wer zickt?


heuschnupfen

  Muss das sein? Also gut.
  Es war Sommer: höllisch heiß, Pollen überall - ich schwitzte nicht nur, meine Nase lief wie'n VW, meine Augen tränten wie die Krabbe, kurz, ich litt unter der grausamsten Krankheit aller Zeiten: Heuschnupfen.
  Aber es nutzte alles nichts, ich brauchte diesen Kredit und zwar nicht erst nächste Woche oder morgen, sondern sofort. Also machte ich mich kreditwürdig zurecht, packte mein kleines Hündchen ins Körbchen, stellte fest, dass meine Taschentücher allesamt mindestens feucht und daher schneuzuntauglich waren und stopfte eine Klorolle unter Hündchens Decke - zusammen mit den Unterlagen, ohne die ich mir den Weg zur Bank sparen konnte. Ich weiß, ich weiß, wichtige Unterlagen tut man in eine Aktentasche, nicht ins Hundekörbchen, isss ja gut, Sie möchte ich mal mit Korb mitsamt Hund und Aktenkoffer herumdackeln sehen. Bei dem Wetter und meiner körperlichen Verfassung war mir alles schon fast egal; mein einziges Ziel bestand darin, es möglichst schnell und ohne Widerstände hinter mich zu bringen, basta.
  Natürlich war die Bank voll, dafür aber immerhin vollklimatisiert: Wollten die etwa alle einen Kredit oder bloß durchgepustet werden?
  Meinetwegen.
  Ich war fünfzehn Minuten zu früh, begab mich daher möglichst würdevoll in die Sofa-Ecke für wartende Besucher, die bereits von einer Touristengruppe in bunten T-Shirts und Shorts besetzt war, alle miteinander guter Dinge und heuschnupfenfrei. Dort setzte ich mich, eine auf Grace Kelly hochgestylte Frau mit Triefnase, Kostüm und Hündchen, welches natürlich anfing, erbärmlich zu quieken, an die einzig freie Stelle.
  Klar, dass die Hundekekse in meiner luftigen Sommerjacke waren - zu Hause, wo sonst? Kennen wir schon, werden wir mit fertig. Ich ignorierte also das Tier und die Handvoll Zuschauer, die diesen Warum-erschießen-sie-diese-Tierquäler-nicht-endlich?-Blick hatten, und rechnete im Geiste eine Kolonne Geldbeträge zusammen - eine Tätigkeit, die mich bisher immer beruhigt hatte.
  War wohl unklug...
  Der Hund hatte genug und sprang aus dem Korb, der Korb kippte mitsamt Unterlagen exakt vor der Klimaanlage um - und langsam, fast majestätisch rollte die Klorolle sich quer durch die gesamte blöde Bank in voller Länge auf, sanft begleitet von einer Wolke herumwirbelnder Papierblätter...
  Bist nun zufrieden, oder soll ich noch einen Kopfstand machen und dabei mit den Zehen schnippsen?

© 2004, hexandthecity


  'Ne Menge Hund hier, nee? Meine Kindheit ist ein gut bestücktes Hundeland - nacheinander, nicht auf einmal: Lexy, Lassie, Mouschka, Tipsi und wie sie alle hießen. Meine Mom war ein großer Hundeliebhaber, konnte nicht ohne. Im hohen Alter war sie stolzer Besitzer einer ganzen Wand voller Videos über Hunde: Rassen, keine Rassen, Erziehung, Gesundheit, Ernährung - alles. Leider auf Holländisch, ich befürchte also, die Filme sind ganz lieblos und unnachhaltig irgendwo entsorgt worden. Dafür habe ich ihre herrliche Bettwäsche und ihre bunte Pyjamas übernommen, die Etiketten: "Mw AEH Jacobsz-Rosier" bleiben dran. Ehrensache.

  Sie war eine sehr zurückhaltende Frau, damals nicht unüblich - die Frauen dieser Generation hatten oft traumatische Kriegserfahrungen, die durchs Verdrängen bestimmt nicht verschwanden. Kam eins ihrer Kids mit einem zerschrammten Knie rein, wusch sie es, gab einen Pflaster rauf und schickte es konsequent wieder raus. Ich wär sonst vermutlich noch introvertierter geworden.

  Ich werde oft gefragt, warum ich damals 16jährig von daheim fort bin, deswegen eier ich hier jetzt so herum und finde keinen Anfang. Es ist auch nicht meine Gewohnheit, über mich selbst zu reden/schreiben, daher dachte ich: schmuggel es mal zwischen Moms Sachen, dann fällt's nicht so auf. Jedenfalls bin ich, sind wir alle weder geschlagen noch mißbraucht worden; den Boxkampf "Rumble in the Jungle" habe ich damals in California nur verfolgen können, weil Dad wusste, ich mag sowas - infolgedessen hat er meinen Bruder und mich jedesmal mitten in der Nacht geweckt - aufstehen mussten wir schon allein.
  Heute guck ich keinen Sport mehr, weder um 18 noch um 4 Uhr früh - es trieft alles vor Geld, haben denn alle vergessen, was ehrlicher Sport ist?

  Damals hatte man noch etwas, was heute schmerzlich fehlt: eine angstfreie Kindheit: zu Fuß zur Schule, allein eine Fahrradtour machen, den ganzen Tag draußen herumtoben. Schön für Kinder wie Eltern. Und vorbei. Warum eigentlich?
  Mit 8 oder 9 wurde bei mir eine Schwerhörigkeit festgestellt, die ich vermutlich von Geburt an hatte: 70% war weg, und keiner hat etwas gemerkt. Oh. Es stimmt, ich war ein ruhiges Kind. Körperlich weniger, da bin ich gerannt, Bäume und Dächer hochgeklettert, geschwommen und geradelt, habe jede Sportart mitgemacht - aber still war ich. Fast schon stumm. Schon früh waren Bücher meine besten Freunde: "give her a couple of books and she's invisible", waren Dads scherzhafte Worte, wenn wir länger bei einer unseren zahlreichen Verwandten verweilten - kam schon mal vor.
  So einfach nebenbei hören, für mich ein Unding, auch mit "Ohren", wie ich meine Hörhilfen zu nennen pflege, war das Zuhören eine Anspannung: entweder man konzentriert sich voll auf sein Gegenüber oder man lässt es und bleibt in der eigenen Welt: your choice. Es hilft natürlich, wenn man die Leute kennt. Und so wurde ich ein guter Zuhörer, das Reden war aber nicht so meins - auch heute nur bei solchen, die mich gut kennen und umgekehrt. Ist es nicht so, dass die meisten Leute lieber erzählen oder reden als zuhören?
  Bis zur 7. Klasse in der Grundschule war die Schule in Ordnung, Lehrer schätzen ruhige pflegeleichte Schüler und ließen mich meist lesen - an der Tafel stand alles, was täglich zu tun und lernen war; da ich so lange ohne Gehör ausgekommen war, sahen sie keine Veranlassung, etwas zu verändern. In der sechsten Klasse erhielt ich - Musik brauchte ich aufgrund meiner Schwerhörigkeit nicht mitmachen - lauter As, also Einser. Keine Angabe, ich halte auch heute nicht viel von Schulen, nur der Hinweis, dass Behinderung und Dummheit keine Synonyme sind. Nach sechs Jahren Grundschule kamen Schulen mit mehreren Lehrern, mehreren Klassen und Hunderten von Schülern.
Was soll ich sagen? Ich habe lieber Zahnschmerzen vorgegaukelt und bin zum Zahnarzt gegangen. Und es irgendwann nach Jahren gesundheitlich gemerkt. Die immer größer werdende Beschwerdenlawine: vom schlichten Heuschnupfen als Teenager, später jedes Jahr Bronchitis bis zur Lungenentzündung mit 48 (bin Nichtraucher) und irgendwann Brainfog, führten 2011 zur damals durchaus nicht üblichen fachmännischen Entfernung von über einem Dutzend Amalgamfüllungen - noch vor zwei Jahren wäre ich außerstande gewesen, dies hier so zusammenhängend und stressfrei zu schreiben: Dank an Dr Marheine, der leider umgezogen ist. Unten rechts ein wenig Info über Amalgam - es ist nicht viel, soll zum Nachdenken anregen: bitte lesen!
Es folgten Ausleitungen, Darmsanierung (Antibiotika hatte gründlich gearbeitet und alles platt gemacht, und während der jahrelangen Ausleitung war Candida entstanden, welche sinnvollerweise die Giftstoffe aufnahm bis kein Platz mehr da war - wenn das passiert, hast das Zeug bald in den Blutbahnen und dann gute Nacht), Entfernung der Gallenblase (Quecksilber hatte auch mein Cholesterin phänomenal getriggert - hieraus entwickelten sich Steine, wovon der größte die halbe Blase okkupierte) - bis vor kurzem, auch Jahre nach der Amalgam-Entfernung, bin ich wie betrunken herumgetorkelt. Wie das Leben so spielt.

  Aber zurück zur Kindheit. Irgendwann war ich häufiger mit dem Rad unterwegs oder in meiner Höhle hinter der Wand als in der Schule: es ist halt nicht schön, wenn man alleine dumm herumsteht, nichts versteht und es interessiert niemand. Den ganzen Tag, fünfmal in der Woche. Soll kein Gejammer sein, natürlich muss Kommunikation gegenseitig sein - war mir damals schon klar, ich verharrte aber in meiner Blase und kam nicht heraus. Ob ich es mittlerweile gelernt habe? Ja, das Schreiben finde ich zwar übersichtlicher und weniger anstrengend, aber ich gebe mir Mühe, nicht allzu lange eigenbrötlerisch hinter spannenden Projekten zu verschwinden. Beim Neurologen war, abgesehen von einer stets hyperaktiven Region im Hirn, die Rede von einer abgeschwächten Form von Autismus. Nicht schlecht, Autisten sind wenigstens konsequent. Wie ich. Und Mom, stimmt - here we go again:

  Wir vier (eigentlich fünf) Kinder wussten nicht viel über diese Frau, die uns geboren hatte, bekamen vor einigen Jahren runde Augen, als wir etwas über japanische Gewehrkolben erfuhren, und dass sie nicht in Holland, sondern in Indonesien geboren war. Dass damals die niederländische Bevölkerung in Indonesien nicht nur geflüchtet, sondern auch ausm Land evakuiert wurde und sie zum Teil in Lagern kamen - nein, auch das wussten wir nicht. Ebensowenig, dass unsere Mom meinen Vater, den Widerstandskämpfer, in Amsterdam kennengelernt hatte: als Flüchtling mit Kind, meinem lieben broer Chris, der 2016 verstorben ist.
  Vielleicht bin ich doch kein Autist - "nur" das besonders empathische Kind einer vom Krieg traumatisierten bildhübschen Frau? Hätte ich das gewusst...

  Warum ich mich so lange nicht gemeldet hatte? ist eine Frage, die ich auch häufig gestellt bekomme - dreißig Jahre ist schon happig. Grundsätzlich wird angenommen, um jemanden vermissen zu können, muss man ihn erst kennen: meine Annahme war daher, dass sie mich bald vergessen würden - sorry, Mom, I love you!


Anna Elise Henriette Jacobsz-Rosier

geboren am 23. März, 1920 in Jakarta
(höre gerade, die Stadt säuft ab, Umsiedlung nach
Borneo beschlossen - #Klimakatastrophe)
- gestorben am 6. Mai, 2018 in Utrecht


  P.S. Vor kurzem ein Dokument gefunden, welches mein berufliches Vakuum erklärt: wo sind die alle hin, meine Arbeiten, warum finde ich nichts gedruckt? Fünf oder sechs (vieles ist lose - wie gut, dass ich gerne puzzle) Romane im Karton oder auf einer ausgelagerten Festplatte (hoffentlich); einige Kurzgeschichten und etliche Feuilletonbeiträge habe ich vorliegen - ist das alles?
  Außer Feuerwehrfrau spielen und schreiben war ich nicht untätig: war zehn Jahre lang english speaking Nanny, hab geputzt, in Büros getippt, übersetzt auf Deubel komm raus und gar in einem Bierzelt gekellnert. Hab auch ein paar Glücksraddiagramme gefunden, oi - will die jemand? Wer weiß, was noch alles?! Wer sich nicht erinnern kann, ist ganz klar nicht immer im Vorteil... Oder doch?
  Die Pointe? Beim Suchen nach diesen Arbeiten fand ich ein Schreiben des Arbeitamtes, in dem mir kategorisch verboten wurde, als Schriftsteller mein Brot zu verdienen. Peng! Das Verdrängen als solches ist nicht sehr wählerisch oder auf den Punkt, oder? Seitdem erfüllt mich Erleichterung, auch hierfür eine Erklärung gefunden zu haben. Jeder Mensch braucht ein wenig feste Erde, möglichst zum drüberlaufen.


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