m e n u
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vorwort (24. Mai 2022)

  Bei der Neuformatierung inkl. Umläute u.ä. sperrigen Zeichen von Saltener Bits (ca. 200 Seiten) ist mir aufgefallen, dass gleich einige Themen sowas von aktuell sind: Umwelt sowieso, klar, aber die Anfänge vom vegetarischen Boom waren damals schon sichtbar, dann noch der Scheu vor Bits & Bytes (meine Mom war im Jahre 1972 eine der ersten, die deswegen eine Fortbildung machte - habe die Aufgeschlossenheit beider Eltern: insgesamt vier Ehen, zweimal ausgewandert, oho - sehr viel zu verdanken), deren Vor- und Nachteile, das Aufbäumen gegen die Vollherrschaft des Autos auf unsren Straßen. Daher bin ich dazu übergegangen, die hier gezeigten Leseproben zu datieren und würde mich freuen, wenn ein engagierter Verlag inkl. Rechtsabteilung eine Stiftung mit mir gründet - deal?

Ansonsten: viel Spaß und Willkommen in Salten,
bitte machen Sie die Tür hinter sich zu, es zieht.

saltener bits (1992) leseprobe von nick jacobse

I. scanner

  Sie waren fleißig gewesen, hatten viel gemacht - unverkennbar. Das Geländer für die verbreiterte Treppe am Eingang fehlte noch, ebenso die linke Tür zum ehemaligen Elektroshop. Verlockend...

  Robert biss sich auf die Lippen. Es war kurz nach zwei, Mittagsruhe also - und entsprechend leer. Wem schadete es, wenn er kurz einen Blick hineinwarf, wem? Verstohlen sah der Doktor der Philosophie nach links und rechts, tat einige unphilosophische Riesensätze - und war im Innern der Saltener Bücherei oder Sabü, wie sie liebevoll genannt wurde. Die mannshohen Fenster ließen genügend Licht herein, um das eine oder andere erkennen zu können; ab und zu laserte sich ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke und es gab eine flimmernde Goldstaubmorgana, die sich sachte legte. Der Boden war übersät mit Holzteilen, Putz, Werkzeug, Steinen, allerlei Pappe und Papier, leere Bierflaschen und derlei. Baustelle halt. Einige nichttragenden Innenwände waren entfernt worden, und dicke Plastikplane hingen zwischen der Alt-Sabü und dem früheren Elektro-Shop, um den Schmutz von der mit Büchern besetzten Seite fernzuhalten. Wie die hellen Quadrate einer von ihren Bildern gestrippten Wand verrieten längliche Streifen, wo die Mauer zwischen Büchern und Elektronik sich vordem befunden hatte.

  Eifrig stieg er über Schutt, Eimer und herumliegendes Gerät, stolperte über ein aus dem Nichts ragendes Kabel, eine weniger schöne Staubwolke aufwirbelnd.
Er nieste.
  Und das alles sollte innerhalb drei Wochen fertig sein? Voller Skepsis wackelte er mit dem Kopf - immerhin war er in der Baubranche tätig gewesen: bei dem Tempo würden die es nicht einmal in drei Monaten schaffen, unmöglich.

  "Findet der Raum Ihre Zustimmung nicht oder pendelt Ihr Kopf von Natur aus?" störte eine melodiöse Stimme den Eindringling beim Schwarzmalen.

  Obwohl er sie nicht hatte kommen hören und sein Gewissen nicht rein war, hatte Robert kein bisschen gezuckt, ein angenehmes Nebenprodukt seiner Kindheit. Das stereotype "Lass Robbie in Ruhe, Kinder!" der Eltern hatte seine Geschwister - Lieschen ausgenommen - zu allerhand Schocktherapien mit Kaltwasser, Knaller, Pseudoleichen samt Ketchup verleitet. Eine vorbildliche Abhärtung.

  Sich langsam umdrehend, sah Robert sich einer grazilen Frau gegenüber, deren blaugraue Augen ihn wie einen seltenen Käfer aufzuspießen schienen. Trotz feiner Fältchen im gebräunten Gesicht und etwas zu langem silbrig-weißem Bürstenschnitt, der bei jeder Bewegung Wellen schlug, wirkte sie jugendlich, Jahre, die man ihr dank etwas Undefinierbarem - Härte, Reserviertheit, Kälte? - wieder dranhängen musste.

  Instinktiv erfasste Robert, dass er seinen Boss in spé, die Ober-Sabinerin, vor sich hatte und diese sich über seine Identität ebenso im klaren war. Nicht dass sie einen autoritären oder gar feindseligen Eindruck erweckte - 'abwartend' traf es eher.
  "Entschuldigen Sie mein unbefugtes Betreten", tat er nach kurzem Blickduell den Mund auf, den Oberkörper leicht nach vorne neigend. Er wies mit dem Kopf zum Eingang und setzte mit leisem Spott hinzu: "Die Tür war offen."

  "Es ist Ihr gutes Recht, Ihr künftiges Arbeitsreich in Augenschein zu nehmen, wann und so lange Sie nur wollen" setzte sie die systematischen Begutachtung seiner Person fort, ohne sich anmerken zu lassen, was sie von seinem Benehmen hielt.

  Er hielt den Blick stand: Erklärungen, Kündigungsfloskeln, Entschuldigungen, bereits auf der Zunge, froren dort gleichsam fest - von blaugrauen Spottaugen direkt ins Nirwana geschickt. Spontan ergänzte er ihren Satz mit einer Unverfrorenheit, die ihn selbst überraschte: "...zumal dieses Reich auch in drei Wochen garantiert nicht fertig sein wird."

  Sie tat ihm nicht den Gefallen sich zu ärgern, im Gegenteil zwei Reihen Zähne enthüllend, deren Unregelmäßigkeit auf Echtheit schließen ließ: "Wir bedauern, Ihnen keinen besseren Empfang bieten zu können, aber sehen Sie, Ihr Onkel hielt die Fertigstellung Ihrer Luxuswohnung" - ihr Kinn schoss hoch Richtung Decke - "für vorrangig, und leider müssen wir tagsüber unsere Brötchen verdienen und können nur abends mit anfassen - wenn überhaupt." Mit einer drolligen Mischung aus Stolz und Belustigung sah sie auf ihre Hände herunter, die mit Schnitt- und Kratzstellen sowie Blasen und Schwielen in den verschiedensten Verheilungsphasen bedeckt waren, klare Spuren einer ungewohnten Betätigung.

  Eins zu null für Sie, knirschte Robert: "Ach? Nun, ab morgen können Sie getrost Ihr Strickzeug wieder hervorholen. Ich werde die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen."

  Sie blitzte im Schnellverfahren erneut seine Erscheinung ab und hob eine Braue: "Höchst persönlich?"

  Zwischen Empörung und Lachlust hin und hergerissen, biss er sich fast die Zunge ab, entgegnete aber nur: "Gewiss."

  Den Bruchteil einer Sekunde verriet ihre Miene ein sardonisches Na-denn-viel-Spaß, bevor sie mit leisem Lächeln hinter der Plane verschwand.

  Reuevoll sah er ihr nach, im stillen die eigene Dickköpfigkeit, seinen Stolz verwünschend, und nicht ohne Anerkennung für ihre gute Haltung. Er war rüpelhaft gewesen, und im Unrecht obendrein.
  Und nun? Rückzug kam nicht in Frage, sah nach Scheu vor körperlicher Betätigung, gar Drückebergerei aus. Er ballte die Nichtarbeiterhände: warum nicht? Ein wenig Bewegung würde ihm ganz gut tun. Und sobald er hierzulande Ordnung geschafft hatte, konnte er immer noch die Koffer pa...

  "Herr Stoltze?", hallte es von den kahlen Wänden.

  Wieso? haderte er, kann nicht sie die blöde Musikabteilung übernehmen, der Stimme nach war sie im kleinen Finger musikalischer als er am ganzen Körper, sagte aber nichts: genug Unfug für heute...

  "Morgen wird die Tür eingesetzt", verkündete sie ruhig, mit einer Hand auf den Eingang zeigend, während die andere mit einem Schlüsselbund klimperte. "Für draußen, für die Kellerräume, die Sabü und zu Ihrer eigenen Wohnung, die leider noch nicht fertig ist. Oder", hob sie erneut eine Augenbraue, deren dunkle Farbe auffallend vom hellen Haupthaar abstach, "soll ich sie ein Weilchen behalten, bis es hier einigermaßen, mhm - sagen wir mal: gesellschaftsfähig aussieht?" Sie warf einen sprechenden Blick auf seine saubere Kleidung, die nur leicht staubigen Wildlederschuhe, eine unparteiische, abwartende Haltung einnehmend.

  Was blieb ihm übrig? Er nahm das Schlüsselbund mit einer Verbeugung entgegen, verkniff sich aber weitere Gehässigkeiten: sie würden ja sehen...

  "Dann also auf gute Zusammenarbeit", sang sie fast, vollführte eine elegante Kehrtwendung und schlüpfte zwischen zwei Plastikplanen. Ich habe zu tun, sollte das wohl heißen, verzog Robert den Mund: blöde Zicke! Er starrte eine Weile vor sich hin, geistesabwesend das Kabel herausziehend, über das er gestolpert war.

  Salten hatte ihm auf Anhieb gefallen. Die Fachwerkhäuser, die kleinen runden Marktplätze, die verschlungenen Gänge und dunklen Nischen, dieses Knusperhäuscheneffekt trotz Weltstadtallüren. Eine Mischung aus Dickköpfigkeit und Lokalstolz und ausdrücklichem Abstandnehmen von den Albernheiten der nichtsaltener Welt - zumal HH-Hamburg - von 'bloß' Zugereisten noch kräftig unterstützt: Viertel-Saltener oder Halb-Saltener gab es nicht, wer in Salten lebte, tat es ganz und gar.
  Und der Wind...
  Als Großstadtpflänzchen zwischen Wohnsilos, Einkaufszentren, Wolkenkratzern, stinkenden Fabriken und Kirchen aufgewachsen, durch deren Zwischenräume sich höchstens eine Art abgestandener Ventilation quälte, war Robert von der Frische, der Würzigkeit der Saltener Brise mehr als angetan - sobald seine Bronchien sich halbwegs beruhigt hatten. Hier war die Marienkirche im Kulturviertel immer noch das höchste Bauwerk, knapp gefolgt vom vierstöckigen Krankenhaus im Norden der Stadt.
  Seinem Selbstwertgefühl missfiel es, an einem Ort zu bleiben, an dem er offensichtlich unerwünscht und überflüssig war, und doch... - wohlgemerkt, sein Entschluss stand fest, aber... hatte es nicht etwas Zeit? Er bezog schließlich kein Gehalt, war nicht einmal eingeführt worden und hatte es auch verschmäht, irgendetwas Vertragsähnliches zu unterschreiben. Hinzu kam, dass er die Baupläne besser kannte als die meisten Zeitungsleser - besser wahrscheinlich noch als die Architekten mit deren unzähligen Projekten - und wusste, was noch alles zu tun war. Eile war für ihn ein Fremdwort, und finanzielle Not ihm unbekannt: wozu sich Sorgen machen? Er pflegte stets seiner Nase zu folgen und war damit gut gefahren. Bisher jedenfalls.

  Nach seinem vielseitigen Studium war er von einem Mitstudent überredet worden, Partner einer Art Basar zu werden, wechselte in die Modebranche, wo er bei sich eine Lustlosigkeit in modischen Dingen entdeckte, um von dort über Werbung, Reisen und andere Episoden - selbst als Kindergärtner, Kellner und Sportlehrer hatte er sich ausgetobt - beim Verlagswesen zu landen; lauter Tätigkeiten die sehr interessant, aber doch nicht interessant genug waren, ein längeres Verweilen zu rechtfertigen, sobald man sich eingelebt und etwas noch Spannenderes entdeckte: warum nicht? Als introvertierter Mensch war er schließlich am Gedruckten hängen geblieben, weil er den Umgang mit Büchern den Vorzug gab - man konnte sie nach Belieben wieder ins Regal stellen. Wenn bloß gewisse Vorgesetzte, die ihn aus unerfindlichen Gründen nicht mochten, nicht wären... Der Posten eines Leiters war ihm deswegen verlockend genug erschienen, zumal die Beschäftigung mit Büchern ja bestehen blieb: warum eigentlich nicht? Aber eine Musikabteilung übernehmen, ausgerechnet er, unmusikalisch und halbtaub wie er war, und das gegen den Willen sämtlicher Mitarbeiter und einer ganzen Stadt? Nein.

  Der kürzlich besuchte monatliche Bürgertreff hatte seine Vorfreude auf diese neue Herausforderung gedämpft, wenn nicht erstickt...
  Die Atmosphäre war typisch Salten, eine Mischung aus Flohmarkt und Londoner Speakers' Corner ohne Podium. Wer etwas zur Sache Gehörendes zu sagen hatte, erhob sich und sagte es, und wer kein Gehör fand, womöglich ausgebuht wurde, tat gut daran sich zu setzen, wenn er Wert darauf legte dies noch freiwillig tun zu können. Alle paar Jahre versuchte es ein Schlaumeier mit gekauften Stimmungsmachern - und flog hochkantig raus. Salten war Salten und benötigte keine großstädtischen Gepflogenheiten.
  Stimmen droschen aufeinander ein, wurden beschwörend, schrill, beschwichtigend, böse, überschlugen sich, sich eiskalten Hohn, heiße Wut, knirschenden Ingrimm links und rechts um die Ohren peitschend, widerwillig schweigend, wenn andere Stimmen in derselben Weise genau das Gegenteil verkündeten. Die obligatorischen fünf Punkten diesmal: 1) Bevölkerungsboom, 2) Ladenschlusszeiten inklusive langen Donnerstag, 3) alte und neue Möglichkeiten zur Innenstadtverkehrsberuhigung, 4) die Schließung des alten Gymnasiums und Planung einer neuen Gesamtschule - oder umgekehrt? - und 5) ein eventuell neuer Standort der beiden lästigen Glasiglus, die in der Fußgängerzone nirgendwo geduldet wurden. Und seltsam, was sich sonst über zwei Stunden hinzuziehen pflegte, wurde in knapp hundertzweiundzwanzig Minuten abgehakt: die aktuellen Ladenschlusszeiten wurden vorläufig beibehalten, die Verkehrsprobleme sowie die Schließung bzw. Eröffnung alt/neuer Schulen wegen ca. achtundachtzigprozentiger Uneinigkeit verschoben, während die Anlieger der Fußgängerzone zu weiteren fünf Wochen Geklirr verdonnert wurde, ob es ihnen nun passte oder nicht.

  "Liebe Mitbürger!" dröhnte in diesem Augenblick ein Tenor mit Basstimbre durch den Saal, sämtlichen vor sich hin Schlummernden ruckartig zu einer geraden Haltung verhelfend. "Ich weiß, ihr wollt nach Hause und bitte deswegen um Nachsicht, aber es ist wichtig. Für uns alle! Wider meiner eigenen Interessen als Zeitungsverleger erhebe ich hier und heute meine bescheidene Stimme, um meine Leser über etwas zu informieren, was mit einem Skandal verdammt viel Ähnlichkeit hat. Und das alles, obwohl ich ein kleines Vermögen einstreichen könnte, wenn ich meinen Mund hielte. Mein Gerechtigkeitssinn aber..."

  Robert hatte bis hierher viermal 'ich' und fünfmal 'mein' gezählt und blies die Backen auf; er war nicht branchenfremd, der Verleger würde nach dieser Vorrede alle Zeitungen loswerden, die er zu drucken imstande war.

  Als habe er diese negative Schwingung gespürt, ließ Stephan Fux abrupt seine Marktschreierpose fallen und senkte die Stimme, so dass manch einer sich unwillkürlich vorbeugte, obwohl er immer noch bis zum letzten Sitz zu hören war:
  "Unsere lieben Sabiner sollen einen neuen Chef vorgesetzt bekommen, einen Außenseiter, schlimmer noch: einen aus HaHa..." Kleine Kunstpause, um die Spannung zu erhöhen. "Den Neffen unseres Bürgermeisters!" schmetterte er schließlich in den Raum, sich in Erwartung der Hölle, die losbrechen würde, mit selbstgefälliger Miene hinsetzend. Und sie brach. Der Bürgermeister, der gewarnt worden war und sicherheitshalber neben dem Notausgang Stellung bezogen hatte, hatte den Türgriff bereits in der Hand und wäre im Nu draußen gewesen, wenn seine Frau sich nicht eingemischt hätte. Dieses kleine Persönchen stieg so graziös und natürlich auf ihren Stuhl, hob mit einer solchen Selbstverständlichkeit eine zierliche weiße Hand, dass der Orkan sich nach und nach legte. Eine der prominentesten Figuren der Gegend, entstammte sie einer uralten, reichen und einflussreichen Familie; echt Saltener Blut floss durch ihre Adern, ohne welches ihr Mann, ein bloßer Zugereister, niemals Bürgermeister geworden wäre - der doch nicht. Und doch hörte die Mehrzahl der Anwesenden ihre Stimme zum ersten Mal.
  "Liebe Saltener, ein paar Worte noch, bevor ihr mit Steinen wirft", bat sie schlicht, aber mit diesem gewissen Etwas, das zum Zuhören zwingt. "Genau genommen sind es zwei. Zwei Bekanntmachungen, die mein Mann ursprünglich zu einem anderen, passenderen Zeitpunkt hatte verkünden wollen. - Äppie?" Trotz Kleid und Alter ebenso graziös wie mühelos vom Stuhle steigend, forderte sie ihren Ehemann mit einer kaum merklichen Kopfbewegung auf, ihren Platz einzunehmen, was dieser in Windeseile tat.

  "Liebe Mitbürger... Freun-de... geschätzte Nachbarn... " Die flinke Bewegung seiner Tante, als würde sie den Ersten Manne der Stadt recht feste ins Bein zu kneifen, konnte Robert nur ahnen: komm zur Sache, übersetzte er den Gewaltakt, mach's kurz! Sein Onkel verzog keine Miene. "Einer unsrer ältesten und sehr geschätzten Mitbürger", setzte er ruhiger fort, "möchte Salten, möchte uns allen ein überaus hochherziges Geschenk machen." Er hielt inne, wie um alle Gelegenheit zu geben, sich im voraus zu freuen. "Vor allem jedoch soll das Geschenk den Sabinern zugute kommen. Deren Sabü erhält nämlich eine komplette, hochmoderne Musikanlage mit allem drum und dran, dazu einige Paletten Schallplatten, Kassetten und CDs, von Bach bis zum..." Irritiert brach er ab, offenbar im unklaren über den neusten musikalischen Trend.

  "...bis zum Stillen Ozean", vollendete ein vorlauter Bass aus den sicheren hinteren Reihen.
  Niemand lachte.
  "Und damit nicht genug", benutzte der Bürgermeister den Zwischenruf, um seinen Satz unbeendet zu lassen, "hat unser Gönner sich nicht nur bereit erklärt, die Sammlung regelmäßig zu ergänzen, sondern..." - er wippte gewichtig auf den Fußballen vor und zurück und holte Luft: "...er stellt darüber hinaus die hierfür benötigten Räumlichkeiten neben der Sabü zur Verfügung. Ich glaube, die meisten haben es bereits erraten, es handelt sich um keinen geringeren als Paul Janßen, Besitzer bzw. Gründer der ElektroKette Janßen, der als einfacher Elektromeister bei uns angefangen hat und bereits... "

  Der Rest ging unter. Achselzuckend gab der Meister dieser verrückt gewordenen Bürger es nach einigen Anläufen auf, sich erneut Gehör zu verschaffen, und war bereits halb draußen, seiner Frau ungeduldig die Tür aufhaltend, als jene zu seinem Erstaunen abermals ihren Stuhl bestieg und eine weiße Hand hob. Als hätten sie es wochenlang geübt, trat diesmal beinahe augenblicklich Ruhe ein. Die Saltener waren ein gelehriges Völkchen: wo ein Knochen herkam, gab es gewiss mehr...

  "Den zweiten Bonbon hat mein Mann netterweise mir überlassen", ertönte Dorothys ruhige Stimme erneut. Robert, ein aufmerksamer Beobachter, war das leichte Zucken im Gesicht des Bürgermeisters nicht entgangen: von einem zweiten Bonbon hatte der keinen Schimmer. Mit gesteigertem Interesse wandte er sich seiner Tante zu.
  "Selbstverständlich", drehte Doro den Kopf dorthin, wo sie den Marktschreier vermutete, "denkt keiner auch nur im Traum daran, unsere geschätzte Sabü-Leiterin" - Kopfnicken zur andren Saalseite - "zu ersetzen. Sie ist sozusagen eine Institution für sich und somit unersetzlicher als der Bürgermeister selbst." - Oho! - "Robert Stoltze soll lediglich in der neuen Musikabteilung das Sagen haben, übrigens auf Bitten des Spenders, keineswegs auf unser Verlangen hin - ein kleiner Wunsch am Rande, den man in Anbetracht der Großzügigkeit des Geschenkes wohl schwer ablehnen kann. - Ich danke, dass ihr solange zugehört habt - bleibt mir nur, uns allen eine geruhsame Nacht zu wünschen." Vom Stuhl fast gleitend, schritt die kleine Frau lässig durch die sich automatisch bildende Schneise ihrer Untertanen zur Tür.

  Erst als die Tür ins Schloss rastete, leise und endgültig, brach der Tumult erneut und unwiderruflich los. Der Bürgertreff war zu Ende.

  Die alte und neue Leiterin der Sabü musste die Gratulationen von Dutzenden Mitbürgern über sich ergehen lassen und brauchte wesentlich länger als Dorothy Hammsen, um ins Freie zu gelangen. Langsam legte sie die Strecke zu ihrer Wohnung, die direkt über der Bücherei lag, zurück. Es kam selten vor, dass sie etwas überraschte. Darüber musste sie nachdenken.

  Nicht nur Karin Wehde, noch jemand war überrascht. Der frisch gekürte Leiter einer noch nicht vorhandenen Musikabteilung hatte in Hamburg einen guten, wenn auch eintönig gewordenen Posten in einem großen Verlag an den Nagel gehängt, um als Leiter einer kleineren - interessanteren? - Bücherei in einer sehr viel kleineren Stadt für weniger Geld etwas Neues zu versuchen. Robert Stoltze hatte diesen Schritt hauptsächlich getan, um mehr Selbständigkeit, mehr Spielraum zu erlangen; er stand kurz vor dem Eintritt ins 40. Lebensjahr und war nicht länger bereit, sich von Vorgesetzten in die selbstgeköchelte Suppe spucken zu lassen. Der Enddreißiger hörte nämlich nicht nur wörtlich schlecht, er legte überdies Wert auf einen gewissen Freiraum zur Entfaltung seiner Kreativität, zum Ausprobieren neuer Ideen. Nur hatte er leider keinen Schimmer von Musik, schlimmer noch: er war unmusikalisch. Vieles sprach dafür, auf der Stelle kehrt zu machen. Zum einen hatte er nicht gewusst, dass es bereits einen Leiter gab - peinlich! Davon abgesehen, dass der Chef einer Musikabteilung nach seinem Dafürhalten etwas - Quatsch, alles über und von Musik wissen und verstehen, Musik studiert haben und nach Möglichkeit vier bis vierzig Musikinstrumente auf dem Effeff bespielen können muss. Er, Robert Stoltze, konnte nicht einmal Noten lesen, hatte infolge seines Handicaps nie am Musikunterricht teilnehmen müssen...

  Diese Bedenken, die er seinem Onkel, seiner Tante nach dem inkognito miterlebten Bürgertreff auseinanderzusetzen versucht hatte, stießen auf taube Ohren. Genauso gut hätte er vorm Bundestag reden können.
  "Musst du ja alles gar nicht, mein Bester", lautete die Entgegnung des Oheims mit der ganzen Schwere und Überlegenheit des Erfolgreichen. "Du sollst die Bude nur leiten, sonst nichts. Ein Geographielehrer muss doch auch nicht die ganze Welt bereist haben, um unterrichten zu können." Von diesem Vergleich nicht wenig angetan, setzte er gnädig hinzu: "Außerdem lernst du gewiss schnell, bei deiner Intelligenz. Zumal du in wenigen Wochen, wenn deine Abteilung erstmal steht, ständig von Musik berieselt sein wirst..."

  Das war vorige Woche. Robert Stoltze warf das Kabel fort und überblickte das Katastrophengebiet namens Baustelle mit einem inneren Schaudern, denn aus den wenigen Wochen waren inzwischen noch weniger geworden. Mein Gott.#

  Noch am selben Nachmittag war er eingezogen.


II. sabinesische formeln

  Der Termin zur Neu-Eröffnung der Saltener Bücherei war nach langwierigen Beratungen mit Architekten, Bauherrn und anderen lebenswichtigen Fachleuten in seltener Eintracht festgelegt worden, und was sie sagten, das galt.
  Im allgemeinen. Oft. Es war das mindeste.
  Schließlich hatten sie dafür bezahlt, oder würden bezahlen, sobald gewisse läppischen finanziell-bürokratisch-gesetzlichen Hürden übersprungen oder beiseite geschoben und das Projekt zu jedermanns Zufriedenheit fertiggestellt wäre.
  Und wie sie bezahlen würden. Nach einer derart noblen Vorgabe aus privater Tasche - hatten sie eine Wahl? Es galt, eine gewisse Prestige zu wahren, sich nicht lumpen zu lassen, aber auch - wusste man's? - sich nicht das Sabüheft aus der öffentlichen Hand reißen zu lassen. Privatisierung nannte man sowas und war im Kommen - nichts für Salten! Unter solchen Umständen war man beinahe gerne zu Opfern bereit und fühlte sich entsprechend gehoben. Was tat's, wenn die Gaben aus nicht-eignen, sprich: öffentlichen Taschen stammten: warum so kleinlich? meiner, deiner, unser - alles einerlei. Und ausgegeben wurden die paar Märker so oder so.

  Unterdessen wimmelte es am Hinterhuf vor Handwerkern in blauen, grauen, grünen - auf jeden Fall schmutzigen Overalls: oben, unten, draußen und dazwischen. Trotzdem war man von Anfang an nur langsam vorangekommen, bei aller Planung wie üblich den Wirt außer acht lassend - in diesem Fall einen mehräugigen Wirt. Wie die Luchsen lauerten die Sabiner, den kleinsten Verstoß, jeden Fehltritt aufzeigend - allen voran der Mutterluchs, hinter dem ein gewisser Fux sich unterm Deckmantel des Journalismus aufs Stänkern freute.
  Das war ärgerlich. Dazu die 'Ostblicker', die sich über jede Ausgabe aufregten und verlangten, das Geld lieber 'östlich' zu investieren, als wäre es ihr eigenes. Widerlich. Am liebsten hätten die Macher einfach alles herausgerissen, das ging schnell und sparte Geld. Die Sabiner-Luchsen hingegen wollten nur weg haben, was partout weg musste, alles andere war gefälligst instand zusetzen, mühselig zu flicken und zu pflegen, und wenn es nochmal so lange dauerte. Zeit ist bekanntlich relativ - zumal in einer Bücherei. Nun, die hatten nichts zu bestimmen - wer, was waren sie? Ein Häuflein realitätsfremder Weiber, sonst nichts. Hier hatte eindeutig das Städtebauamt das letzte Wort, und dessen Mannen waren einer Meinung, wenn auch auf vielerlei Art: der eine wollte es schnell, der andere billig, der nächste war ein notorischer Querleger oder wollte sich unbeliebt/beliebt machen, während der alte Notte lediglich seinem Sohn und dessen Baufirma einen lukrativen Auftrag zuschanzen wollte. Dennoch waren es die realitätsfremden Sabiner, die sich am Ende durchsetzten, ein einziges Wort mit Sesam-schließ-dich-Wirkung machte es möglich: Denkmalschutz.

  Der Huf, ursprünglich der Dienstboten- und Kindertrakt eines Schlosses, war ein schönes Bauwerk: alt und erhaltenswert. Auch ohne Schloss. Letzteres hatte Generationen überlebt, schien für die Ewigkeit gebaut; die stabilen Kellergewölben, durch einen langen eiförmigen Gang miteinander verbunden, waren bei Fliegeralarm im letzten Krieg stets gerammelt voll gewesen. Pech, dass 1945 ein winziges Bömbchen (luftiger Fehlpass der Operation XXX, deren Ziel eigentlich Hamburg war) sich nach Salten verirren musste, ein kleines Feuerchen im Hauptgebäude entfachend, dessen Lichtschein den Mann-am-Drucker zu zwei weiteren Spenden verleitete, die denselben Abnehmer fanden. Seitdem stand nur noch der Gesindetrakt, wegen seiner Form auch "Huf Saltens" genannt und imposant und altertümlich genug, Denkmalschützer auf den Plan zu rufen. Selbst wenn oder gerade weil es quasi der Stadt gehörte: ein Geschenk des letzten kinderlosen Schlossherrn, der sich nicht hatte träumen lassen, dass sein Großmut soviel Verwirrung stiften würde. Beabsichtigt war, den Kulturgütern Saltens, die im alten verfallenen Museum vor sich hinschimmelten, einen würdevolleren Rahmen zu verschaffen, ja - sie mittels Schlossinventar zu vergrößern. Nur überlebte der kerngesunde Mann seine drei Tanten nicht, die allesamt Dekaden älter als er selbst waren und denen das Schlossinventar zustand - dumm gelaufen. Nichts hatte diese dreifache Woge der Entrüstung besänftigen können, mit zitternden Nasenspitzen und unter Mitnahme sämtlicher beweglichen Güter hatten sie sich von der Stätte ihrer Enterbung entfernt, einen Strich durch die Museumrechnung des Neffen machend, dessen Endgültigkeit noch heute die Stadtväter zur Verzweiflung treiben konnte, denn jenes Dreiergepann hatte testamentarisch bestimmt, ihre beweglichen Güter in den Teich zu versenken oder ihrethalben an die Bayern zu verscherbeln, bloß - ins Schloss kam das Zeug nicht. Punktum. Rechnete man noch die Bedingung des Neffen hinzu, mindestens siebzig Prozent des Schlosses kulturell zu nutzen, eine harte Nuss. Ohne Tantenerbe reichte die bewegliche Kultur Saltens bei weitem nicht aus, während Tanten-Inventar plus Schloss plus Kulturgüter das kleinere Städtchen locker zu der Attraktion im Norden Deutschlands und darüber hinaus hätte machen können. Was sollte man machen? Die beweglichen Güter der Tanten kamen in die alten Büchereiräume, deren Bücher wiederum schlosswärts ausweichen mussten, wo sie Jahrzehnten später mitsamt Schloss zu Asche verglühten.

  Leider verlor jener 70%-Kultur-Klausel auch ohne Schloss seine Gültigkeit nicht; selbst nach dem Krieg wurden nicht mehr als 30% des übriggebliebenen Trakts nicht-kulturell belegt, während der Rest zu einer unübersichtlichen Anhäufung von Sperrmüll, Unrat, Ruine, Ungeziefer und ein paar Büchern verkam. Bis es der jetzigen Sabü-Leiterin Mitte der 70er Jahre gelang, aus einem Drittel des Durcheinanders so etwas wie eine Bücherei zu gestalten. Blieben noch 40%, die irgendwie beheizt, instandgesetzt und erhalten werden mussten - ein kostspieliges Unterfangen, das in niemandes Zuständigkeitsbereich fiel. Vier Jahre später kam die Erlösung in Gestalt eines Elektromeisters namens Janßen, dem die Räume günstig und langfristig überlassen wurden. Einzige Bedingung: der "Wirrkopf" - so das geheime Urteil vieler - dürfte keine Staubsauger oder beheizbare Bettpfannen führen, alles jedoch, was irgendwie harmonische Klänge von sich gab, konnte doch getrost dem Bereich der Musik, ergo auch der Kultur zugeordnet werden, oder? Geht doch. Bereits eineinhalb Jahrzehnte später prangte der Name Janßen an Filialen kreuz und quer durch Norddeutschland, wenn auch ohne den Wirrkopf selbst, denn der hatte inzwischen verkauft und sich in seiner Heimatstadt zur Ruhe gesetzt nach der Janßschen Maxime "wer hat, der hat...genug". Ein reicher und doch bescheiden gebliebener Mann, Saltener bis in den Knochen - so das offene Urteil vieler. Bloß den einen Laden, den allerersten am Huf, den behielt er. Vielleicht von den gleichen Motiven getrieben, die ihn veranlasst hatten, Waren im Werte von einigen Tausenden zu verschenken - aus Sentimentalität oder Dankbarkeit. Oder weil eine gewisse kleine Person mit weißen zierlichen Händen, die er bereits als Knabe von weitem anzuhimmeln pflegte, ihm den Vorschlag unterbreitet hatte, und zwar auf eine Art und Weise, die den Elektromeister hinterher in dem Glauben ließ, die Idee stamme von ihm selbst.
So entstehen Welten. So oder anders.


III. skating

  Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, irgendwie kriegten sie einen doch beim Wickel, die Weiber. Stephan saß vor Café Bellevue, Kaffee, Kognak und Melancholie vor sich auf dem Tisch - und grübelte. Gelegentlich unterlag der tüchtige Mann Anwandlungen fatalistischer Niedergeschlagenheit, bis er vor Rührung fast zerging. Nun, diesmal würde er sich nicht weichklopfen lassen. Kühl und ohne Erklärung oder Rechtfertigung würde er ihr sein schlichtes Nein entgegenhalten. Einfach so: nein. NEIN. Letztendlich war er ein Mann, verdammt noch mal, er kannte die Frauen im allgemeinen und dieses Exemplar im besonderen, aber hal-lo. Mit neunundneunzigprozentiger Sicherheit würde sie wieder mal versuchen, ihm eine brandheiße Story ausreden, oder - schlimmer noch - eine halblaue unterjubeln. Hoho, mit uns kann man's ja machen, wie? Entweder der Sexus butterte einen unter oder sowas Banales und Überflüssiges wie Dankbarkeit oder Geld. Doch diesmal nicht, nein! Irgendwann musste Schluss sein, hatten selbst seine Gutmütigkeit und Geduld ein Ende. Geld! Immer dieses verdammte Geld...
  Sich einen jähen Ruck gebend, beschloss Stephan spontan, seiner Frau das Geld, das sie ihm vor Ewigkeiten 'geliehen' hatte, damit er die Zeitung "SaNews" (damals noch "Marktschreier") kaufen konnte, vor die zarte Füße zu schmeißen samt Zinsen und Zinseszinsen, jawoll. Wer glaubte sie eigentlich, wer sie - oder besser, wer er war: Donald Duck? Gebannt blieb sein unruhiger Blick an einem Ader von enormer Dicke haften, der am Rücken seiner linken Hand bläulich vor sich hinpochte, sich enttäuscht abwendend, als dieses Zeichen seiner männlichen Erregung ohne Aufsehen verschwand.
  Wenn man sich für die Allgemeinheit einsetzte wie er - wer hatte SaNews zum Aufschwung, wer der Bücherei zu seiner Leiterin und umgekehrt der arbeitslosen Fräulein Wehde zu einem Job verholfen, na? - war es jedesmal ein brutaler Schlag ins Gesicht, dieses läppische "und wie steht's mit der Rechung von..." Als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. War es etwa seine Schuld, wenn er jeweils nur kurze Zeit bei Kasse war? Geld kam von irgendwoher und war entschwunden, bevor man richtig zugreifen konnte: die überfällige Gehaltserhöhung des Sportredakteurs, der in aller Öffentlichkeit mit der Konkurrenz liebäugelte, der Halunke, die Vergrößerung Saltens meistgelesener Zeitung um eine Feuilletonseite, ein Satz Kreuzworträtsel hier, eine Maschine, eine kleine Reparatur dort, und peng! schon stand man nackt und bloß da. Allein die Unsummen, die er dem gierigen Glaser in den Schlund werfen musste, weil die Versicherung ihn im Stich gelassen hatte - als würde er den verruchten Ziegelsteinwerfer anheuern, dessen Frust sich regelmäßig an der Verlagsfassade entlud... Teufel auch! sein Rücken straffte sich vor Entschlossenheit, während er gleichzeitig sein Kognakglas leerte: er würde künftig nur noch stabile Kunststoffscheiben nehmen, ha! Voller etwas, das er bei sich als Energie zu klassifizieren pflegte, zuckte er den rechten Arm, eine goldene Fliegeruhr enthüllend. Er runzelte die Stirn: siebeneinhalb Minuten Verspätung - sie ließ ihn warten... - da hört doch alles auf! Geniert sah er sich um, ein vergessenes Waisenkind, um das sich niemand kümmerte. Hatte die hübsche Kellnerin ihm nicht bereits scheele Blicke zugeworfen, oder - er grinste, sich selbstgefällig übers leicht, nur ganz leicht getönte Haar streichend: hatte sie am Ende ein Auge auf ihn geworfen? Das andere Geschlecht hatte eine Schwäche für ihn, keine Frage. Bloß die eigene Frau blieb ungerührt, ein wahrer Eisklotz. Sicherlich war dies ihren Jahren zuzuschreiben - früher, als sie noch verheiratet gewesen waren, war das gänzlich anders gewesen, oh là là. Plötzlich erinnerte er sich daran, dass sie im gleichen Alter waren, eilends widerrufend, denn er, er fühlte sich noch jung. Er war jung. Wie um sich dies zu bestätigen, zwinkerte Stephan der Kellnerin zu und vermerkte nicht ohne Genugtuung, wie sie leicht errötete. Na also, an ihm konnte es nicht liegen, er lag noch gut im Rennen. Wenn seine Frau unbedingt die...

  "Es muss schlimm um dich bestellt sein, wenn du bereits am hellichten Tage deine Verführungskünste testen musst", brach eine vertraute Stimme, wohltönend und doch von bedauerlich nüchterner Trockenheit, in seine Reflexionen über Sexappeal ein.

  Kein bisschen verlegen sprang er auf, ihr mit strahlender Unschuldsmiene einen Stuhl zurecht rückend. "Eifersüchtig?" gab er gut gelaunt, aber ohne Überzeugung zurück, nachdem er ihren Wunsch nach einer Tasse Kaffee an die zum bloßen Statist degradierten Kellnerin weitergegeben hatte.
  Merkwürdig, seit sie geschieden waren, verstanden sie sich besser. Sie war nachsichtiger, verständnisvoller, so dass ihm hie und da der naheliegende Gedanke kam, es noch einmal mit ihr zu versuchen, ja - manchmal fragte er sich verwundert, warum sie sich überhaupt hatten scheiden lassen, wegen seiner Seitensprünge etwa? Lächerlich. Im Grunde seines Herzen war er ein treuer Mensch, bloß... diese - nicht direkt Schwäche, nein, diese Gutmütigkeit Schwächeren gegenüber, zumal Frauen, verleitete ihn zu gelegentlichen Anfällen von...von...Selbstverleugnung - genau, das war das richtige Wort: Selbstverleugnung - ein guter Journalist findet immer und überall das richtig Wort...

  Wie zwischen Geschiedenen manchmal üblich zogen sie sich zunächst mit für den Partner peinlichen oder unerfreulichen Erinnerungen auf, bis Stephan nach einem Arm-streck-Uhr-her-Reflex zur Sache kam.
  "Wenn ich deine Ausführungen am Telefon richtig verstanden habe, möchtest du, dass ich die 'Stoltze raus'-Kampagne fallenlasse. Hierzu hätte ich allerhand zu sagen, kürze aber ab: nein. Ich sehe nicht ein, weshalb..."

  "Meinetwegen", unterbrach sie seine verlängerte Kurzversion. "Tu, was du nicht lassen kannst."

  Sofort kamen ihm Zweifel. "Was soll das heißen? Warum sollte ich?"

  Karin zuckte die Achseln, genießerisch von ihrem dampfenden Kaffee nippend, der prompt erschienen war. Eines musste man Stephan lassen, er kannte sämtliche guten Lokale der Umgebung. "Es ist schließlich deine Sache. Bloß - wenn du es tust, dann nicht meinetwegen, nicht der Sabü oder deinen Lesern zuliebe. Schon eher um überschüssige Energien" - sie warf einen angeödeten Blick Richtung Kellnerin - "loszuwerden oder aus Spaß an Skandälchen, Herumstänkern, Rufmord, Klatschsucht und dergleichen. Mir soll es egal sein, wenn du deine journalistische Berufsehre mit Füßen treten willst - nur zu."

  Das musste er erst verdauen. Er saß still da, die Augen weit offen, einem Bernhardiner, dem man den Schwanz überfahren hatte, nicht unähnlich.

  "Der Neue hat sich gut eingearbeitet", setzte die Ruchlose hinzu, ein Gähnen unterdrückend. "Bisher jedenfalls hat es noch keine Beschwerden gegeben, im Gegenteil, ganz Salten scheint Richtung Musikabteilung zu pilgern - zumal der weibliche Teil. Ach", unterbrach sie sich, ihm einen schiefen Blick zuwerfend: "Daher weht also der Wind: Angst vor Konkurrenz?" Seinen sich zum Protest öffnenden Mund ignorierend, fuhr sie geschmeidig fort: "Die Einrichtung und Unterteilung hat er ansprechend und nicht ohne Geschmack hingekriegt. Er ist ruhig-höflich bis freundlich, sehr eifrig, was seine Aufgabe betrifft, fast schon begeistert - kurz: er macht sich."

  "Uff", machte Stephan, sich allmählich erholend. "Soviel Lob habe ich während unsrer ganzen Ehe nicht von dir zu hören bekommen." Er hob einen anklagenden Finger. "Gib's ruhig zu, Karin, sein knackiger Po hat's dir angetan. Ich habe mir den Burschen übrigens vorgeknöpft. Er war nicht sehr gesprächig." Nicht sehr gesprächig? Außer Guten Tag, Sie wünschen, Wie bitte, Nein und Wiedersehen hatte der Kerl keinen Ton von sich gegeben. Das war es ja, was ihn so gekränkt hatte, mit ihm konnte man doch reden.
  "Er sieht aber nicht übel aus, wenn man auf braunäugige Chorknaben steht. Na, bist ja im genau richtigen Alter für so junges Gemüse, Torschlusspanik undsoweiter. Ganz schön praktisch, so nahe beieinander zu wohnen, gell? Wer weiß, was sich nachts so - au!" Er rieb sich in ungespieltem Schmerz das Schienbein. ">>Allzuviel Körperlichkeit ist ein Zeichen von mangelndem Geist<<, plapperte er gedankenlos ein Zitat nach, das seine Ex-Frau früher auf seine Eskapaden hin anzubringen pflegte. Er merkte es im nächsten Moment selbst und tat ihr dann den Gefallen, die Augen niederzuschlagen. Ganz kurz.

  Wie auf Kommando lächelten sie sich fast liebevoll zu, einer dieser seltenen Augenblicke stummen Einverständnisses, wie man sie nach langer Bekanntschaft mitunter erlebt.

  "Warum versuchen wir's nicht nochmal miteinander?" verdarb Stephan in typischem Elefantentum die Stimmung. Prompt rief Karin nach der Rechnung.

  "Also schön", seufzte der Abgewiesene entsagungsvoll. "Kein Artikel über deinen Loverboy" - er sprach es 'Lüfferbeu' aus, was Karin zu einer gequälten Grimasse veranlasste, die er auf seine Weise deutete: "Kein Grund zur erneuten Körperlichkeit, bloß ein kleiner Scherz unter Freunden. Aber eins sage ich dir", fügte er im Tone eines trotzigen Jungen hinzu, "so glimpflich kommt unser Äppie nicht davon. Wie kann ein einzelner Mensch so nachtragend sein?"

  Karin zuckte die Achseln. Der Bürgermeister und sie waren vor Jahren kräftig aneinander geraten, als die Leiterin auf (Originalton K. Wehde:) "hm, etwas unorthodoxe Weise" die Bücher-pro-Kopf-Zahl hatte erhöhen wollen. Damals war von einer Bücherei nicht viel zu sehen und Geld gab es auch keins, jedenfalls nicht dafür, und so war Karin auf die nicht eben neue Idee verfallen, Briefe an mehrere Verlage zu senden mit der Bitte um leicht beschädigte Ware. Nichts Anrüchiges also. Leider hatte sie es versäumt, gewisse Formulare auszufüllen und bei den Behörden Bitte-bitte zu machen. Hanspeter Hammsen, zu jener Zeit ein bloßer Strich in der Politlandschaft, hatte Wind davon bekommen und ordentlich gestänkert. Er war eben kein Saltener, der Arme. Wie nicht anders zu erwarten, ging der Schuss nach hinten los: Salten stellte sich fast geschlossen hinter Karin, und Äppie verlor das bisschen Prestige, das er sich bis dahin hatte zusammenkratzen können und musste von vorne anfangen...

  Stephan blinzelte, war wieder obenauf. "Heute habe ich nämlich eine Verabredung mit seiner Frau. Hat mich zu sich gebeten, unsre Fürst Läddie."

  "Dein Englisch wird immer besser", spottete sie. "Was hast du vor?

  Sofort holte der geborene Redner Luft, sich in Positur werfend. "Der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen", tönte er mit feiner Zurückhaltung. "Nicht mehr, nicht weniger." Normalen Tones erläuterte er: "Ich werde unsrer Fürst Läddie ein wenig zeigen, wo es langgeht..."

  Karin erhob sich, nachdem sie das Geld für ihren Kaffee auf den Tisch gelegt hatte. "Pass lieber auf, dass es nicht umgekehrt wird", konnte sie sich einen letzten Schuss nicht verkneifen, bevor sie sich grußlos wie stets davon machte.

  Er schnaubte auf. Immer dieses pessimistische Bangemachen, jetzt wusste er wieder, warum sie sich hatten scheiden lassen. Positiv denken oder 'zink poßitiff', wie er sich gelegentlich auf Englisch anspornte - das war mehr nach seinem Gusto. Während er den Wagen gen Norden ins Penatenviertel lenkte, stellte er Betrachtungen an über Frauen und deren Hang, immer das letzte Wort behalten zu wollen, wobei er - nur zum Spaß, versteht sich - an dem letzten Satz Karins herumrätselte: "umgekehrt" - was sollte das wieder heißen? Er wurde noch mit jedem Dämchen fertig, vom Stubenmädchen bis zur Päpstin, aber hal-lo! Andrerseits pflegte Karin den Nagel exakt auf dessen Kopf zu treffen, unangenehm für einen Mann, der ungern Fehler zugab, im Grunde nie welche macht...

  Stephans Hochachtungskurve für dieses spezielle Dämchen machte einen Knick nach unten, als er beinahe sofort vorgelassen wurde. Von den oberen Kreisen war er als Vertreter des einfachen Volkes längere Schmorzeiten gewohnt: hatte sie etwa ein schlechtes Gewissen?

  Von Geburt an mit den allerbesten Voraussetzungen ausgestattet: Name, Aussehen, Geld, Intelligenz, Erziehung und Geschmack, hatte Dorothy Hammsen lediglich das männliche Geschlecht gefehlt, um UN-Botschafter, IBN-Manager oder - mit etwas weniger Glück - Bundeskanzler zu werden. Doch ihre Familie hatte die traditionelle Tochter-aus-gutem-Hause-Erziehung für ausreichend gehalten, und zu jener Zeit taten Töchter noch, was wohlmeinende Eltern für das Beste hielten. Bis zu einem gewissen Grad, der junge Mann, den sie später ehelichte, entsprach diesem Besten jedenfalls nicht: was/wer war er schon? Ein Emporkömmling der untersten Stufe, Sohn eines Angestellten und ohne auch nur einen Tropfen Saltener Blut. Indiskutabel. Zugegeben, er war ein passabler Anwalt mit Ambitionen, und warum sollte er als Nicht-Saltener nicht ein paar gute Attribute sein eigen nennen - hat es alles schon gegeben. Die Ureinwohner waren in dieser Beziehung tolerant, so manch Saltener hätte beide Arme geöffnet, froh, einen so tüchtigen Mann zum Schwiegersohn zu bekommen - aber eine echte Gotha...? Oi.

  Stephan Fux besah sich diese echte Gotha genau, die Warnung seiner Frau noch im Ohr: Immer noch gut aussehend, wenn man den Typ älterer, kühler Blondine à la Grace Kelly mochte, saß sie klein, aber kerzengerade ihm gegenüber, die Hände wie abwartend im Schoß ruhend. Die Zeit hatte es gut mit ihr gemeint. Früher attraktiv, besaß sie im besten Alter das, was man gemeinhin einen Charakterkopf nennt. Sie trug ihr kurzes glattes Haar schlicht nach hinten gekämmt, jedem halbwegs sensiblen Betrachter die Sensation vermittelnd: Hier sitzt keine bloße Frau, hier sitzt eine Herrscherin - kniet nieder.
  Stephan dachte nicht daran. "Nepotismus ist ein hässliches Wort, meinen Sie nicht auch, liebe Dorothy?" eröffnete er nach knappem Gruß das Gespräch mit einer Kampfansage, den Oberkörper in freudiger Erwartung vorgebeugt.

  Sie nickte knapp, offenbar auf eine Fortsetzung wartend.

  Er schluckte seine Enttäuschung herunter. "Leider legt meine Frau aus unerfindlichen Gründen keinen Wert auf eine nähere Beleuchtung der Umstände, wogegen es natürlich meine Pflicht als Verleger, Redakteur, Journalist und Bürger dieser Stadt ist, die Angelegenheit restlos aufzuklären..."

  "Warum?" tat sie zum ersten Mal von sich aus den Mund auf.

  Etwas aus dem Konzept gebracht holte Stephan Luft. Die unehrerbietige Unterbrechung gemahnte ihn an Karin. Sicherlich, dachte er spöttisch, würden die beide Frauen bestens verstehen - wenn Äppie nicht wäre.

  "Der Gerechtigkeit wegen. Zum Beispiel."

  "Gerechtigkeit?" echote sie. "Wie meinen Sie?"

  Über Stephans Gesicht zog ein Ausdruck, den Männer bekommen, wenn sie am liebsten 'das verstehst du ja sowieso nicht' gesagt hätten, sich aber nicht trauen.
  "Nun, nehmen wir mal die gewiss lästige Tatsache, dass Ihr Neffe kein Bibliothekar ist und..."

  "Biblio", fiel die echte Gotha ihm abermals ins Wort, "hat meines Wissens etwas mit Büchern zu tun, Roberts Aufgabengebiet dagegen weniger."

  Er ergänzte die läppische Zwischenbemerkung: "...und hat auch mit Musik nichts am Hut, kann nicht einmal Hänschen Klein auf der Blockflöte..."

  "Sollte er das?"

  "Abgesehen davon, dass eine der älteren Angestellten, etwa Olga oder Renate, der Posten eher zugestanden hätte..."

  "...obwohl sie ebenso wenig Bibliothekare sind wie Sie und ich und ganz gewiss nicht Musik studiert haben. Blockflöte wäre ihnen allerdings zuzutrauen."

  "Darf ich meinen Satz endlich zu einem Ende bringen?" bellte er fast.

  Sie lächelte. "Aber bitte."

  "Ihr Neffe hat mehr Medieneinheiten unter sich als meine Frau, immerhin seine Vorgesetzte - finden Sie das gerecht?" Im Bibliothekswesen laufen Bücher, Zeitschriften, Kassetten undsoweiter unter dem Oberbegriff Medieneinheit; Stephan war nicht umsonst jahrelang mit jemandem vom Fach verheiratet gewesen.

  Das kurze Aufblitzen ihrer blauen Augen hätte ihn warnen müssen: "Sie können ja tauschen."

  Einen Moment lang verschlug es ihm die Sprache, bevor er die Faust auf sein Knie niedersausen ließ. "Ich bitte Sie! Meine Frau pflegt nur solche Aufgaben zu übernehmen, zu denen sie auch befähigt und befugt ist", konterte er. "Hinzu kommt, dass ein solcher Tausch ein Abstieg darstellen würde, ist sie doch jetzt indirekt Leiterin zweier Abteilungen, während Herr Stoltze..."

  "Doktor Stoltze", unterbrach sie zum fünften Male, seine mangelnde Logik einstweilen unter den Tisch fallen lassend.

  "Wie bitte?"

  "Die vollständige Anrede würde in etwa lauten: Dr. phil. nat. Dr. sc. techn. - so genau weiß ich es nicht, mir hat ein einfaches Diplom gereicht."

  Gegen seinen Willen beeindruckt, entspannte seine Faust sich zu einer Kralle: Philosophie? Ob das der Grund für Karins unverständliche Nachsicht war? Zusammen mit John wären das ja drei verrückte Philosophen unter einem Dach - das konnte noch heiter werden...

  "Was also schlagen Sie vor?" erklang Doros kultivierte Stimme in seine Gedanken hinein.

  Stephan strahlte. Ja, wenn jeder solche Fragen stellen würde...
  "Es wäre ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn nun auch die Bücherbestände vergrößert würden." Er unterzog seinen Fingernägeln eine genaue Inspektion, aus dem Augenwinkel auf ihre Reaktion lauernd. Seine Brust weitete sich: sie fraß ihm ja aus der Hand! Wenigstens dieses eine Mal also irrte Karin also, und er...
  "Ist ohnehin fällig", packte er übermütig eine kleine Lüge obendrauf.

  "In Ordnung. Ich werde es arrangieren."

  Stephan bekam runde Augen. "Sie meinen...", fing er verwirrt an.

  "...dass unser interessantes Gespräch beendet ist", ergänzte sie beinahe heiter, ihn hinausgeleitend. "Obwohl", hielt sie ihm zuvorkommend die Haustür auf, ein maliziöses Lächeln auf den Lippen, "ich etwas enttäuscht bin. Für einen Journalist und Ex-Bibliothekarin-Ehemann" - sie betonte die Vorsilbe 'Ex' in einer für sein Gefühl unnötiger Weise, ihn erneut an Karin erinnernd - "sind Sie denkbar schlecht informiert. Selbst ohne die Medieneinheiten der Musikabteilung liegen wir nicht zuletzt dank Ihrer Exfrau über den Durchschnitt in Schleswig Holstein, der in ganz Deutschland unübertroffen ist. Sie ist ergo Leiterin einer der pro-Kopf-größten Büchereien weit und breit, und da sie mir als vernünftige Person bekannt ist, wundert mich ihre friedfertige Einstellung durchaus nicht. Ihre hingegen..." Sagte es und schloss sachte die Tür, den Verleger, Redakteur, Journalist und Bürger ihrer Stadt wie den nächstbesten Vertreter auf ihrer Schwelle stehenlassend.


IV. fading

  Die erste Begeisterung, das Staunen, aber auch das anfänglich geniert-beklemmende Fremdsein war dahin. Doch selbst nach einem knappen Vierteljährchen konnte Robert sich beim Anblick des länglichen Raumes ein Frohlocken nicht verkneifen: dies war sein Reich, hier konnte ihm keiner reinreden. Bis jetzt jedenfalls hatte der Boss sich nicht eingemischt, schien mit seiner Arbeit zufrieden.

  Anstatt links und rechts, wie ursprünglich geplant, bestand die neue vergrößerte Sabü aus einem Oben und Unten, dies erwies sich als praktischer. Das dicke, ohnehin brüchige Gemäuer zwischen der alten Bücherei und dem ehemaligen Elektroshop hatte man behutsam entfernen müssen, dafür stabile Pfeiler einsetzend, die Robert mit den intakt gebliebenen Ziegelsteinen kreativ, mit nostalgischen Lücken für weitere Bücher, verblendet hatte. Unten reihten sich die Bücher um die Buchungstheke, die vorne am Eingang ihren alten Standort beibehielt, links und rechts zwischen den beiden WCs unter der Treppe bis zum Lesesaal und der Kinderecke; indes der Neue es sich oben zwischen Musikkabinen, Badezimmer fürs Personal, Büroräumen und dem großen Allzweckraum sehr breit gemacht hatte. Platz war ja vorhanden. Neben der geräumigen Wendeltreppe aus Naturholz hatte die Phonothek direkt über der Buchungstheke seinen Platz erhalten. Von hier aus steuerte Robert die verschiedenen Elektrogeräte, hier wurden die zum Teil recht teuren Kassetten, die per Lift mitsamt Leseausweis nach unten zum Verbuchen weitergeleitet werden konnten, unter Verschluss gehalten. Der Lift, ein umgebauter Schornsteinkamin von der Größe eines Umzugskartons, war eine Konstruktion Roberts, der erkannt hatte, dass eine Extratheke oben ihm eine Kollegin eingebrockt und seinen Burgfrieden gefährdet hätte, auch wenn er diese ungesellige Einstellung hinter Sicherheitsgründen verbarg. Eine weitere Absicherung, diesmal gegen Eindringlinge von außen, stellten die Gitterstäbe an den Fenstern dar, die wegen Denkmalschutz hatten innen angebracht werden müssen. Die arme Beate musste jedesmal eine 7-Meter-Leiter hinaufkeuchen, um die großen Fenster der ersten Etage von außen putzen zu können.

  Die Eröffnung hatte überraschenderweise pünktlich stattfinden künnen, doch auch Wochen später gab es noch das eine oder andere zu richten, zu reparieren, um- oder anzubauen, so dass Robert seine 'unmittelbar bevorstehende' Kündigung immer wieder hatte hinaufschieben müssen, denn solche Arbeiten blieben in der Regel an ihm hängen. Immer schwerer wurde es ihm, und immer öfter stellte er einem unsichtbaren Feind die stumme Frage, mit welchem Recht irgendein junger Schnösel, frische Schulbankspäne an der Juppie-Hosenfalten und Biblio/Musikdiplom in der Tasche, sich anmaßte, auf seinen hart verdienten Lorbeeren ausruhen zu dürfen. Zu dem Trotz gesellte sich Kampfeslust und die unvermeidliche Frage: warum nicht?
  Warum sollte er es nicht wenigstens versuchen?
  In seinem "Luxusappartement", einer asketisch eingerichteten Junggesellenbude mit Matratze, Kühlschrank, Kochplatte und Stereoanlage, stapelten sich mittlerweile die diskret in benachbartem Hamburg gekauften Sachbücher über Musik; von dem Platten- und Kassettenberg einmal abgesehen: er selbst war momentan sein bester Kunde. Abend für Abend klemmte er die Schweinsohren zwischen Buchdeckeln oder Kopfhörern in dem Bemühen, sein leeres Musikfass zu füllen, und sah bzw. hörte immer noch dessen Boden. Natürlich war ihm klar, dass alles Fachwissen der Welt seine mangelnde Musikalität nicht würde beheben können, fragte sich aber immer häufiger: musste es das? Hier hatte er alles, was er brauchte: Bücher und Ruhe. Herrlich.

  Robert warf einen prüfenden Blick nebenan im Allzweckraum, in dem am Abend eine Vorlesung gehalten werden sollte, und stieg, zufrieden, aber lautlos vor sich hinpfeifend, die Treppe hinunter zur Bücherei. Es war ihm bislang nicht gelungen, gewisse Leute von der Notwendigkeit eines direkten Zugangs von der Sabü ins Treppenhaus, oder gar von der Musikabteilung bis zur eigenen Wohnung zu überzeugen, obwohl er sich bereit erklärt hatte, die Arbeiten hierzu selbst auszuführen. Nun gut.

  Er warf Renate, die hinter der Buchungstheke thronte, im Vorbeigehen den Schlüssel zur Phonothek und eine Kusshand zu und beeilte sich, ein paar Türe zwischen sich und deren unausweichlichen Entrüstungsschreien zu bringen. - Er liebte seine Kollegen, im nachhinein heilfroh, nicht deren Boss sein zu müssen... Vor sich hin grinsend trottete er um den Huf zur Emma. Offenbar besaß der Saltener Wind den Appetit anregende Nebenwirkungen, sein Kühlschrank jedenfalls knurrte vor chronischer Leere. Es blieb ihm nichts übrig als zu hungern oder sich gelegentlich vormittags vertreten zu lassen, wenn nicht viel los war. Der Schlossplatz, eingeklemmt zwischen Hufenden und beginnender Fußgängerzone, war schon lange kein richtiger Platz mehr, glich eher ein breiter Durchgang mit Esche. Loyal wandte sich Robert nach links, den günstigeren Supermarkt am anderen Ende der Fußgängerzone verschmähend. Noch während die Türglocke erklang, stellte er nach kurzem Rundblick erleichtert fest, dass der Laden bis auf 'Emma' leer war.

  "Hallo, Robert. Wieder mal Leerlauf?" Sie tauschten Scherzworte, nachdem er ihr eine lange Einkaufsliste überreicht hatte. Selbstverständlich hieß sie nicht Emma. Beate und Alice hatten ihn längst über jeden Hufanwohner und darüber hinaus informiert. Trotz einhundertzweiundachtzig Zentimeter ohne Schuh, eckiger, eher burschikoser Gestalt und kurzer rotblonder Haare war "Emma" auf den Namen Isabel getauft worden, was sie ihren Eltern nie verziehen hatte - sie hielt es für blanker Hohn. Obwohl keine direkte Verwandtschaft bestand, erinnerte ihre Art Robert an seinen neuen Boss: eine gewisse Forschheit, Trockenheit, die weiß-Gott-was kaschieren sollte, aber niemand zu täuschen vermochte. Isa war das Produkt zweier Rastlosen, die es auf insgesamt siebeneinhalb Ehen (die eine mit Onkel Martin, diesem Filou, wurde wegen eines Formfehlers für ungültig erklärt, zählte also bloß halb) brachten, einmal sogar miteinander. Was Wunder, wenn Isa seit über fünfzehn Jahren mit ein und demselben Mann in ihrer Meinung nach anti-ehelicher Form zusammenlebte, trotz einer Tochter, deren Farben - milchkaffeebraune Samthaut, etwas dunkleres Haar und noch dunklere Augen - nicht nur die Nachbarjungen faszinierten.

  Beladen mit vier Original-Emmataschen aus reiner Baumwolle schritt der Neue frohgemut zum Fleischer nebenan, obwohl dessen jovial-polternde Art ihm oft das Gefühl gab, noch kurze Hose und Zahnspange zu tragen.

  "Ha! Moin, Robbie, alter Lustknabe, wieder auf der Pirsch?! Was kann..." Wie von hinten mit der Keule traktiert, erstarrte das professionelle Begrüßungsgrinsen und Arnolds Worte schienen gleichsam in der Luft festzufrieren, bekamen einen metallic Klang der heavy Sorte: "Sie wünschen?"

  O-oh, zwickte Roberts Hose unversehens. Schnell seine Bestellung herunterhaspelnd, konnte er es kaum abwarten den Laden wieder zu verlassen. Bisher hatte er sich mit der Schmidfamilie gut vertragen, vor allem Mathes Computerbegeisterung, Ruths Einfühlungsvermögen und Michas erfrischende Art hatten dafür gesorgt. Und nun dies. Ein wetterwendisches Völkchen, diese Saltener. Lag wohl am Wind. Höflich grüßend machte er kehrt, musste dann - oh Peinlichkeit! - noch einmal zurück, seine Taschen holen und wäre auch durch einen Zuruf aus dem Fenster neben der Fleischerei nicht zu bremsen, wenn Ruth nicht kurz darauf ihren Kopf hinaus gebeugt hätte:

  "Robbie! Warum diese Eile? Bleib doch zum Essen, Junge." Die Fleischerfrau zwinkerte ihm mütterlich-verführerisch zu: "Es gibt Rinderroulade und hausgemachte Rotkohl ohne Chemie und Fräulein." Beim letzten Mal hatte Robert sich mehr oder weniger beschwert, alle Mütter lediger Töchter würden ihn zum Essen einladen.

  Verlegen schüttelte Robert den immer noch hochroten Kopf. "Danke - ein andermal..."

  Verwundert sah Ruth dem Jüngeren nach, bis der außer Sicht war: was hatte der? Vater war doch nicht cholerisch geworden, oder? Kam in letzter Zeit häufig vor.

  Sie japste kurz, als sie von hinten gepackt und einmal um die eigene Achse gewirbelt wurde.

  "Du träumst ja am hellichten Tag, Mut. Hier spielt die Musik! Soll ich den Tisch decken, kleine Frau?"

  Erfreut drehte sie sich um, ließ sich mit gespieltem Widerwillen die Rippen zerdrücken und schob ihren jüngsten Sohn dann von sich.

  "Und? Wie war dein Tag?" erkundigte sie sich in unbetontem ich-weiß-es-geht-mich-nichts-an Ton, während sie das Geschirr ins Speisezimmer trugen. Dieses Ritual fand beinah täglich in gleicher Form statt. Michael versuchte dabei hartnäckig, seine Mutter mit Lehrerparodien und Schülerstreichen zum Lachen zu bringen, indes Ruth ihr Bestes tat, ein ernstes Gesicht zu bewahren. Meist endete der ungleiche Kampf damit, dass Ruth ihren Sohn mit zuckendem Mund bat, Vater und Brüder zu holen.
  Diesmal hielt sie den Jungen am Ärmel zurück. "Vor dem Nachtisch verschwindest du besser", flüsterte sie, als habe das Fleisch noch Ohren.

  Micha biss sich auf die Lippen. "Schon wieder..."

  Sie nickte nur, emsig dampfenden Rotkohl in eine vorgewärmte Schüssel schaufelnd.

  Entschlossen schnappte er sich zwei Topflappen und nahm ihr die Schüssel ab. An der Tür zögerte er. "Und du? Wir könnten ins Kino."

  Ruth warf ihm einen gerührten Blick zu. Sich im besten Pubertätsalter mit der eigenen Mutter in der Öffentlichkeit zeigen zu wollen, dazu gehörte einiges - und dann gar ins Kino. Natürlich rechnete er mit einer Absage, trotzdem...

  "Läuft denn ein schöner Liebesfilm mit Gregory Peck?" fragte sie unschuldsvoll.

  Seine Wangen röteten sich. "Ich dachte nur, wenn..."

  "Bring lieber den Rotkohl rein und hol die anderen", unterbrach sie das Gestammel nachsichtig. "Das Essen wird kalt."

  Trotz männlicher Übermacht verliefen die Mahlzeiten in der Regel erstaunlich gesittet, zumindest in diesem Punkt hatte Ruth sich durchsetzen können. Arnold profitierte davon am meisten, den Löwenanteil des Tischgespräches in aller Muße bestreitend, wie sich das für ein Familienoberhaupt gehörte. Der Fleischer bedankte sich auf seine Weise mit kleinen Anekdoten und Schrullen, die seine Kundschaft unfreiwillig zur Verfügung stellten, gelegentlich bohrende Zwischenfragen nach den Schulleistungen Mathes und Michaels, sowie Erkundigungen nach Tommis neuesten Bemühungen um eine passende Lehrstelle einbombend, wenn er das Gefühl hatte, eins der Jungs passe nicht auf. Nur Björn, sein Nachfolger, dürfte vorläufig ungestört essen. Eine echtdeutsche Familie vom alten Schlag also, allen voran Arnold: groß, blond und breit, mit blauen Augen und feisten Backen, etwas übergewichtig vielleicht - und laut.

  "Rate mal", wandte dieser Kieferschrank sich schmatzend an seine Frau, wobei weder Kohl, Kartoffeln noch Roulade imstande waren, die Phonzahl seiner Stimme zu dämpfen; er hob sie sogar - als befänden sich die leckeren Sachen in den Ohren seiner Zuhörerschaft statt im eigenen Mund. "Rate mal, wer kurz vor Ladenschluss einen argentinischen T-Bone-Steak verlangt hat? Dein Bobbyboy!"

  "'Mein Bobbyboy', also Vater", gab sie leise tadelnd zurück, sich dann trotz der zur Schau getragenen Missbilligung ihres Mannes zu der Frage hinreißend, warum er den jungen Mann nicht zu Essen dabehalten habe. "So ein netter Mensch, und so wohlerzogen."

  "Soooo ein netter Mensch", ahmte Arnold aufgebracht nach, seine Söhne der Reihe nach mit rollenden Augen auffordernd, ja aufzupassen, gleich käme der Hammer. "Und sooooo wohlerzooogen..."

  "Hast du doch letztens auch gemeint", nahm Micha die Mutter in Schutz.

  Sein Vater schien es nicht gehört zu haben. "Ein Wolf im Schafspelz ist das, mit Kreide an den Riesenpfoten und Schmachtstimme!" dröhnte er. Seine Wangen hatten sich gerötet und er keuchte fast. "Ist der Kerl doch wahrhaftig seelenruhig mit einer halben Waggonladung Emmataschen zur Tür reinspaziert und wünscht mir auch noch scheinheilig einen 'Guten Taaach' - Frechheit!"

  Vor Michas geistigem Auge erschien ein mannsgroßes Schaf mit dunklen Locken und langen weißen Hinterbeinen, Bücher in den Wolfstatzen und Baumwolltaschen um jedes Schafsohr. Der Junge prustete los, hustete und wurde von dem neben ihm sitzenden Björn mit mächtigen Rückenschlägen traktiert, bis er den lieben Bruder halberstickt bat, damit aufzuhören.

  Das Familienoberhaupt wartete in erzwungener Ruhe das Ende dieses Intermezzos ab, den beiden einen gestrengen Blick zuwerfend gemäß seines Erziehungsprinzips 'weniger ist mehr'.
  "Und sowas", setzte er grollend sein Klagelied fort, "hat die krummen Beine unter meinem Tisch gehabt. Kauft bei unserer ärgsten Konkurrenz ein und sagt noch" - er schraubte seinen Bass in für ihn schwindelerregende Höhen und krächzte: "Guuuuten Taaaach!" eine Hand mit abgeknickten Fingern hin und herwedelnd und mit den Augenlidern klimpernd.

  Seine Söhne lachten herzlich über diese Vorstellung, nur Micha stach heute der Hafer. "Wieso 'ärgste Konkurrenz'? Die verkaufen doch kein..."

  Krachend schlug die Faust des Fleischers auf den Tisch nieder. "Und", nahm er den Faden auf, als klebe der Einwand Michas nunmehr platt am Tisch, wo er hingehörte, "stellt seine blöden Brown-Taschen direkt vor meine Nase ab. Brown" - durch den Erfolg seiner Schwuchtelparodie aufgepeitscht, versuchte er es mit einem näselnden Ami-Akzent, den John Brown gar nicht draufhatte - "der den lieben langen Tag auf seinem Hintern hockt, um ab und zu ein Wörtchen schreiben zu können. Deutschland erstickt vor lauter Johns und Alis - wisst ihr, was die mir allesamt können?!" Schwer atmend hielt er inne und starrte mit geröteten Augen auf seinen Teller. Er hatte eine lausige Nacht gehabt, knappe zwei Stunden Schlaf, war erkältet. Dazu die Schmerzen und ein Kundenandrang, der seine Plackerei Hohn zu sprechen schien. Und die unbezahlten Rechnungen, das Fleisch, das weggeworfen werden musste, weil die Kundschaft ausblieb und in seinem Gefrierraum kein Platz mehr war. Und die Emmataschen, prallgefüllt, obwohl die da drüben sich keine Mühe gaben, nicht mal soviel. Und, verdammt, die schwache, aber doch überdeutliche Missbilligung seiner Frau, obwohl sie sich wunderbar zu beherrschen wusste, sobald ihr Vater, dieser Ex-Nazi, über Ausländer herzog, von den vorlauten Bemerkungen seines jüngsten Sohnes, dieses Dreikäsehochs einmal abgesehen... Lohnte sich die ganze Mühe überhaupt? Merkten sie nicht, wie schlecht es ihm ging, wie sehr er sich für alle abrackerte - und wozu? - Ja und? - er hatte unrecht, gut - der Laden gehörte Isa und nicht John, schön - sie war ihm keine Konkurrenz. Aber auf wen sollte er sonst schimpfen, auf einen Supermarkt, dem es egal war - dürfte er denn nicht einmal im eigenen Haus ein wenig Dampf ablassen?!

  "Kann es sein", erklang die ewig beschwichtigende Stimme Ruths in seine stummen Wehklagen hinein, "dass Robert noch nicht so recht Bescheid weiß? Er ist noch relativ neu hier, Vater."

  Das hatte ihm noch gefehlt, fiel ihm die eigene Angetraute in den Rücken!
  "Er ist noch relaaaativ neu hier, Vaaaater", ahmte er ihre Sprechweise nach, sich abermals an die Söhne wendend. "Habt ihr`s gehört, Jungs? So sind die Weiber, merkt's euch gut! Braucht bloß etwas Junges mit dem Knackarsch zu wackeln, und schon liegt das schwache Geschlecht hechelnd auf dem Bauch. Hat er außerdem noch ein hübsches Gesicht, ist jünger und solo, verlieren sie auch noch ihr letztes bisschen Verstand. Falls", grinste er hämisch, "sowas überhaupt vorhanden ist."

  "Arnold Schmid." Sie hob nicht einmal die Stimme, und doch schienen Welten in diesen drei Silben zu liegen.

  Wie von einem mächtigen Schlag gefällt, sackte der Polterer jählings in sich zusammen: Frust, Wut, Schmerzen, Enttäuschung - alles verfiel zu einem Nichts, einem Häufchen Elend Platz machend. In letzter Zeit war er nicht mehr Herr seiner Selbst, früher wäre er nicht so mit seiner Frau umgesprungen. Nie.

  "Verzeih", stammelte er unbeholfen. "Ich bin ein Klotz, ein Obertrottel, ein Tunichtgut...ein, ein..." Er zog die Lippen ein, die Windungen seines Hirns nach einem Wort absaugend, das schlimm genug war, seine Reue deutlich zu machen, ohne die empfindsamen Ohren seiner Frau erneut zu kränken, denn dieser entsetzliche Ausdruck in ihrem schönen Gesicht musste weg - sofort! Wenn bloß dieser Druck auf der Brust nicht wäre...
  "... ein verlauster, behaarter Plumpsack, ein elender."

  Seine Söhne schienen einverstanden. Auf ihr Gelächter hin erhellten sich Arnolds Gesichtszüge hoffnungsvoll, ehe sie nach einem scheuen Seitenblick auf seine Angetraute niedergeschmettert zusammenfielen.

  Würdevoll erhob sich Ruth, Micha förmlich um seine Hilfe beim Hinaustragen des schmutzigen Geschirrs ersuchend. Arnold verfolgte ihren Abgang mit waidwunden Dackelaugen, die um zweierlei zu betteln schienen: Pardon oder Schläge. Wie um seinem Elend die Krone aufzusetzen, gab es zum Nachtisch Schokoladenpudding mit Vanillesoße, sein Lieblingsdessert. Er betrachtete das volle Dessertschälchen vor sich wie einst Adam die Schlange, und fing dann an, das Ganze systematisch umzugraben.

  Außer dem hastigen Auskratzen dreier Löffel herrschte Schweigen. Michaels Fehlen war noch keinem aufgefallen, und Ruth, die eisern auf ihr Gewicht achtete, hatte ihren Apfel bereits verspeist. Schließlich wurde Björn die Zeit zu lange. Ungeduldig fing der Junge an, mit den Stiefeln zu scharren, der Mutter bitterböse Blicke zuwerfend, als sei diese an allem Schuld. Er jedenfalls hatte Besseres zu tun als dem eigenen Erzeuger beim Trübsalblasen zuzuschauen und darauf zu warten, gnädig entlassen zu werden. Schön blöd waren sie, nicht einfach aufzustehen - er jedenfalls war volljährig, verflucht nochmal. Tommi tat es dem älteren Bruder bald nach, während Mathe sich darauf konzentrierte, seinen Dessertlöffel möglichst parallel zum restlichen Besteck zu platzieren.
  Zäh tickten die Sekunden dahin.

  Endlich erhob sich Ruth, schritt um den Tisch herum, dem Gequälten beide Hände auf die Schultern legend. Sofort entspannte sich Arnolds Gesicht, wobei er gleichzeitig den Rücken straffte, als sei er geadelt worden. Ihre Hände ergreifend, drückte er auf jede einen dankbaren, feuchten Schmatzer. Die Erleichterung war so groß, dass er seinen Nachtisch vergaß und sich sofort seinen Jungs zuwandte.

  "Heute ist Schlachttag!" verkündete er, es wie 'Jahrmarkt' aussprechend, als erwarte er freudige Luftsprünge. Zumindest bei zweien gerieten die Sprünge mehr in die Tiefe. Björn, der gerade seine Bundeswehrzeit hinter sich hatte und vom Vater in den zukünftigen Beruf eingeführt werden sollte, zeigte genauso wenig Begeisterung wie Tommi, aber der hatte ja nie Lust, der Schönling. Im Gegensatz zum abwesenden Andreas, nun - das war ein anderes Thema. Ihm selbst hatte man bereits im jungen Alter von achtzehn die Fleischerei manchmal anvertraut und es nie bereut. Das waren noch Zeiten, alles war in Butter gewesen: Kundschaft, Finanzen, Fleisch - von vorne bis hinten eitel Glückseligkeit. Heute dagegen: zwei hatte er entlassen müssen, schmiss den Laden sozusagen im Alleingang. Bloß zum Schlachten benötigte er halt ein wenig Assistenz und war einsichtig genug, sich hierzu den Mittwoch, den freien Nachmittag beider Schuljungen, auszusuchen: Lernen ging vor. Für Björn war es eine gute Vorbereitung, und Tommi, der von der Schule und aus drei Lehrstellen geflogen war, konnte es auch nicht schaden. Mitunter führte er mit dem Taugenichts lange, kluge Zwiegespräche über Gott und die Welt - nachts, wenn er nicht schlafen konnte und leise zur Esche vorm Haus schlich. Er war überzeugt, ihn noch zurechtbiegen, ihm Räson beibringen zu können - es fehlte nur die passende Gelegenheit, der richtige Moment... Matthäus war da ein ganz anderes Kaliber, um den brauchte sich keiner sorgen; ein Wort, ein Ton nur, und er hätte das Genie unverrichteterdinge vom Schlachtdienst befreit aus Angst, lebenswichtige Denkvorgänge zu behindern. Doch das Genie nahm nur nachdenklich die Brille ab und erkundigte sich sachlich nach Art und Anzahl der Schlachttiere, von Drückebergerei keine Spur.

  "Bloß zwei Schweinchen", meinte der Fleischer in entschuldigendem Ton.

  "Also zwei Ferkel?" präzisierte Mathe.

  Sein Vater schluckte. Im Grunde hatte der Bursche ja recht, warum sagte er Schweinchen, wenn er ausgewachsene Tiere meinte? "Schweine", gab er kleinlaut zu. "Schwei-neee."

  Auf Mathes hoher Stirn bildeten sich zwei steile Falten, für Arnold ein Hinweis auf die Vielzahl gut geölter Rädchen, die sich nun mit atemberaubender Geschwindigkeit in Bewegung setzten, um dann - schwupps! - das Ergebnis bekanntzugeben:
  "In dem Falle wäre es mir lieb, wenn wir augenblicklich anfangen könnten. Es gibt da eine Sendung über die neueste Digitaltechnik in Amerika, die ich gern aufgenommen hätte." Die Falten kamen erneut zum Vorschein. "Die Schachpartie nachts werde ich mir wohl abschminken müssen", setzte er wie zu sich selbst hinzu. "Meine Abneigung, zu später Stunde aus den Federn zu müssen..."

  "Sag bloß, der Programmierer vom Videorekorder ist immer noch kaputt?" runzelte nun auch Arnold die Brauen. Es bildeten sich zwei Querfalten, und Vater und Sohn sahen sich lächerlich ähnlich: das gleiche Vollmondgesicht mit kantigem Kinn, die hohe Stirn, die Grübchen in den Wangen, die sich beim Aussprechen gewisser Silben und beim Lächeln bildeten; nur Haar- und Augenfarbe, die hatte das Genie von der Mutter.

  Wie so oft, wenn jemand glaubte etwas beanstanden zu müssen, fühlte Ruth sich prompt angesprochen. "Fritz kann erst übermorgen", setzte sie schuldbewusst auseinander, als habe sie den guten Fritz eigenhändig in irgendeinem Verlies gesperrt, um dessen Kommen zu verhindern. Fritz war ein jüngerer Bruder Ruths und Techniker beim Telefonstörungsdienst. Nebenbei reparierte er die elektrisch-elektronischen Geräte der Verwandtschaft, sofern diese sich dafür revanchieren konnte. Als ewig hungriger Jungeselle wusste er die hausgemachten Schmidwürste besonders zu schätzen.

  "Er bedauert, keine Zeit zu haben", setzte die Schwester dieses Vielfraßes tapfer hinzu.

  "So-soo, keine Zeit?" wiederholte der Fleischer andächtig, tückische Fältchen um die Augen. "Wie scha-de. Ich fürchte fast, übermorgen werden wir keine Würste mehr haben. Er hatte einen Actionfilm mit Clint Eastwood, der zu nachtschlafender Zeit lief, aufnehmen wollen. Das betrogene Paar ließ einige Trauersekunden verstreichen, bevor der Ältere schweren Trittes Richtung Keller voranging. Auf halbem Weg nach unten hielt er inne.
  "Wo ist eigentlich Michael?"

  Ruth murmelte etwas von einer nachzuholenden Prüfung, froh über das dämmrige Licht im Treppenhaus. Lügen war nicht ihre Stärke; Introvertierten nicht unähnlich, wenn sie vor der Kamera posieren sollen, bekam sie dabei einen 'fremden Blick'.

  Das Labor, wie Arnold sein Arbeitszimmer etwas großspurig nannte, war ein großer, weißgekachelter Raum, dessen Temperaturregler die Dauererkältung des Fleischers am Leben hielt, ohne den Mann selbst zu töten. Wären die Spülen, Schränke, Geräte und Unmengen von Haken und Besteck nicht, es hätte leicht als Duschraum einer kleineren Sportmannschaft passieren können.

  Björn und Tommi warfen sich angewiderte Blicke zu, als sie Protestquietscher und Grunzer von nebenan vernahmen.
  "Kannst du die Biester nicht schön tot und halbiert aus dem Schlachthaus holen wie andere Fleischer auch? Niemand schlachtet mehr heutzutage, viel zu umständlich", meckerte der Wurstmacher in spe, während sie sich Kittel überzogen und sein Vater mit Olaf, einem Verwandten Arnolds und nebenbei Fleischbeschauer, das erste Tier herein zerrten.

  Trotz Zappelschwein brachte Arnold es fertig, sich in die Brust zu werfen, als habe er nie ein schöneres Lob gehört. "Tradition, mein Lieber - Tradition! Wir sind eben nicht 'wie andere', wir sind die Schmids, seit vier Generationen im Geschäft und immer noch im Kommen!" Aufmerksam prüfte er die Schärfe eines langen, dolchartigen Messers, Björns nur-über-meine-Leiche Grimasse übersehend. Es gab ein Röcheln, ein letztes Zappeln, dann... nichts mehr.
  "Eigentlich wäre es an Andy, die oh so geheiligte Tradition fortzusetzen - er ist der Älteste." Der Junge erschrak selbst über die eigene Courage, in Erwartung eines Donnerwetters den Kopf einziehend.

  Andreas war die Enttäuschung seines Vaters. Von klein auf mit einer Fleischunverträglichkeit behaftet, studierte der Älteste seit einigen Jahren Medizin in Berlin:

  Mutter Ruth war nicht immer so leisetreterisch gewesen: Na und? war ihre Reaktion auf die Hiobsbotschaft des Arztes, lassen wir den Jung halt studieren - hab ich einen Arzt bzw. Anwalt zur Hand, wenn ich dich eines Tages vergifte. Damals hatte sie sich ja gegen bloß einen großen Brüllheini zu behaupten; nach vier polternden Schmidrecken - Mathes Abgegeklärtheit war ein knappes Jahr jung - hatte sie nach und nach resigniert, bis eines Tages Spross Numero Fünf ihr weinend gestand, das viele Blut nicht ertragen zu können. Diesen einen, hatte sie sich geschworen, würde sie nicht hergeben: der wird ein menschliches Wesen und kein wandelndes Nebelhorn...

  "Andreas ist Vegetarier", stellte Arnold mit einer Geistesabwesenheit fest, die äußerste Konzentration verriet. "Der Eimer ist voll, gib ihn deiner Mutter... OK, das lassen wir so hängen - der nächste, bitte..."

  Sie arbeiteten einsilbig, aus unterschiedlichen Motiven darauf versessen, so schnell wie möglich fertig zu werden. Bald war der Raum blutbedeckt und klamm trotz automatischem Luft- und Temperaturregler, eine Schwüle, ein Geruch verbreitend, der Ruths Magensäure in Aufruhr brachte. Als sie Stunden später hinter ihren drei Söhnen die Treppe hinaufwankte, standen ihr die Härchen so spürbar ab, als seien es Nadeln. Vierundzwanzig Jahre hatten nicht ausgereicht, sie gegen das Blutige, die Schabgeräusche, das Knacken, das fürchterliche Sägen abzuhärten; ein Vierteljahrhundert eiserner Beherrschung, um ihrem Mann, der mit ihrer Abgebrühtheit prahlte, eine abermalige Enttäuschung zu ersparen.

  Während Björn und Tommi sich darum stritten, wer zuerst unter die Dusche dürfte und Mathe nach flüchtiger Katzenwäsche Richtung Fernsehapparat verschwand, war Ruth zur Küche geeilt, um wie verabredet den großen Kaktus wieder ans Fenster zu stellen. Das Schlachten kam ihr in dieser Beziehung manchmal wie das Gebären vor: sobald die Arbeit getan war, waren die damit verbundenen Strapazen vergessen. Fast. Seltsamerweise blieb sie bei dieser blutigen Beschäftigung im Gegensatz zu ihren Söhnen und deren Vater bis auf Hände und Unterarme sauber, für Arnold ein weiterer Anlass vor Publikum anzugeben.
  Sie war mit dem Haushalt im Rückstand, ließ mit fliegenden und doch gezielten Bewegungen heißes Wasser in eine Plastikschüssel und hatte bereits Tassen und Gläser sauber, als ein schwacher Zug im Nacken ihr Michas Rückkehr verriet. Stumm vor Erleichterung, Dankbarkeit und schlechtem Gewissen schnappte der Junge sich ein Geschirrtuch und fing an, die Gläser abzutrocknen.

  "War es schlimm?" getraute er sich erst bei den Töpfen zu fragen.

  Ruth zuckte die Achsel und lächelte beruhigend. Ihre kleine innere Empörung über diese echt männliche Unart, sich Schuldfreispruch zu erflehen, nein - zu verlangen, war nichts im Vergleich zu ihrem Unbehagen, jemand mit so großen Händen und Füßen - und dem Rest erst - in ihrer Küche herum hantieren zu sehen, schlimmer: zu hören.
  "Warum gehst du nicht mit deiner Freundin ins Kino?"

  Schlagartig erhellte sich Michas Gesicht. Er schmiss das Tuch auf den Mülleimer und machte Anstalten zu gehen, vollführte dann aber eine jähe Kehrtwendung. "Neee, ich helfe dir lieber, kleine Frau", seufzte er, genug Trauer und Entsagung in der Stimme, um einen mittleren Thunfischkutter zu versenken.

  Still vor sich hinleidend, beobachtete Ruth beim Wischen der Schränke aus den Augenwinkeln, wie die Dessertschälchen, ein Hochzeitsgeschenk aus Bayern, zu den Töpfen, während die dazu passenden Löffel in das Fach für Werkzeug geräumt wurden.

  Ohne sie anzusehen meinte Micha obenhin: "Außerdem...ich weiß nicht. Ist ja gar nicht meine Freundin und hat bestimmt keine Böcke. Selbst Tommi hat sie einen Korb gegeben."

  "Geh", neckte ihn Ruth, eine wenig mütterliche Bemerkung über Thomas unterdrückend. "Woher willst du das wissen, wenn du sie nicht fragst?" Sie rieb die Spüle fast wollüstig blank und stürzte sich dann auf einen Berg Schmutzwäsche, der nach diesem Schlachttag sichtlich gewachsen war.

  Beim Wäschesortieren erkundigte Michael sich unsicher: "Was meinst du?"

  Sie begriff sofort. Sorgfältig jedes Wort abwägend - sie wollte weder lügen noch entmutigen, und eine Enttäuschung gönnte sie ihm erst recht nicht - meinte Ruth langsam: "Keine Ahnung, aber" immerhin ist Mittwoch."

  Mutter und Sohn tauschten einen weit aufgerissenen Aha-Blick aus. Mittwochnachmittag hatte Tante Emma geschlossen - dann war bei den Brown-Korns der Teufel los. Nicht nur kam an dem Tag der größte Teil der Lieferungen, der kontrolliert, korrekt gelagert, unterschrieben, teilweise in die Regale gestapelt, geordnet sowie registriert werden musste, zusätzlich nutzte die ruhelose Frau ihren 'freien' Nachmittag, um überall nachzumessen und Skizzen für den Umbau zu entwerfen, den sie seit Jahren plante. Eine Art mittelprächtiger Vorhölle. Zwar fing Isa stets frisch und frohgemut an, im Laufe des Nachmittags pflegte sich ihre heitere Stimmung jedoch immer mehr aufzulösen, bis sie verschwitzt durch die Gegend hetzte, Verzweiflungsschreie hervorstoßend und sich selbst, den Laden und alle andere erst recht verwünschend. In solchen Momenten erinnerte sie sich ihrer fast erwachsenen Tochter und deren Dauerklage, nicht ernst genommen und wie ein kleines Kind behandelt zu werden: Hier hatte das Mädel mal die Chance zu zeigen, was alles in ihr steckte, konnte ordentlich loslegen und sich so erwachsen dabei fühlen wie sie nur wollte...
  Die fast erwachsene Tochter sah es von einer anderen Warte. Als bloßer Lückenbüßer, wenn alle andere Stricke rissen, als Billigputze und Prügelknabe für alles war sie sich zu schade: Kinderschinderei wäre das, und ungesetzlich obendrein. Nach ganzen Serien solcher Mittwoche hatte Julie es sich angewöhnt, nach dem Lunch bis zum Abendbrot unsichtbar zu bleiben; das war weniger stressig als eine elterliche Aufforderung zur illegalen Arbeit abzuwarten und der Leuteschinderin dann allerlei Unschönes an den Kopf werfen zu müssen. Bis zum Abend war aus der Verruchte, die sich als ihre Mutter ausgab, in der Regel ein zwar erschöpft-erledigtes, dafür aber humaneres Etwas geworden, das dem Mädel in allen Punkten Recht gab und empört leugnete, auch nur einen schinde-ähnlichen Gedanken gehabt zu haben, zumal in Bezug auf die eigene liebe Tochter - sie doch nicht!

  Geistesabwesend stopfte Micha die Waschmaschine voll, während seine Mutter Pulver abmaß, der garantiert reiner als sauber wusch.

  Ermunternd, wenn auch nicht allzu, wies Ruth mit dem Kopf zum Fenster, welches zum Schlossplatz hinausging: "Schwäne füttern ist sie diesmal nicht... dort sitzt sie - jetzt oder nie!"

  Michas Kopf flog herum. Wahrhaftig, da saß die Angebetete unter der alten Esche schräg gegenüber auf der Schmidseite, der Baum zwischen sich und ihrer verruchten Mutter. Er konnte nur ihre Rückseite sehen, doch die hätte er unter Tausenden herausgepickt, und die Art, wie sie auf der hohen Bank saß, die langen Beine lustig hin und her pendelnd, das gab es kein zweites Mal auf Erden. Und in Salten schon mal gar nicht.

  "Ein nettes Mädchen", gab Ruth lässig ihr Urteil ab, ein eifersüchtiges Zwacken, das beim Anblick von Michas verzückter Miene in ihr aufblitzte, von sich schiebend.

  Micha nickte begeistert. "Aber was wird Paps sagen, wenn wir erst mal verheiratet sind?" machte er nur halb im Scherz geltend. Offensichtlich hatte er viel über die feindselige Einstellung des Vaters zur Brown-Korn-Sippe nachgedacht. "Was hat er bloß gegen sie?"

  Ruths Mutter wurde zu einem harten Strich: Was er gegen sie hatte? Gar nichts. Alle paar Tage schlich er sich aus dem Haus, nachts, wenn er seine Frau schlafend wähnte... Männer um die Mitte taten häufig seltsame Dinge, hieß es in einem der unzähligen Ratgeber-Büchern, die sie jeden Abend im Bett las - sollte er doch. Er war der Herr im Hause, verdiente das Brot, das täglich auf den Tisch kam, kleidete sie alle ein, sorgte für Bildung, Ordnung und Disziplin. Er gab ihr sogar ein fürstliches Taschengeld, welches sie jeden Monat abzüglich ein paar Mark auf ihr eigenes Konto einzahlte: Notgroschen, mittlerweile fünfstellig. Sehr fürsorglich wenn man bedachte, dass sie bloß seine zweite Wahl, ein Trostpreis war, eine Erkenntnis, die sie jahrelang verdrängt hatte und sie neuerdings gelegentlich überfiel wie ein gefleckter Panther. Auch gut...

  "Ich denke, bis dahin ist noch viel Zeit", meinte sie schließlich gefasst. Der Waschmaschine zublinzelnd fuhr sie lakonisch fort: "Außerdem wird es ohnedies nie zu einer Ehe zwischen euch kommen."

  "Wieso nicht?!" brauste der Junge auf.

  "So nicht, mein Sohn."

  "Tschuldigung, kleine Frau", kam es reuevoll leise über seine Lippen. "Wieso glaubst du nicht?"

  "Weil du in zehn, zwanzig Jahren genau wie heute aus diesem oder einem andern Fenster voller Sehnsucht zu ihr rüberschielen wirst, wie sie Schwäne füttert oder unter irgendeinem Baum sitzt - ein Mann mit mehr Tatkraft und etliche Kinder um sie herum, falls sie sich entschließen sollte, welche zu ha..." Den Rest sprach sie in den leeren Raum und grinste fast. Sie hörte die Haustür zuschlagen und verfolgte gespannt durchs Fenster, wie der jüngste Schmidsohn mit langen Schritten auf die Esche zuging. Ein hübscher Junge, dachte sie stolz. Nicht so hübsch wie Tommi, zugegeben, aber mit einem besseren Kern. Noch etwas unfertig rund und ohne Kanten und Falten, und doch schon sehr eigen. Er würde sich machen, brauchte nur ab und zu einen kleinen Schubs. Jetzt hing es von Julie ab: Sag nicht nein, Mädel, beschwor sie telepathisch, Entmutigung kann er momentan nicht gebrauchen...

  Als das jugendliche Paar zwar nicht Arm in Arm, aber nebeneinander um die Ecke Richtung Kino-Center verschwand, drückte Ruth aufatmend die Klappe der Waschmaschine zu. Gegen einen aufsteigenden Wehmut ankämpfend: der letzte Sohn! warf sie sich voller Ungestüm auf einen Berg sauberer Wäsche, sah auch nicht auf, als die Haustür erneut ins Schloss krachte, dass die Fensterscheiben bebten. Der Knall, die leichten Schritte - dies alles verriet ihr den Verursacher wie dessen Stimmung: Tommi war geladen. Mit leichtem Herzklopfen, aber nicht ohne Triumph schloss Ruth, dass der Abgang des jungen Paares nicht nur von ihr beobachtet worden war. Und nun würde Tommi sie suchen. Sie seufzte und beeilte sich, möglichst viele Oberhemden angefeuchtet und zusammengerollt in Tüten zu verstauen. Wenn die halbe Familie - Björn und Tommi beendeten den Tag auf ihre Weise und Mathe schaute auf Unterhaltung herab - abends vor dem Fernseher hockte, würde sie in Ruhe bügeln können: Isa, führte sie ein imaginäres Gespräch mit ihrem Mann, hätte deine Oberhemden nicht gebügelt, auch nicht gesprenkelt, ja - vielleicht nicht einmal gewaschen. Nimm die blöden Tüten doch mit, nachts, wenn du in aller Heimlichkeit rüberschleichst wie ein Verbre...

  "Weiber!" zischte es mit soviel Animosität in ihrem Rücken, dass Ruth zusammenzuckte trotz des Wissens, dass die Anfeindung nicht ihrer Person galt. Die prachtvolle Selbstverständlichkeit, mit der ihre Söhne ihr jegliche Geschlechtlichkeit absprachen, wunderte sie lange nicht mehr. War wohl überall so. Eine Mutter war ein Neutrum, welches kocht, putzt, gesundpflegt und sich als seelischen Mülleimer bereitzuhalten hat. Immerhin, man brauchte sie...

  Bei Micha wäre ein mitfühlendes - aber nicht allzu: "Ärger?" angebracht gewesen, während Mathe und Andy ein stummes Neutrum bevorzugten und Björn seit Jahren nicht mehr zu ihr gekommen war, es sei denn wegen Geld, das er nie bekam. Thomas war der eitelste von allen und gleichzeitig der schwierigste. Hier galt es keine Angriffsfläche zu bieten, ihm ein aufnahmebereites und doch leeres Gesicht nicht allzu direkt hinzuhalten, damit der Beau ungestört seinen Unrat abladen konnte. Es war ihm völlig gleichgültig, was sie von ihm hielt, und doch dürfte man es weder zeigen noch ihn ignorieren, das machte ihn noch wilder. Ruth löste das Problem mit Geschäftigkeit: man/frau hatte zwar viel zu tun, und wie! fand jedoch das Gesagte und dessen Urheber so bemerkenswert, dass ein gelegentliches Ah! und Oh! wie von alleine ihren Lippen zu entschlüpfen schien. Angriffslustigen Hunden soll man bekanntlich weder in die Augen schauen noch den Rücken zuwenden, mit der Kehrseite zur Wand hörte sie die Tirade ihres mittleren Sohnes an, die sich diesmal um die Niedertracht des weiblichen Geschlechts drehte: eine Premiere. Bisher hatte der Schönling in dieser Beziehung nichts zu beklagen, im Gegenteil seine Mühe gehabt, die Nachfrage zu stillen. Nun schien sich dieser Eifer zu rächen, sein Ruf war nicht eben einladend - höchstens für seine Trinkkumpane und eine Anzahl weiblicher Optimisten, die entweder von der eigenen Unwiderstehlichkeit oder von der Liebe allzu überzeugt waren.

  "So ein Flittchen! Hat mich abblitzen lassen, haste Töne - mich! Dabei habe ich mich aus purer Gutmütigkeit mit der Zicke abgegeben, ist ja bloß 14 und dabei Ausländerin! Was ist an der schon groß dran!" tobte der junge Mann, sinnlos mit den Armen herumfuchtelnd. "Hat 'ne Figur wie Twiggy, Plattfüße und Strubbelhaare! Würd' mich nicht wundern, wenn sie in ein paar Jährchen wie Paps seine Kugelwurst aufgehen und ratzekahl wäre. Und dumm ist das Miststück, dumm wie Bohnenstroh! Dabei ein Bastard!" Seine Stimme überschlug sich, als würde ihm dieser letzten Umstand besonders zu schaffen machen. "Eine Woche habe ich mich um sie bemüht und immer nur ein 'keine Zeit, Tomboy' zu hören bekommen", den letzten Teil piepste er höhnisch, bevor er zur Finale kam: "Und mit wem glaubst du, ist sie gerade Hand in Hand davon getänzelt?!" Er hielt inne, schien wahrhaftig eine Antwort zu erwarten.

  Ruth versuchte ihrem Gesicht einen gleichzeitig unwissenden und mitfühlenden Anschein zu geben und brachte ein Mittelding zwischen Na? und Oh zustande.

  "Mit deinem Sohn - Michael Schmid!" gellte die aufgebrachte Stimme Tommis ihr in die Ohren. Plötzlich bekam seine Haltung etwas Steifes. Neugierig folgte sie seinem Blick und entdeckte Björn, der mit arrogant-wissendem Grienen breitbeinig im Türrahmen stand. Die Mutter dieser beiden Prachtexemplare teutonischer Männlichkeit stöhnte unterdrückt, gebannt auf die eintönig zirkulierende Waschmaschine starrend, als erwäge sie einen Sprung hinein. Ihr grauste nicht nur vor Blut und makabren Geräuschen: laute Stimmen, Streit und alles, was damit zusammenhing, waren ihr genauso zuwider. Und es sah ganz danach aus, als würde es gleich von allem etwas geben, und das nicht zu knapp. Eilig beugte sie sich über einen Stapel Jeans.

  "Sag bloß", blökte Björn, "unser Casanova ist abgeblitzt, aus dem Feld geschlagen vom kleinen Brüderchen?" Er machte ein paar mitfühlende Laute mit der Zunge, klatschte sich dann unversehens auf den Schenkel und lachte wiehernd. "Bist endlich auf eine mit Charakter gestoßen, sieh mal einer an. Wie heißt denn die Kleine, hey? Soviel gesunden Menschenverstand darfst nicht für dich allein behalten, klarer Fall. Ich nehme es deswegen auf mich, die Neuigkeit so gründlich zu verbreiten wie ein Schnupfen."

  "Einen Dreck wirst du!"

  "Ach?" rückte der Ältere einen Schritt vor, in Schlagweite des zwar gleich großen, aber schmaleren Mädchenhelds. "Willst du Schmachtknabe mich etwa daran hindern?" Stimme, Miene, Haltung - alles schien vor überheblichem Staunen regelrecht zu schwanken: "Du?!"

  "Aber Jungs!" beschwor die fast einen halben Meter kleinere Mutter. "Wenn eurer Vater das erführe...", in Kindertagen ein Satz mit Bremswirkung - besonders Björns Respekt vor dem Vater war bodenlos - verpuffte die versteckte Drohung heuer wirkungslos. Ruths Widerwille gegen das Petzen wurde nur von dem Arnolds übertroffen, dessen stereotypes 'der schlimmste Schurke in ganz Salten ist der, der den Mund nicht kann halten' seinen Söhnen bis zum Überdruss geläufig war. Die Mutter verließ sich mehr auf Tommis Bereitschaft, den Disput abzubrechen, blaue Flecken, Schwellungen und derlei stimmten nicht mit seinem Schönheitsideal überein.

  Richtig: "Der Alte watet momentan bis über beide Pobacken in Blut, Mamachen", griff er eifrig das Stichwort auf. "An jedem Ohr eine frische Blutwurst und Mett in der Nase. Der kommt so bald nicht."

  Björn, eine höhnische Entgegnung auf der Zunge, zauderte und zuckte dann gleichgültig mit den Achseln. Das Aufgeschnappte würde er schon noch beizeiten vor einem breiteren und dankbareren Publikum auszuschlachten wissen, logo - außer einer kleinen Prügelei war hier nichts zu holen. Es sei denn, fiel ihm ein, die Mutter ließe sich den Frieden etwas kosten; er war gerade schlecht bei Kasse und fand es erniedrigend, dauernd freigehalten zu werden, ohne sich revanchieren zu können. Sein übliches Frechgrinsen im Gesicht, wandte er sich seinem neuen Opfer zu. "Du könntest deinem lieben friedfertigen Sohn mit einem Scheinchen aushelfen, Frau Mutter. Wirst sehen, wie schnell ich dann weg bin!"

  Ruth zögerte keinen Augenblick. Als Tochter eines pedantischen Beamten und einer unkontrollierten Verprasserin, als junge Ersatzmutter und Haushälterin einer vielköpfigen Geschwisterschar wusste sie um den Wert des Geldes, und ihre Abneigung gegen Verschwendung war entsprechend. Ihr war bekannt, dass jede müde Mark, die Björn zwischen die Finger bekam, unweigerlich in alkoholischer Form die Gurgeln verschiedener junger Tagediebe hinunterrann, und dafür war ihr Erspartes ihr zu schade. Und erpressen ließ sie sich erst recht nicht.

  "Nein", setzte sich ihre Erziehung gegen ihr Harmoniebedürfnis durch. "Kann, will und werde ich nicht."

  Björn, im Geiste bereits beim Aufstellen einer Einkaufsliste, fiel die eckige Kinnlade herab, und selbst Tommi, der sich nur für Tommi interessierte, starrte seine Mutter wie eine Erscheinung an.

  "Ihr macht vielleicht einen Spektakel", kommentierte in diesem Moment Mathes kühle Stimme die Anwesenheit dreier Familienmitglieder auf engstem Raum. Die Mutter mit einem mitleidigen Blick streifend, wandte er sich zielstrebig Björn zu: "Ist dir an etwas Kleingeld gelegen? Ich hätte eine Arbeit zu vergeben, die du sicher aus dem Handgelenk schaffen könntest."

  Der Hobbybastler reckte sich geschmeichelt, winkte aber ab. "Wenn es sich um den Videorekorder handelt, muss ich dankend passen', verfiel er unwillkürlich in das geschraubte Deutsch, das Mathe sich neuerdings angewöhnt hatte. "Du weißt, wie der Alte dazu steht." Leider. Björns offenkundiger Begabung hatte gegen Arnolds 'Schuster bleib bei deiner Leiste' keine Chance, weswegen bei der kleinsten Defekt einen Fachmann gerufen wurde. Dies hatte zur Folge, dass die meisten Pannen ihm erst gar nicht gemeldet wurden, sondern unter der Hand auf Björns Basteltisch unterm Dach landeten. Leider kam es mitunter vor, dass der Fleischer zuerst auf einen Defekt stieß, und dann hieß es: Pfote weg!

  "Ich nehme es auf meine Kappe", erklärte Mathe gelassen, eine Stille verursachend, die vor Ehrfurcht in die Knie zu gehen schien.

  Durch die stämmige Gestalt Björns ging einen merklichen Ruck. Es hatte ihm schon lange in den Fingern gejuckt, ebendieses Gerät auseinanderzunehmen. Das Glitzern in den Augen des Bruders wissenschaftlich abwägend, zog Mathe sachte einen Geldschein hervor, sich Luft damit zufächelnd. Ohne weitere Worte schnappte Björn danach, und das ungleiche Paar verschwand mitsamt Rekorder Richtung Dachboden.

  Aufatmend wandte Ruth sich ihren Jeans zu, während Tommi verlegen vor sich hingrienend in sein Zimmer trottete. Er hatte sich nicht eben mit Ruhm bekleckert, das stand fest. Er würde dem heutigen Tag einen dicken schwarzen Rand verpassen und sich anschließend betrinken. Weiber!


V. klirrfaktoren

  "Wir brauchen Computer." Ein einfacher Satz, sollte man meinen, undramatisch und von fast poetischer Kürze. Und doch saßen alle da wie mit dem Inventar verschmolzen, unfähig auch nur einen Finger zu rühren. Nur die Augen wanderten behutsam um den Tisch herum, als hätten sie sich gern offener nach Verwundeten und Leichen umgesehen, wenn nicht diese Angst wäre, neue Erschütterungen hervorzurufen. Ratlos schüttelte Robert den Kopf. Man hätte meinen können, er habe eine Runde Strip-Poker vorgeschlagen. Die meisten größeren Büchereien hatten mittlerweile Computer, warum nicht auch sie?
  "Die Leute müssen uns für Provinzler halten, dass wir alles noch mühsam per Hand und Katalog machen, wo ein Tastendruck es auch täte", versuchte er sie bei ihrer Ehre zu packen. Er schaute um sich, stieß auf abgewandte Blicke. Allmählich dämmerte es Robert, dass er in irgendein Fettnäpfchen getreten war.

  "Es ist unwesentlich", durchbrach Karin endlich die Stille, "was andere von uns denken. Hauptsache, wir fühlen uns wohl in unsrer Provinzlerhaut - und das tun wir, oder?"

  Eifriges Nicken rundum, selbst Elvira schloss sich nicht aus.

  Die Leiterin tat, als würde sie einen Hammer auf den Tisch niedersausen lassen. "Damit dürfte das Thema abgehakt sein. Wie wäre es, wenn wir uns aktuelleren Dingen zuwenden? In wenigen Tagen findet die nächste Autorenlesung statt - Renate, wie weit sind die Vorbereitungen gediehen und wie groß wird voraussichtlich der Andrang?"...

  Das war's. Ende. Finito. Aus. Ein dumpfes Pochen in den Stirnhöhlen, sah Robert auf seine Hände herunter, die auf einem Schreibmaschinenblatt mit sauber getippten, ordentlich aufgereihten Argumentationen für und wider eine Computeranschaffung lagen: ganz ruhig, alter Knabe... Was ihm an der Bücherei, an Salten überhaupt auf Anhieb so gut gefallen hatte, dieses demokratische Miteinanderreden und -streiten, war einfach unter den Tisch gefallen: plumps! nächstes Thema.
  Na schön... Er atmete vorsichtig aus, hatte eine Menge Luft loszuwerden und gedachte dies unauffällig zu tun. Selbstverständlich war hier nicht das letzte Wort gefallen, wenigstens anhören hätten sie ihn können und sollen, verdammt. Doch war Robert einsichtig genug einzusehen, dass er seine Hausaufgaben diesmal nicht gemacht hatte. Er hätte zuerst das Terrain sondieren, sich nach Verbündeten umsehen sollen. Nach und nach beruhigte sich der neue Mann, er brachte sogar ein Lächeln mittlerer Güte zustande. Na schön. Er würde das Versäumte nachholen, sobald die Sitzung beendet war, und zwar gleich an höchster Stelle, bei der Chefin selbst: mal sehen... Bis dahin galt es Haltung zu bewahren, sich am Gespräch zu beteiligen als wäre nichts gewesen. Robert zwang seine Aufmerksamkeit auf die Debatte über Glascontainer, die im vollen Gange war. Es handelte sich um zwei der handelsüblichen Iglus in der Innenstadt, grün und weiß, die seit Jahren von einem Standort zum nächsten pilgerten, weil sie niemand vor der eigenen Haustür stehen haben wollte. Selbst die Bücherei nicht. Zum einen wegen des Lärms, zum anderen weil es das Ansehen der Anwohner schmälerte...

  "Unsinn", beendete Karin kategorisch das Geplänkel zwischen Elvira und Renate über Sein und Schein des Kleinbürgertums. "Was soll an Umweltbewusstsein anrüchig sein? Sicherlich das Windei unterbeschäftigter Hennen beiderlei Geschlechts. Fest steht aber, dass für eine Bücherei eine gewisse Ruhe unumgänglich ist und der Lärm diese Ruhe stören würde. Es stellt sich nun die Frage: was ist hier wichtiger?" Sie selbst war nicht unbefangen; die Bibliothekarin lehnte ab, aber... Tagelang war sie von eins ihrer Patenkinder, dessen Schule in Umweltschutz mitmachte, bearbeitet worden, weil die Iglus keinen anderen Platz mehr fanden - jedenfalls nicht in der Fußgängerzone, wo sie doch dringend benötigt wurden. Dabei waren die Würfel längst gefallen. Als Leiterin war es ihre Pflicht, die Aufstellung der Container direkt vor der Bücherei zu verhindern, sie war aber schwach genug, ein mehrstimmiges Urteil dem eigenen als Willkür erscheinenden Veto vorzuziehen. Herrgott, Nordseeverschmutzung links, Ostseedreck rechts, in der Mitte verscheuchte Flüsse, unten giftiges Grundwasser, oben saure Regen, Smog und Ozonloch - manches Mal hatte sie das Thema unsäglich über...

  "Ich sehe eine Möglichkeit, die Container ohne Lärmbelästigung vor die Bücherei aufzustellen", meldete sich der Neue zu Wort, als die Erörterung zu stocken drohte.

  Karin hob beide Brauen. "Ja?"

  Robert dachte lüstern an eine kleine Partie Wie-erwürge-ich-meinen-Boss, blieb aber gelassen. "Da das Stricken von langen Unterhosen nicht zu meinen Stärken gehört, bin ich während des Umbaus gelegentlich den Arbeitern vor die Füße gelaufen und habe dabei das eine oder andere aufgeschnappt."

  "Also wirklich, Bobbyboy!" kreischte Alice in höchsten Tönen dazwischen. "Wir wissen alle, dass du den Laden verdammich praktisch alleine geschmissen hast! Sei doch nicht so bescheiden, Mann!"

  "Gib's ihnen, Herr Stolpe", musste Elvira auch ihren Senf dazunäseln, seinen Namen absichtlich verhaspelnd.

  "Unter anderem habe ich erfahren", zog Robert es vor, die Zwischenrufe zu ignorieren, "dass die Fenster des ehemaligen Elektroshops mit den allerneuesten Doppelglas-Isolierscheiben ausgestattet und quasi schalldicht sind. Wenn wir" - er errötete leicht, bevor er sich verbessernd fortfuhr: "Wenn man die Iglus zwischen dem dritten und vierten Fenster links vom Eingang auf den Rasen stellen würde, dürfte der Geräuschpegel auch für Tante Emma minimal sein. Man könnte die Container ja erst einmal probehalber übernehmen..."

  Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag senkte sich Grabesstille über die Sabü-Runde, eine kurze Stille diesmal, voller Verblüffung im positiven Sinne - dann brach der Damm und eine wahre Sintflut erregter Stimmen überschwemmte den Raum: das von Robert geschätzte demokratische Miteinander war da. Durch die eben überstandene gefühlsmäßige Achterbahnfahrt aus der gewohnter Reserve gelockt, warf der Neue gelegentliche Brocken in das Durcheinander, Elvira, die seinen Verdruss über die Verballhornung seines Namens gerochen zu haben schien, jedesmal ein "Hört, hört, Herr Stolpe!" entlockend. Sein Gefühl sagte ihm, dass die vorhin erlittene Computerschlappe mehr als ausgewetzt war, und die Erleichterung hierüber war groß genug, seine Zunge ein wenig zu lösen.
  Der zweite Vorschlag des neuen Sabü-Musikabteilungsleiters wurde fast einstimmig angenommen. Nur Elvira beharrte darauf, dass die Böden der Iglus mit Baumwolle aus der Altkleidersammlung gepolstert und rechts vom Eingang gehörten, da der Wind meistens aus dem Westen käme - ein Einwand, der keine Beachtung fand.

  Nach und nach leerte sich der Raum. Karin hatte die Sitzung aufgehoben, nachdem sie erkannt hatte, dass ein weiteres Beisammensein fruchtlos bleiben würde, und trottete nun in ihr Büro am anderen Ende des Gangs, dicht gefolgt von Robert.

  "Was haben Sie gegen Computer?" eröffnete der das Gefecht, noch bevor sie hinter ihrem Schreibtisch hatte Platz nehmen können.

  "Zu teuer", gab sie mit gleicher Kürze zurück.

  Er holte Luft. "Wenn Sie bereit gewesen wären, mich anzuhören, hätten Sie erfahren dass uns die Computer - eins unten, eins oben - keine müde Mark gekostet hätten. Derselbe Spender der Musikabteilung hätte auch dies übernommen, inklusive Hardware, Software, Transport, Wartung, Installationskosten pipapo - und die Verkabelung gibt es dank Janßen bereits, muss bloß noch zu den PCs verlegt werden und hätte ich übernommen."

  Sie schien durch ihn hindurch den Stand der Sonne zu überprüfen, musste sich sicherlich erst ein paar Gegenargumente aus den Fingern saugen.

  ">>Der Edle<<", zitierte Robert,">>ist für alle da und nicht parteiisch.<<"

  Daraufhin ließ sie immerhin die Sonne in Ruhe. "Chinesische Phase? >>Der Edle ist selbstbewusst, aber nicht rechthaberisch<<", konterte sie belustigt.

  Robert nickte weise. ">>Charakterfest, aber nicht starrsinnig<<"

  Allmählich fing sie Feuer. ">>Er liebt es, langsam im Wort und rasch im Tun zu sein<<".

  ">>Einen Fehler begehen und ihn nicht wieder gutmachen, erst das heißt fehlen<<", versuchte es ihr Gegenspieler mit Zerknirschung. Dann: ">>Der Edle duldet in seiner Rede nichts Ungenaues<<"

  Diese versteckte Forderung nach einer Erklärung konnte Karin sich nicht entziehen. "Also gut. >>Ich streite nicht mit der Welt, Sie Mönch, sondern die Welt mit mir.<<" Ihr Kopf zuckte Richtung Kaffeeautomat und dann zum leeren Stuhl Olgas: "Für mich bitte schwarz."

  Anstatt einer Bemerkung über die Diskriminierung männlicher Untergebenen am Arbeitsplatz begnügte sich Robert mit dem resignierten Zitat: ">>Ist mein Leben etwa falsch. Warum kommen wir in diese Not?<<"

  Sie schlürften Kaffee.

  "Wissen Sie, wo Alice früher tätig war?" fragte Karin nach einer Weile.

  Höflich stellte ihr Gegenüber fest, dass er sich für die Karriere von Alice nicht übermäßig interessiere.

  "Bei Simpel", fuhr sie unbeirrt fort. "Ihr Vater ist Besitzer der hiesigen Simpel-Fabrik und sehr auf Prestige bedacht. Das Techtelmechtel seiner einzigen Tochter mit einem Fabrikarbeiter war ihm Grund genug, dem jungen Mann den Stuhl vor die Tür zu setzen - und sie flog mit, als sie ihn dennoch heiratete."

  "Was hat das mit Computern zu tun?"

  "Sofort. Der Mann blieb jahrelang ohne Beschäftigung - nicht so Alice. Als ausgebildete Handelskauffrau erhielt sie trotz, hm - Naivität zweimal eine Stelle, und verlor den Job beide Male, als die jeweilige Firma auf Computer umstellte und die zuletzt Angestellten nicht mehr benötigt wurden."

  "Nichts Neues also", sagte er nur.

  "Sie kann übrigens ein genauso gutes Hochdeutsch wie Sie oder ich, damit es klar ist, drückt sich aber aus einer etwas abstrusen Form der Loyalität ein wenig unter ihrem Niveau aus. Ihr Mann arbeitet gelegentlich hier, als Raumhelfer oder, wenn Sie wollen: Putzmann, wenn es Beate zuviel wird."

  "Alles schön und gut", begann Robert seine lange geübte Verteidigungsrede zugunsten Computer, "aber..."

  ">>Läßt sich nicht mit einem reden<<", fuhr sie mit klirrender Zitatstimme dazwischen, ">>und man redet mit ihm, so hat man seine Worte verloren<<. - Ich war noch nicht fertig: Elviras Dienste in der Buchhandlung eines Verlags wurden aus dem gleichen Grund nicht länger benötigt, Olga ist von Natur aus loyal, Renate aus Prinzip und Abi, unsre junge Hausfeministin, sowieso. Ende der Durchsage." Ihr Zeigefinger setzte einen symbolischen Punkt in der Luft, anschließend in Begleitung seiner vier Genossen einen generösen Bogen in seiner Richtung vollführend. "Und jetzt Sie. Lassen Sie Dampf ab, junger Mann."

  Robert, der es hasste 'jungen Mann' genannt zu werden, zumal von einer Frau, die nur ein paar läppische Jährchen älter war, trug sowohl seine als ihre Tasse zur Spüle.
  ">>Der Edle bleibt frei von Groll<<", kommentierte er sein gutes Werk auf dem Weg zur Tür. ">>Er scheut sich überdies davor, dass seine Worte seine Taten übertreffen<< oder", konnte er sich ein Schlusswort Marke Eigenbau nicht verkneifen: "umgekehrt."

  Im Flur stieß er vor lauter Gier nach frischer Luft fast mit Olga zusammen.

  "O-oh", machte diese nach einem Blick in sein Gesicht. "Kleine Strafpredigt?"

  Robert zog eine Grimasse, schief, aber immerhin. "So lala, hielt sich in Grenzen. Sie war diplomatisch, und ich hatte einen guten Abgang."

  Olga schien nicht überzeugt. "Muss mich nur schnell ausgehfertig machen, wartest du auf mich? Wir zwei Hübschen könnten ooch man zusammen essen - ich lade dich ein."

  "Ich dachte, du wärst eine Sklavin deines Polizistengemahls und eurer ausgedehnten Kinderschar, ohne Eigenleben", bekundete er Zweifel.

  "Da siehst mal wieder", klimperte sie Tschaikowsky mit den Lidern. "Stille Wasser undsoweiter. - Also bis gleich." Sie zog schnell die Tür hinter sich zu, wie um eine eventuelle Absage abzuschneiden.

  Was blieb ihm übrig?

  Beim gemeinsamen griechischen Essen und saltenschen Tratschen jedoch gestand Robert sich ein, dass ihn die Einladung freute.

  "Also...", hob Olga ihr Weinglas, "auf uns. - Erzähl!"

  Robert grinste schief, seinem Gegenüber in groben Zügen den Inhalt seiner Unterhaltung mit Karin erzählend.

  Olga schien nachzudenken. "Eine Strafpredigt war das nicht gerade", gab sie schließlich ihre Ansicht preis. "Und dass sie so ausführlich, fast indiskret wurde - darauf kannst du dir etwas einbilden."

  "Nana", brummelte er nur halb überzeugt. "Nennt mich immer noch Herr Stoltze."

  "Soll sie Frau Stoltze sagen?" versuchte sie herunterzuspielen.

  "Wenn ich eine Frau wäre, würde sie mich längst Roberta nennen."

  Olga hielt den Kopf schräg, widersprach aber nicht.

  "Siehste. Zum Kuckuck mit der Frau." Er machte den imaginären Punkt seiner Chefin und wechselte das Thema. Eines stand für ihn fest: Noch einmal würde er ihr keine Gelegenheit zu einer Predigt geben - ob mit oder ohne guten Abgang.

* * * * *

  Seine Beschwerden waren schlimmer geworden. Dieser Druck auf der Brust, als läge dort ein voluminöser Mehlsack, dieses Flattern und Rasen, wenn es drunter und drüber ging, die Atemnot, die bleierne Müdigkeit, die sich wie Gewichte an seinen Gliedern zu hängen schien, und der immer häufiger auftretender Wunsch - sollte er es zugeben? - alles hinzuschmeißen. Was brachte ihm die Plackerei im Grunde? Egal wie sehr er sich abrackerte, es ging bergab. Die letzten drei Hypothekraten hatte er sich quasi aus den Rippen schneiden müssen, und zwar in immer größer werdenden Abständen. Manchmal war er gezwungen, unter der Hand zu feilschen wie auf einem Basar, um nicht auf verderblichem Fleisch sitzenbleiben zu müssen. Das hatte sich herumgesprochen, drückte die Preise noch weiter runter. Und die Bank... Er trank neuerdings trotz Müdigkeit weniger Kaffee, selten Bier, rauchte nur die Hälfte - das schien zu helfen. Etwas. Wenn bloß diese Schlafstörungen nicht wären. Abends, wenn er sich ausgelaugt aufs Bett fallen ließ - das war jetzt sein Höhepunkt. Er, Arnold Schmid, ehemals super-aktives, nicht zu bremsendes Mitglied der Gesellschaft, genoss es, wenn seine angespannten Muskeln und Glieder sich lockerten, als würden sie wie warmes Wachs in die Matratze zerlaufen, und von einer Sekunde zur nächsten merkte er nichts mehr, war weggetreten: herrlich! Nur um keine drei, vier Stunden später ebenso abrupt wie grundlos hochzuschrecken, mit verschwitztem Pyjama und aufgerissenen Augen. Sobald er die Lider wieder zukniff, schien das Gewicht der Daunendecke sich zu vertausendfachen - vor allem um die Brust -, wurde schwerer und schwerer, bis ihm der Angstschweiß ausbrach und er das Gefühl hatte zu ersticken: Weg! Auf! ans Fenster! Luft! sog er gierig die frische Saltener Luft in sich auf, bis sein Kopf wieder halbwegs klar wurde. Natürlich bekam ihm der Schlafmangel nicht, doch was sollte er machen? Manchmal schlich er sich nach draußen oder in sein Minibüro eine Etage tiefer, um über Rechnungen zu brüten, als würden sie dadurch geringer. Folterkammer hatte er das Zimmerchen vor Jahren - Jahren? Jahrzehnten genannt, damals, als er von Folter keinen blassen Schimmer hatte, Grünschnabel er! Warum nicht aufgeben, sich einfach fallenlassen? Sollten sie doch sehen, wo sie ihr Fleisch, ihr Geld und was noch alles herkriegten, sollten die doch alle zum Supermarkt, mit Chemie verpestetes Billigfleisch aus Massenhaltung kaufen und daran verrecken, die Idioten...!
  Und was würde dann aus der Fleischerei, aus seiner Frau, seinen Kindern? Wer würde das Studium Andreas finanzieren, für Ordnung und Disziplin sorgen - und Mathe und Michael, die Geistesleuchten der Familie, sollten die am Fließband enden? Dazu die ständige Sorge, fast Angst, einer könnte etwas merken. Klar: solange es noch unsichtbar war, solange war auch er sicher - was machte ein kleines Leck im Dach, wenn alles trocken blieb? Allerdings: die eigenartigen Seitenblicken Ruths in letzter Zeit, wenn sie glaubte, er merke es nicht; eine Art Misstrauen, anders vermochte er es nicht zu beschreiben. Sicherlich weil er abends sofort einschlief, anstatt sich wie früher mit ihr zu balgen. Nicht nur seine Müdigkeit hinderte ihn, der bloße Gedanke, vor ihren Augen zu versagen war so unerträglich, dass ihm jegliche Lust auf ein Schäferstündchen verging. Und wenn er sich doch aufraffte, schien sein Brustkorb hinterher wie auseinandergesprengt und an Schlaf war dann erst recht nicht zu denken. Nein. Und es ihr sagen? Sie war von seiner Kraft immer schon beeindruckt gewesen, darauf standen die Weiber nun mal. Nein. Ein Arzt? Was konnte der schon groß tun, ihm fehlte ja nichts außer Ruhe, und das war momentan nicht drin. Punktum. Abwarten, irgendwann würde es wieder aufwärts gehen: mehr Kunden, weniger Schulden, bessere Zeiten. Und dann, dann würde er den Laden Björn überlassen, sich sein Frauchen über die Schulter werfen und das nächste Flugzeug anpeilen: zweite Flitterwochen sozusagen...

  Tief atmete er die kühle Luft ein und spürte, wie der Druck nachließ, so dass er glaubte, einen neuen Schlafversuch starten zu können. Im Bett erinnerte er sich beschämt des Schlappis von vorhin: war er das gewesen? Haha, natürlich nicht, er würde es schon packen - ein Schmid, ein echter Schmid gibt so leicht nicht auf! Wäre ja gelacht... Arnold wälzte sich auf die andere Seite, bemüht, an andere weniger erregende Dinge zu denken. Ob er es nicht doch mit Schlaftabletten versuchte? Hoho, so weit kam es noch, er war doch kein Waschweib! Der Druck wurde unerträglich. Er erhob sich behutsam, um Ruth nicht zu wecken, schwerfällig ans Fenster schlurfend. Selbstmitleid legte sich um ihn wie ein alter schäbiger Mantel, nur für einsame Stunden ohne Zeugen bestimmt. Weit, noch weiter beugte der Geplagte sich aus dem Fenster in der nicht ernstzunehmender Absicht, die Welt von einem elenden Versager zu befreien... Eine dunkle Gestalt huschte verstohlen unten am Laden vorbei, eng an der schwarzen Wand geduckt. Arnold zwinkerte kurzsichtig, hastig das Fenster zumachend - irgendwann würde er sich eine Brille zulegen müssen. Ihm fror.

  "Hm?" klang die verschlafene Stimme seiner Frau zu ihm herüber. Er hatte das Fenster wohl zu laut geschlossen. "Was ist los? Schlecht geträumt?"

  "Nei-nein", versicherte er rasch. "Dachte, ich hätte etwas gehört, war aber nur der Wind. Schlaf nur weiter, ich komm gleich." Wenig später entnahm er den gleichmäßigen Atemzügen Ruths, dass sie schlief. Es gab ihm einen Stich: er kämpfte und litt, und sie schnarchte - und sowas nannte sich nun Ehe! Spontan trat er ans Bett, um ihr die Decke wegzureißen und - ließ den Arm wieder sinken: ihr schmales herzförmiges Gesicht mit den dunklen kurzen Haaren, unschuldig im Mond- bzw. Laternenlicht wie von innen leuchtend, die Lippen leicht geöffnet, erwartungsvoll - fast wie vor einem Vierteljahrhundert. Staunend sah er auf dieses Bild der Unschuld, faltete die Hände und lächelte: Seine Frau. Sie war immer noch das schönste Weib von ganz Salten, Schleswig-Holstein, Deutschland, Europa - von der ganzen verdammten beschissenen Welt, und er, ausgerechnet er, der klobige Fleischersohn, hatte sie für sich gewinnen können.

  Gleich als er sie zum ersten Mal richtig als Mann wahrgenommen hatte, hatte er gewusst: diese oder keine, und sich auch von einem langen Rattenschwanz Verehrer nicht abschrecken lassen. Er kicherte, über seine List von damals konnte er sich heute noch diebisch freuen. So ganz ohne Ideen war er also auch nicht, ein echter Schmid halt, ha! Jajaaa... Arnold gähnte. Erfreut befand er, nun doch schlafen zu können, legte sich hin - und schlief.

  Als er um halb sieben erwachte, fühlte der Fleischer sich frisch und ausgeruht, als habe er ein volles achtstündiges Schlafpensum intus. Es würde ein schöner Tag werden, dessen war er sich gewiss: ein wunderschöner Tag! Vergnügt kam er seinen seit Wochen sträflich vernachlässigten ehelichen Pflichten nach und platzte beinahe vor guter Laune und Lebensfreude, als seine Frau ihm hinterher liebevoll in den Magen boxte, bevor sie in ihren Morgenmantel schlüpfte, um die Kinder zu wecken.

  Wer hatte eine so prachtvolle Frau wie er, wer?!

* * * * *

  Isa schaute nur flüchtig hoch, als ihre angeheiratete Kusine wie üblich kurz nach Ladenschluss durch den Kellereingang reinschlüpfte und sich selbst bediente. Auch das Klingeln der Kasse, als Karin die Beträge eintippte und bezahlte, vermochte nicht, sie aus ihrer Konzentration zu reißen...

  Seit Ewigkeiten, so kam es Karin vor, ging Isa mit Plänen schwanger, aus der langweiligen Emma eine Angélique - eine erstklassige Secondhand-Boutique - zu gestalten. Die Blaupausen, Prospekte, Fotokopien, Bauzeichnungen und Zahlenkolonnen hätten ausgereicht, den gesamten Huf zweimal neu zu tapezieren. Warum, zum Donner, machte die Frau sich nicht einfach ran und tat es? fragte sie sich kopfschüttelnd, obwohl sie den Grund kannte. Es war nicht leicht als Bauernschrank durch die Weltgeschichte zu spazieren, wenn man sich eher als Chippendale-Tisch fühlte. Niemand kaufte ihr die Zerbrechlichkeit ab, sie sah tüchtig und belastbar, so stabil aus, dass sie manchmal selbst an sich irre wurde. Diese Fahrt nach Amerika mit knapp 15 Jahren vor etwa einem Vierteljahrhundert zum Beispiel, die sich so abenteuerlich anhörte, war nichts als Flucht gewesen, nachdem der ahnungslose Arnold, der immer nur das glaubte, was er sah und umgekehrt, sein kleines Spielchen Wie-kapere-ich-Ruth mit ihr, deren jüngeren Freundin, getrieben und hinterher jammernd so getan hatte, als sei er der Verlassene, Betrogene gewesen, um sich ausgiebig trösten lassen zu können. Jaja. Ihr Zusammenleben mit John hielt man für einen Husarenstreich ähnlicher Güte, sie wusste es wohl: Isa, die Unkonventionelle, die Unverfrorene, Mutige...

  Lustig. Dass dieses Mutpaket dem Schwarzamerikaner völlig ergeben war und nichts ohne sein lässiges O.K. tat, war nur wenigen bekannt. So einer wie John, den würde sie nicht nochmal finden, der behandelte sie wie einen Bauernschrank mit Chippendale-Seele, tatsächlich. Leider reichte dies nicht aus, ihren ewig suchenden Geist zufriedenzustellen, der blindlings herumtappte, Großes planend und sich ansonsten in eingefahrenen Bahnen haltend, in denen ihr ebenso ruheloser Körper sich austoben konnte, ohne dem weniger stabilen Rest allzuviel Schaden zuzufügen.

  Karin stellte ihre vollen Taschen vor ihrer Kusine auf das Gewirr aus Papier, welches die gesamte Thekenfläche bedeckte, kompromisslose Gesprächsbereitschaft bekundend: "Gehst du nachher zum Treff?"

  Isa schnitt eine Grimasse: "Wer nicht? Ich glaube, diesmal müssen die Männer ihre Frauen huckepack nehmen vor lauter Platzmangel. Mich ausgenommen, versteht sich", setzte sie mit missglücktem Grinsen hinzu, an sich heruntersehend.

  "Und was meinst du dazu?" formulierte Karin ihre Frage anders.

  "Wozu?" uhute die Jüngere mit unschuldsvollem Augenaufschlag, obwohl sie es ahnte.

  "Zu den sogenannten Straßenverstümmelungen. Vorgestern hat er wieder zugeschlagen, der Bürgerschreck. Mir ist aufgefallen, dass du dich zu dem Thema selten mundfaul verhältst."

  "Soll das heißen, du verdächtigst mich?" kicherte Isa vor sich hin. "Dazu fehlt mir leider der Mut, du kennst mich doch."

  Das tat Karin allerdings. Nachdenklich sah sie zu der großen Frau auf. "Und John? Was sagt Buddha?"

  "John?" Isa bekam große Augen, als müsse sie sich erst darauf besinnen, wer wohl gemeint sein könnte.

  Karins Miene, ebenso modulierbar wie ihre Stimme, verwandelte sich im Nu in eine "Du übertreibst mal wieder restlos, meine Liebe".

  "John steckt bis über beide Ohren in einer sehr komplexen wissenschaftlichen Übersetzung", beeilte Isa sich zu versichern, "für Banalitäten hat der keine Zeit."

  "Das gefällt mir nicht, Is", verkündete Karin mit ungewohnter Eindringlichkeit. "Du weißt, wie ich dazu stehe. Unter Umständen ist es in Ordnung zu durchschlagenden Mitteln zu greifen, selbst wenn diese, hmm - ein wenig unorthodox sein sollten. Leider wollen die Gesetze und deren Hüter solche Schattierungen nicht wahrhaben, und früher oder später wird man erwischt." Es klang auswendig gelernt.

  Isa lachte auf. "Aha, so ist das also! Du weißt, wer es ist, steckst am Ende selbst dahinter." Sie drohte Karin in gespielter Missbilligung mit einem langen, ihrer Meinung nach hässlichen Wurstfinger.

  "Isa", blieb Karin ernst, "ich habe den Hinweis von Stephan, und wenn der etwas vermutet, glauben es bald alle zu wissen. Mich kann ja keiner aus dem Land verweisen, ich habe auch keine Familie, auf die ich Rücksicht nehmen müsste." Sie seufzte. "Wenn es hart auf hart kommt, könnt ihr euch auf mich verlassen, das weißt du, aber - müssen wir es soweit kommen lassen? Warum verreist ihr nicht ein Weilchen, bis die Wogen sich geglättet haben? - Bis nachher dann." Mit der ihr eigenen Abruptheit ihre Taschen ergreifend, verschwand sie so hurtig diesmal durch den Vordereingang, dass die Türglocke keine Chance hatte.

  "Und?!" überfiel sie eine ihr nur zu bekannte Stimme kurz vor der Sabü. Offenbar hatte er sie aufgelauert - hätte sie sich eigentlich denken können.

  "Darf ich erst meine Taschen loswerden?" kam ihre Gegenfrage mit gewohnter Trockenheit. Sie schloss die Haustür auf, das Eingekaufte kurzerhand ins Treppenhaus abstellend. Sie legte keinen Wert darauf, den Ex-Mann zu sich hinauf zu bitten; tatsächlich war er noch nie in ihrer Wohnung gewesen. Und so sollte es bleiben.

  "Hast du sie darauf angesprochen?" schoss er los, kaum hatte er sie auf eine Bank vor der Sabü gelotst. "Was hat sie gesagt? Hat sie es zugegeben? Wie war ihre Reaktion?"

  "Wenn du weiterhin so herumbrüllst, gehe ich", gab Karin bekannt, eine steile Falte zwischen den Brauen.

  Die Anstrengung, leiser zu sein, machte aus seinem Flüstern schiere Gewehrsalven: "Iss ja gutt, bin ja stille! Nu erzähl schon!"

  "Gibt nichts zu erzählen."

  Stephan sah aus, als habe man ihm eine dicke Mauer an den Kopf geworfen. "Nichts?! Glaubst du, ich überbringe dir Geheimmaterial, töppsiekrett, um so abgespeist zu werden?" Und dann, beleidigt: "Oder meinst du, ich sag's weiter? Nicht nur ist Isa meine Kusine, John ist außerdem mein Freund. Ich würde einen Freund nie verpfeifen, kennst mich doch!"

  Karin schnitt eine Grimasse. "Und doch verlangst du ebendiese Freveltat von mir, pfui Stephan! Aber beruhige dich, ich weiß wirklich nichts."

  "Du und nichts wissen, da lachen doch die Wetterhähne!" schnaubte er, um dann in gemäßigterem Ton weiterzubohren: "Hast du erwähnt, dass John verdächtigt wird? Wie hat sie reagiert?"

  Diese Penetranz, fast Mangel an Stolz hatte sie schon immer mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination erfüllt. Sie selbst war auch nicht ohne Neugierde, aber im Rahmen des vom Betroffenen Erlaubten. Normalerweise. "Ich habe es angedeutet."

  "Mädchen, lass dir doch nicht alles aus der Nase baggern!"

  Karin seufzte. Der Kerl war imstande sie hier den ganzen Abend mit seiner Fragerei festzuhalten. Behende erhob sie sich, ihn mit einer Macht schüttelnd, dass er glaubte, herunterfallende Äpfel zu hören.

  "Ich weiß nichts!" brüllte die Bücherei-Leiterin kernig, die einzelnen Silben betonend, als habe sie es mit einem Schwachsinnigen zu tun. "Nichts! Nichts! Nichts!" Seine Benommenheit ausnützend, blies sie unverrichteterdinge zur Attacke, das einzige, was ihn mitunter beeindruckte: "Im übrigen finde ich deine Wortwahl mehr als verunglückt: 'Straßenschänder' - also wirklich, Ste-phan. Die paar länglichen Maulwurfhüglein aus Zement, um Pseudo-Niki-Laudisten zu einem vernünftigeren Tempo zu veranlassen, das ist keine Straßenschändung - das ist eine Wohltat. Den Ausdruck hast du nicht zufällig einem Groschenroman, Jahrgang l809, entnommen?"

  "Karin!?" tat ihr Ex-Gemahl entsetzt, sich besorgt umschauend. "Bick Brödder hört mit!" Er zögerte. "Mal ehrlich, der Ausdruck stammt nicht von mir. Der Bürgermeister..."

  "...kann mich mal kreuzweise", fiel die Bibliothekarin prompt ein, als Stephan leicht zögerte.

  "Das will ich nicht gehört haben", nuschelte er mit gespieltem Staunen. "Ich denke, du bist eine Läddie."

  "Das könnte dir so passen", entfuhr es ihr.

  Er gaffte mit offenem Mund. "Und mit sowas war ich verheiratet", beschwerte er sich hochsehend beim Baum.

  Doch seine Ex-Dame konnte genauso hartnäckig am Ball bleiben wie er, wenn sie es für nötig hielt: "Warum also 'Straßenschänder' - seit wann lässt du dir etwas aufzwingen?"

  Mit einem hohlen Pfeifgeräusch entleerte er seine Lungen. "Hab ja versucht, etwas Flotteres daraus zu machen, Strietkiller etwa oder..." - seine Augen leuchteten auf wie der berühmte Geistesblitz: "der Maulwurf! Mensch, Karin, du bist unbezahlbar!"

  "Stephan!"

  Diesen Ton kannte er. "Also gut. Die Sache ist die, dass ich gezwungen war mich nach Finanziermöglichkeiten umzusehen." Er seufzte abermals, schien Mitleid zu erwarten.

  Karin schickte ihren eigenen Atem dem seinen hinterher; das leidige Wort 'Finanziermöglichkeiten' hatte sie im Laufe ihrer Ehe und danach zu oft gehört. Es war ein Wunder, dass Stephan sich als Geschäftsmann überhaupt so lange hatte halten können, er glich mehr einem Spieler. Wo jeder andere den Gürtel enger geschnallt, hie ein Pöstchen, da einen Schnörkel gestrichen hätte, gebärdete der Pressemann sich bei Geldklammheit wie ein überkandidelter Spekulant, lieh sich, versprach Unmögliches gegen Vorschuss, übernahm ohne Netz und Deckung - bis sein Schuldenberg derart unübersichtlich wurde, dass ihm nur der Weg zur Bank blieb. Wenn überhaupt, denn diese stellte sich von Mal zu Mal spröder. Der halbe Verlag gehörte ihr ja schon, warum nicht warten, bis ihr die andere Hälfte wie von selbst in den Schoß fiel? Oder hatte der Herr Fux einen integren Bürge im Ärmel...?

  "Lass mich raten", fiel Karin ihm ins Wort. "Dorothy Hammsen."

  "Schlaues Mädchen", staunte er. "Woher weißt du?"

  Mahnende Pieptöne aus Stephans Armbanduhr ersparte beiden die Verlegenheit einer Nicht-Antwort.

  "Fünf vor sieben, meine Gnädigste", trompetete er ohne Armstreck-Uhr-her-Zucken, Karin galant den unbeuhrten Arm anbietend. "Gehen wir? - Es wird turbulent heute Abend, maark mei wörds..."

  Turbulent war gar kein Ausdruck, der Abend sprengte einige Rekorde. Sämtliche Fenster und Türe mussten sperrangelweit geöffnet werden, damit die Menge draußen sich trotz Lautsprecheranlage nicht ausgeschlossen vorkam und Unfug trieb. Zu Karins Belustigung ließ man wohl sie, nicht aber den bekannten Marktschreier durch - einige erboten sich gar johlend, sie auf Schultern hineinzutragen. Armer Stephan... Der Skandal im Jahre 1973, als ein Ratsherr rausgeflogen war, dessen einziges Manko darin bestanden hatte, dem Golfspiel mehr Aufmerksamkeit zu schenken als Bürgertreffs, und auch das wüst-nasse Wasserpistolengefecht der Rhinos (Wasserballteam) 1982 verblassten daneben zu bloßen Episoden. Wie es die SaNews am nächsten Morgen trotz Stephans nur außerräumlicher Anwesenheit formulierte: Salten revoltierte!
Nun ja. Fast.

  Einige, viele, beinah alle - von buntprominent bis meiergraumäusig - versuchten an diesem Abend, ihr Herz für den Gesetzesbrecher zu offenbaren. Man pries den Täter als Kinderfreund, Umweltfreund, Altenfreund, Menschenfreund, eine Art Robin Hood aller zwei- bis vierbeinigen, bedauernswert gesetzestreuen Saltener, deren schlechtes Gewissen - denn man selbst hatte nichts unternommen - durch Lautstärke seinen Weg nach draußen fand. Die Muthasen (Mütter, Hausfrauen und Senioren Klub) plädierten für eine Amnestie inklusive Ehrenbürgerschaft, während die Rocker (Rote Kreuz Helfer) es für eine gute Idee hielten, einen neuen Bürger-für-Bürger-Ring zu gründen - mit dem Gesuchten als Präsidenten. Auf diese Vorschusslorbeeren hin bekannte sich ein Dicker mit wässrigen Augen zu den Verstümmlungen und wurde prompt ausgebuht; ein älterer Herr tat es ihm nach, mit vorgehaltenen Händen verlangend, verhaftet zu werden: sofort! Und bevor die paar Ordnungshüter reagieren konnten, war das reinste Tohuwabohu im Gange und die Luft schwirrte vor Selbstanzeigen und Gegröle. Selbst als der Bürgermeister selten mutig auf eins der Klettergerüste kraxelte und einen moralischen Zeigefinger hob, beruhigten die Gemüter sich keineswegs; im Gegenteil, sie zogen den Spielverderber - immer diese Auswärtige! - an den Beinen runter und trugen ihn kurzerhand hinaus...

  Was konnte das anders sein als der Aufstand?

  Am nächsten Morgen verschwand halb Salten hinter Zeitungswänden, denn sogar ein paar HaHa-Blätter hatten den Zwischenfall einer Erwähnung wert gefunden - nicht dass man sich darum riss, in einem solchen Billigrevolverblättchen gedruckt zu werden: aber hal-lo, wer sind wir denn? Diese abgeklärte Haltung hinderte die Saltener nicht, selbst einige Räuberpistolen in die Welt zu setzen: Bäcker Krug vom Kulturviertel etwa wusste von einem Sturm aufs Rathaus zu berichten, von einem Putschversuch mit sieben Verletzten und einem Geteerten. Das fand der Zuckerbäckermeister Ottchen lustig - sobald er sich über das Märchen seines Kollegen ausgelacht hatte, verriet er jedem die Wahrheit inklusive vier Antiterroristenspezialeinheiten mit Hubschrauber, Suchhunden, Schutzgraben und Stacheldraht. Aber nicht weitersagen...
  Soviel Dramatik konnte der Marktschreier nicht widerstehen. Bürgermeisterhetäre hin, Kredit her, tapfer schmiss Stephan eine sensationelle Reportage über den 'Maulwurf', dessen Taten er mit denen Dutschkes verglich und sicherlich eine zweite, verbesserte Auflage der 68er-Bewegung zur Folge haben würde...

  Das war zuviel. Auf diesen Vergleich hin überwand Karin ihre Abneigung, mit Maschinen zu sprechen, dem Ex-Mann ihre Meinung auf dessen Anrufbeantworter hinterlassend - wobei Schmierfink und Opportunist zu den mildesten Umschreibungen gehörten. Sie endete mit dem Gratistip, etwas leiser zu treten, denn die Leute würden sich noch müde 'revoltieren' und ändern würde sich - nichts.

  Sie sollte recht behalten. Eines Morgens stand Salten auf - zwar nicht wie ein Mann, sondern Bein für Bein, je nach Bedarf oder gestelltem Wecker - und sämtliche 'Maulwurfhüglein' waren verschwunden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion war eine Bautruppe aus HaHa - der Teufel soll diese Auswärtige holen! - durch die Straßen geeilt, sie schön eben und autofreundlich zurücklassend. Es war nicht einmal schwer gewesen, die vorgefertigten Zementlaibe waren mit einer dünnen Lage Quick-Zement angeheftet gewesen und entsprechend leicht zu entfernen. Kein Wunder, dass der Bursche nie erwischt worden war, mit etwas Geschicklichkeit dauerte die Anbringung höchstens fünf Minuten...

  Salten resignierte. Man hatte schon immer gewusst, dass es so kommen würde und schob in altbewährter Weise alles den verdammten HaHaern in die Schuhe. Kinder wurden wie eh und je ermahnt, aufzupassen und von oben bis unten mit Leuchtpartikeln behängt, Senioren brach weiterhin der Angstschweiß aus beim Versuch, innerhalb weniger Sekunden über eine breite Straße zu hoppeln.

  Zum Glück hatten alle Übung in dem Spiel, so dass es höchstens zu Schürfwunden, Verstauchungen und ab und zu einem Bruch kam, deren Ursprung verschämt geheim gehalten wurden: Zweibeinige unter sechs und über sechzig sprechen nicht so gern übers Stolpern und in-den-Graben-Fallen/Springen, klingt halt etwas tölpelhaft...

  Gespannt wartete die Stadt auf ein erneutes Zuschlagen ihres Straßen-Zorros, dann wurde die Putzfrau eines Ratsherrn entführt, deren Mann, ein geiziger Chauvinist, in Verdacht geriet ein wenig nachgeholfen zu haben, und aus der Revolte wurde ein Revöltchen. Als sich herausstellte, dass die Putzfrau im Lotto ein paar Tausender gewonnen und sich klammheimlich den ersten Urlaub ihres Lebens gegönnt hatte, war es zu spät.

  Der Alltag war wieder eingekehrt.

ende der leseprobe