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saltener bits (1992)
leseprobe von nick jacobse


VII. lecksuche

Kurz bevor der Sommer seinen offiziellen Einzug hielt, belebte sich das Saltener Einerlei, der Lenz baeumte sich ein letztes Mal auf, und Ereignis folgte auf Missgeschick - zumal am Huf. Mit einem Einbruch fing es an. Spitzbuben hatten einen Amerikabesuch der Familie Brown-Korn ausgenuetzt, um bei Emma etwas "Klarschiff" zu machen, wie der Einbruchdezernatleiter, Ex-Mariner und Anhaenger des britischen Unterstatements, es formulierte und der Leere im Hause und Laden nicht gerecht wurde: von der riesigen Gefriertruhe, ueber Emma-Taschen bis zu Parmesankaese, Johns dicken Waelzen und dem alten nasenlosen Teddy von Sabine war den Taetern nichts zu klein oder schaebig, um nicht mitgenommen zu werden. Keine vierundzwanzig Stunden nach der Entdeckung durch Karin, die trotz einer beim Bockspringen zugezogenen Daumenzerrung das Blumengiessen uebernommen hatte, wurden die Diebesgueter bereits lokalisiert. Ein anonymer Anruf hatte Streifenbeamte zu einer Besichtigung der Sabue-Kellerraeume veranlasst, und in vier dieser Raeume waren sie tatsaechlich fuendig geworden. Dies erklaerte nicht nur, warum die Nachbarn nichts bemerkt hatten, sondern auch die Gruendlichkeit, mit der die Taeter hatten vorgehen koennen: einen ganzen Tag zur freien Verfuegung mit soviel Beleuchtung wie man sich nur wuenschen konnte, da die Rollos bei Brown-Korn allesamt laserdicht unten waren - wie praktisch.
Beim Durchchecken der gefundenen Gegenstaende wurde ein leerer Sack Zementmischung der Wird-schnell-trocken-Sorte mitsamt Kelle, Spachtel und aehnlichem Zubehoer gefunden. An und fuer sich nichts Weltbewegendes, liegt in fast jedem Haushalt griffbereit, bloss - hier hatte man es weder im Werkzeugkasten noch im Schrank, sondern in der Gefriertruhe zwischen Ente und Spinat gefunden - und im ganzen Haus fand sich keine einzige halbwegs frisch gespachtelte Stelle...

Der Heimkehr der Brown-Korns geriet entsprechend. Kaum dem Zug aus Hamburg entstiegen, legte sich eine amtliche Hand auf Johns Arm, ihn in aller Form zum Mitkommen aufs Praesidium auffordernd. Leider war die Strassen-Robin-Hood-Euphorie laengst im Fruehjahrsloch versunken, Saltens Revoluzzer stellten sich abwartend. Die Enttaeuschung darueber, dass es keiner von ihnen war, musste erst verkraftet werden, denn dass Isa es gewesen sein koennte, daran wollte niemand so recht glauben. Und doch begnuegte die Behoerde sich mit einem kurzen Verhoer, wie das? Immerhin handelte es sich um einen Akademiker, oho, um einen Amerikaner, aha, um einen Ehrenbuerger der Stadt Salten, ach so, wussten wir nicht, guten Abend, Professor Brown...

* * *

"Glaubst du, die hauen ab?2 sprach Micha einen Gedanken aus, der einige beschaeftigten. Es sollte ober
Ruth ging darauf ein und tat, als haette sie das leichte Kraechzen in seiner Stimme nicht gehoert und wuerde ueber ein dermatologisches Experiment in Australien nachdenken. Die Brown-Korns, geschockt ueber die Vorfalle, hatten nicht einmal ausgepackt, sondern waren unverrichterdinge zu Kornschen Verwandten in die Neuen Bundeslaender weitergefahren. Man munkelte, sie wuerden nicht wiederkommen...
"Nein", entschied Ruth endlich. "Isa ist aus dem Abhau-Alter heraus, und John war nie drin." Der Hackauflauf war im Ofen, die Familie verstaendigt, die Wartezeit nuetzte sie, um schnell einen Kuchen zu backen, erfreut ueber Michas Hilfe. Diesmal war der Kuchen fuer Karin, deren verkorkster Daumen in die Klappe des Lifts geraten war - ihr markiger Schrei hatte allen, die es gehoert hatten, eine Ganzkoerpergaensehaut beschert. Micha wuerde den Kuchen nach dem Essen rueberbringen, da Karin eine unerklaerliche Abneigung gegen Ruth hatte.
"Du nennst ihn John?" staunte er mit unverstellt junger Stimme.
"Was wundert dich daran?
"Paps waer's bestimmt nicht recht."
Sie warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. Er sass mit einer Pobacke auf der Waschmaschine, einen sauber geleckten Holzloeffel in der Hand und das linke Bein solidarisch hin und herschwenkend in Gedanken an Bine.
"Ich glaube, ihr habt ein voellig falsches Bild von eurem Vater. Der ist gar nicht so."
"Wer ist gar nicht wie?" toente im naechsten Moment die Stimme des Vaters so taeuschend echt, dass beide herumfuehren.
Hereinschritt Bjoern, ein gewohnt breit ueberlegenes Grinsen in dem Vollmondgesicht. "Wenn dies ein Hollywood
"Dies ist aber kein Film", gab Micha patzig zurueck. "Deswegen heisst es: 'Man lauscht und schleicht nicht' und 'Du stoerst, piss off!"

Die Mutter dieser Streithaehne riss die Augen auf. Bis vor kurzem hatte ihr Juengster eine gesunde Zurueckhaltung vor dem bulligen Bruder an den Tag gelegt, war ihm aus dem Weg gegangen oder hatte wenigstens seine Zunge im Zaum gehalten. Seit einigen Tagen war diese Scheu immer mehr geschmolzen, eine Herausforderung Platz machend, die selbst den dickfelligen Bjoern stutzig machen musste.
"Wuerdest du bitte den Tisch decken?" stuerzte sie sich in bekannt hektischer Ach-Gott-ein-Streit-Manier kopfueber dazwischen.
"Habe ich bereits vor einer halben Stunde erledigt", entgegnete Michael tonlos, ohne den Blick von Bjoern zu loesen.
Der feixte. "Oho! Isser nicht lieb, unser Muttersoehnchen? Und eine Freundin hat er auch, wie ich hoere und staune. Soll unsrem Casanova die suesse kleine Mischlingsmaus abspenstig gemacht haben, deren Mutter unsere aergste Konkurrenz und deren Vater ein Verbrecher ist, sag bloss? Du machst uns Ehre, Bruderherz!"
Michas Gesicht hatte sich verfaerbt. "So ein Vater waere mir tausendmal lieber als ein verdammter Denunziant zum Bruder!"
Die Wirkung dieser Worte war sehenswert. Alles Blut schien aus Bjoerns feisten Wangen zu weichen. Eine kleine Ewigkeit verging. "Sieh an", brachte er schliesslich mit gezwungener Froehlichkeit hervor. "Denunziant, das Wort kennst du?" Er lachte auf. Zu laut. Zu lange. "Wetten, du hast keine Ahnung, was du daher redest?" Das Fragezeichen dahinter war wie ein Haken.
"So, hab ich nicht? Ich wuerde sagen, wenn jemand mit verstellter Stimme den genauen Standort eines gewissen Zementsackes plus Zubehoer verraet, als habe er es selber dort versteckt, dann ist er nicht bloss ein Denunziant, sondern ein Dieb, Luegner und verfluchter Lump obendrein!"
Die Zeit schien stillzustehen. Bjoerns Stiererei mit verbissener Entschlossenheit standhaltend, liess Micha sich von der Waschmaschine gleiten, sich breitbeinig vor dem Bruder aufbauend. Nach endlosen Sekunden wandte der Aeltere sich ab, irgendwas von einer wichtigen Verabredung vor sich murmelnd. "Wir sprechen uns noch, Bursche!" drohte er halbherzig. Und prallte in der Tuer mit Arnold zusammen. Blass standen Vater und Sohn sich gegenueber.
"Stimmt das?" holte Arnold seine Stimme von weit unten.
Bjoern wand sich. "Tuerlich nicht", entgegnete er trotzig. Doch die Augen wichen aus, bekamen etwas Fremdes wie die seiner Mutter, wenn sie eine ihrer seltenen Flunkereien losliess.
Ein Ader an Arnolds linker Schlaefe schwoll an, der zuverlaessige Vorbote eines echten Schmidsturms, blaeulich pochend und unheilverkuendend. Doch dann geschah es: fuer den Bruchteil einer Sekunde hob sich der Schleier, und Arnold sah alle so klar und deutlich vor sich wie lange nicht mehr: Bjoern, fahl, feist und geduckt, mit blutunterlaufenen Augen, die auswichen; Micha, der seinen Ivanhoe-Schild abgelegt hatte und in die hinterste Ecke zurueckgewichen war; und Ruth, seine geliebte Ruth, deren ebenmaessige Gesichtszuege seltsam vergraemt wirkten und zur Abwechslung ihr wahres Alter verrieten - und einiges mehr... Was war das? Tief, tief Luft holend, griff der Fleischer sich mit einer fast schuechternen Bewegung an die linke Brustseite und meinte dann heiser: "Lasst uns essen." Mehr nicht.

Die Stille lag wie eine dicke Wolldecke ueber dem Esszimmertisch. Selbst Ruth machte sich mit unziemlicher Hast daran, ihren Teller zu leeren, die Augen nach unten gerichtet. Nur Sunnyboy Thomas versuchte ahnungslos, die Stimmung mit ein paar Witzen zu lockern, bis Mathe ihn mit einem wuchtigen Tritt unterm Tisch zum Schweigen brachte. Kaum hatte der Vater genickt, verschwanden die Soehne mit nie dagewesener Lautlosigkeit von der Bildflaeche, um bis zum naechsten Morgen unsichtbar zu bleiben. Schweren Schrittes tat der Fleischer es ihnen nach und stieg in den Keller, um seine beruehmten Hufwuerste: Fleischwurstringe mit aparter Note fertigzustellen, waehrend Ruth die leere Etage nuetzte, um den Wohnzimmerschrank auszumisten.

Ein ruhiger Abend. Ruhiger als die Nacht. Der Fruehling, bis dahin vorwiegend heiss und trocken, schien kurz vor seinem Ende zeigen zu wollen, dass es ihn doch noch gab. Es blitzte und krachte nur so, und binnen weniger Minuten zog die vertrocknete Erde sich voll. Dieses Unwetter nuetzte eine vermummte Gestalt, sich eng an den Hauswaenden haltend, die Fusszone hinaufzuschleichen. Kurz nach Mitternacht gingen inmitten eines betaeubenden Grollens von oben saemtliche Lichter Saltens aus: Der Sommer war da.

Am Morgen danach fochten Salten und Sonne ein Wettstrahlen aus: Die Fachwerkhaeuser wirkten wie geschnitzt und frisch gemalt, die Strassen schillerten in allen Regenbogenfarben, die Pflanzen wetteiferten um das beste Gruen und die Buntheit der Bluetenwelt stach ins Auge, dass es wehtat. Nur einige Aeste und Papierfetzen erinnerten an einen Sturm, der grosse Teile Deutschlands unter Wasser gesetzt hatte, sodass die Saltener nicht ohne Schadenfreude aus dem Munde munterer Moderatoren des Fruehstuecksradios von Ueberschwemmungen in Bonn und anderswo erfuhren, sich diebisch ueber die leicht erhoehte, geschuetzte Lage ihres Nestes freuend und mit erhobenen Nasen und trockenen Fusses zur Arbeit stapfend: Ein schoener Tag, oho!
Der Anblick neuer Maulwurfprodukte auf den noch daempfenden Strassen liess manch trockener Fuss innehalten und dann verharren, bis sich aufgeregte Menschentrauben zu bilden begannen, die genau dieses schon immer vorausgesehen haben wollten, aber ge-nau so. Die Erhebungen waren nicht so akkurat ausgefuehrt worden wie sonst, in zwei Faellen haette man getrost von Pfusch sprechen koennen, wenn man den Mut dazu hatte und es in Kauf nahm, dafuer verbal gesteinigt zu werden: Auf die Absicht, allein auf die Absicht kam es hier an, und ueberhaupt, bei dem Wetter Konfektionsarbeit zu erwarten, das war... das war...!
Gespannt lauerten die Saltener auf eine Reaktion von oben. Man erwog die Aufstellung einer Buergerwehr, die nachts viertelstuendlich durch die Maulwurfstrassen patrouillieren sollte, um einer eventuellen Wiederholung der HaHaer Invasion abzuwehren und derlei mehr. Es brodelte. Diesmal, diesmal waren alle bereit, und oh, sie wuerden handeln! Der Buergermeister dieser Wehrbereiten tat desgleichen, wenn auch anders als erwartet. Einer unlaengst durchgefuehrten Umfrage zufolge lag Aeppie auf der Beliebtheitsskala ganz ganz unten, und der Schock hierueber hatte ihn zum Aeussersten getrieben: er hatte seine Frau um Rat gefragt. Das Ergebnis war eine offizielle Aktion Maulwurf, die bereits vorhandenen Huegel wurden korrigiert, verschoenert und hie und da durch Geschwister ergaenzt. Um diesem seltsamen Betragen die Krone aufzusetzen, begab Uns-Aeppie sich am selben Nachmittag mitsamt Ehegemahlin zum Bahnhof, um seinen Freund John Brown persoenlich abzuholen - ein ruehrender Anblick, der tags darauf nicht nur in den SaNews zu bewundern war. Keine Frage, dass die Anklage gegen den verdienten Mann in allen Punkten fallengelassen wurde. Man entschuldigte sich und sprach die Hoffnung aus, den Amerikaner am Abend in der Buergermeisterklause begruessen zu duerfen: nichts Besonders, nur ein paar nette Leute, die dem Ehrenbuerger unbedingt die Hand druecken wollten. Es blieb beim Wollen. Am Huf erfuhr Isa, dass ihre aelteste Freundin Ruth in aller Herrgottesfruehe mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren worden war, woraufhin das Haendeschuetteln zu Johns Erleichterung ausfiel. Geschockt eilte Isa ans Krankenbett Ruths, diese zwar ueberrumpelt und kopflos, aber voellig gesund im Spitalfoyer vorfindend. Die sanft-sensible Frau, die Isa in jungen Jahren wie eine zweite Mutter gewesen war, war am Morgen beim ersten Weckerrasseln erwacht - neben sich ein Mann, der sich nicht ruehrte. Das war alles, und wie Isa versicherte, nachdem sie Ruth vor Mitgefuehl halb zu Tode erdrueckt hatten: es reichte. Sie verliess das Krankenhaus erst, als der aelteste Schmidsohn, der sich auf ein wirres Telegramm hin in den erstbesten Zug heimwaerts gesetzt hatte, sie abloeste.

Der Sommer konnte kommen.

ende der leseprobe

vorwort 2022
mal ganz hinten

Beim Durchlesen von Saltener Bits (1992, ungefaehr 200 Seiten - geschrieben waehrend sich #Lichterketten durchs Land zogen) fiel (ausser dass die Formattierung sich wieder mal aufgehaengt hatte) auf, was uns zwar nicht wie heute mitten ins Gesicht springt, aber doch schon da war:
1) das Aufbaeumen gegen die Vollherrschaft des Autos,
2) die #Klimakrise bzw. Umweltverschmutzung & Verschwendung,
3) das Vorpreschen der #Vegetarier, durchs Billigessen befoerdert,
4) der Scheu vor Bits & Bytes (meine Mom, geboren 1920 in Jakarta, war 1972 eine der ersten, die eine Fortbildung machte - habe der Aufgeschlossenheit beider Eltern viel zu verdanken: insgesamt fuenf Ehen & drei Kontinenten) &
5) #Rechtsradikalismus sowieso, der haesslichste Synonym fuer Unzufriedenheit, die nach anderen schmeisst - wie viele Ismen. Grund genug die vier auf hexandthecity gezeigten Leseproben als Zeitreisen zu datieren - wuerde mich freuen, wenn ein engagierter Verlag (oder etwas komplett anderes - ask me: "heulmeisje/about me) inkl. Rechtsabteilung Lust hat, mit mir so etwas wie eine Stiftung zu gruenden.

Keine Panik, Saltener Bits ist dennoch ein Roman, geschrieben um (hoffentlich nicht nur mich selbst) zu unterhalten. Anbei eine Leseprobe, Kapitel VII.

Viel Spass und willkommen in Salten,

Tuer zu - es zieht.