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Leseprobe

I. unique - joh

Er hatte weder vor dem Tod noch vorm Fliegen Angst, fand sich nur zu jung zum Sterben. Später vielleicht. Er würde darauf zurückkommen.

Der Online-Tsunami aus Rassismus, Ökologismus, Rechtsextremismus, Pazifismus und Wasnochismus, als er nach Infos über sie gesucht hatte, nahm ihm der Atem, jedes Ismus zusätzlich mit Foren, Blogs und Chats überschwemmt - zwei mit Liliane Schnoor herself als deren Bademeister.

Kein Wunder, dass er anfangs die Mitfahrzentralen übersehen hatte.

Nichts gegen Fortschritt, bewahre: Computer, Smartphone & Co gehörten dazu. Als Gebrauchsgegenstände. Mit Abschaltknopf. Zu zweit ein Gläschen Wein im urigen Café drei Straßen - oder Städte - entfernt war ihm lieber als das anonyme Getippse in digitalen Chatcafés. Doch was sollte er machen - die Dame seiner Wahl war im normalen Leben nicht erreichbar. Selbst in die hiesige Universität hatte er sich gewagt. Erst nach stundenlangem Herumlungern in überfüllten und seltsam riechenden Gebäuden hatten sattsam bekannte Anfangstakte eines Tinnitus ihn genötigt, diese Kontaktmöglichkeit abzuhaken. Und Partys, Kino, Remmidemmi war nicht drin.

Nicht einmal Spaziergänge.

Eine sozial eingestellte und zurückgezogen lebende Frau im heiratsfähigen Alter ohne Geldnot, ohne berufliche Angriffsflächen und ohne Verbindungen außerhalb ihrer universitären und digitalen Welt - eine, die ihn nicht zur Kenntnis nahm. Und wenn, würde sie erfahren, dass er für alles stand, wogegen sie ankämpfte.

Ihm war nicht zu helfen…

Wenn das Haus, in dem sie wohnte, nicht ihm gehören würde.

An Schicksal glaubte er nicht, die vertraute Madame Ironie war auf ihre Kosten gekommen: ausgerechnet Lilianes Engagement während der Flüchtlingskrise hatte er, Norddeutscher Businessman des Jahres 2006, es zu verdanken, dass sie in das Haus am Saltener Platz eingezogen war. Erst später war ihm dröpchenweise klar geworden, warum sie ihr Zuhause vom Fitnesskeller bis zu den Gästeräumen im ausgebauten Dachboden nach und nach mit sechs Kommilitonen und vier Flüchtlingsfamilien gefüllt hatte: herumhopsend und in allen möglichen Sprachen vor sich hinbrabbelnd, konnte er sich lebhaft vorstellen. Beklemmt hatte er sich das Kleingedruckte in ihrem Mietvertrag vorgeknöpft, vage Bilder von Pyramiden im Kopf: Menschen anstatt Sand, oi. Ein halbes Jahr danach hatte Liliane offenbar die eigene Verruchtheit geistig realisiert, und die Agentur, die ihr Irrenhaus bürokratisch fit gemacht hatte, spuckte prompt einen adäquaten Wohnersatz für sie aus. Ein moderner Kuhhandel oder Service, um wenigstens den kleinen administrativen Daumen an wertvollen Immobilien kleben zu haben; Werbekugelschreiber den Stoffeln vom Lande - global war anders.

Zufall oder Madame, exakt jene Agentur hatte seit deren Gründung die inoffizielle Hauptaufgabe, ihm, Johannes Schmid, den Rücken frei zu halten. Er konnte sich nicht um alles kümmern: Peanuts gerne, selbst knacken weniger. Gut so, unbesehen hätte er sie locker unter einer Saltener Brücke schlafen gelegt, Frauen dieser Kategorie pflegten unschuldige Vermieter mit Nachwuchs zu überraschen. Nicht gut fürs Inventar, und im eigenen Haus indiskutabel. Das kam noch hinzu, noch mehr Madame.

Sein Geburtshaus hatte Praxis darin, einsame Singles zusammenzubringen, war quasi zu diesem Zweck errichtet worden. Sein alter Herr, eigentlich Brückenbauer, hatte das Haus in jungen Jahren als Lockmittel entworfen: doppelstöckig und vom feinsten mit zwei Luxuswohnungen auf jeder Etage inklusive Kamin und Balkon oder Terrasse und – Achtung, Clou: zwei völlig voneinander getrennten Eingängen. Mit Schicksal und Co. hatte das wenig zu tun, darauf gab er genauso wenig sein Vater vor ihm, der das Haus direkt am Saltener Platz hochgezogen hatte, nachdem offiziell feststand, dass die Bücherei mitsamt attraktiver Leiterin nebenan einziehen würde.

Glasklare Berechnung anstatt Magie also. Sorry.

Joh konnte sich nur verschwommen an das Ziel dieser Anstrengungen erinnern, hatte die Geschichte jährlich unterm Weihnachtsbaum von Öhmchen erzählt bekommen, einer resoluten Persönlichkeit, eigen und freiheitsliebend wie ihre Tochter, die übrigens bereits eine wunderschöne Wohnung im benachbarten Hamburg besessen hatte. Ein Dach überm Kopf war demnach nicht der Köder, überzeugt hatte sein Vater mit der Möglichkeit, sich innerhalb einer Wohngemeinschaft zurückziehen und doch zusammen sein zu können: ein Pseudo-Nest für Frauen, deren biologische Uhr anfing zu ticken. Entweder seine Mutter war etwas eigen oder der Ruf seines Vaters auf weniger konservativen Steinen gebaut als dessen Brücken, laut Öhmchen hatte die Umworbene auf einen notariellen Tausch beider Wohnungen bestanden – noch vorm Einzug in das Haus am Saltener Platz. Eine Transaktion, die offiziell in der hiesigen Zeitung bekannt gegeben worden war. Ganzseitig. Im Gegensatz zur Vermählung knappe zwei Jahre nach Johs Geburt, von der selbst seine Großeltern erst nach dem Flugzeugabsturz erfahren hatten. Weibliche Eigenbrötelei und männliche Träumerei – nicht nur architektonisch perfekt umgesetzt.

Fast perfekt. Das schöne Gebäude war auf die Fundamente eines zerbombten Schlosses gesetzt worden, dessen denkmalgeschützte Kellerräume teils unter der Bücherei lagen und eine undichte Stelle hatten, die dank Schräglage den gesamten Regen des Saltener Platzes aufzusaugen schien.

Alte europäische Städte und unterirdische Denkmal-Popups sind bekanntlich unzertrennlich, wie von alleine hochgerutscht tauchen historische Scherben auf, um flugs wieder versenkt zu werden. Ein hässliches Kapitel, Dauer-Baustellen hatten die Euphorie Indianer-Jones-Anhänger längst skalpiert, zusammen mit einem Staat, der auf alles Anspruch erhebt, was tiefer als ein Pflug liegt - Überbleibsel einer Zeit, als Könige noch das Sagen hatten.

Doris, eine sehr liebe, ähm, Bekannte von ihm und im Kulturbereich tätig, hatte sich nach horizontalen Freuden gelegentlich darüber mokiert, die Geschichtsforschung wäre wesentlich weiter und die Museen überfüllt, wenn der Schwarzhandel nicht dank gieriger Kurzsicht der Obrigkeit blühen würde. Durch die Finanzkrise hatte sich die Lage verschlimmbessert, manche Antiquität brachte mehr ein als eine Lebensversicherung oder ein Bausparvertrag.

Dummerweise war die uralte Dienstbotenküche im Keller voluminöser als eine popelige Scherbe, die sich unauffällig zuschütten oder verscheuern ließ. Nicht nur bunkerdickes Gemäuer und enge Öffnungen machten eine Evakuierung der Kulturgüter schwierig, gut erhaltene mosaikartigen Steinteilchen in der noch dickeren Decke zwischen Haus und Keller - angeblich während der Zeit Napoleons entstanden - hatte noch ein Sahnehäubchen obendrauf gelegt. Für alles gab es ein Verfallsdatum oder Preis, nur der Denkmalschutz scherte sich weder um die Zeit noch das Geld anderer. War das wieder verdorbenes kapitalistisches Denken oder tröstliche Philosophie?

Johs Vater hatte aus der Not eine Tugend zu machen versucht und die untere Wohnung, links, mitsamt porösem Kellerboden auf der Sozialwohnungsbauwelle mitsegeln lassen, die das damals boomende Deutschland plus Steuererleichterungen und Subventionen fest im Griff hatte. Seitdem wurde das Teil als Sozialwohnung hauptsächlich von besser gestellten Studenten geschätzt - und Johannes Schmid Senior erhielt weitere Pluspunkte von seiner sozial gepolten Frau.

Eine Generation später erwog Johannes Schmid Junior, durch einen Antrag auf Fördergeld zur Dämmung unter Denkmalschutz stehender Gebäuden noch eins draufzusetzen. Die undichte Stelle war mehr als lästig, und Sozialwohnungen nicht mehr zeitgemäß - dafür ließ es sich auf der Klimaschutzwelle gut segeln. Trotz Kopfschütteln von Uta, einer anderen auch sehr lieben, ähm, Bekannten vom Bauamt würde es sicherlich reichen, die Wohnung unten zu räumen, die nach erfolgter Sanierung um ein vielfaches wertvoller sein würde. Oder?! Das ständige Herummurksen wegen dem porösen Gemäuer nervte, und die Deregulierungen, die im Sozial- und Finanzsystem im Gleichtakt alles platt gemacht hatten, waren letztendlich nicht auf seinem Mist gewachsen. Er war doch keine Milchkuh. Verdammt, neuerdings traten Geld und Macht offiziell als Paar auf: warum auch nicht, die mangelnde Empörung war ohrenbetäubend. Bald konnte jeder wie er wollte - vorausgesetzt, der Preis stimmte. Im Gegensatz zu vielen, die kräftig von den Geistern profitiert hatten, die niemand gerufen haben wollte, besaß Joh Phantasie und ein wenig Weitblick, der über den nächsten Wahltermin hinausging: Was, wenn der immer größer werdenden Gruppe von „Losern“ aufging, dass sie nicht mitspielen mussten? Wenn die Win-win-Illusion, diese Sehnsuchtsblase, irgendwann doch noch zu den Gewinnern zu gehören, platzte und das ganze Spiel mit sich riss, weil es an Mitspielern fehlte? Game over, ups. Spiele wie Monopoly waren/sind auf einen regen Kreislauf angewiesen - ohne fielen sie wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Wie Feuer, Krieg und Mobbing.

Liliane mit Baulärm zu verscheuchen ging natürlich gar nicht. Allein der Gedanke, dass sie Woche für Woche direkt nebenan gegessen, gekocht und geschlafen hatte und er hatte nichts davon gewusst – was für eine Verschwendung. Seine Saltener Wohnung war ihm bislang bloße Zwischenstation gewesen, bestenfalls zweckmäßig möbliert. Die Küche hatte als Aufbewahrungsort von Getränken und Fertiggerichten gedient für den Fall, dass er zu müde zum Weiterreisen war und einen Snack benötigte. Seine unsichtbare Haushaltshilfe, Frau Dahne, war mit Bettlaken und Kühlschrank häufiger in Berührung gekommen als er.

Bisher wohlgemerkt: war. Vergangenheitsform.

Die Wohnung darunter wurde von seinem Großvater besetzt gehalten, der mitsamt kürzlich verstorbener Ehefrau Wohnrecht auf Lebenszeit hatte und nun ein wenig wunderlich wurde. In seiner Familie überlebten trotz Raucherei und ungesundem Essen die Männer. Ob man das nicht irgendwie klonen konnte?

Zum Glück hatte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein - oder Gleichgültigkeit? - ihn stets davor bewahrt, seine Besitztümer wie Trophäen an öffentliche Pinnwände zu hängen; was andere dachten, interessierte ihn wenig. Es waren Kapitalanlagen. Sicherheiten. Messbar. Im Grundbuch verewigt.

Real vor allem. Keine Lichterscheinung, die aus dem Nichts auftauchte, keine physikalische Täuschung, die er verpasst hätte, wäre der eigene Eingang dank Renovierungsarbeiten unpassierbar gewesen. Unpassierbar ausgerechnet wegen jenem porösen Kellerboden, der unter der anderen Haushälfte lag. Doch sonderbar eigentlich…

Danke trotz allem, Madame: Käffchen gefällig?

Woran es lag, an der Wintersonne, die durch das große Fenster hereinflutete, oder am Treppenhaus, dessen hohe Wände goldgelb getüncht waren, selbst im Dunkeln Helligkeit vortäuschend – der passende Rahmen für eine Gestalt, die nur aus Licht zu bestehen schien: helle Haarsträhnen, deren tiefer Goldton nach Copyright schrie, lugten unter einer zum Mantel passenden beigefarbenen Mütze hervor, dazu eine honigfarbene Haut, idealer Kontrast zu den dunklen Wimpern mit den imposant gebogenen gleichfarbigen Brauen darüber und den bernsteinfarbenen Augen, Augen, die unpersönlich, beinah kalt über ihn hinweg zu scannen schienen: erfasst und - schwupps: Papierkorb.

Autsch.

Sie war eine Illusion, eine physikalisch-psychisch-mental-emotional-chemische Reaktion. Zur unrechten Zeit am unrichtigen Ort, war er kurz und unbeabsichtigt auf Empfang gewesen und… verloren!

Ein Businessplan musste her.

Sich in den verschiedenen Gutmensch-Foren und Ökogruppen registrieren, von denen er keine Ahnung gehabt hatte: hatten die alle nichts zu tun? - war schnell erledigt. Lange brauchte er nicht, um zu erfassen worauf es ankam. Knapp dreieinhalb Wochen später war er seinen weißen Lamborghini los, eingetauscht gegen ein altes Hollandrad, das sich als rostfrei und fahrtauglich entpuppte, sobald er es stundenlang unterdrückt vor sich hinfluchend vom Modder befreit hatte - direkt unter ihren rückwärtigen Fenstern, deren Rollos stets unnahbar runterhingen. Es war der Hit in ihren virtuellen Kreisen – zwei Wochen lang hatte er zuerst triumphierend, dann erwartungsvoll, und zu guter Letzt nur noch resigniert auf Feedback vom toskanischen Eisblock nebenan gewartet. Seitdem fuhr er Fahrrad.

Er übertrieb? Achtunddreißig Jahre hatte er keine Ahnung gehabt, wie es ist, sich restlos ausgeliefert, himmelhoch jauchzend und zutiefst unglücklich zu fühlen - alles auf einmal. In ihrer Gegenwart spürte er jeden Herzschlag, die Luft schien langsam und gleichzeitig schnell aus seinen Lungen zu strömen, ach was: zu vibrieren, den Rückweg merkte er gar nicht – oder war es umgekehrt? Allein die Vorstellung, sie direkt nebenan zu wissen, ließ seine Haare millionenfach am ganzen Körper zu Berge stehen, von einer kühlen Brise bewegt, die etwas Elektrisches hatte. Er bebte, er lebte, verdammt. Was sollte er sonst tun, nochmal achtunddreißig Jahre den Ötzi machen?

War bloß ein Auto.

Als "Münster des Hohen Nordens" hatte das Städtchen Salten einen Ruf zu verlieren. Trotz hanseatischen Getröte, die Sportlichkeit oder das Umweltdenken der lütten Nachbarn sei unecht, und die vor Jahrzehnten angefangene Verkehrsberuhigung deren Angst zuzuschreiben, von Hamburg verschluckt zu werden, von einer Metropole, die bereits Globalisierung betrieben hatte, als das noch ein anständiges Wort war.

Warum auch immer, der Infrastruktur war es nicht bekommen – weder hin, noch zurück. Insbesondere den Straßen nicht. Sträucher, Asphaltbeulen, Bäume, Blumenbeete und andere Hindernisse erschwerten nicht nur den Rasern aus Hamburg ein flottes Durchfahren. Mit Ausnahme von durchfahrenden Anwohnern und hiesigen Mini-Elektrobussen war die Innenstadt mittlerweile komplett gesperrt, selbst die Züge führen selten und unregelmäßig.

Da war sie wieder, die typisch Saltener brauchen-wir-nicht Dickköpfigkeit.

Keine guten Voraussetzungen für einen Globetrotter ohne fahrbaren Untersatz, der eine Karriere am Wall Street in die Tonne gekickt hatte, um nicht fliegen zu müssen. In Bahnhofshallen oder Bussen kampieren war auch nicht seins, trotz Einladung eines Billig-Busverkehrs, der sich neuerdings kreuz und quer durch ganz Europa breit machte. Noch ein Ismus oder wie-dem-auch-sei-Bus, und selbstverständlich in Saltens Straßen unwillkommen, zu hoch, zu breit, zu unkatalysiert, zu whatever: Brauchen wir nicht, wech damit. Nur mit „Billig!“ im Gepäck rannte man in Salten keine Türe ein.

Das ständige Suchen nach einer Kontaktmöglichkeit, einem gemeinsamen Nenner, Freund, Hobby, irgend etwas, hatte zu nichts geführt, bis seine eingeschränkte Mobilität ihn mit der Nase auf eine erstklassige Option fast platt drückte: von einer der großen Mitfahrzentralen starrte ihm unversehens ihr ernstes Gesicht als eins der wenigen in Salten ansässigen Mitglieder entgegen. Zwar ein altes und schlechtes Foto, das mehr verbarg als zeigte, aber er hatte sie sofort wieder erkannt. Jeden Monat ließ Liliane Schnoor sich abwechselnd von zwölf Fahrern durch halb Deutschland und zurück kutschieren.

Heureka. Ma-dame!

Einige Klicks später hatte das heckige Dutzend eine Blankokarte der Deutschen Bahn im Mailbox, gültig sechs Monaten lang innerhalb Deutschlands.

Dann waren es neun.

Ein seltsames Völkchen, die Deutschen. Einerseits Weltmeister im Trennen von Müll, und Atomaussteiger der ersten Stunde, andrerseits besaßen nirgends Autofahrer soviel Ellenbogenraum; Nachhaltigkeit und Umweltfreund-lichkeit wurden zu tönernen Worthülsen, wenn es ums Auto ging. Irgendein Spielzeug braucht jeder, erhöhte Joh ungerührt auf ein Jahr in ganz Europa, first class, und obwohl seine Bemühungen scheiterten, das Rauchverbot der Deutschen Bahn auszuhebeln: füüünf, viiiier, dann irgendwann drei.

Bevor der Abstoßrausch ihn im Schwitzkasten hatte, ein alter Begleiter gelegentlicher Abstecher an der Börse, zog er die Notbremse, sich rechtzeitig erinnernd, dass er kein Auto hatte. Und ob es gut aussah, sich als taufrischer Radfahrer und registrierter Ökofreak ohne Punkt und Komma eine neue Welt auf vier Rädern zuzulegen, nur um es ihr zu Füßen legen zu können…? Hm. Glaubwürdigkeit war anders. Und es bestand die Möglichkeit, dass Liliane die Deutsche Bahn ihm vorzog. Nicht wahrscheinlich, aber möglich.

Vage möglich.

Egal, drei war übersichtlich. Er mußte nur achtgeben, dass sich keine neuen einfanden. Nach einer Durchsicht der Dateien auf ihrem komplett ungesicherten Computer – Leichtsinn pur, würde er ihr irgendwann abgewöhnen müssen – hätten zwei der drei Würstchen ihr Vater sein können, und das dritte war sicherlich potthässlich, ein Idiot oder noch nicht trocken hinter den Ohren. Oder?!

Der Output der Suchmaschinen zum Trio war dürftig, selbst die Namen und E-Mail-Adressen aller Fahrer, die sich in der Mitfahrzentrale keine Daten-Blöße gegeben hatten, hatte er durchs Hacken in eins ihrer Online-Postfächer rausmelken müssen. Was war das: die Wiedergeburt von Kant im Schatten vom Big Brother, oder defekte Suchmaschinen? Er tippte den eigenen Namen ins Suchfenster und hatte nach einigen Augenaufschlägen ein paar hundert Seiten Unfug über sich. Beim Trio hatten sämtliche Suchmaschinen nur ein paar Artikeln über einen der Oldies, einen leibhaftigen Bigamisten – ob ihr das bekannt war? – ausgespuckt. Sonst nichts. Null Information gab es zum mysteriösen Dritten im Bunde, dessen Sicherheitseinstellungen wasserdicht waren; selbst dessen an Liliane adressierten Mails erwiesen sich als unleserlich, also einwandfrei verschlüsselt. Liliane war weniger vorsichtig, ihre übrigens allenfalls freundschaftlich gehaltenen Antworten verrieten immerhin wie er hieß: Patrick W. Otto.

Nach einem Pseudonym klang das nicht: tschakka, baby!

Richtig fündig wurde Joh erst nachdem er ein Drittel aller IT-Business-Plattformen abgegrast hatte in der Annahme, es mit einem PC-Profi zu tun zu haben: in einem der kleinen war ein Patrick Werner Otto registriert, wohnhaft in Salten. Volltreffer und versenkt. Wenn der Windhund sich Liliane unter einem falschen Namen genähert hätte, wären Johs Chancen, ihn jemals zu identifizieren, gleich Null gewesen.

Jeder macht Fehler.

Von da an war es ein Kinderspiel. Der Bursche machte Eigenwerbung auf Deubel komm raus, seine Lieblingsidee eines 3D-Spiels kam aber nicht an – gab einfach zu viele. Hm, Beziehungen spielen lassen, um ihn nach Amerika zu ködern? Dahin wollten die Nerds doch alle, anstatt hier ein autarkes europäisches Gegengewicht zu schaffen. Später. Schnell entdeckte er ein paar Start-ups und einen Kunden, der auf Datenschutz weniger Wert legte und einiges in einem ungesicherten Cloud archiviert hatte. Halleluja.

Überhaupt merkwürdig, warum war dieser Patrick Otto in keiner der Mitfahrzentralen wenigstens registriert - wie war das möglich? Joh durchforstete den Cloud und klatschte sich mit der flachen Hand an die Stirn: er Trottel, Saltener Platz 8 - die Sucherei hätte er sich sparen können! Mr. Topsecret wohnte links, unten in der sogenannten Sozialwohnung, teilte sich also den Eingang mit Liliane und hatte sie gewiss im Treppenhaus kennengelernt wie er selbst - wobei der Schlingel sich garantiert geschickter angestellt hatte. Dies erklärte nicht nur den Umweg von fast fünfundzwanzig Kilometer am anderen Ende der Strecke, den Patrick Otto jedes Mal in Kauf nahm, sondern auch, warum er einen Echtnamen angegeben hatte, in seinem Metier kein Usus. Nicht wirklich. Neugierig checkte Joh die Videoaufnahmen der zwei Security-Cams, die er am gleichen Tage seines illuminierten Nichtzusammenstoßes mit Liliane im Treppenhaus hatte anbringen lassen, und beschloss, zuallererst Patrick rauszuschmießen, ähm: auszuladen. Der Mensch war jung und sah nicht übel aus, wenn man auf Äußerlichkeiten gab: eine Art Redford/Cruise-Verschnitt. In Jung. Shit.

Wo hatte er den Antrag zur Sanierung des Kellers hingelegt, wo waren die Baupläne, die sein alter Herr noch eigenhändig gezeichnet hatte? Unlängst war ihm die Möglichkeit durch den Kopf gegangen, die Ausbesserung von außen, also von der Fußgängerzone anzugehen, und von dort seitlich in den Keller vorzudringen, sozusagen dem Regenwasser hinterher. Ein Jammer, dass er Uta nicht fragen konnte, sie würde für seine derzeitige sexuelle Enthaltsamkeit wenig Verständnis haben. Man könnte Saltens Kulturheinis zur Kooperation kitzeln, das hiesige Museum lag im rechten Flügel vom Saltener Huf – alle paar Monaten erhielt er herzerweichende Bettelbriefe vor allem wegen den riesigen Kupferkesseln.

Was gab es noch zu bedenken: Verkehrsbehinderungen? Der Saltener Platz war ein richtiger Marktplatz von der Größe eines halben Fußballplatzes und gehörte zur Fußgängerzone B. Im Wechsel mit den beiden anderen Fußgängerzonen gab es Wochenmarkt mit in Babywannen schwimmenden Fischen und regionalen Lebensmitteln - welcher Verkehr denn, bittschön?

Die Lieblingsbeschäftigung fast aller seine Freundinnen war es gewesen, ihn zu verkuppeln, mit allem drum und dran unter die Haube zu bringen nach dem Motto „mitgefangen, mitgehangen“ - ob er es doch mit Uta riskierte, ihr sozusagen alle rosafarbene Karten auf den Tisch legte? Sie würde in dem Fall helfen wollen. Die große Frage war doch: Würde die Evakuierung der unteren Wohnung ausreichen? Die Verbindung zwischen den beiden Treppenhäusern war auf seine Veranlassung hin gleich nach Fertigstellung der Sanierungsarbeiten korrekt verschlossen worden – er war wieder mal über die eigene Ehrlichkeit gestolpert - und müsste dann erneut geöffnet werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Liliane müsste den anderen – seinen – Eingang nehmen, und der Patrick Dings wäre weg vom Fenster.

Andrerseits, würde der Lümmel dann nicht irgendwo hinziehen, wo er ihn nicht länger im Auge hatte? Und somit auch Liliane nicht. Konnte man sich darauf verlassen, dass sie trotz Verschlossenheit nicht auf den reinfiel oder reingefallen war, war diese Unterkühltheit überhaupt echt oder war sie traumatisiert wegen dem, ähm, Missgeschick ihres Vaters? Er hatte einige ihrer ehemaligen Lehrer und Mitschüler unauffällig und anonym im Rahmen einer fingierter Umfrage auszuquetschen versucht. Und nichts erfahren.

Die Frau trieb ihn noch in den Wahnsinn. Herrlich.

Zu guter Letzt veranlasste er das Dezimieren der Suchergebnisse zur eigenen Person und tippte seinen Namen erneut ein: knapp dreieinhalb Seiten Blödsinn. Geht doch. Weniger wäre unglaubwürdig. Seiner Traumfrau irgendwann stotternd irgendwelche Leichen erklären zu müssen, hielt er für unter seiner Würde – lieber drapierte er die Zombies von vornherein so, dass sie appetitlich oder wenigstens nachvollziehbar aussahen. Er war zwar ein guter Pokerspieler, aber ein miserabler Lügner und sah auch die Notwendigkeit nicht ein, herumzuflunkern: er war wie er war wie er war wie er war. Und so gedachte er zu bleiben.

Blieb noch der für ihn schwierigste Teil: wie eine fette Spinne darauf lauern, wer sich wann wohin und weswegen bewegte und auf eine Gelegenheit warten, eins seiner Spinnenbeine in eins ihrer Mitfahrtrips zu schieben. Bis dahin versuchte er, die nicht-aktivistischen Informationen über Liliane zu ordnen und auszuwerten, den virtuellen Gutmenschkram hatte er abgehakt, nachdem er ein gewisses Muster heraus gefiltert hatte – darin war er Weltmeister. Abgesehen von den üblichen Schuleinträgen und ihren ersten offenbar unbefriedigenden beruflichen Schritten im sozialen Bereich, war die einzige Ausbeute zu ihrer Person der Autounfall ihres Vaters, der jemanden über den Haufen gefahren hatte.

Heftig. Er kannte die Berichte darüber und alles drumherum inzwischen auswendig, da es die einzig wirklich aussagekräftige Information war. Es klang mysteriös und verschaffte ihm nicht nur Gänsehaut, sondern darüber hinaus ein angenehmes Zusammengehörigkeitsgefühl – durch einen anderen Crash war er mit vier Jahren Vollwaise geworden.

Das fröhliche und letzte Winken seiner Eltern, als sie im Flieger nach Kanada verschwanden, war in seinem Hinterkopf genauso gespeichert wie die Elite-Internate in ganz Europa in den Folgejahren, nur unterbrochen durch Ferienaufenthalten bei den Großeltern am Saltener Platz. Nach einem passablen Schulabgang hatte er sich durch die oberen Etagen etlicher Managements geboxt und führte seit fast sechs Jahren ein sorgenfreies, geregeltes Geschäfts- und Privatleben mit kleinen Abstechern in sonnigen Gefilden. Seine Freizeit war gespickt mit gelegentlichen Weekend-Parties, woraus sich ebenso gelegentliche Affären ergaben, vorwiegend mit verheirateten Frauen – sie waren pflegeleichter. Er war sein eigener Herr.

Das war es. Es war ein spannendes, interessantes Leben ohne Langeweile und Reue gewesen – ein Leben, das er dabei war, nach und nach auseinanderzunehmen. Mit dem größten Vergnügen, fast genüsslich auseinanderzunehmen. Ein Mann muss Prioritäten setzen, wenn es die Umstände erforderten.

Außerdem hatte er, streng genommen, genug beiseite gelegt, es wurde Zeit, ein Nest zu bauen. Ja. Er.

Und was sein Vater, für den er bis vor kurzem wenig Verständnis hatte aufbringen können, vor vier Dekaden gelungen war, konnte er mit links.

Aber hal-lo.

II. eine kleine bigamie – phil & so

"Du erinnerst mich irgendwie an meine erste Liebe."

"Echt?" hatte Liliane eine Braue gehoben. "Wenn du es schaffst, in meiner Gegenwart alle Assoziationen dazu für dich zu behalten, könnten wir uns verstehen..."

Dies waren nicht ihre ersten Sätzen miteinander, aber prägend. Zwar hatte Phil ein reines Gewissen, es war keine Anmache gewesen: was dachte das Kind von ihm? Aber deswegen die beleidigte Leberwurst spielen? Kindisch, zeitraubend und schlecht für den Blutdruck. Machte außerdem Falten, die auf natürlichem Wege nicht mehr verschwanden. In seinem Alter nicht irrelevant.

Verschwunden waren dafür die goldene Zeiten, als man die eigenen Geschäfte einfach einer unsichtbaren ehrlichen Haut überlassen und sein Leben leben konnte, ohne ständig nach den Börsennachrichten zu schielen. Vertrauen war eine gute Sache. Immer noch. Gut für die Freundschaft, gut für Partnerschaften und Beziehungen, gut für die Seele. Empfehlenswert also. Eigentlich. Verändert hatte sich "bloß" das Geld oder vielmehr dessen Bedeutung vom schlichten Tauschmittel zum 'Schein-Gott', Religion und Staat verwässernd bis zur Unsichtbarkeit. Wie gut, dass er als pragmatischer Agnostiker sich auf alle drei nie verlassen hatte.

Spätestens seit Anfang der Finanzkrise zuckelte er nicht nur wegen dieser Entwertung alle paar Monate die fünfhundert Kilometer von seiner Wahlheimat Hamburg zur neuen Götzenmetropole Frankfurt und zurück, um persönlich nach seinen Projekten zu schauen – ab und zu angenehme und halbwegs intelligente Gesellschaft während der Fahrt war alles, was er sich gewünscht hatte. Voraussetzungen, die Liliane mühelos erfüllte.

Seit ihrer ersten gemeinsamen Fahrt fuhr Phil alle paar Monaten den kleinen Umweg über Salten, geduldig in seinem alten, dafür bequemen Buick am Saltener Platz oder vorm Sanatorium auf sie wartend – je nachdem, ob sie die Hin- oder die Rückfahrt gebucht hatte. Die Hilfspolizisten, liebevoll HiPos genannt, hatte er bisher mit Charme, Logik, Pralinen und vor allem Gartenarbeit davon abhalten können, sein verkehrswidriges Warten zu ahnden, im Kofferraum nebst Pralinen und exotischem Gewächs ein paar Gartenhandschuhe, die er sich überzog, bevor er eine der grünen Inseln am Saltener Platz verschönerte. Lange genug hatte es gedauert, im Saltener Labyrinth aus Bäumen, Blumenbeeten und anderen Hindernissen einen Weg zu finden, obwohl der zum Elektrofahrzeug umgebauten Oldtimer einer der schmalsten und kleinsten seiner Sorte war.

Nach Ausbruch einer Art Run auf die Bahn unter Lilianes Fahrern, der einen nach dem anderen von deren Chauffeuren-Karussell springen ließ, lag seine Fahrbeteiligung aktuell bei einmal alle zwei Monaten hin oder zurück, hinten mindestens ein Mitfahrer, damit sie sich nicht erneut das hübsche Köpfchen über seinen Single-Status zerbrechen musste.

Ihm war es Recht. An Gesprächsstoff mangelte es ihnen nie, er verstand sich gut mit dem Mädel mitsamt erhobener Augenbraue - oder zwei. Gesellschaftlich, politisch und pseudo-wissenschaftlich lagen sie auf dem gleichen Level, nur philosophisch und ethisch drifteten sie manches Mal auseinander. Was auch seinen Reiz hatte. Seit einer der Mitfahrer das Thema Ehe angeschnitten hatte, war seine treffliche Eignung als polygamische Fallstudie hinzu gekommen. Schamgefühl kannte er nicht, schon gar nicht, was seine Ehen betraf – warum auch? Das von der Anklage sowie Staatsanwaltschaft nicht durchgesetzte und, wie er fand, ungerechtfertigt hohe Strafmaß wegen Bigamie war dank Unbescholtenheit, Sesshaftigkeit und mangelnder kriminalistischen Energie zu einer Bewährungsstrafe versickert und schreckte sie nicht ab. Im Gegenteil.

Das Phänomen kannte er. "Seine kleinen Bigamien", wie er sie provokativ nannte, erregten meistens eine Mischung aus Scheu, Neid und Neugier, die zu befriedigen er nicht abgeneigt war: why not? Im Gegensatz zur üblichen Sensationsgier, war Lilianes Interesse dezent, fast beruflich. Mit offenem Mund hatte sie ihn nie angegafft. Perfekt.


Geschichten entwickeln häufig eine Eigendynamik, sich im Laufe der Zeit wie ein Chamäleon verwandelnd, je nach Stimmung des Erzählenden oder Art des Publikums, die mal heiter, mal dramatisch hin und her wieseln mochte – dazwischen die ganze Gefühlspalette. Wer solche Abweichungen als Schwindelei oder Lüge abtut, macht es sich zu einfach. Dokumentation ist effizientes Duschen, in Erinnerungen hingegen badet man. Gerade der Wunsch, möglichst perfekt und zeitnah zu berichten, kann das ständige Auf- und Abbauen zusätzlich pushen, alles wird noch mal verfeinert oder umgekehrt – gut: manchmal auf Kosten der Wahrheit. Man kann nur mit dem Gedächtnis erfinden. Neu gemachte Selbsterkenntnisse geben das Salz in der Suppe, und als Pfeffer mochte der Wunsch des Erzählers gelten, ebenso auf seine Kosten zu kommen und sich nicht zu Tode langweilen - beim fünften ebensowenig wie beim fünfundfünfzigsten Mal.

Sind nicht so die besten Geschichten entstanden, von Gebrüder Grimm bis zur Bibel? Mit dem Unterschied, dass letztgenannte Glanzwerke nicht Dekaden, sondern mehrere Jahrhunderte umfassen und nicht autobiographisch sind. Oder doch?

Liliane und der Psychologie zuliebe gab Phil sich Mühe, der Wahrheit nahe zu bleiben, soweit nach so vielen Jahren möglich. Objektivität verlangte sie nicht von ihm.

"Frauen haben es manchmal zu eilig mit dem Heiraten", fing er gern an, damit sie in Fahrt kam. Inzwischen hatte er sie soweit, dass sie sich ein Lächeln zu seinen absurden Einwürfen nicht verkneifen konnte. Zuviel Ernsthaftigkeit hielt er für ungesund. Und überflüssig.

Eigentlich störte weitere Gesellschaft. Politik und/oder Streit konnte in jeder Kneipe haben, wer lange genug stänkerte - im Netz schneller und länger als einem lieb sein mochte. Ihm kam vor, als hatten sich die junge Leute außer Karriere-, Beziehungs- und Onlinestress heutzutage nicht viel zu erzählen. Lieber texteten sie sich zu, appten sich an oder teilten Filmchen. Jeder wie er mag oder kann. Noch waren die letzten story-vertellenden Mohikaner nicht ausgestorben.

In den letzten Jahren waren ihm nur noch selten Erwägungen über eine letzte – wirklich! – Ehe durch den Kopf gegangen. Meistens genügten ihm seine gelegentlichen kleinen, zu nichts verpflichtenden Affären: wozu etwas ändern, das, wenn nicht gut, so doch immerhin nicht schlecht war? Wenn auch der Pfiff fehlte, völlig fehlte - seine romantischen Wurzeln, bereits mit der Muttermilch verinnerlicht, waren ihm im Laufe eines mehrwöchigen Prozesses gezogen worden. Laaaangsam. Mit Stumpf und Stiel. Sobald es brenzelig wurde und Frauen diesen "wir verstehen uns so gut, eigentlich könnten wir doch"-Blick bekamen, outete er sich geniert als verurteilten Bigamist. Vereinzelten Frauen gab das zwar einen interessanten sexuellen Kick, die meisten waren verschreckt genug, sein unauffälliges Verschwinden von der Bildfläche nicht tragisch zu nehmen; Tränen vertrug er nicht. Nachdem er überall gewesen und alles gesehen hatte, war sein größter Feind die Langeweile. Der Trick war, zwischen den einzelnen Affären soviel Zeit zu stopfen, dass das Gedächtnis aus- und dafür das Libido eingeschaltet wurde. Nach einigen unliebsamen Erfahrungen hatte er seine Eskapaden immer mehr minimiert, außerhalb Hamburg verlagert und hielt sie komplett unverbindlich.

Er war alt genug einzusehen, dass Sex eine Beziehung nicht nur verkürzen konnte, sondern mitunter ausschloss, und sich nicht zu schade für die Rolle einer Art männlicher Scheherazade, selbst ohne Happy End. Irgendwo hatte er aufgeschnappt, Essen sei der Sex des Alters – möglich, so alt war er noch nicht. Auf Liliane den Eindruck eines Don Juans geweckt zu haben, nagte an ihm, denn diese erste Liebe gab es – war das wichtig? Nein. Nur für ihn. Im Großen und Ganzen war ihm jede Ehe wichtig und wurde gehätschelt und gehütet wie ein Juwel, aber in einem Safe verwahrte er sie nicht – na gut: die erste und dritte vielleicht, die dazwischen mit Käthe war das Gegenteil, auch wenn sich bei ihm bereits nach wenigen Monaten ein leichtes Kribbeln nach dem Haar der ersten Ehefrau einstellte. Ab und zu. Selten. Ein Reinfall oder eine Enttäuschung war keine seiner Ehen, die mit Käthe schon gar nicht, selbst ihre kategorische Taubheit für "Katharina", ihren eigentlichen Vornamen, fand er irgendwann in Ordnung. Das Zusammenleben mit ihr war heiter und harmonisch, anfangs glücklich gewesen, eine Wohltat nach dem Grab Sophias. Lebendig. Was soll's, selbst die Niagarafälle verlieren mit der Zeit an Faszination, zu zwei Nebenflüssen verblassend: Abstumpfung oder Sehnsucht nach Stille. Es sei denn, man hatte die Ruhe weg oder war taub.

Irgendwann verwässerte Käthes Lebendigkeit zu einer Ansammlung auswendig gelernter Monologen: hm, ob das der natürliche Lauf aller Ehen war?

Lilianes Schnalzen ließ ihn innehalten.

"Ich lästere nicht!, verteidigte Phil sich prompt. "Ist verdammt schwierig, die Frau zu beschreiben. Die berühmte Stecknadel brauchte nicht einmal den Boden zu berühren und: klick! lief die passende Platte zum Thema Nadel, haufenweise Lehrreiches über deren Erfindung hinter sich herziehend, um nach kaum wahrnehmbarer Plattenrille mit deren Entwicklung und Vervollkommnung fortzufahren – Rille – interessante Nadel-Anekdoten mit Prominenten – Rille – Verbrechen begangen im Namen der Nadel – Rille."

Die Platte lief und lief und hatte wie die Erde kein Ende zum Herunterfallen, meist merkte man die Rillen nicht einmal. Versteh mich nicht falsch, es war interessant und lustig. Wie soll ich es ausdrücken: nach Sophia kam mir Käthe wie die personifizierte Offenheit vor."

Ohne alten Tagen hinterher jammern zu wollen: In keiner Ehe war er so weit gereist, hatte soviel gesehen und erlebt wie in der mit Käthe. Es war eine herrliche Zeit. Ihr Schwung, ihre Lebenslust und Aufgeschlossenheit konnte ihn immer wieder mitreißen. Sein Entzücken, als sie auf eine altmodische und pompöse Hochzeit mit weißem Brautkleid und Kutsche bestand, war unbeschreiblich nach der unbedarften Hochzeit mit Sophia, die mit einer schlichten Eheschließung in einer winzigen Kapelle in den Bergen mit nur einem alten nach Kräuterschnaps riechenden Pfarrer und zwei wildfremden Backpack-Touristen als Zeugen zufrieden gewesen war.

Sobald er sich nicht nur geographisch weit genug von den Niagarafällen entfernt hatte, begriff er, dass Käthe auf nichts dergleichen bestanden hatte: eine feine Nadel namens Hochzeit war gefallen und ein randvoller Schrank mit Details über Hochzeiten von Grace Kelly bis Lady Di war aufgesprungen wie ein Jack-in-the-box.

"Du hast herausgepickt, was dir selbst gefiel", schluß-folgerte Liliane. "Meinst nicht, sich zwischendurch scheiden zu lassen wäre eine Option gewesen? Wolltest du dir deine Ehetauglichkeit beweisen, die unbedarfte Sophia bestrafen oder was hattest du davon?"

"Was weiß ich – jugendlicher Leichtsinn?" Er starrte hilflos vor sich hin, redete ungern von seiner ersten Frau und setzte dann nach längerem Nachdenken hinzu: "Wenn ich es mir genauer überlege: die Kontaktaufnahme zu Sophia – und sei es über einen Anwalt – war mir psychisch nicht möglich."

"Du erzählst allen Ernstes, deine verbotenen kleinen Bigamien sind eine Folge der ersten Ehe,– schiebst also deine ganzen Gesetzwidrigkeiten der armen Sophia in die Schuhe?" zog Liliane den Älteren auf, beide Brauen oben.

"Sag mal, wie bist denn du drauf? Es ist schön zu heiraten und verflucht hässlich, sich scheiden zu lassen – von den Unsummen Geld, die an Anwälten und in offenbar immer Staatskassen versickern, will ich erst gar nicht anfangen. Nenne mir einen vernünftigen Grund, warum man einen Teil seiner Autonomie abgeben muss wegen etwas, das nur zwei Menschen etwas angeht, denn Kinder waren nie betroffen – jedenfalls nicht meine. Einerseits haben wir heute die Emanzipation und die Pille, die meisten Frauen können für sich selbst aufkommen und tun es auch, und doch sind die Gesetze fast die gleichen wie damals. Wie passt das zusammen oder besser: wem passt das am meisten?

Apropos", fiel er sich selbst ins Wort, "hast du dir jemals überlegt, dass das Gehalt eines Mannes, als es noch die klassische Ehe gab, meist locker gereicht hat, eine ganze Familie zu ernähren? Inklusive zwei Urlaubsreisen, zwei Autos, Hund, Katze, Maus und mindestens drei Kinder – ein all-inclusive Paket also. Und dieses Vollgehalt gibt es noch, obwohl deren Bezieher häufig keine Frau mehr ernähren muss. Der Mann muss nach einer Scheidung höchstens Unterhalt abzüglich Freibeträge für die statistisch eineinhalb Kinder blechen. Die finanzielle Hauptlast der vaterlosen Kids tragen also die Frauen, die bestenfalls Teilzeitjobs finden. Ist doch interessant: nur 10% aller Teilzeitjobs werden von Männern besetzt, wahrscheinlich alles alleinstehende Väter", unkte er.

"Das sogenannte Vollgehalt gibt es nur noch in den oberen Gehaltsklassen", protestierte Liliane, der heute nicht nach Politik war. "Ist Alice deine Schwester oder warum juckt dich das?"

Er ignorierte den Einwurf. "Trotz Emanzipation hat der Mann immer noch das Sagen, seine Reviere sind nach wievor weitgehend gesetzlich fest abgesteckt. Das geht am besten, indem man Frauen klein hält, will sagen: wenig Macht und finanzielle Möglichkeiten bietet. Quasi ein Taschengeld für Erwachsene, und zwar - das ist das Perfide - entweder vom Ex oder vom Staat. Die meisten Mütter sind mit dem Überleben viel zu beschäftigt, um sich zu wehren, und, mit Verlaub: zu gut erzogen. Deren Renten nach einem derart durchlöcherten Berufsablauf lass ich mal außen vor, obwohl, wenn du mich fragst: der Vater sollte auch für sie in die Rentenkasse mit einzahlen oder aber die fehlenden Beträgen von der eigenen Rente abzweigen, das ist fair: mitgefangen, mitgehangen. Sanktionen oder Taschengeldentzug kann frau nicht riskieren, wovon soll dann die Klassenfahrt bezahlt werden?"

Er hatte automatisch nach und nach eine lange Kolonne Armee-LKWs überholt und sah empört zu ihr hin, als sei sie für diese Schieflage verantwortlich, bevor er eifrig hinzusetzte:
"Die perfekte Beschäftigungstherapie übrigens, im Keller einsperren oder anbinden geht schlecht, ist gegen das Gesetz. Auch mental und psychologisch ist alles einseitig vorgegeben: wer das meiste Geld verdient, ist 'tüchtiger* und daher 'überlegen' und weiß folglich, wo es lang geht: Man(n) wuchtet seine körperliche und finanzielle Überlegenheit ins Feld – was anderes zählt nicht; das Tellerwäscher-Märchen aus Amerika hat nicht nur drüben so manche Köpfe zu Tode gewaschen. Du zweifelst?", unterbrach er seinen Höhenflug empört, obwohl sie keine Miene verzogen hatte. "Wo bleibt der Ghostbuster mit der ersten Teller-wäscherin als alleinige Hauptheldin, häh? Und, wenn wir schon dabei sind: wo wird bei uns in Deutschland die Institution Ehe am größten geschrieben, angeblich um die Familie zu schützen? Im Land der Patriarchen: Bayern – wo sonst? Und wer hat sich erfolgreich gegen ein Autobahntempolimit und das Rauchverbot in Kneipen gesperrt?"

Phil hielt inne, schien einen geistigen Looping zu vollführen, um seine Pointe besser zur Geltung zu bringen: "Und ausgerechnet mich nichtrauchenden Elektro-Autofahrer wollten die Deppen als asozial abstempeln und wegsperren im Namen des Gesetzes? Mach dich nicht lächerlich! Ich habe niemanden umgebracht oder beraubt und hauptsächlich mich selbst ins Fleisch geschnitten, verflucht noch eins."

"Mir kommen die Tränen", kam es trocken von rechts. "Und Sophia?"

Seine Landung war unauffällig und mühelos. "Es wird dich erstaunen zu hören, aber vor einiger Zeit habe ich in der Tat einen Detektiv auf den Fall angesetzt. Wollte wissen, wie es ihr ergangen war - vielleicht benötigte sie ja meine Hilfe oder so."

"Nobel. Und?"

"Och." Er sah sie nicht an, ganz darin vertieft, die restlichen Lastwagen auch noch hinter sich zu bringen.

"Hast du dich wenigstens von Käthe scheiden lassen?" fragte sie nach längerem Schweigen.

"Ohohoh", machte er trällernd. "Das Frollein spricht noch mit mir? Ist dir klar, wie oft ich die Frage zu hören bekomme? Ich war vorhin etwas gemein und bin Käthe nicht gerecht geworden", ließ er reumütig einen alten Käfer vorbei. "Weißt du, die Frau hatte eine Ausstrahlung, eine Lebensfreude..."

Liliane lehnte sich entspannt im bequemen Sitz mit der kleinen Eckpolsterung zurück, die Phil während ihrer zweiten Fahrt wie ein Zauberer hervor gezogen hatte, angeblich die ganze Zeit im Kofferraum gewesen war und zur Standardausrüstung jedes anständigen Autos gehörte. Sie war kein nervöser Mensch, besaß seit ihrem achtzehnten Lebensjahr den Führerschein und war jahrelang ein sicherer Fahrer gewesen ohne Flensburger Ballast.

Bis zum Unfall ihres Vaters.

Über Nacht hatte sich bei ihr eine Abneigung gegen Autos eingestellt, die manchmal an Panik grenzte – etwas, was ihr bisher nur theoretisch untergekommen war und einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. Irgendwann ging es nicht mehr. Die Mitgliedschaft beim hiesigen Carsharing hatte sie auf Eis gelegt, zwang sich aber, als Beifahrer auszuharren. Was nicht immer leicht war.

Nach mehreren Monaten als Mitfahrer war ihr bei den Fahrern eine Entspannung aufgefallen, die sich auf deren Fahrkünsten übertrug, sobald sie ihre 'alten Platten' abspielen konnten. Selbst Patrick, dessen Fahrstil ihr Gänsehaut bereitete, war unlängst beim Versuch, ihr zu erklären, wie das Programmieren funktionierte, einige Hunderte Kilometer relativ normal gefahren. Eine Wohltat.

Nur bei ihr funktionierte das nicht.

Ein vollständiges Ausweichen auf die Bahn wäre einer Bankrotterklärung ihres Studiums gleich gekommen, von ihrer Selbsteinschätzung abgesehen: Pragmatismus pur. Gegen die Bahn sprach auch das stundenlange Ausharren in einer Umgebung, die sie sich nicht aussuchen konnte, gewürzt mit der Muße, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die sie bereits im Alltag verfolgten.

Lauter Synonyme für Folter.

Ein wenig Ablenkung war willkommen. Die Erzählungen über seine Frauen und Ehen, mit empathischer Mimik und einer Stimme vorgebracht, die mühelos ein paar Oktaven rauf und runter kletterte, rissen mit. Sie glaubte, alles vor ihrem geistigen Auge zu sehen und vergaß über die quirlige Käthe und deren Nachfolger die eigenen Nichtigkeiten:

Ende der Leseprobe.

Kurz-Biographie & Alibis

Bin in NL geboren und in den Staaten aufgewachsen, der Aufenthalt in drei verschiedenen Ländern ermöglicht eine aufgeschlossene und anti-nationalistische Sichtweise, die verbindet anstatt zu trennen. Daher der Entschluss, künftig unter dem Namen Miluv Jacobse zu veröffentlichen - keineswegs ein Pseudonym nach Jahrzehnten Leben in Deutschland unter dem Namen Miluv, und immerhin gibt's mittlerweile fünf. Erst nach etlichen Jahren K(r)ampf gegen bürokratische Windmühlen im Niemandsland (dt. Pass abgelaufen, im Geburtsland für tot erklärt) erhielt ich meine alte NLer Identität als Jacobse wieder. Die Shizophrenie dieser zwei Identitäten macht sich hoffentlich im Buch nicht allzu breit und ist gleichzeitig der Grund, warum Sie von mir keine Publikationen finden werden. Holländische Mühlen mahlen gründlich.

"gesiebtes brot" ist entstanden während meiner Pendelei via Mitfahrzentrale & Zug zwischen Lübeck und Utrecht, nachdem der Elektroscooter meiner 95jährigen Mutter mit einem Salto deren Knie zertrümmerte. Sie starb im letzten Frühjahr mit 98, dement.

Das Buch schrieb sich also von alleine, ich musste nur lauschen.


Exposé

"Er hatte weder vor dem Tod noch vorm Fliegen Angst, hielt sich nur für zu jung zum Sterben. Später vielleicht. Er würde darauf zurückkommen", endet die Geschichte fast genauso wie es anfängt.
Dazwischen pendeln vier Personen während und nach der Flüchtlingskrise einmal im Monat die jeweils fast fünfhundert Kilometer zwischen Salten (fiktivem Städtchen in der Nähe von Hamburg) und Frankfurt a.d. üblichen Fluss: mittags hin, abends zurück.

Das Quartett besteht aus Phil, Hamburger Privatier jenseits der 50, der gern mit Episoden seiner nicht immer gültigen Ehen unterhält, die sich wie ein roter Faden durch die Erzählung winden; Joh, Geschäftsmann & Zocker um die 40, Marc, Nerd & Software-Profi, Mitte 20; mittendrin die fast dreißigjährige Liliane. Sie ist die Letzte dreier Generationen Frauen, die alle mehr oder weniger unter der unverdauten Vergangenheit der erste leiden und nicht eben Plaudertaschen sind - von Menschen umgeben, die sich damit nicht zufrieden geben und gesprächiger sind: Männer. Ironie? Och.

"gesiebtes brot" (Arbeitstitel: "eine kleine bigamie") ist ein Gegenwartsroman (2015/2016; 215 Seiten). Wenn die Beteiligten nicht in der Vergangenheit oder im Auto unterwegs sind, findet die Geschichte vorwiegend in einer der wenigen autarken Ortschaften statt, die nicht nur der Gier naheliegender Metropolen, sondern auch der Auto-Verfressenheit nach immer mehr Straßen erfolgreich widerstanden hat. Die Flüchtlingskrise verdeckt beinahe den Tunnelblick der Politiker, dass der Markt es schon richten wird, eine Pseudo(Börsen)welt vorlassend, die mit dem Leben nichts zu tun hat. Die unkontrollierte Gegenbewegung im Netz sind nur Auswirkungen einer profit-orientierten Raupe, die alles frißt. Grelle und doch passende Hintergrundmusik zu einer Melodie, die ohne nicht komponiert worden wäre.


Table of contents

I. unique - joh ...................................................................................................................1

daten-tsunami, treppenlicht, gehacktes, business plan

II. eine kleine bigamie - phil & so .................................................................................18

phil & die ehe, käthe, liliane & der unfall, franz

III. gewittern - mim & liliane ........................................................................................41

mob, elektronische vergewaltigung, austern, flüchtlinge

IV. nerdy - patrick & joh ..............................................................................................58

mathe, drei im mini, kuckucks-oma, mantel unterm rock, dubliner

V. qwertz - keine janneke ............................................................................................81

berge, gusto, adobo, das wetter, mimosen-destruktion, footprint

VI. gesiebtes brot - janneke & pam ...........................................................................100

absolution, totenruhe, wadenwickeln, nsa-mann, fotos, chevy

VII. machtsweg - anne & clara .................................................................................131

anne & mutter, auflösung, sonnabend, kunstwerk, koma-ben wach

VIII. dekado - elvira & sophia .................................................................................152

regentropfen im zug, fasching, tirade, sophia, unfall

IX. die wand ......................................................................................................189-215

blitzidee, error, kralle, der keller, sündenbock





Kritik ohne Häme oder Missgunst? Bitte gerne: hexandthecityätt-online.de

 lily  spinnen die?