung Wellen
schlug, wirkte sie jugendlich, Jahre, die man ihr dank etwas
Undefinierbarem - Härte, Reserviertheit, Kälte? - wieder
dranhängen musste.
Instinktiv erfasste Robert, dass er
seinen Fast-Boss, die Ober-Sabinerin, vor sich hatte und diese
sich über seine Identität ebenso im klaren war. Nicht dass sie
einen autoritären oder feindseligen Eindruck erweckte -
'abwartend' traf es eher.
"Entschuldigen Sie mein
unbefugtes Betreten", tat er nach kurzem Blickduell den Mund
auf, den Oberkörper leicht nach vorne neigend, was sie als
Verbeugung deuten konnte oder nicht. Er wies mit dem Kopf zum
Eingang und setzte mit leisem Spott hinzu: "Die Tür war
offen."
"Es ist Ihr gutes Recht, Ihr
künftiges Arbeitsreich in Augenschein zu nehmen, wann und so
lange Sie nur wollen" setzte sie die optische Begutachtung
seiner Person fort, ohne sich anmerken zu lassen, was sie von
seinem Benehmen hielt.
Er hielt den Blick stand:
Erklärungen, Kündigungsfloskeln, Entschuldigungen, bereits auf
der Zunge, froren dort gleichsam fest - von blaugrauen Spottaugen
direkt ins Nirwana geschickt. Spontan ergänzte er ihren Satz mit
einer Unverfrorenheit, die ihn selbst überraschte: "...zumal
dieses Reich auch in acht Wochen garantiert nicht fertig sein
wird."
Sie tat ihm nicht den Gefallen sich
zu ärgern, im Gegenteil zwei Reihen Zähne enthüllend, deren
Unregelmäßigkeit auf Echtheit schließen ließ: "Wir
bedauern, Ihnen keinen besseren Empfang bieten zu können, aber
sehen Sie, Ihr Onkel hielt die Fertigstellung Ihrer Luxuswohnung"
- ihr Kinn schoss hoch Richtung Decke - "für vorrangig, und
leider müssen wir tagsüber unsere Brötchen verdienen und
können nur abends mit anfassen - wenn überhaupt." Mit
einer drolligen Mischung aus Stolz und Belustigung sah sie auf
ihre Hände herunter, die mit Schnitt- und Kratzwunden sowie
Blasen und Schwielen in den verschiedensten Verheilungsphasen
bedeckt waren, klare Spuren einer ungewohnten Betätigung.
Eins zu null für Sie, knirschte
Robert. "Ach? Nun, ab morgen können Sie getrost Ihr
Strickzeug wieder hervorholen. Ich werde die Angelegenheit selbst
in die Hand nehmen."
Sie blitzte im Schnellverfahren
erneut seine Erscheinung ab und hob eine Braue: "Höchst
persönlich?"
Zwischen Empörung und Lachlust hin
und hergerissen, biss er sich fast die Zunge ab, meinte aber nur:
"Gewiss."
Den Bruchteil einer Sekunde verriet
ihre Miene ein sardonisches Na-denn-viel-Spaß, bevor sie mit
leisem Lächeln hinter der Plane verschwand. Reuevoll sah er ihr
nach, im stillen den eigenen Stolz verwünschend, und nicht ohne
Anerkennung für ihre gute Haltung. Er war rüpelhaft gewesen,
und im Unrecht obendrein. Und nun? Rückzug kam nicht in Frage,
sah nach Scheu vor körperlicher Betätigung, wenn nicht
Drückebergerei aus. Er ballte die Nichtarbeiterhände: warum
nicht? Ein wenig Bewegung würde ihm ganz gut tun. Und sobald er
hierzulande Ordnung geschafft hatte, konnte er immer noch die
Koffer pa…
"Herr Stoltze?", hallte es
von den kahlen Wänden.
Wieso,
haderte er, kann nicht sie
die
blöde Musikabteilung übernehmen? Der Stimme nach war sie im
kleinen Finger musikalischer als er am ganzen Körper, sagte aber
nichts: genug Unfug für heute…
"Morgen wird die Tür
eingesetzt", verkündete sie ruhig, mit einer Hand auf den
Eingang zeigend, während die andere mit einem Schlüsselbund
klimperte. „Für draußen, die Kellerräume, die Sabü und zu
Ihrer eigenen Wohnung, die leider ebenfalls nicht fertig ist.
Oder", hob sie erneut eine Augenbraue, deren dunkle Farbe
auffallend vom hellen Haupthaar abstach, "soll ich sie ein
Weilchen behalten, bis es hier einigermaßen, mhm - sagen wir
mal: gesellschaftsfähig aussieht?" Sie warf einen
sprechenden Blick auf seine saubere Kleidung, die nur leicht
staubigen Wildlederschuhe, eine unparteiische, abwartende Haltung
einnehmend, die zu besagen schien: nur keine Hemmungen, bin weder
katholisch noch Mann. Was blieb ihm übrig? Er nahm das
Schlüsselbund mit einer Verbeugung entgegen und verkniff sich
weitere Gehässigkeiten: sie würden ja sehen...
"Dann also auf gute
Zusammenarbeit", sang sie fast, vollführte eine elegante
Kehrtwendung und schlüpfte zwischen zwei Plastikplanen. Ich habe
zu tun, sollte das wohl heißen, verzog Robert den Mund: blöde
Zicke! Er starrte eine Weile vor sich hin, geistesabwesend das
Kabel herausziehend, über das er gestolpert war.
Salten hatte ihm auf Anhieb gefallen.
Die Fachwerkhäuser, die kleinen runden Marktplätze, die
verschlungenen Gänge und dunklen Nischen, dieses
Knusperhäuscheneffekt trotz Weltstadtallüren. Eine Mischung aus
Dickköpfigkeit und Lokalstolz und ausdrücklichem Abstandnehmen
von den Albernheiten der nichtsaltener Welt - zumal
H(a)H(a)Hamburg -, von 'bloß' Zugereisten noch kräftig
unterstützt: Viertel-Saltener oder Halb-Saltener gab es nicht,
wer in Salten lebte, tat es ganz und gar.
Und der Wind…
Als
Großstadtpflänzchen zwischen Wohnsilos, Einkaufszentren,
Wolkenkratzern, stinkenden Fabriken und Kirchen aufgewachsen,
durch deren Zwischenräume sich höchstens eine Art abgestandener
Ventilation quälte, war Robert von der Frische, der Würzigkeit
der Saltener Brise mehr als angetan - sobald seine Bronchien sich
halbwegs daran gewöhnt hatten. Hier war die Marienkirche im
Kulturviertel immer noch das höchste Bauwerk, knapp gefolgt vom
vierstöckigen Krankenhaus im Norden der Stadt.
Seinem Selbstwertgefühl missfiel es,
an einem Ort zu bleiben, an dem er unerwünscht und überflüssig
war, und doch... - wohlgemerkt, sein Entschluss zu gehen stand
fest, aber... hatte es nicht etwas Zeit? Er bezog schließlich
kein Gehalt, war nicht einmal eingeführt worden und hatte es
auch als echter Zwilling verschmäht, irgendetwas
Vertragsähnliches zu unterschreiben. Hinzu kam, dass er die
Baupläne besser kannte als die meisten Zeitungsleser - besser
wahrscheinlich noch als die Architekten mit deren vielen
Projekten - und wusste, was noch alles zu tun war. Eile war für
ihn ein Fremdwort, finanzielle Not ihm unbekannt: wozu sich
Sorgen machen? Er pflegte stets seiner Nase zu folgen und war
damit gut gefahren. Bisher jedenfalls...
Nach
einem
vielseitigen Studium war er von einem Mitstudent überredet
worden, Partner einer Art Bazar zu werden, wechselte aber bald in
die Modebranche, als er bei sich eine Lustlosigkeit in
geschäftlichen Dingen entdeckte, um von dort über Werbung,
Reisen und andere Episoden - selbst als Kindergärtner, Kellner
und Sportlehrer hatte er sich verdingt - beim Verlagswesen zu
landen; lauter Tätigkeiten die sehr interessant, aber doch nicht
interessant genug waren, ein längeres Verweilen zu
rechtfertigen, sobald man sich eingelebt und etwas noch
Spannenderes entdeckte: warum nicht? Als introvertierter Mensch
war er schließlich am Gedruckten hängengeblieben, weil er den
Umgang mit Büchern nicht nur liebte - man konnte sie nach
Belieben wieder ins Regal stellen. Wenn bloß gewisse
Vorgesetzte, die ihn aus unerfindlichen Gründen nicht mochten,
nicht wären... Der vermeintliche Posten eines Leiters war ihm
deswegen verlockend genug erschienen, zumal die Beschäftigung
mit Büchern ja bestehen blieb: warum eigentlich nicht? Aber eine
Musikabteilung übernehmen, ausgerechnet er, unmusikalisch und
halbtaub wie er war, und das gegen den Willen sämtlicher
Mitarbeiter und einer ganzen Stadt? Nein.
Der
kürzlich miterlebte
monatliche Bürgertreff hatte seine Vorfreude auf diese neue
Herausforderung erstickt...
Die Atmosphäre war typisch Salten:
eine Mischung aus Flohmarkt und britischer Redefreiheit: es gab
kein Podium, kein vorn und hinten. Wer etwas zur Sache Gehörendes
zu sagen hatte, erhob sich, stellte sich notfalls auf einen
Stuhl, Tisch oder die Schultern eines Mitbürgers und sagte es,
und wer kein Gehör fand, womöglich ausgebuht wurde, tat gut
daran sich zu setzen, wenn er Wert darauf legte, es freiwillig
tun zu können. Alle paar Jahre versuchte es ein Schlaumeier mit
gekauften Stimmungsmachern - und flog hochkantig raus. Salten war
Salten und benötigte keine großstädtischen Gepflogenheiten.
Auch diesmal schlugen Stimmen aufeinander ein, wurden
beschwörend, schrill, beschwichtigend, böse, überschlugen
sich, sich eiskalten Hohn, heiße Wut, knirschenden Ingrimm links
und rechts um die Ohren peitschend, widerwillig schweigend, wenn
andere Stimmen in derselben Weise genau das Gegenteil
verkündeten, um bei erster Gelegenheit erneut selbst
loszuzetern. Die fünf Punkten diesmal: 1) Bevölkerungsboom, 2)
Ladenschlusszeiten inklusive langen Donnerstag, 3) alte und neue
Möglichkeiten zur Innenstadtverkehrsberuhigung, 4) die
Schließung des alten Gymnasiums und Planung einer neuen
Gesamtschule - oder umgekehrt? - und 5) ein eventuell neuer
Standort der beiden Glasiglus, die am Huf nirgendwo geduldet
wurden. Und seltsam, was sich sonst über zwei Stunden
hinzuziehen pflegte, wurde in knapp hundertzweiundzwanzig Minuten
abgehakt: die aktuellen Ladenschlusszeiten wurden vorläufig
beibehalten, die Verkehrsprobleme sowie die Schließung bzw.
Eröffnung alt/neuer Schulen wegen ca. achtundachtzig-prozentiger
Uneinigkeit verschoben, während die Anlieger am Huf zu weiteren
fünf Wochen Geklirr verdonnert wurde, ob es ihnen nun passte
oder nicht.
"Liebe Mitbürger!" dröhnte
in diesem Augenblick ein Tenor mit Basstimbre durch den Saal,
sämtlichen vor sich hin Schlummernden zu einer geraden Haltung
verlassend. "Ich weiß, ihr wollt nach Hause und bitte
deswegen alle um Nachsicht, aber es ist wichtig. Für uns alle!
Wider meiner eigenen Interessen als Zeitungsverleger erhebe ich
hier und heute meine bescheidene Stimme, um meine Leser über
etwas zu informieren, was mit einem Skandal verdammt viel
Ähnlichkeit hat. Und das alles, obwohl ich ein kleines Vermögen
einsacken könnte, wenn ich meinen Mund hielte. Mein
Gerechtigkeitssinn jedoch… "
Robert hatte bis hierher viermal
'ich' und fünfmal 'mein' gezählt und blies die Backen auf, als
Brancheninsider wußte er, der Verleger würde nach dieser
Vorrede alle Zeitungen loswerden, die er zu drucken imstande war.
Als habe er die negative Schwingungen
gespürt, ließ Stephan Fux abrupt seine Marktschreierpose fallen
und senkte die Stimme, so dass manch einer sich unwillkürlich
vorbeugte, obwohl er immer noch bis zum letzten Sitz zu hören
war: "Unsere lieben Sabiner sollen einen neuen Chef
vorgesetzt bekommen, einen Außenseiter, schlimmer noch: einen
aus HaHa… " Kleine Kunstpause, um die Spannung zu erhöhen.
"Den Neffen unseres Bürgermeisters!" schmetterte er
schließlich in den Raum, sich in Erwartung der Hölle, die
losbrechen würde, mit selbstgefälliger Miene hinsetzend. Und
sie brach. Der Bürgermeister, der gewarnt worden war und
sicherheitshalber neben dem Notausgang Stellung bezogen hatte,
hatte den Türgriff bereits in der Hand und wäre im Nu draußen
gewesen, wenn seine Frau sich nicht eingemischt hätte. Dieses
kleine Persönchen stieg so graziös und natürlich auf ihren
Stuhl, hob mit einer solchen Selbstverständlichkeit eine
zierliche weiße Hand, dass - o Wunder! - tatsächlich nach und
nach der Orkan sich legte. Eine der prominentesten Figuren der
Gegend, entstammte sie einer uralten, reichen und einflussreichen
Familie; echt Saltener Blut floss durch ihre Adern, ohne welches
ihr Mann, ein bloßer Zugereister, niemals Bürgermeister
geworden wäre - der doch nicht. Und doch hörte die Mehrzahl der
Anwesenden ihre Stimme zum ersten Mal.
"Liebe Saltener, ein paar Worte
noch, bevor ihr mit Steinen wirft", bat sie schlicht, aber
mit diesem gewissen Etwas, das zum Zuhören zwingt. "Genau
genommen sind es zwei. Zwei Bekanntmachungen, die mein Mann
ursprünglich zu einem anderen, passenderen Zeitpunkt hatte
verkünden wollen. - Äppie?" Trotz Kleid und Alter ebenso
graziös wie mühelos vom Stuhle steigend, forderte sie ihren
Ehemann mit einer kaum merklichen Kopfbewegung auf, ihren Platz
einzunehmen, was dieser in Windeseile tat.
"Liebe Mitbürger... Freun-de...
geschätzte Nachbarn..."
Die flinke Bewegung seiner Tante, als
würde sie dem Ersten Manne der Stadt recht feste ins Bein
kneifen, konnte Robert nur ahnen: komm zur Sache, übersetzte er
den Gewaltakt, mach's kurz!
Der gute Äppie verzog keine Miene.
"Wie alle bereits wissen, hat einer unsrer ältesten und
sehr geschätzten Mitbürger", setzte er ruhiger fort,
"Salten, uns allen ein überaus hochherziges Geschenk
gemacht." Er hielt inne, wie um 'seinen' Saltenern
Gelegenheit zu geben, sich trotzdem im voraus zu freuen. "Vor
allem jedoch soll das Geschenk den Sabinern zugute kommen. Deren
Sabü erhält nämlich eine komplette, hochmoderne Musikanlage
mit allem drum und dran, dazu einige Paletten Schallplatten,
Kassetten und CDs, von Bach bis zum..." Irritiert brach er
ab, offenbar im unklaren über den neusten musikalischen Trend.
"...bis zum Stillen Ozean",
vollendete ein vorlauter Bass aus den sicheren hinteren Reihen.
Keiner lachte.
"Und damit nicht genug",
benutzte der Bürgermeister den Zwischenruf, um seinen Satz
unbeendet zu lassen, "hat unser Gönner sich nicht nur
bereit erklärt, die Sammlung regelmäßig zu ergänzen,
sondern..." - er wippte gewichtig auf den Fußballen vor und
zurück und holte Luft: "...er stellt darüber hinaus die
hierfür benötigten Räumlichkeiten neben der Sabü zur
Verfügung. Ich glaube, die meisten wissen bereits, dass, es sich
um keinen geringeren als Paul Janßen handelt, Besitzer bzw.
Gründer der ElektroKette Janßen, der als einfacher
Elektromeister bei uns angefangen hat und bereits... "
Der Rest ging unter. Achselzuckend
gab der Meister dieser verrückt gewordenen Bürger es nach
einigen Anläufen auf, sich erneut Gehör zu verschaffen, und war
bereits halb draußen, seiner Frau ungeduldig die Tür
aufhaltend, als jene zu seinem Erstaunen abermals ihren Stuhl
bestieg und eine weiße Hand hob. Als hätten sie es wochenlang
geübt, trat diesmal beinahe augenblicklich Ruhe ein. Die
Saltener waren ein gelehriges Völkchen: wo ein Knochen herkam,
gab es gewiss mehr...
"Den zweiten Bonbon hat mein
Mann netterweise mir überlassen", füllte Dorothys ruhige
Stimme mühelos den Saal. Robert, ein aufmerksamer Beobachter,
war das leichte Zucken im Gesicht des Bürgermeisters nicht
entgangen: von einem zweiten Bonbon hatte der keinen Schimmer.
Mit gesteigertem Interesse wandte er sich seiner Tante zu.
"Selbstverständlich",
drehte Doro den Kopf dorthin, wo sie den Marktschreier vermutete,
"denkt keiner auch nur im Traum daran, unsere geschätzte
Sabü-Leiterin" - Kopfnicken zur andren Saalseite - "zu
ersetzen. Sie ist sozusagen eine Institution für sich und somit
unersetzlicher als der Bürgermeister selbst." - Oho! -
"Robert Stoltze soll lediglich in der neuen Musikabteilung
das Sagen haben, übrigens auf Bitten des Spenders, keineswegs
auf unser Verlangen hin - ein kleiner Wunsch am Rande, den man in
Anbetracht der Großzügigkeit des Geschenkes wohl schwer
ablehnen kann. - Ich danke, dass ihr solange zugehört habt -
bleibt mir nur, uns allen eine geruhsame Nacht zu wünschen."
Vom Stuhl fast gleitend, schritt die kleine Frau lässig durch
die sich automatisch bildende Schneise ihrer Untertanen zur Tür.
Erst als die Tür ins Schloss
rastete, leise und endgültig, brach der Tumult erneut und
unwiderruflich los.
Der Bürgertreff war zu Ende.
Die
alte
und neue Leiterin der Sabü musste die Gratulationen von
Dutzenden Mitbürgern über sich ergehen lassen und brauchte
wesentlich länger als Dorothy Hammsen, um ins Freie zu gelangen.
Langsam legte sie die Strecke zu ihrer Wohnung zurück, die
direkt über der Bücherei lag. Es kam selten vor, dass sie etwas
überraschte. Darüber musste sie nachdenken.
Nicht nur Karin Wehde, noch jemand
war überrascht, mehr: aus allen Wolken gefallen. Der frisch
gekürte Leiter einer noch nicht vorhandenen Musikabteilung hatte
in Hamburg einen guten, wenn auch eintönig gewordenen Posten in
einem größeren Verlag an den Nagel gehängt, um als Leiter
einer kleineren - interessanteren? - Bücherei in einer sehr viel
kleineren Stadt für weniger Geld etwas Neues zu versuchen.
Robert Stoltze hatte diesen Schritt hauptsächlich getan, um mehr
Selbständigkeit, mehr Spielraum zu erlangen; er stand vorm
Eintritt ins 40. Lebensjahr und war nicht länger bereit, sich
von Vorgesetzten in die selbstgekochten Süppchen spucken zu
lassen. Der Enddreißiger hörte nämlich nicht nur wörtlich
schlecht, er legte überdies Wert auf einen gewissen Freiraum zur
Entfaltung seiner Kreativität, zum Ausprobieren neuer Ideen.
Großer fetter Haken: er hatte keinen Schimmer von Musik,
schlimmer noch: er war unmusikalisch. Vieles sprach dafür, auf
der Stelle kehrt zu machen. Zum einen hatte er nicht gewusst,
dass es bereits eine Leiterin gab - peinlich! Von der Kleinigkeit
abgesehen, dass der Chef einer Musikabteilung nach seinem
Dafürhalten etwas – Quatsch, alles über und von Musik wissen
und verstehen, Musik studiert haben und nach Möglichkeit vier
bis vierzig Musikinstrumente auf dem Effeff bespielen können
muss. Er, Robert Stoltze, konnte nicht einmal Noten lesen...
Diese Bedenken, die er seinem Onkel,
seiner Tante nach dem inkognito miterlebten Bürgertreff haarfein
auseinandersetzt hatte, stießen auf taube Ohren. Genauso gut
hätte er vorm Bundestag reden können.
"Musst du ja alles gar nicht,
mein Bester", lautete die Entgegnung des Oheims mit der
ganzen Schwere und Überlegenheit des Erfolgreichen. "Du
sollst die Bude nur leiten, sonst nichts. Ein Geographielehrer
muss doch auch nicht die ganze Welt bereist haben, um
unterrichten zu können." Von diesem Vergleich nicht wenig
angetan, setzte er gnädig hinzu: "Außerdem lernst du
gewiss schnell, bei deiner Intelligenz. Zumal du in wenigen
Wochen, wenn deine Abteilung erstmal steht, ständig von Musik
berieselt sein wirst…"
Robert
Stoltze
warf das Kabel fort und überblickte das Katastrophengebiet
namens Baustelle mit einem inneren Schaudern. Was hatte er getan?
Noch
am selben Nachmittag war er eingezogen.
Leider
wimmelt es diesmal in den ersten drei Kapiteln nicht vor
Protagonisten, nebst Büchereiangestellten bevölkern
hauptsächlich Nachbarn wie die Browns-Korns: Isa (Tante Emma),
John (Afroamerikanischer Professor) und Sabine (Schülerin); und
die Fleischerfamilie Schmid mit ihren 5 Söhnen die Seiten. Ein
paar Kapitel überschlagen und fast alle wären dabei und der
faultierige Autor bräuchte kein Exposé zu schreiben. Oder? Man
kann mit mir reden.
VII.
lecksuche
(leichen
im keller)
Kurz bevor der Sommer seinen
offiziellen Einzug hielt, belebte sich das Saltener Einerlei.
Wie ein Mann im besten Alter schien der Lenz sich ein letztes Mal
aufbäumen zu wollen, und Ereignis folgte auf Missgeschick,
Happening löste Unglück ab - zumal am Huf. Mit einem kleinen
Einbruch fing es an. Spitzbuben nützten einen U.S.-Besuch der
Familie Mallory-Korn, um bei Tante Emma ein „wenig Klarschiff“
zu machen, wie der Einbruchdezernatleiter, Ex-Mariner und
Anhänger des britischen Unterstatements, es formulierte und der
Leere im Hause und Laden nicht gerecht wurde: von Emma-Taschen
bis zu Parmesankäse, Johns dicken Wälzem und dem alten
nasenlosen Teddy Sabines war den Tätern offenbar nichts zu klein
oder schäbig, um nicht mitgenommen zu werden. Keine
vierundzwanzig Stunden nach der Entdeckung durch Karin, die trotz
einer beim Bockspringen zugezogenen Daumenzerrung das
wöchentliche Blumengießen übernommen hatte, wurden die
Diebesgüter bereits lokalisiert. Ein anonymer Anruf hatte
skeptische Streifenbeamte zu einer Besichtigung der
Sabü-Kellerräume veranlasst, und in vier dieser Räume waren
sie tatsächlich fündig geworden. Dies erklärte nicht nur,
warum die Nachbarn nichts bemerkt hatten, sondern auch die
Gründlichkeit, mit der die Täter hatten vorgehen können: ganze
Tage und Nächte, quasi den gesamten Hufkeller zur freien
Verfügung mit soviel Beleuchtung wie man sich nur wünschen
konnte, da die Rolladen allesamt laserdicht heruntergelassen
worden waren - wie praktisch.
Dann kam der nächste punch. Beim
Durchchecken der gefundenen Gegenstände wurde ein leerer Sack
Zementmischung der Wird-schnell-trocken-Sorte samt Kelle,
Spachtel und ähnlichem Zubehör gefunden. An und für sich
nichts Weltbewegendes, liegt in fast jedem Haushalt griffbereit,
bloß - hier hatte man es weder im Werkzeugkasten noch im Schrank
gefiınden, sondern in der Gefriertruhe; und im ganzen Haus fand
sich trotz Renovierungspläne der Hausherrin keine einzige
halbwegs frischgespachtelte Stelle...
Der
Heimkehr der Mallory-Korns gestaltete sich
entsprechend.
Kaum dem Zug aus Hamburg entstiegen, legte sich eine amtliche
Hand schwer auf Johns Arm, ihn in aller Form zum Mitkommen aufs
Präsidium auffordernd. Leider war die
Straßen-Robin-Hood-Euphorie längst im Frühjahrsloch versunken,
Saltens Revoluzzer stellten sich abwartend. Die Enttäuschung
darüber, dass es keiner von ihnen war, musste verkraftet werden,
denn dass Isa es gewesen sein könnte, daran glaubte keiner. Und
doch begnügte die Behörde sich mit einem kurzen Verhör, wie
das? Immerhin handelte es sich um einen Akademiker, oho, um einen
Amerikaner, aha, um einen Ehrenbürger der Stadt Salten, ach so,
wussten wir nicht, guten Abend, Professor Mallory…
* * * * *
"Glaubst
du, die hauen ab?" sprach Micha einen Gedanken aus, der im
Städtchen von Haustür zu Haustür lief. Es sollte
oberflächlich-nonchalant klingen, nach Mann von Welt, der sich
nonchalant fragt, was aus einer seiner zahlreichen Freundinnen
wohl geworden sein mag.
Ruth ging darauf ein und tat, als
hätte sie das leichte Krächzen in seiner Stimme nicht gehört
und würde ernsthaft nachdenken. Die Mallory-Korns, geschockt
über die Vorfalle, hatten nicht einmal ausgepackt, sondern waren
unverrichteterdinge weitergefahren zu Kornschen Verwandten in die
Neuen Bundesländer. Man munkelte, sie würden nicht
wiederkommen...
"Nein", entschied Ruth
endlich. “Isa ist aus dem Abhau-Alter heraus, und John war nie
drin." Sie war beim Kuchenbacken, benötigte dazu wie üblich
Micha zum Vorkosten, da sie selbst grundsätzlich nicht naschte.
Diesmal war der Kuchen für Karin, deren ohnehin verkorkster
Daumen unter die Klappe des Sabü-Lifts geraten war: ihr markiger
Schrei hatte allen, die es gehört hatten, eine
Ganzkörpergänsehaut beschert – und der Klappe Federung und
eine Silikonsicherung. Micha würde der Kuchen später
rüberbringen, da Karin eine merkwürdige Aversion - anders
konnte Ruth es nicht nennen - gegen die Bäckerin hegte.
"Du nennst ihn John?"
staunte er mit unverstellt junger Stimme.
"Was wundert dich daran?
"Paps wär's bestimmt nicht
recht."
Sie warf ihm einen nachdenklichen
Blick zu. Er saß auf der Tischkante, einen Rührlöffel in der
Hand, ein langes Bein solidarisch hin und herschwenkend in
Gedanken an Sabine.
"Ich glaube, ihr habt ein völlig
falsches Bild von eurem Vater. Der ist gar nicht so."
"Wer ist gar nicht wie?"
tönte im nachsten Moment die Stimme des Vaters so täuschend
echt, dass beide herumführen.
Hereinschritt Björn, das gewohnt
breites überlegenes Grinsen in dem Vollmondgesicht. "Wenn
dies ein Hollywoodfilm ware", machte der Störenfried sich
über das Zusammenschrecken der beiden lustig, "müsstet ihr
jetzt betreten fragen: 'Wie lange stehen Sie schon dort,
Mister?', und ich würde verräuchert antworten: 'Lange genug,
baby!'“
"Dies ist aber kein Film",
gab Micha patzig zurück. "Deswegen heißt es: 'Man lauscht
und schleicht nicht' und 'Du störst,
verpiss dich!'“
Die Mutter dieser Streithähne riss
die Augen auf. Bis vor kurzem hatte ihr Jüngster
eine gesunde Angst vor dem bulligen
Bruder an den Tag gelegt, war ihm aus dem Weg gegangen, oder
hatte zumindest - wenn sich ein Zusammentreffen nicht vermeiden
ließ – seine Zunge im Zaum gehalten. Seit einigen Tagen war
diese Scheu wie Schnee in der Sonne immer dünner geworden, eine
Herausforderung Platz machend, die selbst den dickfelligen Björn
stutzig machen musste.
"Würdest du bitte den Tisch
decken?" stürzte Ruth sich in bekannt hektischer
Ach-Gott-ein-Streit-Manier kopfüber dazwischen.
"Habe ich bereits vor einer
halben Stunde erledigt", entgegnete Michael tonlos, ohne den
Augen von Björn zu lösen.
Der feixte. "Oho! Isser nicht
süß, unser Muttersöhnchen? Und eine Freundin hatter auch, wie
ich höre und staune. Hat unsrem Beau die süße kleine
Mischlingsmaus
abspenstig gemacht, deren Mutter
unsere ärgste Konkurrenz und deren Vater ein
Verbrecher ist, eh? Du machst uns
Ehre, Bruderherz!“
Michas Gesicht hatte sich verfarbt.
"So ein Vater wäre mir tausendmal lieber als ein verdammter
Denunziant zum Bruder!"
Die Wirkung dieser Worte war
sehenswert. Schlagartig schien alles Blut aus Björns feisten
Wangen zu weichen. Eine kleine Ewigkeit verging. "Sieh an",
brachte er schließlich mit gezwungener Fröhlichkeit hervor.
"Denunziant, das Wort kennst du?“ Er lachte auf. Zu laut.
Zu lange.
"Ich würde sagen, wenn jemand
mit verstellter Stimme den genauen Standort von einem gewissen
Zementsack plus Zubehör verrät, als hätte er es selbst dort
versteckt, dann ist man nicht bloß ein Denunziant, sondern ein
Dieb, Lügner und verfluchter Lump obendrein!"
Die Zeit schien stillzustehen. Björns
Stiererei mit verbissener Entschlossenheit standhaltend, ließ
Micha sich vom Tisch gleiten, sich breitbeinig vor dem Bruder
aufbauend. Nach endlosen Sekunden
wandte der Ältere sich unwirsch ab, um den Ort seiner Niederlage
auf schnellstem Wege zu verlassen. Und prallte in der Tür mit
Arnold zusammen.
Blass standen sie sich gegenüber,
Vater und Sohn.
"Stimmt das?" schien Arnold
seine Stimme von weit unten holen zu müssen.
Björn wand sich. "Türlich
nicht", entgegnete er trotzig. Doch die Augen wichen aus,
bekamen etwas Fremdes wie die seiner Mutter, wenn sie eine ihrer
seltenen Flunkereien losließ.
Ein Ader an Arnolds linker Schläfe
schwoll an, der zuverlässige Vorbote eines echten Schmidsturms,
bläulich pochend und unheilverkündend. Doch dann geschah es:
für
den Bruchteil einer Sekunde hob sich
der Schleier, und Arnold sah seine Familie so klar und deutlich
vor sich wie lange nicht mehr: Björn, fahl, feist und geduckt,
mit blutunterlaufenen Augen, die auswichen; Micha, der seinen
Ivanhoe-Schild abgelegt hatte und in die hinterste Ecke
zurückgewichen war; und Ruth, seine geliebte Ruth, deren
ebenmäßige Gesichtszüge seltsam vergrämt wirkten und zur
Abwechslung ihr wahres Alter verrieten - und einiges mehr... Was
war das?!
Tief, tief Luft holend, griff der
Fleischer sich mit einer fast schüchternen Bewegung an die linke
Brustseite und verkündete dann heiser: "Wir wollen essen."
Mehr nicht.
Die Stille hing wie eine dicke dunkle
Wolldecke überm Esszimmertisch. Selbst Ruth machte sich mit
unziemlicher Hast daran, ihren Teller zu leeren, die Augen auf
ihr Essen gerichtet. Nur Sonnyboy Thomas versuchte ahnungslos,
die Stimmung mit ein paar Witzen zu lockern, bis Mathe ihn mit
einem wuchtigen Tritt unterm Tisch zum Schweigen brachte.
Kaum hatte der Vater genickt,
verschwanden die Söhne mit seltener Lautlosigkeit von der
Bildflache, um bis zum nächsten Morgen unsichtbar zu bleiben.
Schweren Schrittes tat der Fleischer
es ihnen nach und stieg in den Keller, um seine berühmten
Hufwürste: Fleischwurstringe mit aparter Note fertigzustellen,
während
Ruth die leere Etage nützte, um den
Wohnzimmerschrank auszumisten.
Ein ruhiger Abend.
Ruhiger als die Nacht. Der Frühling,
bis dahin heiß und trocken, schien kurz vor seinem Ende zeigen
zu wollen, dass es ihn doch noch gab. Es blitzte und krachte nur
so, und binnen weniger Minuten war die korkentrockene Erde so
voller Wasser, als hätte jemand wochenlang dauergesprenkelt.
Dieses Unwetter nützte eine vermummte Gestalt, sich eng an den
Hauswänden haltend, verstohlen die Fußzone hinaufzuschleichen.
Kurz nach Mitternacht gingen inmitten eines betäubenden Grollens
von oben sämtliche Lichter Saltens aus: Der Sommer war fast da.
Am
nächsten Morgen
darauf schienen Salten und die Sonne ein Wettstrahlen austragen
zu wollen. Die Fachwerkhäuser wirkten wie geschnitzt und frisch
gemalt, die Straßen schillerten in allen Farben, die Pflanzen
noch grüner und die Buntheit der Blütenwelt stach buchstäblich
ins Auge, dass es wehtat. Nur einige Äste und Papierfetzen
erinnerten an einen Sturm, der große Teile Deutschlands unter
Wasser gesetzt hatte. Nicht ohne Schadenfreude erfuhren die
Saltener aus dem Munde munterer Moderatoren des Frühstücksradios
von Überschwemmungen in Bonn und anderswo, sich diebisch über
die leicht erhöhte, geschützte Lage ihres Nestes freuend und
mit erhobenen Nasen und trockenen Fußes zur Arbeit stapfend: Ein
schöner Tag, oho!
Der Anblick neuer Maulwurfprodukte
auf den noch dampfenden Straßen ließ manch trockener Fuß
innehalten und dann verharren, bis sich aufgeregte
Menschentrauben zu bilden begannen, die genau dies schon immer
vorausgesehen haben wollten, aber ge-nau so. Die Erhebungen waren
nicht so akkurat ausgeführt worden wie sonst, ja – in zwei
Fällen hätte man getrost von Pfuscherei sprechen können, wenn
man den Mut dazu und es in Kauf nahm, dafür gesteinigt zu
werden. Auf die Absicht, allein auf die Absicht kam es an, und
überhaupt, bei dem Wetter Konfektionsarbeit zu erwarten, das
war...das war…!
Gespannt lauerten die Saltener auf
eine Reaktion von oben. Man erwog die Aufstellung einer
Bürgerwehr, die nachts halbstündlich durch die Maulwurfstraßen
patrouillieren sollte, um einer eventuellen Wiederholung der
HaHaer Invasion niederzuschlagen und derlei mehr. Es brodelte.
Diesmal, diesmal waren alle bereit, und oh, sie würden handeln!
Der Bürgermeister dieser Wehrbereiten tat desgleichen, wenn auch
anders als erwartet. Einer unlängst durchgeführten Umfrage
zufolge lag Äppie auf der Beliebtheitsskala ganz unten, und der
Schock hierüber hatte ihn zum Äußersten getrieben: er hatte
seine Frau um Rat gefragt. Das Ergebnis war eine offizielle
Aktion Maulwurf ohne Maulwurfhüglein: die nach der Wende
entfernten Pflanzenblockaden wurden an fast genau die gleichen
Stellen aufgestellt. Um diesem seltsamen Betragen die Krone
aufzusetzen, begab UnsÄppie sich am selben Nachmittag mitsamt
Ehegemahlin zum Bahnhof, um seinen langerwarteten Freund John
Mallory persönlich abzuholen - ein rührender Anblick, der tags
darauf nicht nur in der SaNews zu bewundern war. Keine Frage,
dass die Anklage gegen den verdienten Mann in allen Punkten
fallengelassen wurde. Man entschuldigte sich sogar und sprach die
Hoffnung aus, den Amerikaner am Abend in der Bürgermeisterklause
begrüßen zu dürfen: nichts Besonders, nur ein paar nette
Leute, die dem Ehrenbürger die Hand drücken wollten...
Es blieb beim Wollen. Am Huf erfuhr
Isa, dass ihre beste Freundin Ruth in aller Herrgottesfrühe mit
Blaulicht ins Krankenhaus gefahren worden war, woraufhin der
Shake-hands-Abend zu Johns Erleichterung ausfiel. Geschockt eilte
Isa ans Krankenbett Ruths und fand diese zwar kopflos, aber
völlig gesund im Spitalfoyer vor. Die sanft-sensible Frau, die
Isa in jungen Jahren wie eine zweite Mutter gewesen war, war am
Morgen beim ersten Weckerrasseln erwacht - neben sich ein Mann,
der außerstande war, sich zu rühren. Das war alles, und wie Isa
mit brutaler Offenheit versicherte, nachdem sie Ruth vor
Mitgefühl halb zu Tode erdrückt hatten: es war mehr als genug.
Ruth verließ das Krankenhaus erst, als der älteste Schmidsohn,
der sich auf ein wirres Telegramm hin in den erstbesten Zug
heimwärts gesetzt hatte, sie ablöste.
Der Sommer war da.
ende von leseprobe II
Ich
hatte angefangen, meine Werke ins Englische zu übersetzen und
gehöre nicht (mehr) zu den Menschen, die verschiedene Sachen auf
einmal können, im Gegenteil - daher waren die Leseproben eine
Reihe von Monaten offline. Als Platzhalter vollführte ich an
dieser Stelle eine Art bürokratischen Striptease, um die Frage
nach meinen Büchern auszuknocken: wo kann man die lesen?
Dass mir das Leben immer dazwischenkam hörte
sich selbst für mich unglaubwürdig an. Das Nachdenken bzw.
Schreiben darüber hat einiges zum Leuchten gebracht: Schreiben
ist besser als jedes Kloster.
Der
Striptease hatte viel mit Migration zu tun: "Die
längerfristige Verlegung des Lebensmittelpunkts über eine
größere Entfernung und administrative Grenze hinweg" ist
selbst ohne Papiere zwar kein Verbrechen, dafür ein rechtsfreier
Raum, vorwiegend weil es sich oft um Flüchtlinge aus einem
nicht-europäischen Land handelt, die sich kaum wehren können:
Sprache, Kultur, Religion - alles ist anders. Einem Europäer in
Afrika oder Asien würde es nicht besser gehen: man sitzt da mit
vollem Kopf, versteht wenig und sagt noch weniger. Ein bloßer
„Besuch“ steht zwar das nicht immer gewährte Recht auf
Gastfreundschaft zu, ohne Einladung hat der Gastgeber wenig
Verständnis und der Betroffene neigt dazu, bescheiden zu
schweigen (zumal mit 16 Jahren). Das umfangreiche Reglement
hierzu wird von Bürokraten festgesetzt, deren Urahnen bereits
hier lebten, und deren Erfahrung
mit Ausländern sich vermutlich auf Medien und Ferien in
urlaubsgerechten und friedfertigen Ländern beschränkt – meist
Juristen (habe lauten hören, da hat sich einiges geändert). Auf
der einen Seite des Schreibtisches im Amt sitzt die ausführende
Selbstgerechtigkeit mit deutschen Scheuklappen und null Ahnung
von allem außerhalb der eigenen Grenzen; gegenüber hocken
“Geduldeten” (ein gräßliches Wort, hab gehört, es ist
mittlerweile verpönt – und doch trifft es den Nagel
gefühlsmäßig in voller Länge: Wörter können wie Schwerter
sein), die wenig oder kein Deutsch können, verschreckt und meist
bescheiden sind und keineswegs in der Lage, gegen diese Flut an
Paragraphen anzustänkern. Ein “Geduldeter” ist nur mit hohem
Testeronspiegel in der Lage, sich zu wehren - was wiederum die
größtenteils friedlichen #Migranten in Verruf bringt und oft
populistisch mißbraucht wird. Mir (oder meiner Jugend oder dem
amerikanischen Akzent?) hat man im Jahre 1975 stets mit
freundlichem Denglisch behandelt – die Sprache habe ich
hauptsächlich aus Bücherei gelernt, die mir dreimal wöchentlich
geliefert wurden, als ich ein Jahr in Abschiebehaft saß. Doch
nett. Viele Fürsprecher
haben Migranten nicht, fast könnte man meinen, nur dem wird ein
Ohr verliehen, der es sich lobbymäßig leisten kann. Nach drei
Dekaden “ungeklärt” hatte ich die Spielchen satt, und machte
mich daran, meine alte Identität zurückzuholen, die ich mit 16
Jahren in meiner niederländischen Heimat gelassen hatte, um in
Deutschland (es lag am nächsten und schien mir groß genug zum
Verschwinden, wäre ich Ire, wäre ich wohl nach England
ausgewandert oder umgekehrt) neu anzufangen, und das ging nur
from the roots, also in den Niederlanden, was abermals Jahre
dauerte, da ich in meiner Heimat dank etlicher, ähm
Mißinterpretationen in Abwesenheit für tot erklärt und
anschließend begraben worden war – nobody is perfect und gibt
gerne Fehler zu: Bürokratie ist international. Viele
“Geduldeten” haben die Wahl eines solchen Identitätswechsel
nicht, obwohl doch vor dem Gesetz alle Menschen gleich sein
sollen. Die Aufforderung, die Augen zu schließen, um eben mal zu
erfassen, was man wahrhaftig besitzt, von einem anderen
Blickwinkel.
[Mein
Reisedokument (ein Verlegenheits-Ausweis, weil es mich ja nicht
gab) hat mir eine Menge Nachteile eingebrockt, ob nun gedankenlos
oder um “Geduldeten” möglichst klein zu halten hängt von
der Perspektive ab]
Hier
eine Variante des gängigen Arbeitsverbots, von Bürokraten
ausgedacht um... keine Ahnung.
[Alle
Namen sind geschwärzt, möchte nicht zum Erröten, nur zum
Nachdenken bringen - Sinnfreies gehört zumindest hinterfragt]
Das
wäre geklärt. 2008 wurde übrigens gnädigerweise beschlossen,
mir unbefristetes Aufenthaltsrecht zu gewähren, nachdem dieses
33 Jahren lang alle 6 Monaten inkl Gebühr verlängert werden
musste - ich glaub, da hatte ich bereits zwei Enkel. Geduldete
dankt. Natürlich, ich hätte die Deutsche Nationalität annehmen
können wie meine Töchter, kaum dass sie volljährig waren –
so peinlich war ihnen das. Es waren nicht die Menschen in
Deutschland, wir haben uns alle immer mit allen gut verstanden.
Oder etwa doch: Wen haben sie gewählt, für was sind sie auf die
Straße gegangen? Die Ausländerslums hätten verhindern können,
es hätte die Integration erleichtert, auch in Schulen eine
vernünftige Verteilung zu veranlassen. Aufklärung bzw
Selbstkritik hat weitgehend gefehlt – auch in den Medien:
anstatt die eigene geldorientierte Politik für den Mangel an
bezahlbaren Wohnungen und ein Ungleichgewicht des Geldes
verantwortlich zu machen, hat man es uns Ausländer in die Schuhe
geschoben und tut es immer noch – tolle Munition für
rechtsradikales Gedankengut und einer der Gründe, weswegen
„integrierte“ Ausländer wie ich mit dem Wörtchen „Wir“
eher zaghaft umgehen. Der andere Grund wäre die Bürokratie. Wir
Ausländer sind an allem Schuld, selbst in meiner einst so stolz
als „multikulti“ gelobten Heimat sind sie darauf reingefallen
- im übrigen ist die Welt groß, wir sind alle Ausländer.
Musste
mal raus.
Setze
heute (Aug ‘25) die ersten Kapitel von „marke: solo“ wieder
rein, nicht dass ich mit der Übersetzung fertig wär, aber...
ernsthaft, der Nächste, der mit mir einen „Deal“ machen
möchte… - leider kamen beide Anfragen aus Trumpland. Ganz
eindeutig: momentan sind Europäer mir lieber (eine Schande
allerdings, dass wir unsere #EU nicht lautstärker unterstutzen).
Die Idee zur Geschichte kam mir nach dem Fall der Mauer, auch
wenn es in der Handlung nicht direkt thematisiert wurde. Zwei
Dinge waren ausschlaggebend: 1) dass niemand es vorausgesehen
hatte, 2) das Verschlucken der armen Ost-Verwandtschaft vom
reichen West-Nabob - meine damals ungewöhnliche (oder nicht
zugegebene) Sichtweise als Außenseiter. Heute wird spekuliert,
diese Behandlung bzw Nicht-Beteiligung sei die Geburtsstunde der
AfD. Wie dem auch sei, ich hoffe, den Enttäuschten wird
rechtzeitig klar, dass sie hier Beelzebub mit dem Teufel
eintauschen, evtl bloß um dem arroganten Nabob eins
auszuwischen.
„Die
Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er
will,
sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will“.
Rousseau.
Mitte
der 1990er war ich mit einem Münchner Verlag in Verbindung,
dessen Lektorin mir allerdings derart auf den Keks ging mit ihren
„immer noch zuviel Öko, könnten Sie nicht noch die Stelle mit
Agent Orange streichen…?“ - dann kam der Wisch vom Arbeitsamt
(siehe oben) und gab mir den Rest... Die englischen Kapitelnamen
lass ich, obwohl ich die meisten Filme nicht kenne - man wird
faul. Oder alt.
marke:
solo (1989/1991)
I.
the king and i
Hysterisch
- er?! Die Empörung schien ihn anschwellen, um Zentimeter
wachsen zu lassen, dann gab er sich einen Ruck und stapfte zum
Waschbecken, sich im Spiegel darüber begutachtend: zwei
blau-blitzende Augen und etwas gerötete Wangen - ja und? Als
Mann in den noch lange nicht besten Jahren war es sein gutes
Recht, wenn nicht Pflicht, hie und da etwas männlich-gesunde
Erregung zu zeigen, sonst machten die Weiber was sie wollten.
"Ich
bin nicht hysterisch!" fauchte der Spediteur. "Ein
wenig verwundert", räumte er ein, "etwas erstaunt
vielleicht..." - Teufel! wie kam er dazu, sich vor der
eigenen Angestellte zu rechtfertigen? Sich abwendend, fegten
seine Arme einige in einem Büro unvermeidlichen Gegenstände vom
Schreibtisch: ein blecherner Aschenbecher samt Inhalt schepperte
gegen die Wand, es hagelte bunte Büroklammern und obendrauf
legte sich sachte eine schneeweiße Decke aus
Schreibmaschinenblättern... Verärgert über die eigene
Tolpatschigkeit, drehte er ein paar schnelle Runden um den
Schreibtisch, im Vorbeigehen die Statistiken, Poster und
Tabellen, die an der Wand hingen, zum Flattern bringend - Tina
Turner machte einen Zeitlupen-Kotau, hing nur noch an ihren
rassigen Füßen, mit dem Gesicht zur Wand.
"Warum
sollte gerade ich hysterisch sein?!" kratzte er sich am
Kopf, wie nach Gründen kämmend. "Ich habe eine gutgehende
Spedition, soundsoviel gutgehende Wagen, noch mehr gutgehende
Fahrer und..."
"Einer
ist krank", machte seine Sekretärin den Mund auf.
Er
ignorierte den Zwischenruf. "...und eine Sekretärin, der es
so verdammich gut geht, dass sie ihrem Chef vor lauter
Glückseligkeit an den gutgehenden Kopf zu werfen wagt, er sei
hysterisch! Und warum?!" kippte seine Stimme ins Soprane. Er
setzte ab und räusperte sich. "Weil dieser Hund von einem
Vorgesetzten es gewagt hat, die dubiosen Machenschaften besagter
Dame zu kritisieren, ha!" Er schaute finster auf sie herab:
war doch gut gesagt, oder? Und so sachlich.
Die
Dame hatte die Beine lässig übereinandergeschlagen, sah
interessiert auf ihren auf und nieder wippenden Fuß als sei es
Buddhas Pendel und - schwieg.
"Macht
nichts", zischte er. "Tut nichts zur Sache, nicht
aufregen, ich flehe Sie an! Bleiben Sie ruhig sitzen und schauen
mir beim herrlichen Gutgehen zu, ich bitte Sie!" Jählings
drehte er sich auf dem Absatz um und rauschte hinaus, als fürchte
er um die eigene Beherrschung. Leise fiel die Tür ins Schloss.
Alle Türe der Firma Münch waren mit einer elektronischen
Vorrichtung versehen, die nebenbei das Zuknallen verhinderte.
Dina
horchte einen Augenblick aufmerksam, bevor sie das Band festzog,
das ihr kastanienbraunes langes Haar zusammenhielt - ein
Handgriff, der bei ihr das Ärmelhochkrempeln ersetzte - und sich
daranmachte, die alte Ordnung wiederherzustellen. Die knappen
Bewegungen verrieten Routine und den Selbstdisziplin einer Frau,
die sich unter Kontrolle hatte. Jederzeit.
Im
Nu sah der Raum aus wie vor einer knappen Viertelstunde: nüchtern
und aufgeräumt - wie dessen Hauptnutznießerin es zu sein
vorgab. Sie hatte Übung, war die Ausfälle ihres Chefs gewohnt.
Früher hatten die einseitigen Gefechte sich hauptsächlich in
seinem Luxusbüro nebenan abgespielt. Ein teurer Spass. Das Büro
eines erfolgreichen Geschäftsmannes muss Eindruck schinden: ein
Stuhl mit nur drei Beinen, knirschende Glasscherben unter den
Schuhen eines potentiellen Kunden - das ging gar nicht. Im
Endeffekt war es vorteilhafter bei einer Sekretärin hysterisch
zu werden, deren Billigmöbel sich oft als schmerzhaft stabil
erwiesen, und die als Frau wegen der hinterher fälligen
Säuberungsarbeiten ohnedies besser geeignet war. Yeah. Geschah
es dennoch, dass irgendwas in die Brüche ging: ein
liegengelassener Regenschirm etwa oder ein Töpfchen Handcreme,
kein Problem: Dina ersetzte es und der Boss unterschrieb
hinterher stillschweigend die Rechnung - alles mit der Automatik
altgedienter Schmierenkomödianten, denen nichts aus der Ruhe
bringen können. Der Ärger über die eigene Ungeschicklichkeit
war ebenso spontan und ehrlich wie das Zähneknirschen beim
Bezahlen hinterher, und doch suchte Alex mit unterbewusster
Heimtücke nach etwas zum Kaputtmachen...
Energisch
befreite Dina die Turner aus deren Bauchlage und schaute sich um.
Sie verzog den Mund, als ihr Blick auf das alte Schlüsselbord
fiel, das neben der Tür zum Flur hing: ein hässliches Brett mit
zehn mal zehn zum Teil rostiger Nägel: die oberen für die
Wagen-, die unteren für die Türschlüssel der Spedition. Der
Boss hatte das klobige Stück Holz zusammen mit seinem ersten
Wagen, einem echten Bull Trucker, erstanden, und hütete beide
Oldtimer wie Meisterwerke von Uecker und Colani. Dinas
Belustigung galt dem Umstand, dass Alex das Bord nicht einmal
streifte, egal wie rasend er war - auch der Spiegel über dem
Waschbecken blieb verschont. Dabei hingen beide einladend lose an
jeweils einer einzigen Schraube...
Dina
hatte kaum Zeit, sich das amüsierte Lächeln vom Gesicht zu
wischen, der Chef konnte auch leise sein wenn er wollte. Er
verlor kein Wort über ihre Säuberungsaktion, sah sich nicht
einmal um, schien sich aber beruhigt zu haben.
"Und?"
erkundigte er sich fast gähnend. "Was haben wir uns dabei
gedacht, als wir dieses rothaarige Weib einstellten, häh?"
An eine Antwort interessiert, verkniff er sich die Zusatzfrage,
ob sie des Denkens überhaupt fähig sei, und wartete.
Sie
schlug die Augen nieder. "'Das Beste vom Besten'"
zitierte sie mit tiefer Stimme. Normalen Tones setzte sie hinzu:
"So lautet unser Firmenmotto, so pflegen Sie immer zu
sagen..." Sie zögerte kaum merklich. "Also habe ich
halt das Beste vom Besten genommen. Punktum."
Alex
verzog angeekelt das Gesicht. Allerdings, so pflegte er zu
sagen...
"Außerdem",
beeilte sich Dina hinzuzufügen, "ließen Sie mir
ausdrücklich freie Hand, hatten Wichtigeres zu tun."
Auch
wieder wahr. Alles, was seine unbezahlbare Sekretärin je sagte
oder tat, hatte Hand und Fuß, ach was: Finger und Zehe! Immer.
Die Empfehlungsschreiben und Papiere des "rothaarigen
Weibes" waren überwältigend, die Frau musste von klein auf
anstatt Muttermilch Diesel zu nuckeln gekriegt haben. Nicht nur
hatte "man" eine Fahrpraxis von mehr als fünfzehn
Jahren ohne einen einzigen Punkt in Flensburg vorzuweisen, nein,
auch mehrere Preise im Geschicklichkeitsfahren. Beachtlich. Unter
allen Bewerbern hatte seine rechte Hand souverän "das
Beste" herausgepickt, aber ja. Und die Auswahl war groß
gewesen. Zwar waren Fahrer, die halbwegs jung und erfahren waren,
Mangelware, doch galt dieses Naturgesetz nicht für Saltener
Betriebe mit guter Bezahlung, sozialer Absicherung, Fairplay und
Bonusse noch und noch, wie das bekanntlich bei der Spedition
Münch der Fall war. Sie hatten nicht einmal eine Annonce
aufgeben brauchen, so was sprach sich herum... Nun, jedenfalls
schien die Liste aller Auszeichnungen und Fähigkeiten dieser
Person so lang wie deren zurückgelegte Kilometerzahl, wenn nicht
länger, und Dina, die Gewissenhafte, hätte glatt die Daten der
einzelnen Milchzähne mit heruntergeleiert...
"Nehmen
Sie halt das Beste vom Besten wie üblich, und verschonen Sie
mich mit dem Kleinkram", hatte Alex daher unwirsch
angeordnet und sich Wichtigerem zugewandt...
"Und
warum", bohrte er weiter, "haben Sie die Kleinigkeit
unterschlagen, dass dieser Geschicklichkeitsfahrer eine Frau ist,
hat sie's beim Vorstellungsgespräch nicht erwähnt?" höhnte
er in Anspielung auf die nicht eben flachen Formen der Neue.
"Aber
Chef!" quiekte die Holde mit Güh-Güh-Gäh-Gäh-Augen. "Sie
wollen damit doch nicht andeuten, der zweitbeste Fahrer wär
Ihnen lieber als die allerbeste Fahrerin?"
Alex
schwieg verstimmt. Exakt das war es, was er nicht nur hatte
andeuten wollen, doch in der heutigen emanzipierten Zeit als
Unternehmer sagte man sowas besser nicht. Immer häufiger hatte
er es mit Frauen in leitender Position zu tun. Kaum hatte man
sich an den Anblick vom weiblichen Managers des hiesigen
Fußballverein gewöhnt, musste man sich vom Tiefschlag erholen,
einen Kredit abgelehnt zu bekommen - ausgerechnet von einer Frau.
Über Nacht schossen sie aus dem Nichts wie Pilze im unschuldigen
Walde. Was sollte er tun, die Pilze anderen überlassen? Davon
wurde er auch nicht satt.
Ein
besonders giftige Exemplar stand vor ihm, treuherzig lächelnd.
"Außerdem haben Sie nicht gefragt", setzte sie hinzu.
Er gab Zischtöne von sich, was sie locker als Zustimmung
deutete. "Sehen Sie!" flötete sie. "Nun mal
ehrlich: Sie waren bei Ihrem Bruder, sind wieder mal abgeblitzt
und daher ein wenig gereizt, stimmt's?" Dina wusste, diese
Runde hatte sie gewonnen, gönnte ihrem Chef aber einen
ehrenvollen Abgang. Zwei Augenpaare, eines hellblau und ohne
Falsch, das andere dunkelblau und misstrauisch, beäugten sich
wie die Uhus, nahmen Maß.
Nach
einer Weile wandte Alex den Blick ab. "Na ja", gestand
er resigniert, "der alte Esel nimmt einfach keine Vernunft
an..." Besagter Esel war keine zwei Jahre älter als der
Spediteur, zwei Jährchen, die der Jüngere seit einer Jahrzehnt
nach Belieben zu strecken pflegte. Okay, er war auch kein
Teenager mehr, aber frischer als dieser Greis mit den
Elektrohaaren allemal - und überhaupt: Brüderschaft, wo gab's
das noch, ein längst verschüttetes Wort aus Karl May...
Vom
Vater von klein auf zur 'gesunden' Konkurrenz angespornt,
brauchte der erwachsene Alex das ständige Messen der Kräfte,
während es dem Älteren egal war. Der Tod des alten Münch hatte
an dieser Kommunikationsart nichts zu ändern vermocht, im
Gegenteil alles noch verschlimmert, denn ohne Zustimmung des
Bruders durfte keiner sein Erbe veräußern. Keine schöne Sache,
wenn es sich um zwei Hälften desselben Hauses handelte. Anfangs
hatte der Ältere sein "vergiss es!" jahrelang
sechshundert Kilometer per Post vorbeigeschickt, später sorgten
seine Kollegen an der Universität dafür, dass der Gelehrte
diesen papiernen Schein der Gleichgültigkeit gegen die härteren
Münzen der Anteilnahme eintauschen musste.
Selbst
Schuld. Als Lehrer, gar Professor hatte man nach gewissen
Grundsätzen zu lehren, wenn schon nicht daran geglaubt werden
konnte. Nur Studenten, Wahnsinnige und Politiker konnten sich ein
Stänkern gegen Vater Staat leisten; abtrünnige Pädagogen auf
vom Elternhaus noch warme und biegsame, künftige Steuerzahler
loszulassen, war sträflich - eine Art Selbstmord auf Raten. Nun,
man hatte es im Guten versucht, mit Vernunft, mit versteckten,
dann offenen Drohungen. Zuletzt war der Lehrkörperschaft nichts
übrig geblieben, als den Widerspenstigen um seine Entfernung zu
bitten, wobei 'bitten' nicht das exakt richtige Verbum war. Aber
er ging, das war die Hauptsache. Warum sollte er nicht? Er hatte
seine Ersparnisse, seine Haushälfte, das verzinste Startkapital
des Vaters sowie die ebenfalls angewachsene Erbschaft der Mutter,
diverse interessante Hobbys und mit einem Male soviel Zeit wie
man sich nur wünschen kann, sich all diesen schönen Dingen zu
widmen. Dazu eine Pension, die sich sehen lassen konnte, vor
allem wenn man bedachte, wie wenig er dafür tat, getan hatte.
Glück, was willst du mehr?
Der
kleine Bruder hatte andere Vorstellungen vom Glück, hatte mit
dem Geld der Mutter seine ersten zwei halben Lastwagen gekauft,
mit dem Geld des Vaters nochmal zwei halben und dann noch eine
halbe und noch eine und noch eine - tja, irgendwann reichte seine
Haus- und Grundstückhälfte nicht mehr, die überdies im
feinsten Wohngebiet lag. In dieser kritischen Phase, just als es
dem Jüngeren juristisch/nachbarschaftlich an den Kragen ging,
kreuzte der große Bruder auf, und was tat der?
Nichts.
Der
Bursche erwies sich als genauso borniert und rückständig wie
die lieben Nachbarn - und sowas hatte man als Radikaler von der
Uni gejagt? Ha, der Kerl besaß nicht einmal ein Auto, man stelle
sich vor...
Zu
guter Letzt hatte er, Alex, umziehen müssen, vielmehr: seine
Wagen waren umgezogen und er selbst zuckelte nach einiger Zeit
brav hinterher. Es war dem Unternehmer gelungen, im
Industriegebiet eine ausgediente Lagerhalle, einige Garagen und
viel Gelände zu ergattern - spottbillig! Recht nobel eigentlich,
einem unkooperativen Verwandten nach viel Ungemach das Feld zu
überlassen - und was hatte er dafür verlangt: etwa Geld oder
gar Dank? N-nein. Eine klitzekleine Unterschrift, mehr nicht.
Einen Tintenklacks, den er benötigte, um seine verflixte
Haushälfte zu verkaufen, eine Haushälfte, mit der er nichts
anzufangen wusste und nichts als Schwierigkeiten gehabt hatte und
deren Veräußerung ihm Luft verschafft hätte, da er sich
finanziell etwas - nicht der Rede wert! - verkalkuliert hatte.
Naja, und da war noch dieser kraftvolle Mercedes-Benz, den er
unbedingt haben musste, weil - nun, egal warum, jedenfalls war
der Wagen tipptopp und günstig zu haben, aber wie lange noch?!
So ein kleiner Namenszug war unter Brüdern nicht viel verlangt,
oder? Offenbar doch. Der ach so humane Professor zog es vor, eine
große Wohnung, ein ganzes Haus leerstehen zu lassen, während
Tausende und Abertausende von Obdachlosen verzweifelt auf der
Kuhweide zelteten. So einer was das, aha...
Zähneknirschend
erzählte Alex vom Blitzbesuch beim Bruder am Abend zuvor. Es war
ihm gelungen, dem alten einsamen Gelehrten die idealen Nachbarn
zu verschaffen: ruhig, kinder- und haustierlos und arbeitsam. Sie
hatten keinerlei Nachwuchsabsichten, waren umweltfreundlich (alle
drei Autos, das Motorrad und der Roller waren mit Katalysator
versehen), handwerklich begabt, ordnungsliebend und notfalls
willens, Wäsche und Einkäufe des gewiss ungelenken und
zerstreuten Professors zu besorgen. Mit Engelszungen hatte Alex
auf den Dickkopf eingeredet, genug Überzeugungskraft in seine
Worte gepackt, um die Titanic erneut zu versenken. Umsonst.
Adieu, schöne Träume, lebwohl, oh prachtvoller Mercedes-Benz,
möge dein künftiger Besitzer an deinen Abgasen ersticken!!...
Nein,
diese Unterredung hatte mit der üblichen Türknallerei geendet.
Der geplagte Mann stöhnte: Warum er, warum immer nur er?!
Seine
Sekretärin murmelte mitfühlende Vokale oder schüttelte den
Kopf, je nachdem. Kaum hatte er sich ausgejammert, wieselte sie
zu einem häßlichen Schrank, schloss auf und holte eine
Thermoskanne und einen dicken Becher hervor. Beim Einschenken sah
sie kurz hoch:
"Vermieten
Sie Ihre Haushälfte doch einfach. Dazu brauchen Sie keine
Unterschrift, oder?"
Alex
war zu niedergeschlagen, um sich wie üblich über die Dummheit
der Weiber im allgemeinen und seiner Sekretärin im besondere zu
mokieren und hob eine Schulter.
"Das
bisschen Miete, was soll ich damit: Scheibenwischer kaufen? Wie
Sie wissen oder wissen sollten, brauche ich eine größere Summe,
um die Firma zu expandieren und einige Schulden zu tilgen.
Dringend."
Dina
nickte verständnisvoll, taktvoll übergehend, dass der Boss seit
Jahren den Erlös des Hauses benötigte. Dringend.
"Und
um den Hausmeister zu spielen", fuhr Alex wegwerfend fort,
"fehlt es mir an Kleinkariertheit - Klotzen muss man, wenn
man etwas erreichen will, mein Kind."
"War
nur ein Gedanke...", nickte das Kind. "Ich dachte, nun,
wenn Ihr Bruder mit den neuen Nachbarn nicht klar käme und dann
um jeden Preis loswerden möchte..." Sie wandte sich mit
einem Achselzucken ab und fing an, den inzwischen leeren Becher
und die Kanne abzuspülen. Als ordentlicher Mensch schätzte sie
es nicht, Dinge herumliegen zu lassen, und wenn es für eine
Nacht wäre. Über die Schulter hinweg erkundigte sie sich im
Geschäftston: "Was ist mit dem eben eingegangenen
Frachtbrief? Soll ich ihn noch schnell fertig machen? Ist nämlich
gleich Zapfenstreich."
Keine
Antwort.
Sie
drehte sich um. Alex schien gedanklich weit weg, murmelte
halblaut vor sich hin und kratzte sich am Ohrläppchen, während
seine Sekretärin mechanisch alles in den Schrank räumte und
abschloß: man konnte nie wissen.
"Wie
wäre es mit Petra und Martin?" störte er sie bei ihren
bald-ist-Feierabend Vorbereitungen.
"Wie
bitte?" machte die Tüchtige ein törichtes Gesicht.
"Nun,
als Mieter natürlich", erinnerte er sie ungeduldig.
Sie
spitzte den Mund, während sie die Schreibtischplatte abwischte
und zur Waschecke schritt, um den Lappen auszuspülen und an den
Haken neben dem Spiegel aufzuhängen.
Alex
verfolgte jede Bewegung, wagte aber nicht sie zu drängen.
"Ordinär
genug wären sie", lautete endlich ihr Urteil, "aber zu
nett. Ihr Bruder ist netten Leuten gegenüber wehrlos."
"Stimmt.
Sie sind mit uns verwandt, ich vergaß."
"Nur
ganz entfernt!" protestierte sie. "Angeheiratet
sozusagen."
Ihr
Chef war von der Möglichkeit, doch noch zu seinem Geld zu kommen
und obendrein dem Sturkopp eins auszuwischen zu gefesselt, um das
wenig Schmeichelhafte ihrer Verwandtschaftsverleugnung zu
bemerken. "Machen Sie doch einen Vorschlag, Sie
Schlaumeier!" forderte er gereizt. "Etwas Anständiges
müssen Sie doch leisten, Ihr fürstliches Gehalt zu verdienen."
Sie
brachte ein papierdünnes Lächeln zustande. "Eine bloße
Angestellte ist für derlei Denktätigkeiten zu kleinkariert. Im
übrigen bin ich seit" - sie warf einen Blick auf die Uhr -
"sechseinhalb Minuten Privatperson. Guten Abend, Herr
Münch."
"Hab
dich nicht so", duzte er sie unwillkürlich wie in
vergangenen Tagen, als sie noch nicht bei ihm angestellt war.
Lässig schob er sich zwischen Dina und der Tür, ein gewinnendes
Lächeln auf den Lippen.
Die
Sekretärin verzog das Gesicht. "Schön, überlegen wir
also: Was kann der Prof nicht ab, welche Abneigungen und
Aversionen hat er...", murmelte sie. "Er mag keine
Frauen..."
"Nicht?!"
plärrte Alex, Entsetzen im Gesicht. "Mir neu..."
"Soll
ich mein fürstliches Gehalt nun heute verdienen oder erst
Ostern?" rügte sie.
"Oh.
Bitte bitte. Fahren Sie fort."
Sie
schloss die Augen, wie um seinen Bruder vor ihrem inneren Auge zu
sehen. "Also - er mag keine Frauen... keinen Lärm...“,
zählte sie auf. "Außerdem mag er keine Autos und hasst es,
bei der Arbeit gestört zu werden... Hm, wie wäre es mit..."
Sie brach ab, die Augen aufreißend. "Oh je, wenn ich die
vorschlage, reißen Sie mir den Kopf ab!"
"Nun,
sagen Sie schon!"
Statt
einer Antwort bewegte sie sich resolut zur Tür, war aber nicht
schnell genug - wie eins seiner Brummis hatte Alex sie überholt
und stand vor ihr, die Arme ausgebreitet.
"Pfft",
machte Dina, und begab sich gottergeben zu ihrem altmodischen
Drehstuhl. "Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!
Ich kenne jemanden, der in Frage käme: Eine weibliche Person,
sehr temperamentvoll, hat ein Kind im schlimmsten Flegelalter,
eine geschwätzige Schwiegermutter, ein uraltes Auto und zwei
Hunde, groß wie Shetlandponys..."
"Wer?!!"
"Das
rothaarige Weib", bekannte sie zaghaft. "Antonia
Schikorra, neueste Erwerbung der Spedition Münch,
Geschicklichkeitsfahrer und..."
"Gottchen",
hauchte er, sich nach einer Sitzgelegenheit umschauend.
Bereitwillig
machte sie ihm Platz. "Sie fährt für ihr Leben gern, und
ihre Hunde bellen, unter anderem..." Sie hielt inne, um dann
bedeutungsschwer hinzuzufügen: "Wauwau, woefwoef! Buddel,
buddel, scharr, scharr...!"
Alex
hob reflexartig einen Zeigefinger, der auf halbem Weg zur Stirn
innehielt, während ein Aha-Leuchten über seine Gesichtszüge
ging: Natürlich! warum war er nicht selbst darauf gekommen?
Dieser vertrottelte Naturmensch war ja total närrisch mit seinem
Grünzeug, ließ alles kreuz und quer wuchern und sagte "Garten"
dazu. Als Alex noch in seiner Haushälfte gewohnt hatte, war er
mehr als einmal Zeuge von Freudentänzen gewesen, die der alte
Narr beim Aufblühen gewisser exotischen Pflanzen hingelegt
hatte. Nun, bereits als Kind hatte der Kauz seltsame Dinge
angestellt...
"Setzen
Sie sofort einen Mietvertrag auf!" jodelte der Geschäftsmann
beinahe und legte die Strecke zur Tür mit einigen Schritte
zurück, die er vor Jahren Patrick Swayze abgeguckt hatte. "Aber
wenn etwas kaputt gehen sollte - ich will nichts davon hören,
verstanden? Verstopfte Abflussrohre, leckes Dach - sie soll es
gefälligst selber flicken, klar? Schreib das klar und deutlich
mit rein!"
"Gleich",
meinte Dina gelassen. "Sobald ich den Frachtbrief..."
"Zum
Teufel mit dem ollen Frachtbrief!" dröhnte er gutgelaunt.
"Sehen Sie zu, dass das famose Weib gestern noch
unterschreibt und mitsamt Anhang einzieht. Mit großzügigen
Kündigungsmöglichkeiten meinerseits, versteht sich - Sie wissen
schon." Den Türgriff bereits in der Hand, drehte er sich
noch einmal um und wiederholte ausdrucksvoll: "Heute noch!"
Dina
zählte langsam bis zehn, bevor sie sich ans Fenster begab, auf
die hohe Gestalt des Chefs wartend. Ihre Lippen kräuselten sich,
als er im weißen Cabriolet verschwand, der wie immer direkt vor
dem Eingang stand. Mit einer Jennifer-Grey-Parodie tänzelte sie
zu ihrem Schreibtisch zurück, wartete aber noch etwas. Erst als
sie den Motor hell aufheulend durchs Tor rasen hörte, hob sie
den Hörer und wählte ihre eigene Nummer.
"Toni?
Es hat geklappt, gleich komme ich mit dem Mietvertrag, ja? Stell
schon mal eine Flasche Sekt kalt..."
II.
beauty and the beast
Dreiundzwanzig
lange Minuten hing die Truckerin wie angeseilt hinter einem
knallroten Volkswagen mit verbeulten Kotflügeln und
Baby-an-Bord-Schild: noch so'n Würstchen, das die Straßen zum
Abbau von Minderwertigkeitskomplexen benötigt, ätzend. Vor sich
keine Sau, hinter sich weit und breit kein Schwein, doch sie war
wegen einer bürokratischen Kleinigkeit namens Überholverbot
dazu verdammt, die Abgase einer unkatalysierten Blechschachtel zu
inhalieren. Eisern ließ sie den Finger von der Hupe, den
Gefallen würde sie dem Würstchen nicht tun, oh nein. Der
Überholverbot galt nur Lastwagen, dabei waren einige technisch
besser ausgestattet und auf jeden Fall mit fähigeren Fahrern
bestückt als - verdammt, nun blinkte der Frechdachs gar, Schluss
mit lustig! Das Lenkrad nach links reißend, beschleunigte Toni,
um kurz darauf abzubremsen, denn der Lümmel hatte ebenfalls
einen Zahn zugelegt und zog nun voller Triumph aufheulend davon,
als habe er jahrelang just for this moment trainiert: David
schlägt Goliath, üüüäääh!
Vor
sich hin schimpfend und doch kichernd lenkte die Rothaarige den
Wagen auf die rechte Spur zurück und drehte das Radio lauter,
normalerweise ein unfehlbares Mittel gegen aufkommende schlechte
Laune.
"...fünf
Jahre Umweltpolitik haben nicht etwa wie versprochen weniger
Stickoxide gebracht", verkündete eine männliche Stimme
gewichtig.
Toni
stöhnte: solche Töne bekam sie daheim genug zu hören, wie wäre
es mit Musik, Kumpel?
"...statt
dessen hat man ganze 7 % mehr nachgemessen. Aa-bär sicherlich
ist das Ergebnis sogar positiv zu bewerten", fuhr der Kumpel
ungerührt fort, eine Kunstpause einflechtend, als zitiere er
Hamlet. "Gewiss werden die Herren Politiker nun fromm
einwenden, ohne ihren Einsatz wäre es mindestens um die Hälfte
mehr geworden, wären ganze Gebiete unter einer Smogglocke
verschwunden wie in gewissen Nachbarländern, wo ... - Kwiiit",
fiel das Radio sich selbst ins Wort. "Wir unterbrechen unser
Programm mit einer aktuellen Verkehrsmeldung: Auf der Autobahn
E45 Richtung Hamburg hat es einen schweren Unfall gegeben,
inzwischen gibt es einen Stau von circa zwei Kilometer Länge.
Autofahrer, die in..."
Nein!
schimpfte Toni erneut los, wenn auch lautlos, um die Empfehlungen
nicht zu verpassen. Für sie bedeutete dies ein Umweg von
dreiviertel Stunde. Mindestens.
Die
Rothaarige bog in die nächste Ausfahrt; das Radio hatte sie
leiser gedreht, um nicht schon wieder die Nachrichten hören zu
müssen.
Es
war kurz nach Mitternacht. Geisterstunde. Was hat es für einen
Sinn, sann sie träge vor sich hin, ein Gähnen unterdrückend,
so gegen die Uhr zu fahren? Es ist so spät, kein Hahn kräht
danach, ob Fernfahrer Schikorra in Andorra zeltet oder zu Hause
schläft... Nun? Der Sinn liegt darin, liebe Antonia, säuselte
eine bekannte helle Stimme in ihrem Hinterkopf, dass du es dir
erstens vorgenommen hast und zweitens am liebsten im eigenen
Bette aufwachst. Abgesehen davon, dass Pünktlichkeit und
Ausgeschlafensein für einen Trucker, mischte sich ein Baß ein,
einen echten Trucker, so unvereinbar sind wie... Toni schmiss die
elterlichen Stimmen über Bord, um sich besser konzentrieren zu
können: wie Marzipan und Ketchup. Bäääh! streckte sie ihrem
dunklen Spiegelbild in der Frontscheibe vor sich eine vor Kaffee
nahezu schwarze Zunge heraus. Das können wir besser, Mädel!
Ihre etwas zu kleine Nase krümmte sich nach unten beim Einsaugen
ihrer Oberlippe: wie Fantomas und Peter Alexander, wie...
Als
sie nicht länger widerstehen konnte und zur Uhr schielte,
griente sie. Fast zweiundvierzig Minuten hatte sie mit dem
sinnlosen Ausdenken absurder Vergleiche herumgekriegt, ein neuer
Rekord. Müßig erwog sie die Möglichkeit einer Teilnahme an den
Olympischen Spielen, kicherte und schalt sich gleichzeitig
albern, während der Lastwagen in elegantem Bogen in die
heimische Einfahrt rauschte.
"Spedition
MÜNCH", las sie immer noch freudig und dankbar, darunter
kleiner: "Schonen Sie Ihr Eigentum, Ihre Nerven und die
Umwelt - fahren Sie MÜNCH!" - diesmal quittegelb auf grünem
Hintergrund. Wenn der Chef seinen Namen nicht an jede Mauer,
jedes Bäumchen malen dürfte, bit-te, aber keiner konnte ihn
daran hindern, die erlaubten Schilder in immer neuen Farben
leuchten zu lassen, damit sich ja niemand daran gewöhnen konnte.
Sie parkte, schloss ab, warf den braunen Umschlag mit Unterlagen
und Wagenschlüssel in den größeren Briefkasten und strebte mit
langen Schritten auf ihr eigenes Auto zu. Auto? Eher Kinderwagen.
Keines dieser flotten Dinger mit Fell, elektronischem Schiebedach
und und und, nein, ein Autochen, in dem jeder halbwegs normal
gebaute Mensch, der mitwollte, sich die Beine quasi hinter die
Ohren klemmen musste, um dem Fahrer das Lenken nicht unmöglich
zu machen. Toni hatte das Dingelchen vor sechzehn Jahren gekauft
und hing daran, wie sie mit der Zeit an allem hing was
irgendwelche Macken hatte; reibungslos funktionierende Sachen,
Tiere oder Menschen langweilten sie. Wie winzig, wie
spielzeughaft klein ihr Wagen sich nach dem dicken Brummi
ausmachte. Wie eine Nadel neben der Freiheitsstatue, wie...
Manno! stöhnte sie in komischer Verzweiflung. Das Blöde war,
die albernen Spielereien verfolgten sie nach einer längeren Tour
regelrecht - mitunter bis in den Schlaf. Nichts Schlimmes
eigentlich, nur - lästig. Zumal es sich als immer kniffliger
erwies, neue Begriffe zu finden, je länger man dabei war: wie...
wie...
Den
Heimweg schaffte sie in vier einigermaßen brauchbaren
Vergleichen, beim fünften sank sie auf ihr Bett und war
augenblicklich eingeschlafen. Ein guter Fahrer, so ein Sprüchlein
ihres Vaters, kann zu jeder Zeit, in jeder Lage und überall
einschlafen. Sofort.
...in
hotpants schlittenfahren macht spaß - antonia, ziehe auf der
Stelle etwas vernünftiges an, doch eine lange schlange rotblauer
käfer versperrte ihr den weg, und die hunde bellten wie verrückt
- ruhe, tom, kusch, jerry…
Sie
gähnte, schlaftrunken die Treppe runterschlurfend, und öffnete
die Hintertür. Erst als Tom, der sich für Herumtollerei und
andere Albernheiten zu gereift dünkte und entsprechend lange
Krallen hatte, ihr auf den nackten Fuß trat, ging Toni auf, dass
nicht nur ihr Traum sie, sondern sie irgendwie auch ihr Bett
verlassen hatte. Ein nachträgliches "Autsch!" von sich
gebend, riss sie die Augen auf und ließ einige weniger harmlose
Vokale folgen. Prompt raunzte ihr Hinterkopf sie an: Eine
schlechte Angewohnheit ist das Fluchen, Antonia, das musst du von
deinem Vater haben… Toni ignorierte die Stimme und schritt
hinaus in die Kälte.
Dieser
Nachbar! Kein Wunder, dass die Hunde sich so aufspielten, bei dem
Lärm. Hörte sich an wie... wie zwei amerikanische Footballteams
beim Aufwärmen in einem Restaurant. Oder wie... wie...
Energisch
schaltete sie ihre Spinnereien aus und dafür einen schnelleren
Gang ein, quer durch den Garten zur anderen Haushälfte
sprintend. Auf ihr Klingeln wurde es schlagartig ruhig, und dann
- nichts. Ja, glaubte dieser seltsame Patron etwa, sie würde nun
brav heimwärts dackeln, als wäre nichts gewesen? Nicht mit mir,
mein Süßer! Spontan drückte sie den Türgriff herunter und
erschrak nicht wenig, als die Tür nachgab: auweia,
Hausfriedensbruch! Einen Moment auf der Schwelle verharrend,
lauschte sie: nichts! - bevor sie kühn eintrat.
Es
war stockfinster, der Lichtschalter befand sich jedoch wie in
ihrer Haushälfte links direkt neben der Haustür. Nachdem sich
ihre Augen angepasst hatten, musste sie nicht nur wegen der
Beleuchtung zwinkern: bei ihr war auch nicht immer alles
picobello, aber dies...
Kein
Sessel, nicht ein Buch oder Blatt schien an seinem Platz, alles
hing, lag, stand verkehrt herum wie von der dritten Etage
heruntergeworfen, wie... wie Mikadostäbchen... wie... - Hör auf
mit dem Unfug! Antonia, mäßige dich! Achtung, Mädel! riefen
die Hinterkopfstimmen misstönend durcheinander, jählings
verstummend, als Tonis Blick auf ein halbbekleidetes - oder heißt
es halbnacktes? - Wesen fiel, das auf allen Vieren zwischen den
verstreuten Gegenständen umherkroch. Toni gluckste. Der Krabbler
musste sie gehört haben, ließ sich aber nicht stören. Offenbar
ein Hippie, das Haar schien das gesamte Gesicht zu bedecken, sich
hierhin und dorthin sträubend wie eine Wiese, wie ein
Unkrautfeld nach einem Platzregen, wie... Unversehens drehte das
Unkrautfeld sich um, Tonis naturkundliche Betrachtungen
abwürgend, denn über einer der buschigen Brauen leuchtete eine
tiefrote, leicht tropfende Sichel.
"Was
machen Sie da?" entfuhr es ihr.
"Ich
wohne hier", kam es trocken. "Und Sie?"
Sie
ließ sich nicht provozieren, zählte bis zwei und schnappte:
"Ihre verruchte Party besichtigen. Hatte nichts Besseres zu
tun und dachte: kiek mol rin auf'n Bierchen."
"Aha",
kommentierte er höflich. "Und das ist Ihr üblicher
Party-Outfit?"
Toni
sah an sich herunter. Sie trug das lange und sehr bunte Oberteil
eines japanischen Pyjamas - sonst nichts. Dann hob sie den Blick
und schluckte. Sacht, ganz sachte stahl sich ein Lächeln in ihre
Augen, um den Mund, breitete sich nach außen aus und hatte bald
das ganze Gesicht erfasst.
Unwillkürlich
entspannte ihr Nachbar sich und spitzte die Lippen.
"Wo
ist Ihr Badezimmer?" wollte sie übergangslos wissen.
"Zweite
Tür, links", gab er bereitwillig Auskunft.
Als
Toni zurückkehrte, hatte er seine Herumkriecherei wieder
aufgenommen. "Was, zum Teufel, suchen Sie da?"
formulierte sie ihre Eingangsfrage neu.
Er
starrte hoch, überwältigt von ihrem Anblick: breitbeinig stand
sie da, eine Hand in die Hüfte gestemmt, in der anderen seinen
Verbandskasten. Mit der freien Hand hievte sie einen Sessel auf
die Beine, dazu eine einladende Geste machend, als sei sie hier
zu Hause:
"Setzen
Sie sich."
"Ich
kann ohne Brille nichts sehen", wandte er wenig sinnreich
ein, nahm aber angesichts ihrer unerbittlichen Haltung Platz.
Ein
guter Trucker kann selbst im Schlaf Erste Hilfe leisten, sofern
er etwas taugt, hatte Tonis Vater stets versichert. Nun, sah die
Truckerin selbstironisch an sich herunter, zwar schlief sie nicht
direkt, aber die Backgroundmusik stimmte.
"Tz
tz", machte sie, als ihr Nachbar unter ihren Händen
aufstöhnte. "Ein Indianer kennt keinen Schmerz."
"Meine
Eltern waren so ziemlich deutsch" murmelte der Gescholtene
kaum hörbar. "Nur Heino kann das toppen."
"Widerrede
auch noch", wunderte sie sich. "Mit Ihnen hat man
nichts als Ärger."
"Wer
ungeladen auf fremden Partys erscheint hat seine Bürgerrechte
verwirkt und darf sich nicht mal wundern", konterte er
ungerührt. "Wer sind Sie überhaupt?"
Toni
klebte dem Frechdachs ein enormes Pflaster übers Auge. "Ihre
neue Nachbarin." Sie schleuderte ihm einen grünen
Laserblick zu und räusperte sich. "Sie wissen schon: das
rothaarige Weib mit Pubertätskind und zwei Ponys."
"Sorry,
ich kann ohne Brille wenig erkennen", übertrieb er, um sie
wegen ihrer mangelhaften Bekleidung nicht in Verlegenheit
bringen, "und sah nur ein östlich geprägtes Pyjamaoberteil
mit rotem Mop oben und unten zwei..." Er stockte, wie eine
misstrauische Eule zu ihr hinäugend: "Sagten Sie eben
Ponys?"
"Und
wenn?" hielt sie dagegen und fing ohne Antwort abzuwarten
an, den Zimmerinhalt zu sortieren. Ein derartiges Durcheinander
hatte sie lange nicht mehr erlebt, seit... hm, richtig, seit dem
Sturm vor über fünfundzwanzig Jahren in der Nähe von Sydney,
als ganze Bäume und Häuser vorbeigeflogen waren wie
eben-auf'm-Kaffee. In dem Jahr hatte ihr Vater sie zum ersten Mal
richtig ans Steuer seines alten Trucks gelassen - sein Teil des
Paktes; Tonis Teil hatte darin bestanden, das Internat über sich
ergehen zu lassen, während Tonis Mutter zu den sommerlichen
Eskapaden von Vater und Tochter zu schweigen hatte...
"Sitzengeblieben!"
brüllte sie kernig, so oft er Anstalten machte sich zu erheben.
Erst als alle Möbel richtig herum standen, fand sie seine
Brille. Ein Triumphgeheul ausstoßend, stürzte sie zu dem
zurückweichenden Mann, ihm behutsam das Gestell auf die Nase
setzend. Die linke Seite war ohne Glas, die rechte hatte einen
doppelten Sprung, doch er strahlte wie über den Nobelpreis.
"Großartig, fühle mich wie neugeboren. Wenn Sie wüssten,
wie ein Halbblinder sich ohne Brille fühlt, wie ein Fisch ohne
Wasser... wie..."
"Fangen
Sie nicht auch mit dem Blödsinn an!" schnauzte seine bis
dahin verträgliche Nachbarin.
Denn
nicht! gekränkt tat er, als würde es die launische, durch seine
Brille verdreifachte Person nicht geben, die mit lockerer Hand
seine Bücher einräumte: Schiller neben Darwin, Marx auf
Volkslieder aus Litauen...
"Ich
hoffe", hatte sie ihren Ausfall offenbar schon vergessen,
"die Wüteriche haben wenigstens umsonst gesucht, oder heißt
es vergeblich?"
Verständnislos
schielte er zu den drei rothaarigen Frauen hin, die mit einer
umfassenden Geste auf die wiederhergestellte Ordnung deuteten und
ebenso synchron das Zimmer verließen, um mit drei Staubsaugern
bewaffnet erneut in Aktion zu treten - in wenigen Minuten das
schaffend, wozu er einige Stunden gebraucht hätte.
"Sitzengeblieben!"
schmetterte sie, sobald er sich rührte. Das schien ihr soviel
Spaß zu machen, dass er ihr zu Gefallen öfters tat, als würde
er - jetzt aber! - doch noch aufstehen. Endlich zufrieden, räumte
sie das Putzzeug fort und erkundigte sich nach dem Standort
seines Bettes.
Seine
Nasenflügel bebten. "Sie!" hielt er ihr einen
moralischen Finger entgegen. "Nach so kurzer
Bekanntschaft..."
Sie
spielte mit, wundervoll indignierte Augen zur Zimmerdecke
rollend, auf dass diese sich auftue, den Schmutzfink zu
verschlingen. Doch dann wurde sie energisch und half ihm in sein
Bett, angenehme Träume wünschend.
"Nein",
murmelte er halb im Schlaf, eine verspätete Reaktion auf das
Überstandene. Und, als ihr Gesicht sich zu einem Fragezeichen
verzog: "Die Wüteriche haben nicht gefunden, was sie
suchten." Er räusperte sich und setzte fast schüchtern
hinzu: "Danke."
"Das
ist fein", war ihre Entgegnung, bevor sie endgültig aus
seinem Blickfeld verschwand.
Geraume
Zeit lag er nur da und genoss seine warme, weiche Lage, träge
überlegend, ob ihr letzter Satz der Erfolglosigkeit der
Wüteriche oder seinem etwas aufgesetzten Dank gegolten hatte.
Ihre Hilfe war so selbstverständlich und ohne Getue erfolgt,
beinahe hatte er es vergessen, doch seine gute Kinderstube hatte
den Sieg davongetragen - hatte sie ihn deswegen gelobt? Er
gähnte. Und wenn schon, für solch psychologische Finessen gab
es geeigneteren Zeitpunkte, oder? Eben...
Er
schreckte hoch, als ihm einfiel, dass die Haustür nicht
abgeschlossen war, eine Einladung an sämtliche Wüteriche. Er
sollte aufstehen, aber ja, gleich. Ach was, noch mal kamen die
gewiss nicht. Obwohl... man konnte nie... wissen... er...
sollte... wirklich...
III.
männer
Der
nächste Tag brachte dröhnende Kopfschmerzen, ein lila-blau
schillerndes Auge und im Mund einen Geschmack nach verbrannten
Haaren. Dennoch wagte die Sonne es, komplett nackt durchs Fenster
zu strahlen - das erste Mal seit Wochen, ausgerechnet, er hätte
so schön im Garten herumsuhlen können, zum Speien! Hinzukam,
dass seine Lebensmittelbestände selbst Mäuse abgeschreckt
hätten: Marmelade, Marmelade, Marmelade. Seine Hände zitterten
leicht beim Aufsetzen einer alten Schmetterlingsbrille, die seit
seinem Einzug in einem Karton auf dem Boden gelagert hatte; und
er spürte sich deutlich erbleichen beim Anblick des bröckelnden
Putzes, wo sich Telefon und Wand für gewöhnlich die Hand gaben.
Damit war es unumgänglich geworden, das lästige Einkaufen.
Jessas. Ein Blick in den Spiegel überzeugte ihn, dass die Brille
immerhin den Vorteil hatte, sein buntes Auge zu verdecken. Nicht
dass er eitel wäre, aber wenn er exhibitionistische Ambitionen
gehabt hätte, wäre er Stripper geworden. Pfft. Hinter dem
misshandelten Auge dröhnten Buschtrommeln der Größe XXL, als
er über einen riesigen Hund stolperte, der es vor seiner Haustür
bequem gemacht hatte, beinahe wäre er hingefallen. Das Tier war
offenbar nicht mehr taufrisch, ein riesiger Schäferhund mit
stolzem und doch irgendwie gutmütigen Blick.
“Na,
alter Knabe, was machst denn du hier? Solltest dein Riechorgan
mal wieder putzen, bei mir ist nämlich nichts zu holen.”
Beim
genaueren Hinsehen entdeckte er die Leine zwischen Halsband des
Hundes und seinem Türgriff - erst dann sah er den Zettel.
“Werter
Nachbar und Nachtschwärmer!” stand da in schmissiger Schrift.
“Hab gewusst, Sie finden nicht wieder hoch, aber leider keinen
Schlüssel sichten können. Binden Sie den Hund (er heißt Tom)
los, sobald Ihre abartige Orgie zu Ende ist. Damit es keine
Missverständnisse gibt, vor allem wegen Ihrer kaputten Brille:
dieses Tier ist eines meiner Ponys, bitte nicht reiten. TS“
Gegen
seinen Willen zuckten seine Lippen, und das Trommeln setzte
wieder ein: phänomenal, sämtliche Gesichtsstränge schienen
eine direkte Leitung zu dem tiefblauen Fleck in seinem Gehirn zu
haben...
Obwohl
der Hund jede seiner Bewegungen verfolgte als sei der Professor
einem Irrenhaus entsprungen, band der ihn los, dem tierischen
Bodyguard einen Abschiedsklaps gebend, bevor er die Tür schloss
und sich auf den Weg machte, vorsichtig einen Fuß vor den
anderen setzend. Als er sich am Zaun umdrehte, starrte das Tier
immer noch verwundert hinter ihm her.
“Noch
nie 'nen Intellektuellen gesehen?!” ließ er sich hinreißen.
Majestätisch
hob der Vierbeiner den Kopf und wandte sich, der Intellektuelle
hätte es schwören mögen: peinlich berührt ob soviel
Lebensunart ab. Der Zweibeiner zog den Kopf ein, sich aus dem
Zensurbereich Toms entfernend.
Das
Tier erinnerte ihn irgendwie an Tantchen - ein Glück, dass die
nicht mehr bei ihm wohnte, hätte leicht ins Auge gehen können.
Solcherart an das eigene Sehorgan erinnert, spitzten sich seine
Lippen wie von alleine, und er gab einen kläglichen Laut von
sich: blöder Tag. Als die Überfälle angefangen hatten, war er
wegen seiner Tante in Sorge gewesen, die alte Dame war zu
temperamentvoll. Sein Rezept gegen verrückt gewordene Rowdys war
simpel: Brille abnehmen und beten. Es half zwar nicht,
verhinderte dafür seiner Meinung nach Schlimmeres. Und gerade
eine solch vernunftbezogene Einstellung ging seiner Tante ab,
ihre Devise lautete: lieber ganz tot als halb lebendig. Nun gut,
die Menschen waren verschieden, das konnte er akzeptieren und tat
es auch. Doch wenn eine alte Dame seinetwegen zu Schaden kam,
ging ihm das sehr wohl etwas an. So. Also hatte er die liebe alte
Dame aus seinem Haus vergrault, eine Vorgehensweise, die ihm
ebensowenig lag wie Schlägereien, wenn nicht weniger. Sein
Harmoniebedürfnis war sozusagen über dessen eigene Leiche
gegangen...
Nun,
ein Problem weniger. Tantchen war in ihr altes Haus in der
Kaiserstraße gezogen, auch 'Museum' genannt, und hatte Alex
überreden können, zu ihr zu ziehen, nachdem Dina abgewinkt
hatte. Warum eigentlich? Immerhin war Dina die Tochter vom
jüngsten
Bruder
Tantchens, somit eine Blutsverwandte und - soweit er informiert
war: die einzige obendrein. Mit Alex und ihm selbst verband die
alte Frau nur eine indirekte Verwandtschaft, die niemand zu
durchschauen vermochte. Sicher war nur, dass sein Vater sich
lange im Hause Haussen, im Museum, aufgehalten hatte. Von dort
hatte er sein Studium angefangen und auch beendet, woraufhin der
alte Haussen, Tantchens Vater, dem Junganwalt eine Praxis
eingerichtet hatte. Vielleicht hatte Tantchen die Tradition
weiterführen wollen, indem sie den eingefleischten Junggesellen
bei sich aufnahm? Nun, ihm sollte es gleich sein, er hoffte nur,
Alex betrieb keine Erbschleicherei oder dergleichen. Er traute es
dem Bruder zwar nicht zu, dazu liebte der seine Unabhängigkeit
zu sehr, aber - zuviel Unternehmertum verdirbt bekanntlich den
Charakter. Tja, wusste man es, am Ende hatte Tantchens
Menschlichkeit einen läuternden Einfluss auf den Hallodri? Das
war zuviel, vergeblich gab der Professor seinen Lachmuskeln den
Befehl, entspannt zu bleiben - und stöhnte.
Als
Junglehrer - Äonen her! - hatte er stundenlang vorm Spiegel
geübt, um sich das Lächeln abzugewöhnen. Er fand sich
grauenvoll jung und unreif mit den nicht zu bändigenden Haaren
und dem großen Mund, und selbst wenn er nur ein ganz klein wenig
lächelte, teilte sich sein Gesicht für gewöhnlich in zwei
Hälften, ihn das spaßige Aussehen eines Kobolds verleihend.
Katastrophal, wenn man vor einer Horde Halbwüchsigen bestehen
musste – ein Mindestmaß an Respekt war lebensnotwendig.
Anstatt also wie ein Vollidiot von einem Ohr zum anderen zu
grinsen, schürzten, spitzten sich seine Lippen vor lauter
Anstrengung es nicht zu tun, und er sah ungemein nachdenklich und
intelligent und erwachsen aus. Dachte er. In jeder Hand eine
prall gefüllte Tasche aus Baumwolle, machte der Professor sich
schwitzend auf den Heimweg. Zerstreut wie er manchmal war, hatte
er eines guten Tages versehentlich eine Plastiktüte erwischt,
die ihm eine Verkäuferin in die Hand gedrückt hatte, und war
damit spazieren gegangen. Die erstaunten bis erbosten Blicke,
durch die er hatte Spießrutenlaufen müssen, hatten ihn gelehrt,
dass man als Öko-Eigentum der Öffentlichkeit sich solche
Schnitzer nicht leisten konnte...
Sein
Magen erinnerte ihn mit gewohnter Heftigkeit daran, dass er ihn
ewig nicht gefüttert hatte, und doch verlangsamten sich seine
Schritte, als er an einem Blumenladen vorbeikam. Der leichte
Spott seiner zupackenden Nachbarin bevor sie verschwand, als
würde sie Punkte wegen guten Betragens verteilen, ging ihm nicht
aus dem Kopf. Schlimmer: sie hatte Recht. Ehe der Gelehrte sich
versah, hatte er das Geschäft betreten, selbst erstaunt über
die eigene Courage...
Er
hatte sich gegen neue Nachbarn gewehrt, fand es verantwortungslos
von seinem Bruder, anderen ein Leben zuzumuten, vor dem er selbst
geflohen war. Denn anfangs war Alex entschlossen gewesen, sich
von niemand und nichts vertreiben zu lassen, weder von spießigen
Nachbarn noch von einem rückständigen Bruder. Nun, nach dem
ersten Überfall hatte er es sich anders überlegt. Die geschonte
Version, wonach ein Spediteur zu seinen Wagen gehört, hatte dem
Älteren ein Schnauben entlockt, lag doch Tantchens Museum
genauso weit von Firma und Wagen entfernt wie das Haus am
Saltener Platz – wenn nicht weiter. Ob Alex die neuen Nachbarn
über die gelegentliche Überfälle aufgeklärt hatte?
Unwahrscheinlich...
Erschrocken
starrte er die Blondine in grünem Kittel an, die sich nach
seinen Wünschen erkundigt hatte. Ja, welche Blumen sollte er
nehmen? Er war in der verschwommenen Vorstellung hier
eingetreten, nur mal mit dem Finger auf einen Strauß zeigen zu
müssen, um dann unverrichteterdinge mit seiner Beute
verschwinden zu können – warum ging das nicht? Rosen? Um
Gotteswillen, war er auf Freiersfüßen, was dachte das Kind von
ihm?
Gute
Verkäufer zeichnen sich durch Geduld aus: wozu der Herr den
Strauß benötige, silberne Hochzeit, Konfirmation der Enkelin?
rasselte sie munter runter. Auch dies schien dem schwierigen
Kunden nicht recht: sah er bereits derart klapprig und bieder
aus?
„Für
eine ältere Person?“ forschte sie beharrlich weiter, seine
gekränkten Dackelaugen dank der Schmetterlingsbrille
nichtbemerkend: Mann, Frau...?
Irritiert
bestellte der Gelehrte schließlich den Wiesenstrauß, der auf
einem Schild angepriesen wurde. Hörte sich gut an, oder? Und ob
sie etwas Heu dazutun könne? setzte er impulsiv hinzu, stolz auf
seinen Einfall. Heu...? sah ihn die Verkäuferin sonderbar von
der Seite an. Was nun – war er wieder in irgendein Fettnäpfchen
getreten, schickte sich Heu für einen Umweltprofessor
ebensowenig wie Plastiktüten?! Gleichzeitig fiel ihm ein, dass
er im eigenen Garten Unmengen von Blumen hatte, warum war ihm das
nicht früher eingefallen? Wie um diesen Moment toller
Frustgefühle perfekt zu machen, bemerkte der Professor eine
grinsende Fregatte, deren breite Gestalt und speckig glänzendes
Gesicht ihm bekannt vorkamen und nun wuchtig auf sie zudampfte.
Woher...? Natürlich! klatschte er sich innerlich an die Stirn,
nach einem Schlupfloch spähend, während sein Gedächtnis auf
Touren kam. Die Dame war ihm als Inhaberin eines 'grünen'
Blumenladen vorgestellt worden, und zwar auf... auf... auf einer
Wohltätigkeitsveranstaltung vor, triumphierte er, vor haargenau
zwei oder vier Jahren. Vielleicht auch sechs. Wie viele
vergessliche Leute konnte er sich wie ein Kind freuen, wenn er
glaubte sich auf etwas besinnen zu können: sooo schlecht war
sein Gedächtnis nicht, also bitte! Die ungewohnte Geselligkeit
hatte er Tantchen zu verdanken, die ihn einfach beim Kragen
gepackt und mitgeschleppt hatte wie so oft. 'Allzuviel
Stubenhockerei'
so einer ihrer Sprüche, 'würge die Lebendigkeit'.
Wirklich?
giftete der Professor nun, eine Welle Herzlichkeit nach der
anderen über sich ergehen lassend, dann musste der Steiß seines
Gegenüber recht spitz sein: lebendiger ging es nimmer. Sie hatte
ihn sofort erkannt, ihn wie einen vermissten Erbonkel schon von
weitem mit offenen Armen umarmend. Heu? machte sie den gleichen
O-Mund wie zuvor ihre Angestellte, ohne ihm ein Strählchen ihrer
Herzenswärme zu entziehen. Täte es Stroh viel-leicht auch, ein
paar diskret untergebrachte Halme e-ven-tu-ell – wäre dies dem
Herrn Professor recht? Man könne na-tür-lich,
selbst-ver-ständ-lich auch ein wenig Heu auftreiben, wenn der
Herr Professor es nicht eilig...
Doch!
der hatte. Sehr sogar, im wahrsten Sinne des Wortes die
angebotenen Strohhalmen ergreifend. Strahlend und nickend brauste
das Schlachtschiff in Zickzack-Kurs durch den Laden, um den
Strauß zusammenzustellen, mit ihren eigenen Händen,
per-sön-lich, nur noch ein kurzes Mo-ment-chen...
Doch
irgendwann war selbst bei ihm der Geduldsfaden zu Ende. Den Mund
zu einem zähnefletschenden Grinsen verziehend, erkundigte er
sich säuselnd, ob nicht sie selbst den Strauß hinbringen
könnte, am besten so-fort und höchst per-sön-lich? Viel-leicht
sogar zu Fuß, es dauerte gewiss nur ein Mo-ment-chen...
Nun,
ab und zu muss jeder sich mal blamieren. Mit einem letzten Rest
guter Haltung rettete der Prof sich über die Schwelle in die
Freiheit. Ufff. Beim Gedanken an den Klatsch, der sofort die
Saltener Runde machen würde, spitzte er leichtsinnig die Lippen.
Prompt fing das Wummern in seinem Kopf wieder an: Mensch, im
Laden hatte er seinen Brummschädel so schön vergessen! Nun,
wenigstens waren seine Nachbarn durch ihre Pseudo-Ponies nicht so
exponiert, obwohl – früher oder später musste er etwas
dagegen tun, das war ihm auch klar: Horst? Der junge Mann hatte
ihn deswegen oft genug gelöchert, verstand sein ewiges
Aufschieben nicht. Teufel, wie war er auf Horst gekommen? Ah,
richtig, die neuen Nachbarn, atmete erauf. Nun, ob Heu oder
Stroh, wahrscheinlich kapierte sie den Hinweis eh nicht, warum
auch? Er setzte die Taschen kurz ab, um die Haustür
aufzuschließen, sich innerlich die Hände reibend beim Gedanken
an das dicke Sandwich, das er sich gleich zusammenbasteln würde;
beging dann aber den Fehler, die Post durchzusehen...
Sein
Gesicht leuchtete auf, vergessen war der Überfall, japanische
Oberteile und das verbiesterte Knurren seines Magens. Er hatte
lange auf exakt diese Erdproben gewartet, sogar herumtelefoniert
- bei seinem Widerwille gegen die schrillen Genossen, die einen
dauernd von der Arbeit abhielten und schlechte Nachrichten
verbreiteten, ein kleines Wunder. Bald war er mitsamt
Schmetterlingsbrille in die Unterlagen vertieft, die Proben
mehrmals untersuchend, um jeden Zweifel auszuschließen. Er
setzte sich kerzengerade hin, hilflos ins Leere starrend: Sinnlos
es aufzuschieben, machte es nur schlimmer. Er kam sich dennoch
wie ein Henker vor, als er die Papierrollen aus deren Versteck
unter einigen losen Fußbodenlatten hervorholte. Sie waren
keineswegs das, was die Wüteriche gesucht hatten - die hatten
nichts gesucht, “nur“ ihr Mützchen an ihm kühlen wollen;
doch er hatte keine Lust, jedes Mal neue anzufertigen - in jeder
einzelnen Rolle steckte die Arbeit von mehrerer Jahren. Er
entrollte eine der Landkarten, die mit gelben Strichen bedeckt
waren, die sich kreuz und quer mal hier, mal dorthin
schlängelten, die Ecken mit Mikroskopen beschwerend. Bedächtig
fügte er zwei winzige Pünktchen hinzu und markierte sie, das
heutige Datum und die nötigen Erläuterungen in seinem Notizbuch
eintragend. Die nunmehr durchgehende Linie lief eine Strecke
parallel zum Rhein, um sich dann mit dem Fluss zu vereinen. Eine
tödliche Union, denn gelb - das bedeutete Gift.
Anfangs
war er wie andere Hobby-Pedologen mit Köfferchen und langem Stab
über Stock und Stein gestapft, fasziniert von der Vielfalt der
Erde. Schleichend, fast unmerklich kamen im Laufe der Jahren
immer mehr neue Elementen hinzu, hauptsächlich Chemikalien. Er
hatte sich auf Gift spezialisiert, nicht um einige wenige zu
ärgern oder zu helfen, sondern weil das Zurückverfolgen dieses
Stoffes zu dessen Ursprung ihn faszinierte. Hätte er etwa
Geschirrspülmittel wählen sollen?
Plötzlich
knurrte sein Magen mit einer Intensität, die ihn errötend nach
Zeugen umsehen ließ. Er streckte sich, die Intaktheit seiner
Glieder und seines Kopfes überprüfend, und äugte zur Uhr:
fünfzehn Uhr vorbei. Er hatte über vierundzwanzig Stunden
gefastet, eine Tracht Prügel bezogen, ein Rätsel gelöst und
fühlte sich ausgezeichnet, nur - wenn er nicht schleunigst etwas
zwischen die Zähne bekam, garantierte er für nichts. Munter
schritt er zur Küche, als es läutete.
Nanu?
schoben seine Augenbrauen sich mitten auf die Stirn. In seinem
Umfeld war sattsam bekannt, dass der Professor unangemeldete
Besuche, zumal ohne Erdproben, nicht schätzte - und respektierte
es. Zwei Ausnahmen: der liebe Alex und Wüteriche, die stets nach
Mitternacht aufzukreuzen pflegten. Bisher. Und, spitzte der
Gelehrte kichernd die Lippen: Rothaarige in Pyjamaoberteilen made
in Japan. Nun, sein Bruder war es garantiert nicht, der spielte
um diese Zeit mit seinen Autos... Vorsichtig öffnete er die
Haustür und spähte hinaus.
“Hallo!”
Draußen stand ein schlaksiger Junge mit sehr grünen Augen - wo
hatte er die schon mal gesehen? - und endlos langen Armen und
Beinen, deren Zappeligkeit eine Nervosität verrieten, die fast
wehtat. Immerhin wich er den forschenden Blick seines Gegenüber
nicht aus, stumm standen sie sich geraume Zeit gegenüber: der
Junge und der nicht mehr junge Gelehrte.
Endlich
spitzte der Ältere die Lippen, die Tür weit und einladend
aufreißend. “Da bist du ja, kommst wie gerufen!” meinte er
ungezwungen, während er zur Küche voranschritt. “Wollte
gerade essen. Mach die Tür zu - muss ich dich siezen?“
Sein
ungebetener Gast schüttelte grinsend seine dunkelblonde,
halblange und sehr unordentliche Mähne, den Älteren an einem
anderen Jungen, allerdings mit kurzen Haaren, erinnernd, vor zwei
oder drei Jahrzehnten: Himmel, man wurde alt...
“Gut.
Du isst doch mit, oder? Futtere nicht gern allein“, flunkerte
der Gelehrte, der beim Essen einen Krimi vor sich aufzubauen
pflegte wie der Musiker seine Noten, und sich immer überrascht
nach Mitesser umsah, wenn der Teller leer war: wer war das schon
wieder? Neben der Pedologie und der Gärtnerei war dies seine
Lieblingsbeschäftigung, streng geheim.
Nach
einem anstrengenden Arbeitspensum, ob am Schreibtisch oder im
Garten - wer hatte da noch Lust auf Trockenkost? Zumal es
bekanntlich schlecht für die Verdauung ist, beim Essen schwere
Brocken zu sich nehmen, und wenn nicht dafür, dann gewiss gegen
etwas anderes. Nun, und essen musste er, warum also nicht? Teufel
noch mal, wieso lässt der Mensch sich von sogenannten
Kapazitäten ein schlechtes Gewissen einreden, sobald er sich
etwas widmet, was von jenen als seicht, wertlos, kurz:
Zeitverschwendung klassifiziert worden war - und das seit der
Vertreibung aus dem Paradies...? Vor sich hin pfeifend, stapelte
der Professor zwei Sandwiches à la Münch. Er ernährte sich von
Brot, Konserven, Fertiggerichten und dem Außer-Haus-Service
hiesiger Lokale.
“Ich
bin bei Robin Wood!” brüllte der Junge so laut und unerwartet,
dass der Ältere sein Brotmesser erdrosselte. “Sie doch auch,
oder?!”
“Nein”,
musste der Gastgeber zugeben.
“Aber
man kennt Sie dort!” schrie der Bursche, als befände sich
einer von ihnen am anderen Ende der Stadt.
Zwei
Bretter mit Sandwiches auf den kleinen Tisch in der Küche
abstellend, wo er aus praktischen Gründen seine Mahlzeiten
einzunehmen pflegte, setzte er sich dem Jungen gegenüber. “Guten
Appetit, äh - wie war gleich dein Name?”
“Entschuldigen
Sie!” dröhnte der Junge, erschrocken aufspringend. Weniger
laut, aber zackig, knallte er seine Turnschuhe zusammen und
donnerte: “Christian Schikorra, abgekürzt Chris! Wohne gleich
nebenan! Hab gedacht, ich könnte mich hier nützlich machen:
Erde sammeln, Botengänge, Briefe tippen oder so! Sie würden
mich gar nicht bemerken, ich kann...!” Er hielt inne, schien
viel mehr auf dem Herzen zu haben, wollte aber offenbar nicht
aufdringlich erscheinen und stopfte sich statt dessen das halbe
Sandwich in den Mund als sei es das Ei einer unterentwickelten
Henne.
Der
Gelehrte sah ihn nachdenklich an. Der Junge warf zwar seine
Annahme, Bescheidenheit äußere sich stets mit leiser Stimme,
über den Haufen, aber wenn er sich die Ohren lose mit Watte
stopfte... Er war ein engagierter Lehrer gewesen, fand es
wichtig, Erwachsene von morgen über die zunehmende
Verschmutzung, die Gefährdung aller Ressourcen aufzuklären. Es
würde schon Spaß machen, seinen alten Lehrberuf ein wenig
hochleben zu lassen, warum eigentlich nicht?
“Weiß
deine Mutter, dass du hier bist?” erkundigte er sich
vorsichtshalber.
“Och
die!” tönte der Bengel. “Die pennt, behauptet, irgendein
behämmerter Nachbar habe sie mit seinem Partykrach die halbe
Nacht wachgehalten! Weiber!”
Der
Professor blickte streng. “Redest du immer so von deiner
Mutter?”
Chris
errötete. “Nee! Aber ich habe in der Nacht kein Pieps gehört,
ehrlich!” verteidigte er sich.
“Aber
ich”, wies ihn der Prof zurecht. "Es war sehr laut,
ehrlich! - Komm mit“, schob er seinen Stuhl mit den Kniekehlen
zurück, dem Jungen leichtfüßig wie lange nicht mehr
voranschreitend. Vielleicht hatte Tantchen so unrecht nicht mit
der Stubenhockerei, er hatte übertrieben in letzter Zeit. “Als
erstes zeige ich dir mein, äh: unser Arbeitsreich.”
Der
Anfang einer echten Männerfreundschaft. Sie verstanden sich gut,
sich aufs Wissenschaftliche beschränkend und jede private Note
selbst während der Esspausen vermeidend. Eines Tages jedoch, als
der Gelehrte die flaue Ahnung eines bevorstehenden Überfalls in
der Magengrube hatte, wich er ein wenig von den ungeschriebenen
Macho-Regeln ab: “Du hast deiner Mutter hoffentlich inzwischen
gefragt, ob sie mit deinen Besuchen bei mir einverstanden ist?”
erkundigte er sich beiläufig, während seine Augen
desinteressierte Löcher in die Luft bohrten.
“Gefragt?!”
brüllte der Junge, als habe das Wort eine andere Bedeutung:
'geprügelt' etwa. “Bei uns wird nicht gefragt! Ich hab's
gesagt und sie hat nicht mit der Wimper gezuckt!”
“Pflegt
deine Mutter denn mit der Wimper zu zucken?” zog ihn der Prof
auf.
Chris
gab grinsend zu, dass dies nicht der Fall war, konnte sich aber
den Zusatz: “Dann schon eher mit dem Fuß!” nicht verkneifen.
“Christian
Schikorra”, hob der Ältere in strengem Tone an.
“Iss
gut, iss gut!” wehrte der Lausbub hastig ab. “Nehme es
zurück!” Er ließ die Zunge aus dem Mund hängen und hechelte.
“Dich möchte ich mal mit einer solchen Mutter erleben - die
Frau ist unverwüstlich!”
Die
Mundwinkel des Professors zuckten. “Vielleicht”, schlug er
ernsthaft vor, “bleibt ihr bei dem Nachwuchs keine andere Wahl.
Bekanntlich gedeiht Unkraut am besten in der wilden Natur.”
Bevor der Junge darüber nachdenken konnte, fuhr er schnell fort:
“Hast du ihr gesagt, dass wir beide uns offiziell nicht kennen
dürfen, jedenfalls nicht im positiven Sinne, weil mein Bruder
euch eventuell auf die Straße setzen würde?“
Chris
winkte ab. “Ist sie von alleine drauf gekommen!“ Er räusperte
sich wie um anzudeuten, dass es Wichtigeres gab auf dieser Welt,
auf die Analysen einiger Erdproben zeigend: „Was hältst
davon?“
Männer,
echte Männer, sprechen nicht über ihre Mutter.
ende
der leseprobe
Eigentlich
sind in diesen drei Kapitel alle präsent. Ja gut, es kommt noch,
Tonis Ex, der Mann, der damit prahlt, haufensweise Mitmenschen
über die Mauer (jawoll, die Mauer) gerettet zu haben –
gegen Bezahlung; und die Horden von Studenten und Spezialisten,
die wochenlang im Doppelhaus logierten, um den Giftherd
einzukreisen, der die Gegend allmählich unbewohnbar machte; ja,
und natürlich der Verursacher, der Tonis Sohn entführte, damit
der Prof den Mund hält. Und noch ein paar - benutzt eure
Phantasie, steht doch alles da. Oder fragt mich.
Es folgen noch Leseproben von „the
icemakers“ (2008), „gesiebtes brot“ (2015) und wohl das
letzte, noch in meinem Kopf.
|