die spinnen doch alle...

die spinne

Er hatte sich lange Zeit nichts bei gedacht.
Selbst seine Mutter hatte ihm in all den Jahren nie etwas Abstraktes wie Fantasie nachsagen können - und die behielt ihre Meinung in der Regel nicht für sich und war nicht zimperlich.
Nö.
Als bekennender Pragmatiker und Gewohnheitsmensch überließ er Sprünge, auch die gedankliche und das damit verbundene Hinfallen gern anderen; was er schätzte waren Übersichtlichkeit und Ordnung. Jeden Samstag pflegte er seine Wohnung zu reinigen: im Wohn- und Schlafbereich trocken-, dann Küche und Bad naßwischen und anschließend mit dem Staubsauger quer durch, Treppe runter bis zur Haustür, Fußboden feudeln, Wasser in den Gully. Fertig.
Später aß er woanders, um die Sauberkeit ein Weilchen zu erhalten.
Das war sein Samstag.
Jeder Samstag.
Die enorme Zunahme der Spinnenpopulation in diesem Jahr störte ihn nicht weiter, es war halt ein elendes Wetter: wenig Sonne und umso mehr Regen - klar dass die Viecher ein trockenes Plätzchen suchten.
Und immer größer wurden. Weniger Bewegung plus mehr Essen plus weniger Stress gleich dicker werden - nachvollziehbar. Nur über das "tock" im Inneren des Staubsaugers beim Saugen hatte er sich gewundert, als handelte es sich um ein größeres Stück Holz anstatt so'n lüttes Spinnentierchen, ein tock! das allerdings jeden Samstag lauter zu werden schien und mittlerweile zum "TOCK!" mutiert war.
Einbildung...
Natürlich.
Ob er zusätzlich Vitamine benötigte?
Richtig fing es an dem Morgen an, als er wie üblich um halb sieben die Augen aufschlug. Oben links in der gegenüberliegenden Ecke seines Schlafzimmers hockte eine knubbelige graubraun gestreifte Spinne, deren stattlichen Umfang seine Augen sofort tellerrund werden ließ: das ging zu weit! Aufspringen und zur Besenkammer eilen waren eins - das TOCK! im Staubsauger hatte sich mehr wie ein sattes Plopp! angehört, voller also, als passe etwas eben mal durch den Schlauch. Angst hatte er dabei keine, sein Ordnungssinn war gestört und wiederhergestellt, mehr nicht.
Was jedoch sollte er davon halten, wenn er diese Säuberungsprozedur jeden Morgen wiederholen mußte, auch nach sorgfältiger Schließung sämtlicher Öffnungen vom Staubsauger? Vorsichtig - er hatte einen sicheren und gutbezahlten Job in einer seriösen Firma und keine Lust auf Veränderung - fing er an sich zu erkundigen, ob die Kollegen auch so ein hartnäckiges Haustierchen hatten, das von Mal zu Mal fetter zu werden schien: hahaha, Scherz natürlich. Das Problem war - wenn's überhaupt ein Problem gab: er hatte nichts vorzuzeigen, morgens um halb sieben pflegte sich kein Besuch einzustellen. Er mußte Bob, wie er "Es" manchmal nannte, trotz Abgeklärtheit überzeugt, jeden Morgen ein und dasselbe Viech vor sich zu haben, also in Ruhe lassen, damit "es" abends, wenn er in Begleitung nach Hause kam, immer noch da war.
Gute Idee, die, kaum gedacht, prompt ausgeführt wurde, nur...
Bob.
           Das.
                      Viech.
                                    War.
                                               Nicht.
                                                            Da.
Er hatte die Kollegin irgendwie in sein Schlafzimmer gelockt und kam sich entsprechend lächerlich vor - Mensch, gerade diese Frau bewunderte er seit Jahren von weitem und nun sowas...
Am nächsten Morgen, als wäre nichts gewesen, war Bob wieder da, schien ihn feist anzugrienen.
PLO-HOPP! sagte der Staubsauger diesmal recht zögerlich, mitsamt verstopften Öffnungen in zwei übereinander gestülpten Müllsäcken in einem Müllcontainer vier Straßen weiter landend - bei seiner angeborenen Sparsamkeit eine Heldentat. Den neuen, den er sich gleich nach der Arbeit besorgte, war nicht billig: einen sogenannten Naßsauger, unter anderem geeignet, Überschwemmungen zu meistern und Nachkriegstrümmer zu entfernen - wie für ihn konstruiert also.
Aus irgendeinem Grund wurde er früher wach.
Und erstarrte. Das gleiche knubbelige, graubraun gestreifte, kurzbeinige Viech, nur etwas größer, schien ihn aus seiner Stammecke hypnotisieren zu wollen. Den Staubsauger ergreifen und einschalten war eins; mit glitzernden Augen sah er durch den durchsichtigen Plastikdeckel des Saugers wie Schaum sich bildete und reinigte den Wohnzimmerteppich gleich mit, stolz auf seinen nie versagenden Sinn fürs Praktische. Er dichtete sämtliche Türe und Fenster neu, verstopfte die einzige Öffnung des Naßsaugers und ging fröhlich pfeifend zur Arbeit. Siebzehn Minuten zu spät - das erste Mal in dreizehn Jahren.
Den ganzen Tag starrte er angestrengt auf seinen PC, mit den Gedanken woanders; weder die Mittagspause noch das Kopfschütteln der Kollegen nahm er wahr - man mußte ihn beinahe schütteln, sonst hätte er den Feierabend verpasst. Er widerstand der Versuchung, sein Bett auf der Wohnzimmercouch aufzubauen, sein Bett sah so hart, kalt und ungästlich aus und benötigte dann trotz bleierner Müdigkeit mehrere Stunden um einzuschlafen. Und träumte schlecht.
Nach einer solchen Nacht konnte das Läuten des Weckers doch nur Erleichterung auslösen - er aber behielt die Augen eine Weile geschlossen, als könne er dadurch irgendwas aufschieben oder aus der Welt schaffen.
Während er langsam die Lider hob, tastete sich seine rechte Hand langsam runter zum Staubsauger, der griffbereit unterm Bett lag - und ein Zentnerlast schien von ihm zu weichen: die Ecke war leer!
LEER!
Doch dann zuckte seine rechte Hand wie verbrannt hoch, hatte etwas Rundes, Haariges, Warmes unterm Bett ertastet...
Mühsam den Speichel zurückhaltend, griff er blindlings zum Sauger, saugte, saugte, saugte wie von Sinnen, dann war er hoch und sah es:
Die Beine waren im Fuß des Saugers verschwunden, der Rest aber widerstand, war zu groß... Erinnerte ihn in an Winnie Pooh, eine Figur aus seiner Kindheit, der nach reichlichem Honiggenuß im Baum einer Hase festsaß, ein Vergleich, der ihn zum Lachen reizte und gleichzeitig seine Starre löste. Den Staubsauger in der Hand, stolperte er ins Bad, sorgfältig darauf achtend, dass der Strom nicht unterbrochen wurde. Erst als das Viech überm Klobecken zappelte, schaltete er das Gerät aus, beinahe gleichzeitig den Stiel des Staubsaugers am Beckenrand schmetternd und spülend, als ginge es um sein Leben.
Schwitzend kippte er sämtliche Chemikalien, die er im Hause hatte, hinterher.
Und wagte es nicht, erneut aufzuatmen. Stattdessen reinigte er sämtliche Teppiche und Matten erneut, dichtete die Fenster und Türe mit sündhaft teurem Zeugs aus dem Bauhaus ab, irgendwie stolz auf seinen nie fehlenden Sinn fürs Praktische, ja doch.
Diesmal kam er eine ganze Stunde zu spät, doch er merkte es nicht einmal, schien mit dem Computer verschmelzen, darin verschwinden zu wollen. Nicht dass er Angst hatte, hatte er nicht.
Brauchte er auch nicht; Bob, das Viech, kam nicht wieder.
Er war frei. FREI! Ging mehrmals mit seiner Kollegin aus, als sei irgendein Damm gebrochen. Mein Gott, im Grunde hatte das Viech ihn befreit, ja - befreit.
Er trällerte, hatte eingekauft: Champagner, Lachs, frische Baguettes - schaute zur Uhr - gleich würde sie da sein, oh happy day...!
Was sollte er sagen? Der Abend war perfekt, die Nacht - ihre erste! - noch besser.
Es war der Sonntag danach, er brauchte nicht aufstehen, konnte liegenbleiben und das nackte Wesen bewundern, das neben ihm auf dem Bauch lag, die unter der Decke wie gemeißelt aussehende Rückseite ihm zugewandt. Zart, beinahe spielerisch zog er ihr die Decke weg, küßte sich den frei gewordenen Rücken herunter und spürte, wie das Blut in seinen Adern gefror, so dass er seinen Kopf, der zurück gezückt war, nur noch als Eisklumpen empfand:
Da, plastisch und naturgetreu graubraun gestreift mit haarigem Knubbelleib und acht kurzen dicken Beinen, war auf dem verlängerten Rücken seiner Kollegin tätowiert:
Bob!
Nur ein klein wenig größer...

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