im zeichen des mannes

  Bin ich jetzt dran?
  Schön, jetzt ist ein bisschen männlicher Power fällig, stimmt's? Aber wieso denn: 'keine sexistische Bemerkungen' - ihr geht auch nicht grad zimperlich mit uns um und wir müssen lachen, oder?
  Also.
  Ich darf mich vorstellen, bin der Alex, Alter: geht euch nichts an. Ha!
  Schön, vorab muss man wissen, dass ich, wie man sagt: etwas krebsig bin, das heisst, ich bin ein Tüftler, sehr vielseitig und... - mein Gott, jaja, ich fang ja schon an!

  Im letzten Sommer hat ein alter Freund von mir geheiratet, kenn ihn seit... - Mensch, darf ich nicht mal das erwähnen, nein? Gut, bei der Sache bleiben, nicht abschweifen, kein Problem. Geht los:

  Mein Hochzeitgeschenk bestand darin, die gesamte Hochzeit vom Standesamt bis zur letzten Partyleiche aufzunehmen, hab nämlich einen ganz guten Camcorder - sowas hatte damals keine Sau - heute hingegen...
  Lief übrigens alles blendend, vor allem die Partyleichen hinterher waren köstlich, sag ich euch, eine von ihnen... - ist gut: nicht abdriften, jaja. Ein paar Kassetten gingen jedenfalls nur für die Hochzeit drauf. Dann folgten diverse Geburtstage, und bereits Weihnachten merkte ich: Alexjunge, kauf ein paar neue Kassetten, das wird knapp.   Hab's dann natürlich vergessen und musste Silvester arg improvisieren, ein paar Aufnahmen auf Videokassetten und sonstwo übertragen, um Platz zu schaffen undsoweiter. Bin nämlich enorm flexibel, wie jeder bestätigen kann, ein Tausendsassa... - jaja, hör schon auf.
  Anfang Januar bekam ich dann eine Einladung zum Geburtstag der Braut, also die, die im Sommer einen alten Freund von mir aus dem Verkehr gezogen - autsch! - hey, lass das, denke, ihr Weiber regelt das verbal? Und zwar erhielt ich die Karte Sonnabend und genau an eben diesem Sonnabend sollte die Party steigen.  
  Bisschen knapp, stimmt's? Aber doch nicht für Alex, bin flexibel... Hatte Weihnachten einen typisch lübschen Präsentkorb erhalten: reichlich Marzipan aus good old Lübeck, teure Salamiwurst made in Italy, Originalkaviar direkt aus St. Petersburg, Lachs aus St. Peters Ording - kurz: das Beste aus Europa. -
  Wie bitte? ob ich schon mal in St. Petersburg war? Na, aber hal-lo, fahr jedes Jahr hin, ist ja 'n Katzensprung. Und wer schweift jetzt ab und stört den natürlichen Erzählfluss, eh...? Dan-ke!
  War noch alles da. Hab's etwas aufgemotzt, 'ne riesige Schleife drumherum und ab die Post, eh: die Party. Die Bude war proppevoll, und das Ulkige war: nur ihre Verwandten hatten Geschenke mitgebracht, der Rest hat die Einladung genau wie ich am selben Tag erhalten. Hm, offenbar etwas unterorganisiert, die Dame: Wassermann vielleicht? Nein, zu leise - luftige Elemente auf jeden Fall. Na, macht nix. Dafür wurde mein Geschenk umso mehr gewürdigt, kam kolossal gut an, das Ding.
  Um das Partybarometer anzukurbeln schlug ich vor, meinen Camcorder an den Fernseher anzuschliessen; die Gäste, die ohne Geschenk erschienen waren, sahen nämlich aus als würden sie gleich einen Heulkrampf kriegen oder jemanden aus dem Fenster werfen - 'ne Menge wässrige und feuerige Elemente auf einem Haufen, schätz ich mal. Tja, und die Hochzeit hatte noch keiner ausser meiner Wenigkeit gesehen...
  Gesagt, getan.
  War keine gute Idee.
  Irgendwie sind mir die Kassetten eine Spur durcheinander geraten, jedenfalls erwischte ich auf Anhieb die Partyleichen, welche nun quicklebendig zum Geburtstag fast vollzählig und ohne Geschenke erschienen waren und sich in eisiger Stille selbst bewundern durften...
  Peinlich, peinlich, kann ich euch sagen. Aber es kommt doller, mag ich hier eigentlich nicht sagen...- Okay, überredet!
  Kurz darauf folgte nämlich Weihnachten. Und spätestens als ich mich selbst im Fernseher sah, wie ich strahlend einen Präsentkorb auspackte mit Marzipan aus Lübeck, Kaviar aus... - na spätestens in dem Augenblick stellte ich bei mir fest, dass es vielleicht nicht übel wär, meine Flexibilität ein klein wenig zu ordnen.
  Tja, das war's.
  Kann ich jemanden grüssen? Warum nicht? Ach so: Jungfrau, oder? Denn eben nicht, liebe Tante.

© 2004, hexandthecity.

  Beim Lesen mußte ich öfters an meinen Vater denken, nicht wegen der Zuordnung von Menschen nach Sternzeichen - ich habe nie mitgekriegt, wie er jemanden in irgendeine Schublade gesteckt hätte.
  Er war ein aufgeschlossener Mann, dreimal verheiratet, dreimal geschieden; sechs Kinder von zwei Frauen - okay, Elisabeth Taylor ist das nicht, aber zugeknöpft kann man das auch nicht nennen. Die letzte war übrigens meine Mutter, die er nach dem Krieg in Amsterdam kennengelernt hatte; wie der Zufall es wollte, hatte er zusammen mit Ehefrau Nummer Zwei das gleiche Haus bewohnt.
  Die zweite war bei der Résistance wie er und hatte ihn vor dem Naziknast gerettet, als die damals noch aktuelle Nummer Eins sich kategorisch weigerte, die Ablösesumme zu bezahlen, nachdem er erwischt worden war. Er soll sehr wütend geworden sein, und direkt nach seiner Rettung die Scheidung eingereicht haben.
  Die dritte, meine Mom, war damals übrigens Flüchtling. Was für ein Leben!

  Mit Alexjunge hatte er außerdem das Technikfaible gemeinsam, er besaß das modernste Tonbandgerät inklusive Anlage und Boxen, hatte die stupid cars aus der Garage verbannt, um Platz zu haben für so nutzliche und schöne Sachen wie Kreissäge, Schleifmaschinen usw. - alles vom besten. Ihm ist es zu verdanken, dass fast alle meiner Möbel Marke Eigenbau sind, muss zudem zugeben, dass mir etwas ähnliches mit einem Geschenkkorb passiert es - nein, ich schäme mich nicht. In California wohnten wir in einem Haus mit hohen begehbaren Fenstern und Patios, die er hinten, vorne und an den Seiten angebaut oder umgebaut hatte. Nach dem allzu fixen Umbau eines Patios, damit der einzige Junge sein eigenes Zimmer erhielt, schlief ich anfangs schlecht im Zimmer nebenan, die dünne Wand schien mir nicht einbruchsicher und Bilder von Pete, wie er in seinem Blute lag, verfolgten mich. Heute baut Pete Häuser.
  Dad war ungemein gesellig und lustig, wenn er wollte, und liebte es, gelegentlich mit meiner Mom das Tanzbein zu schwingen, spielte Orgel, sang aus voller Kehle im Chor - ob mit oder ohne Gläschen Genever und einer dicken Zigarre in der Hand, deren Daumen seit dem Krieg kein Gelenk besaß, was irgendwie cool aussah. Nach dem Krieg war er übrigens im Westen Deutschlands stationiert, wo er sich mit einigen ehemaligen Kriegsgegnern anfreundeten, als sei nichts gewesen.
  Seinen Tod habe ich verpaßt, war in Deutschland. Nach etlichen Herzanfällen und einem Hirnschlag musste sein Körper aufgeben - ob er deswegen wütend war und gerne noch ein wenig länger geblieben wäre? Ja und nein, es fuchste ihm, dass seine Sprache so unverständlich geworden war. Love you - bye, Dad!

  Hendrik Jacobse

geboren am 24. September 1911

gestorben am 12.April 1984

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