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the icemakers
von nick jacobse
leseprobe

level I

  Elfjaehrig ist man noch Kind, waehrend ein Dreizehnjaehriger zu den Teenagers zaehlt - und dazwischen? Morgen war sein zwoelfter Geburtstag - noch Fragen? Durch neun Waende oder sechs Tuere - im Hause Bergmann waren Tuere vor allem zum Schliessen da - glaubte er das Getuschel der Eltern zu hoeren und zog die Bettdecke enger um sich: Szenenwechsel, bitte! Meist half das - und heute? Nja, die Eltern und die bloeden Geburtstagsbilder loesten sich wirklich auf, dafuer kamen Schulbilder, die genauso zerrten, zupften und piekten. Frustriert warf er die Decke von sich und tat, was er in solchen Faellen immer tat: er holte sein Geybey hervor, sein inoffizielles Geybey. Er hatte naemlich nicht nur Geybeyverbot, die Eltern hatten ihm das Ding mitsamt Spiele weggenommen:
  "Wir glauben bei dir ein gewisses Suchtverhalten bemerkt zu haben, Peter", hatte seine Mutter in vernuenftigem Tone versucht zu erklaeren. "Schau'n wir einfach, ob du ein Weilchen ohne auskommst, und dann..."
  Was sollte er machen? Sie waren am laengeren Hebel. Seit seine aeltere Schwester aus dem Nest geflogen war, funktionierte die Demokratie bei ihnen nicht mehr: zwei Erwachsene + ein Kind = Diktatur. Sich auf die Hinterbeine stellen hatte wenig Sinn, List war besser, also hatte er einem Kollegen dessen aeltere Version mitsamt Super-Xammy abgekauft. Leisten konnte er es sich, bekam genug Taschengeld und gab selten etwas aus: wofuer denn? Er war keine Naschkatze, hatte keine teure Hobbys und brauchte bloss den Mund aufmachen - schon wurde ihm das Gewuenschte reingestopft. Also gut: gestopft war uebertrieben, aber er bekam es, sofern es "zu seinem Alter passte" und ihm nicht schadete - eine Pumpgun haetten sie ihm kaum besorgt. Wie es in dem kleinen, regelmaessig aktualisierten Taschenbuch "Erziehung fuer Dummies" stand, das seit er denken konnte auf dem Nachtisch seiner Mutter lag und bei jedem Pups zu Rate gezogen wurde. Vor ein paar Tagen hatte er neugierig einen Blick reingeworfen, um zu erfahren, was ihm dieses Jahr so alles bevorstand. Und hatte das Buch beinahe fallen lassen, als er auf die Empfehlung stiess, sein nun erwachendes Interesse fuers andere Geschlecht als etwas Selbstverstaendliches hinzunehmen oder sich als Elternteil zumindest nichts anmerken zu lassen... - Gut zu wissen. Und zu viel Geybey oder Computer oder Fernsehen galt als schlecht, nicht empfehlenswert; gar keins war aber auch nicht optimal: "...eine Selbstverstaendlichkeit in der Handhabung saemtlicher Elektrogeraete auch der digitalen Branche ist erstrebenswert, gehoert in der heutigen Zeit zur Allgemeinbildung..." Aha. Wozu rumstreiten? Die Eltern waren happy, dass er nicht suechtig war und sich auch ohne Geybey zu beschaeftigen wusste und liessen ihn in Ruhe - mehr wollte er nicht. Ein schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht: er war nicht suechtig. Er hatte nur sonst nichts zu tun und langweilte sich, und vor allem Xammy war inzwischen sein bester Freund, mit wem sollte er sich sonst unterhalten? Er gab sich redlich Muehe, das Ding nicht zu oft anzumachen und hatte sein Pensum eigentlich bereits ueberschritten, aber dies war ein Notfall: morgen war sein Geburtstag und ihm graute vor der Marathonlaechelei und sich freuen ueber Dinge, die er sich nicht gewuenscht hatte, auch gar nicht wollte. Vor dem engen unbequemen und nagelneuen Anzug, den er selbstverstaendlich nicht bekleckern duerfte, obwohl es bis zur naechsten feierlichen Gelegenheit bestimmt nicht mehr passte, sich abknutschen und bewundern lassen - Mann, dieser falsche Ton! - von Leuten, die er nicht mochte, weil sie so taten als wuerden sie ihn moegen, obwohl sie ihn doch gar nicht kannten! Sich staendig bedanken zu muessen: fuer nutzlose Geschenke, fuers Kommen, fuer die weite Reise, fuer den wuuunderschoeoeoenen Tag...brrrr...
  Warum konnten die Leute nicht ehrlich sein: "Mensch, Peter, frueher warst sooo niedlich - wieso unternimmst du nicht was gegen diesen potthaesslichen ekelerregenden Pickel auf deiner Nase, der aussieht wie ein verfaulter Kartoffelkaefer ohne Beine? ...Und deine Haare - kann man die ueberhaupt noch kaemmen, da muss ein Bunsenbrenner ran, odda?!" Er kicherte, sich wie ein Popstar in Pose werfend und ueber die unbaendigen mittellangen dunklen Haare streichend.
  Oder wenigstens ihn ehrlich sein lassen: "Mensch, bist du fett geworden - wer hat dich denn gemaestet und vor allem: warum?... Tante Bo, hat dir denn nie einer gesagt, dass nur Clowns soviel Schminke tragen?... Und du, hast dich ja ueberhaupt nicht veraendert, stinkst immer noch nach Oel und Unanstaendigkeit pur... oh, jessas, kannst nicht dein nach Knoblauch riechendes Sabbermaul abwischen, bevor du mich kuesst!?..."
  Und ueberhaupt, tagtaeglich diese Noetigungen, staendig zwang man ihn zu etwas: frueh aufstehen, frueh ins Bett, Dinge essen, die er nicht mochte, in die Schule gehen, Zimmer aufraeumen, Waschen und Zaehne putzen, Sport treiben...
  Und Geburtstagen.
  Genau, und die eigenen waren die schlimmsten! Sein Gewissen, dieses Untier, schien beruhigt: er schaltete das Geybey ein und war bald in eine andere schoenere Welt: Xammys Welt.

  Da passierte es.

  Klar redete er staendig dummes Zeug, wenn er spielte, meist halbe Saetze: Beweg deinen Hintern! Mach zu, Mann! och Xammy, baby...! In etwa. Machten alle. Na ja: viele. Doch diesmal hatte Xammy sich umgedreht, sich ihm zugewandt und
seinen
Namen
gerufen...
  Einbildung? Aber klar! Immerhin war er darueber so erschrocken, dass er das Geybey schleunigst wieder in die Matratze schob und den Reissverschluss zuzog wie um einen Fremkkoerper wegzusperren. Mensch, und an Schlaf war da erst recht nicht zu denken...

  "Happy Birthday to you, happy birthday...", wurde er wie jedes Jahr von den sehr froehlichen und sehr unmusikalischen Stimmen seiner Eltern geweckt. Peter behielt die Augen so lange wie moeglich geschlossen, war wohl doch eingenickt. Er brachte den Tag leidlich hinter sich, war froh, dass man seinen Ehrentag in der Schule uebersehen hatte und eilte nach Hause, bis ihm einfiel, dass seine Angehoerigen und deren Gaeste es gewiss nicht vergessen hatten: Nee, du...

  Als er abends endlich in seinem Bett lag, liessen ihn die Bilder trotz bleierner Muedigkeit nicht schlafen: stundenlange Heuchelei war eben Knochenarbeit. Und seine popelige Schwester, diese treulose Tomate, war wieder nicht gekommen; angeblich muesste sie dazu drei verschiedene Flugzeuge nehmen: "Gar nicht gut fuer die Umwelt, Bruderherz!" Alles klar. Beinahe widerwillig holte er das Geybey hervor. Und seufzte erleichtert, als nichts Ungewoehnliches passierte: Ein kleines Kerlchen namens Xammy rannte umher und sprang anderen auf den Kopf, dabei ununterbrochen kreischend als wuerde er gegrillt. Es hatte etwas Beruhigendes und war doch nicht langweilig: man drueckte diesen Knopf oder jene Taste unten, oben, rechts, links und konnte besiegen und aus dem Wege gehen nach Belieben. Niemand verlangte etwas von einem, niemand schimpfte, keine ungeduldigen Lehrern, keine lachlustigen daemlichen Kollegen. Und keine Eltern mit ihren ewigen: Wie war die Schule, Schatz? hast du dein Pausenbrot gegessen, moechtest du einen Apfel? warum bringst nicht mal einen Schulfreund mit, du weisst, wir haben nichts dagegen...?
  Was sollte er darauf antworten? Die Schule war beschissen, die olle MatheKuh hat mich heute dreimal dran genommen und ich bin wie immer ueber meine eigene Zunge gestolpert (und im Sport ueber die Fuesse), mein Pausenbrot haben welche in die Muelltonne geschmissen, ich habe keinen einzigen Freund und brauche auch keinen und weisst du, was du mit deinem bloeden Apfel kannst? Statt dessen nahm er den Apfel und verschwand damit in seinem Zimmer, irgendwas von Hausaufgaben und einer Pruefung murmelnd. Er konnte richtig spueren wie seine Mutter geruehrt hinter ihm her laechelte: mein Sohn, so ein fleissiger, lieber, so pflegeleicht und folgsam, huch...
  Pflichtschuldig erledigte er zuerst seine Aufgaben, um dann das Geybey einzuschalten. Mitten drin passierte es wieder: Xammy drehte sich zu ihm um.
  Und winkte.
  Und
  rief
  seinen
  Namen.
  Peter kniff die Augen sekundenlang zusammen, riss sie wieder auf: Xammy winkte immer noch, auf und ab springend wie ein Hampelmaennchen auf heissen Kohlen. "Guck nach vorne!" raunzte Peter verunsichert. "Da kommt was."
  Xammy grinste. "Na klar: Tim und Struppi, Super und Mann und Donald und Duck - du bist doch am Druecker, Peterboy."
  Erschrocken machte Peterboy den Xammyboy aus, sich wild im Zimmer nach einer Beschaeftigung umschauend, die nicht mit ihm sprach. Schliesslich warf er sich mit einem alten Karl-May-Buch aufs Bett. Keine halbe Stunde spaeter war das Geybey wieder eingeschaltet.
  "Was soll das?" kam es vorwurfsvoll. "Einfach tirolidiroli mich ausmachen ist nicht eben die feine Art. Was ist dein Problem, Mann?"
  "Mein Problem", kicherte Peter nervoes, "ist dass du mit mir sprichst. Das gibt es nur in schlechten Filmen!"
  "Nana", schuettelte Xammy den Kopf. "In ein paar guten Filmen wohl auch - was guckst fuern Schrott?"
  Das Kichern von Peter wurde fast hysterisch. "Ich bin verrueckt, toll zu wissen!"
  Der kleine Mann machte grosse Augen: "Verrueckt? Wie kommst darauf?" Und besorgt: "Ist das dein Ernst jetzt? Dann haett ich mich aber an den Filefolefalschen gewandt, wir haben naemlich ein ernstes Problem, verstehste, und da braucht man einen klaren Kopf und kein Wirriwarri mit Pusteparmesan in der Birne!"
  Von der eigenen Person abgelenkt, fragte Peter sofort: "Ein Problem, welches denn? Und wer ist 'wir'?"
  "Na, wir alle natuerlich!" erklaerte das Maennlein ungeduldig. "Aber ich weiss nicht, vielleicht bist du doch nicht der RiRaRichtige fuer diese Aufgabe...!"
  "Doch doch", widersprach Peter prompt. "Bin sowas von rirarichtig - was ist das Problem?"
  Das Maennchen liess sich nicht leicht ueberzeugen, rueckte aber schliesslich damit heraus, dass durch eine Reihe von nicht zusammenhaengenden Zufaellen ein Energiefeld freigesetzt worden war, deren Kraft ausreichte, um ganze Erdteile zu versorgen - oder ausser Betrieb zu setzen. "Ich selbst hab auch ein bisschen was abgekriegt, sonst koennte ich mich gar nicht so sisaselbstaendig machen. Und das Problem? Das Problem ist: wie und wohin sollen wir diese Energie ohne Schischascherbenhaufen leiten, bevor andere nicht so nette Leute wie du und ich und Tom und Jerry es finden und wasweissich damit anstellen - hab ich mich klar genug ausgedrueckt oder brauchst du 'nen Duden mit der neuen Deutschen Rechtschreibung und Gebrauchsanweisungen mit Bildern in zehn Sprachen?!"
  "Und dieses Energiefeld", drehte Peter skeptisch sein Geybey hin und her, "ist da drin?"
  "Pfff", machte Xammy veraechtlich. "Sooooooviel Energie in so einem PiwiDingelchen? Dann haette es laengst puff gemacht oder jemand gefunden. Es wurde ein wenig aufgeteilt und in den letzten paar Levels versteckt, und zwar so, dass keine Energie nach aussen dringt - ist dir klar, wie viele wollemolletitatolle Geybeys es auf der ganzen Welt gibt? Jetzt suchen ein paar geldige Blabberidioten wie bekloppt, sind aber zum Glueck noch nicht auf uns gekommen, sind ja eigentlich fuer Kids wie Pooh und du gedacht. Und bis zu den letzten Lilalevels schaffen es nur wenige - Erwachsene sowieso nicht, sind zu bloed dazu."

  Das war reichlich Stoff. Abends liess Peter sein Geybey in Ruhe, er musste nachdenken: Hatte er getraeumt, Halluzinationen gehabt? Und wenn nicht: wahr oder gesponnen? Und wenn wahr, was tun? Alleine war das nicht zu schaffen, er wuerde sich nach Verbuendeten umsehen muessen: wer sonst hatte ein Geybey, kam noch in Frage...? Und schlief darueber ein.
  "Sag mal", sprach er am naechsten Morgen Stefan an, den Kumpel aus der Parallelklasse an, dem er das Geybey abgekauft hatte.
  "Was ist?" hob der hoheitsvoll eine Braue. "Geybey kaputt? Nicht meine Schuld, wir hatten eine klare Abmachung wonach eindeutig..."
  "Stopp!" unterbrach Peter hastig. "Alles okay. Wollte nur was fragen, hast in der Pause Zeit?" Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich auf dem Absatz um und rannte beinahe ins Klassenzimmer zurueck: Was hatte er sich dabei gedacht? Lachte man nicht genug ueber ihn, ueber seine Haare, die gepflegten Klamotten, seine allzu hochdeutsche Aussprache? Und was sollte er dem Langen sagen: Mein/dein Geybey hat sich selbstaendig gemacht und mich um Hilfe gebeten...? Hahahaha, schallte das Gelaechter ihm misstoenend in die Ohren: Phantasie ist etwas Fuerchterliches, wenn man zwoelf Jahre alt ist. ueberhaupt ein bloedes Alter, irgendwo zwischen Kindheit und Pubertaet im Niemandsland schwebend, mal mit einer Traene im Auge zurueck, mal schaudernd nach vorne schielend, und doch zum Nichtstun verurteilt ein nie enden wollendes Jahr lang, aetzend! Es muesste ein Taschenbuchratgeber geben fuer Zwoelfjaehrige, super duenn mit Index; darin stand etwa unter G wie:
"Geschlecht, andere: Sorry, aber in deinem Alter sollte man hoechstens schnuppern. Behandele das andere Geschlecht stets mit respektvoller Vorsicht aus mindestens zwei Meter Entfernung, es sei denn, es sind Verwandte, diesen wiederum gebuehrt respektlose Vorsicht aus mindestens drei Meter Entfernung."
  Er kicherte, setzte noch eins drauf:
"Und sei geduldig mit deinen Eltern, sie machen eine schwere Krise durch und sind leicht erregbar..."

  In der Pause versuchte er sich moeglichst klein und unsichtbar zu machen. Zwecklos, Stefan fand ihn:
  "Also?" machte der lange Lulatsch nur, die Arme in Abwehrhaltung uebereinander geschlagen. Stefan galt als Einzelgaenger, er war gross und sehr mager mit einem praktischen Borstenschnitt, drueckte sich seltsam abgehackt, altmodisch und barsch aus; die meisten Kollegen hatten Angst vor ihm und die Lehrer liessen ihn in Ruhe: wie beneidenswert war denn das?
  Was hatte er zu verlieren? Ebenso wortkarg packte Peter den Arm seines Gegenuebers und zog ihn vom Schulgelaende unter eine alte Eiche. Erst da holte er sein Geybey aus der Innentasche seines Mantels hervor und schaltete es ein.
  Und richtig, da war der kleine Mann und winkte und rief ihnen beiden zu. Beim Namen. Peter sah Stefan von der Seite an: "Dich kennt er also auch. Und?"
  Der schaute verunsichert zurueck. "Siehst du das etwa auch? ..."
  Als es schellte; waren sie sich einig.

* * *

  Den Rest besprachen sie auf dem Heimweg, mit soviel Energie Peters Zimmertuer hinter sich zuziehend, dass der Mund von Peters Mutter, den sie vor ueberraschung aufgelassen hatte, ganz von allein zuklappte.
  "Was glaubst du?" kam Peter sofort zur Sache.
  Stefan verstand sofort. "Ob Xammy aus freien Stuecken sich an uns gewandt hat oder ob das ein Teil des Programms ist oder ob das nachtraeglich von aussen reinmanipuliert wurde oder oder oder...? Tja", er rieb sich das Kinn, als erwaege er eine Rasur. "Das ist eine gute Frage. Eine andere Frage waere: wie finden wir heraus, wen er noch alles angesprochen hat, ohne uns bis zu unserem bitteren Ende sterblich zu blamieren? Mehr Koepfe bringen mehr Ideen hervor, und ein wenig Fussvolk ist auch nicht zu verachten." Sie verwarfen einen Plan nach dem anderen und schauten irritiert zur Tuer, als es klopfte.
  "Peter?" kam die Mutters Stimme gedaempft durch die Tuer: im Hause Bergmann wurde die Privatsphaere eines jeden respektiert. "Es ist sechs Uhr, moechte dein Freund vielleicht mit uns Abendbrot essen?"
  Sie sprangen gleichzeitig auf, und Stefan ergriff seine Siebensachen. "Ich geh lieber, meine Alten haben bestimmt schon einen Suchtrupp losgeschickt!" Stefans Vater war bei der Polizei. "Morgen nach der Schule wieder bei dir?" schlug er vor. "Meine Leute sind nicht so diskret - im Gegenteil".
  Peter grinste verstaendnisvoll. "Bis morgen also!"



level II

  Die Zeit oder Xammy draengte. Eine knappe Woche spaeter quetschten sich immerhin drei Kumpels in Peters Zimmer. Als die Bergmans vor knapp sieben Monaten hierher gezogen waren, hatte der Junge sich trotzig das kleinste Zimmer ausgesucht, obwohl die Eltern ihm das groesste mit Balkon, Einbauschrank und Waschecke mit Kusshand ueberlassen haetten. Seitdem musste jeder Besucher lange Erklaerungen ueber sich ergehen lassen, als haetten sie ihren einzigen Sohn in einen dunklen Kerker ohne Licht und Heizung gesperrt. Eltern waren schon ein komisches Voelkchen: Die Leute hinten, die Leute vorne - und in der Mitte? Schlafen, Essen, Schule. Punkt. Viel Spielraum blieb da nicht, das fing schon bei seinen Klamotten an: sobald eine Hose sich an den Knien beulte, musste es durch eine neue ersetzt werden - natuerlich Markenware, aber hal-lo. Peter wurde nicht einmal gefragt, na, wenigstens seine Haare wusste er zu verteidigten...

  "Also", fing er als Gastgeber an. "Ich schlage vor, wir hoeren auf mit der Mitgliedersuche und kommen endlich zur Sa..."
  Es klopfte und ein Rotschopf steckte den Kopf durch den Tuerspalt; Turbo, der Aelteste der Gruppe, stoehnte: "Ach Mensch, Dani: geschlossene Gesellschaft, Weiber unerwuenscht!"
  Dieses "Weib" wandte sich frech an Peter. "Wer sagt das - du etwa?"
  Der hatte Muehe nicht zu erroeten und bueckte sich, um seine bereits geknuepften Schuhbaender zuzumachen. "Aehm", nuschelte er betont forsch. "Wir koennen ja abstimmen: wer dagegen ist soll jetzt seine linke Hand heben oder sie fuer immer unten behalten - also?"
  Turbos Arm schoss in die Hoehe und er knurrte drohend in die Runde, doch er blieb der einzige. Jeder mochte Dani, sie war ein guter Kumpel und spielte sogar in der Fussballmannschaft mit.
  Jetzt rieb sie sich strahlend die Haende: "Antrag abgeschmettert! Also: was habt ihr bisher unternommen, Jungs?"
  Die 'Jungs' sahen sich ratlos an.
  "Schlage vor, wir befragen Xammy", kam es energisch vom Neuzugang.
  "Sieh einer an", kreischte das Maennchen verzueckt beim Anblick der Gruppe: "Max, der Computerfreak, Turbo mit den Hummeln im Hintern, seine Schwester Dani, die Sportkanone, Stefan, der Supercop und Peter..." Die so Angesprochenen hatten alle der Reihe nach verlegen gegrinst und warteten nun gespannt auf Peters Beinamen - Peter auch: "...der Anfuehrer! Ich heisse euch alle willkommen in Xammyland! Mich kennt ihr ja wohl, ha!"
  Peter bueckte sich erneut nach seinen Schuhen: das Rotwerden war eine Plage, kam auf seiner Folterliste gleich nach Geburtstagen, Gefragtwerden vor versammelter Mannschaft und Turnen. Er schielte hoch, um zu sehen wie die anderen diese Auszeichnung aufnahmen - sicher mit Gelaechter? Doch die warteten nur gespannt auf Xammys naechste Worte:
  "Klub komplett also, nimmt bloss niemand mehr auf, ohne mich vorher zu fragen, kenne meine Pappnasen..."
  "Pappenheimer muss es heissen", korrigierte Turbo herablassend. "Also: was erwartest du von uns, wie koennen wir einfache Schueler seiner Hoheit King Xammy dienlich sein?"
  "Pack deine Hummeln und Heimer mitsamt King in die Kliklaklospuelung, Kumpel!" kreischte Xammy. "Unser Peter hat einen Plan!" Und weg war er.
  Peter hatte mitnichten einen Plan, er schuettelte irritiert sein Geybey und laechelte schief, als dabei nichts herauskam. "Aehm, Max, was hast unternommen: Software analysiert?"
  "Jupp";, nickte ein Junge, der unscheinbar aussah, eine Hornbrille trug und etwas zu lange glatte schwarze Haare. "Hab's gesaugt und gruendlich untersucht - von innen leider nur der Anfang, ist schwierig."
  "Von innen, wie meinst du das?" wollte Dani neugierig wissen.
  "War im Spiel. Virtuell." Diese sehr ruhig vorgebrachte Behauptung liess vier Kiefer fallen.
  Endlich wiederholte Turbo papageienhaft: "Im Spiel?! Haeh?"
  Der eher kleine Max schien einige Zentimeter zu wachsen, dann meinte er laessig: "Exakt. Ihr wisst: mein Vater ist Programmierer, hat Software entwickelt, da kann man zum Beispiel mit einer Webcam virtuell in mehreren, leider nicht in allen Spielen rein schluepfen. Bei Xammy klappt's prima, wir klappern die Levels halt zu zweit ab. Macht mehr Spass."
  Sie sahen sich grossaeugig an.
  "Auf zu Max, Jungs!" trompetete Peter, um dann schnell hinzuzufuegen: "Und Dani natuerlich auch, klar."
  "Geht leider nicht", wehrte der bis dahin selbstbewusste PC-Profi verlegen ab. "Meine Mama vertraegt keinen Besuch und ich weiss nicht, sie kennt zwar Dani und Turbo, aber ihr andere und dann auf einmal, ich glaube, das wuerde sie ueberfordern..."
  "Wer hat noch einen Computer?" ueberbrueckte Peter die Verlegenheitspause.
  Niemand Hand hob sich.
  "Kannst Cam und Software rueberholen, Max?"
  "Jupp", kam es prompt und der Junge verschwand.
  "Okay", erhob der Gastgeber sich moeglichst laessig. "Bin gleich wieder da." Keine zwanzig Minuten spaeter kam Peters Vater mit einem Rechner, Peter selbst mit einem grossen Flachbildmonitor, und als Schlusslicht Peters Mutter hereinspaziert, Lautsprecher, Tastatur und Maus und einen Haufen Kabel auf einem riesigen Tablett.
  "Danke", meinte Peter sagen zu muessen, nachdem der Vater alles inklusive Onlinezugang korrekt angeschlossen hatte. Er starrte seine Eltern so lange an, bis sie brav zur Tuer trotteten.
  "Mensch", machte Dani zuerst den Mund auf. "Gibt's dafuer ein Patent? Meine sind nicht so gut erzogen."
  Peter grinste vielsagend. "Wir sind gegen meinen Willen umgezogen - seitdem haben die ein schlechtes Gewissen..."
  "Ja denn", klimperte Dani mit den Wimpern, wurde aber von einem Klopfen unterbrochen.
  Ohne viel Worte lud der zurueckgekehrte Max das Spiel, installierte die Software und schloss die Webcam an. Eifrig wollte er sich davor stellen.
  "Stopp!" hielt ihn Peter am aermel gepackt. "Erst die Absprache: wer geht? Und: wie bist du immer zurueckgekommen?"
  "Hatte den Timer programmiert, Webcam schaltet sich dann nach soundsoviel Zeit selbst aus", kam die prompte Antwort auf die zweite Frage; ueber die erste wurde kurz beraten und abgestimmt: Max und Stefan sollten zurueckbleiben. Max, um PC und Cam zu bedienen und Stefan, weil er nach eigener Aussage in einer Viertelstunde zu Hause erwartet wurde. Dringend.
  Fasziniert konnten die Auserwaehlten sich kurz spaeter selbst in Miniformat auf dem Monitor neben Xammy bestaunen.
  "'Beam me up, Scotty!' ginge gar nicht", versuchte Max ihnen zu erlaeutern. "Menschen bestehen zum groessten Teil aus Wasser und wuerden auch einzeln und verkleinert das Geraet sofort unter Wasser, also ausser Betrieb setzen."
  Es erwies sich als kniffelig, sich ausserhalb Xammys Welt so zu bewegen, dass man innerhalb gezielt vom Fleck kam, Dani hatte den Bogen am schnellsten heraus und deckte die anderen mit Anweisungen und Ratschlaegen zu. Die ersten Levels waren leicht, die Landschaft harmlos und auch etwas einfallslos: Taeler, Landwege, ein langweilig dahinplaetschernder Fluss, ein paar treudoofe, wiederkaeuende Kuehe, dann wurden die Doerfer groesser und groesser, bis sie sich in einer Grossstadt mitsamt Strassen, Hochhaeuser, Verkehrsknotenpunkte, Leuchtreklame und natuerlich jeder Menge Fahrzeuge und Menschen wiederfanden...
  Der Schwierigkeitsgrad steigerte sich, je weiter sie fortschritten. Es galt dann, etwas problematischere Huerden wie Erdloecher, verschuettete Taeler, endlose Seen oder voellig zugeschneite Gebirgen zu ueberwinden oder komplexe Wolkenkratzer, die oben und unten ins Nichts fuehrten. Oft musste man andere Figuren ausweichen: wandelnde Baeume, spuckende Sonnenblumen, unheimliche Geier und jede Menge Krabbelgetier und Fahrzeuge. Nach einer knappen Stunde waren alle schweissgebadet und Max speicherte das Erreichte und schaltete die Webcam aus. Sofort verschwanden ihre kleinen Ebenbilder vom Monitor.

ende der leseprobe

Background:

  Ich war sicher, etwas in der Art fuer meine Enkelkids geschrieben zu haben, konnte es aber nirgendwo finden und dachte (angesichts eines dank Quecksilber jahrelang andauernden Brainfogs nicht verwunderlich): fata morgana. Was man nicht weiss.... In den Umzugskartons aufm Dachboden fanden sich zwar etliche Kurzgeschichten, einige Gluecksradraetsel, mehrere Glossen (u.a. uebers Klonen, oi) und offenbar zwei (oder drei?!) Buecher, deren lose Blaetter mich nun wahnsinnig machen. Aber nichts fuer Kids.
  Fuendig wurde ich erst Wochen spaeter bei der Durchsicht meiner Musiksammlung, auf einer CD mit der Beschriftung: "Buecher, MS, JuBu" etc - JuBu = Jugendbuch, na logisch. Wann geschrieben? I dunno. Hier ein kleiner Hinweis fuer oekofreaks, nach einem Viertel erzaehlt eine der Hauptfiguren:

  "Habt ihr gestern die Nachrichten gehoert? Der Antarktis schmelzt langsam aber allmaehlich dahin,und es ist jetzt hundert Prozent erwiesen, dass wir Menschen am Klimawandel und den daraus folgenden Klimakatastrophen schuld sind. Wir haben ungefaehr dreizehn Jahre Zeit, unseren CO-2-Pegel in den Griff zu kriegen, sonst..."

Habe die Nachrichtenfolge nicht gefunden - es muss 2008 gewesen sein.

Geschrieben fuer meine Enkelsoehne Silvio und Nico, with love.