m e n u
 corona blues - ein coronageschenk  gesiebtes brot - leseprobe  das hexenhaus  lubeck  kleine erzaehlungen  lubeck for considerate visitors  witch tells tiny tales  marke: solo - leseprobe  jugendbuch ist noch aufm papier  über mich/heulmeisje  off the beach/about me


  Ich war sicher, etwas in der Art für meine Enkelkids geschrieben zu haben, konnte es aber nirgendwo finden und dachte (angesichts eines jahrelang andauernden Brainfogs nicht verwunderlich): fata morgana. Wat soll's?
  In den Umzugskartons aufm Dachboden fanden sich zwar etliche Kurzgeschichten, einige Glücksradrätsel, mehrere Glossen (u.a. übers Klonen, oi) und offenbar zwei Bücher, deren lose Blätter mich nun wahnsinnig machen. Aber nichts für Kids.
  Fündig wurde ich erst bei der Durchsicht meiner Musiksammlung, auf einer CD mit der Beschriftung: "Bücher, MS, JuBu" etc - JuBu = Jugendbuch, na logisch. Ich muss es vor ungefähr dreizehn Jahren geschrieben haben - woher ich das weiß? Nach einem Viertel kommt folgender Text:

  "Habt ihr gestern die Nachrichten gehört? Der
Antarktis schmelzt langsam aber allmählich dahin,
und es ist jetzt hundert Prozent erwiesen, dass wir
Menschen am Klimawandel und den daraus folgenden Klimakatastrophen schuld sind. Wir haben ungefähr
dreizehn Jahre Zeit, unseren CO-2-Pegel in den Griff
zu kriegen, sonst..." Der Junge holte Luft.

  P.S. Am Manuskript war noch angehängt:


  "Liebe Gaby! Onlinestecker ziehen und niemandem zeigen! Hoffe, bitte zügig vorlesen, muss spätestens Samstag mit der Post weg! Kuss!

  Vorwort (musst du den Kids nicht vorlesen)

  Bevor man überhaupt anfängt zu schreiben, muss erst mal eine Idee her, und um diese zu finden ist es sinnreich, sich die Frage zu stellen, was man überhaupt möchte oder nicht möchte. Ganz klar: ein Jugendbuch, ein spannendes, ein funkelndes-flunkerndes, aber auch ein aktuelles ohne Drachen und Hexen (nix gegen Drachen und Hexen). Ein Buch, das nicht im Schrank steht, sondern von der ersten bis zur letzten Seite verschlungen wird. Spannung muss da rein, aber auch Humor, und ein wenig in die Tiefe muss es gehen, ohne dass die Handlung darin ertränkt. ja, und eine Prise Umweltschutz muss sein, ist nun mal nicht nur ein Steckenpferd, sondern ein richtiges Anliegen, das tief von innen kommt: Das Bedürfnis, die Welt mindestens so sauber zu hinterlassen wie man es vorgefunden hat. Leider nicht mehr möglich, seien wir ehrlich: wir Menschen haben's vermasselt.

  Nach wochenlanger Grübelei kam die Antwort wie von allein, war so einfach und lag so auf der Hand, dass ich sie schon beiseite schieben wollte... Nja, und dass gerade jetzt die schlimmsten Ängste zum Thema Klimaschutz endlich hoch offiziell berechtigt sind, dafür kann ich nichts, oder ist das die falsche Sichtweise? Wahrscheinlich".



Leseprobe von the icemakers (2007)

Level I

  Elfjährig ist man noch Kind, während man als Dreizehnjähriger zu den Teenagers zählt - und dazwischen? Morgen war sein zwölfter Geburtstag - noch Fragen?

  Durch neun Wände oder sechs Türe - im Hause Bergmann waren Türe vor allem zum Schließen da - glaubte er das Getuschel der Eltern zu hören und zog die Bettdecke enger um sich: Szenenwechsel, bitte! Meist half das - und heute? Nja, die Eltern und die blöden Geburtstagsbilder lösten sich wirklich auf, dafür kamen Schulbilder, die genauso zerrten, zupften und piekten. Frustriert warf er die Decke von sich und tat, was er in solchen Fällen immer tat: er holte sein Geybey hervor, sein inoffizielles Geybey. Er hatte nämlich nicht nur Geybeyverbot, die Eltern hatten ihm das Ding auch noch mitsamt Spiele weggenommen:

  "Wir glauben bei dir ein gewisses Suchtverhalten bemerkt zu haben, Mike", hatte seine Mutter in vernünftigem Tone versucht zu erklären. "Schau'n wir einfach, ob du ein Weilchen ohne auskommst, und dann..."

  Was sollte er machen? Sie waren am längeren Hebel. Seit seine ältere Schwester aus dem Nest geflogen war, funktionierte die Demokratie bei ihnen nicht mehr: zwei Erwachsene, ein Kind - fast schon eine Diktatur. Sich auf die Hinterbeine stellen hatte wenig Sinn, List war besser, also hatte er einem Kollegen dessen ältere Version mitsamt Super-Xammy abgekauft. Leisten konnte er es sich, bekam genug Taschengeld und gab selten etwas aus - wofür denn? Er war keine Naschkatze, hatte keine teure Hobbys und brauchte bloß den Mund aufmachen - schon wurde ihm das Gewünschte reingestopft. Also gut: gestopft war übertrieben, aber er bekam es, sofern es "zu seinem Alter passte" und ihm nicht schadete - ein Gewehr hätten sie ihm kaum besorgt. Wie es in dem kleinen, regelmäßig aktualisierten Taschenbuch "Erziehung für Dummies" stand, das seit er denken konnte auf dem Nachtisch seiner Mutter lag und bei jedem Pups zu Rate gezogen wurde. Vor ein paar Tagen hatte er neugierig einen Blick reingeworfen, um zu erfahren, was ihm dieses Jahr so alles bevorstand. Und hatte das Buch beinahe fallen lassen, als er auf die Empfehlung stieß, sein nun erwachendes Interesse fürs andere Geschlecht als etwas Selbstverständliches hinzunehmen oder sich als Elternteil zumindest nichts anmerken zu lassen... - Gut zu wissen. Und zu viel Geybey oder Computer oder Fernsehen galt als schlecht, nicht empfehlenswert; gar keins war aber auch nicht optimal: "...eine Selbstverständlichkeit in der Handhabung sämtlicher Elektrogeräte auch der digitalen Branche ist erstrebenswert, gehört in der heutigen Zeit zur Allgemeinbildung..." Aha.

  Wozu rumstreiten? Die Eltern waren happy, dass er nicht süchtig war und sich auch ohne Geybey zu beschäftigen wusste und ließen ihn in Ruhe - mehr wollte er nicht. Ein schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht, er war nicht süchtig. Er hatte nur sonst nichts zu tun und langweilte sich, und vor allem Xammy war inzwischen sein bester Freund, mit wem sollte er sich sonst unterhalten? Er gab sich redlich Mühe, nicht ständig damit zu spielen, aber dies war ein Notfall: morgen war sein Geburtstag und ihm graute vor der Marathonlächelei und sich freuen über Dinge, die er sich nicht gewünscht hatte, auch gar nicht wollte. Vor dem engen unbequemen und nagelneuen Anzug, den er selbstverständlich nicht bekleckern dürfte, obwohl es bis zur nächsten feierlichen Gelegenheit bestimmt nicht mehr passte, sich abknutschen und bewundern lassen - Mann, dieser falsche Ton! - von Leuten, die er nicht mochte, weil sie so taten als würden sie ihn mögen, obwohl sie ihn doch gar nicht kannten! Sich ständig bedanken zu müssen: für nutzlose Geschenke, fürs Kommen, für die weite Reise, für den wuuunderschööönen Tag...brrrr...

  Warum konnten die Leute nicht ehrlich sein: "Mensch, Mike, früher warst sooo niedlich - wieso unternimmst du nicht was gegen diesen potthässlichen ekelerregenden Pickel auf deiner Nase, der aussieht wie ein verfaulter Kartoffelkäfer ohne Beine? Und deine Haare - kann man die überhaupt noch kämmen, da muss ein Bunsenbrenner ran, odda?!" Er kicherte, sich wie ein Popstar in Pose werfend und über die unbändigen mittellangen dunklen Haare streichend.

  Oder wenigstens ihn ehrlich sein lassen: "Mensch, bist du fett geworden - wer hat dich denn gemästet und vor allem: warum?... Tante Bo, hat dir denn nie einer gesagt, dass nur Clowns soviel Schminke tragen?... Und du, hast dich ja überhaupt nicht verändert, stinkst immer noch nach Öl und Unanständigkeit pur... oh, jessas, kannst nicht dein nach Knoblauch riechendes Sabbermaul abwischen, bevor du mich küsst!?..."

  Und überhaupt, tagtäglich diese Nötigungen, ständig zwang man ihn zu etwas: früh aufstehen, früh ins Bett, Dinge essen, die er nicht mochte, in die Schule gehen, Zimmer aufräumen, Waschen und Zähne putzen, Sport treiben...

  Und Geburtstagen.

  Genau, und die eigenen waren die schlimmsten! Sein Gewissen, dieses Untier, schien beruhigt: er schaltete das Geybey ein und war bald in eine andere schönere Welt: Xammys Welt.

  Da passierte es.

  Klar redete er ständig dummes Zeug, wenn er spielte, meist halbe Sätze: Beweg deinen Hintern! Mach zu, Mann! och Xammy, baby...! In etwa. Machten alle. Na ja: viele. Doch diesmal hatte Xammy sich umgedreht, sich ihm zugewandt und

  seinen

  Namen

  gerufen...

  Einbildung? Aber klar! Immerhin war er darüber so erschrocken, dass er das Geybey schleunigst wieder in die Matratze schob und den Reißverschluß zuzog wie um einen Fremkkörper wegzusperren. Mensch, und an Schlaf war da erst recht nicht zu denken...

  "Happy Birthday to you, happy birthday...", wurde er wie jedes Jahr von den sehr fröhlichen und sehr falschen Stimmen seiner Eltern geweckt. Mike behielt die Augen so lange wie möglich geschlossen, war wohl doch eingenickt. Er brachte den Tag leidlich hinter sich, war froh, dass man seinen Ehrentag in der Schule übersehen hatte und eilte nach Hause, bis ihm einfiel, dass seine Angehörigen es gewiss nicht vergessen hatten: Nee, du...

  Als er abends endlich in seinem Bett lag, ließen ihn die Bilder trotz Müdigkeit nicht schlafen: stundenlange Heuchelei war eben Knochenarbeit. Und seine popelige Schwester, diese treulose Tomate, war wieder nicht gekommen; angeblich müsste sie dazu drei verschiedene Flugzeuge nehmen: "Gar nicht gut für die Umwelt, Bruderherz!" Alles klar. Beinahe widerwillig holte er das Geybey hervor. Und seufzte erleichtert, als nichts Ungewöhnliches passierte: Ein kleines Kerlchen namens Xammy rannte umher und sprang anderen auf den Kopf, dabei ununterbrochen kreischend als würde er gegrillt. Es hatte etwas Beruhigendes und war doch nicht langweilig: man drückte diesen Knopf oder jene Taste unten, oben, rechts, links und konnte besiegen und aus dem Wege gehen nach Belieben. Niemand verlangte etwas von einem, niemand schimpfte, keine ungeduldigen Lehrern, keine lachlustigen dämlichen Kollegen.

  Und keine Eltern mit ihren ewigen: Wie war die Schule, Schatz? hast du dein Pausenbrot gegessen, möchtest du einen Apfel? warum bringst nicht mal einen Schulfreund mit, du weißt, wir haben nichts dagegen...?

  Was sollte er darauf antworten? Die Schule war beschissen, die olle MatheKuh hat mich heute viermal dran genommen und ich bin wie immer über meine eigene Zunge gestolpert (und im Sport über die Füße), mein Pausenbrot haben welche in die Mülltonne geschmissen, ich habe keinen einzigen Freund und brauche auch keinen und weißt du, was du mit deinem blöden Apfel kannst? Statt dessen nahm er den Apfel und verschwand damit in seinem Zimmer, irgendwas von Hausaufgaben und einer Prüfung murmelnd. Er konnte richtig spüren wie seine Mutter gerührt hinter ihm her lächelte: mein Sohn, so ein fleißiger, lieber, so pflegeleicht und folgsam, huch...

  Pflichtschuldig erledigte er zuerst seine Aufgaben, um dann das Geybey einzuschalten. Mitten drin passierte es wieder: Xammy drehte sich zu ihm um.

  Und winkte.

  Und

  rief

  seinen

  Namen.

  Mike kniff die Augen sekundenlang zusammen, riß sie wieder auf: Xammy winkte immer noch, auf und ab springend wie ein Hampelmännchen auf heißen Kohlen. "Guck nach vorne!" raunzte Mike verunsichert. "Da kommt was."

  Xammy grinste. "Na klar: Tim und Struppi, Super und Mann und Donald und Duck - DU bist doch am Drücker, Mikeyboy."

  Erschrocken machte Mikeyboy den Xammyboy aus, sich wild im Zimmer nach einer Beschäftigung umschauend, die nicht mit ihm sprach. Schließlich warf er sich mit einem alten Karl-May-Buch aufs Bett.

  Keine halbe Stunde später war das Geybey wieder eingeschaltet.

  "Was soll das?" kam es vorwurfsvoll. "Einfach tirolidiroli mich ausmachen ist nicht eben die feine Art. Was ist dein Problem, Mann?"

  "Mein Problem", kicherte Mike nervös, "ist dass du mit mir sprichst. Das gibt es nur in schlechten Filmen!"

  "Nana", schüttelte Xammy den Kopf. "In ein paar guten Filmen wohl auch."

  Mike Kichern wurde fast hysterisch. "Ich bin verrückt, toll zu wissen!"

  Der kleine Mann machte große Augen: "Verrückt? Wie kommst darauf?" Und besorgt: "Ist das dein Ernst jetzt? Dann hätt ich mich aber an den Filefolefalschen gewandt, wir haben nämlich ein ernstes Problem, verstehste, und da braucht man einen klaren Kopf und kein Wirriwarri mit Pusteparmesan in der Birne!"

  Von der eigenen Person abgelenkt; fragte er sofort: "Ein Problem, welches denn? Und wer ist 'wir'?"

  "Na, wir alle natürlich!" erklärte der kleine Mann ungeduldig. "Aber ich weiß nicht, vielleicht bist du doch nicht der RiRaRichtige für diese Aufgabe...!"

  "Doch doch", widersprach Mike prompt. "Bin sowas von rirarichtig - was ist das Problem?"

  Das Männchen ließ sich nicht leicht überzeugen, rückte aber schließlich damit heraus, dass durch eine Reihe von nicht zusammenhängenden Zufällen ein Energiefeld freigesetzt worden war, deren Kraft ausreichte, um ganze Erdteile zu versorgen - oder außer Betrieb zu setzen. "Ich selbst hab auch ein bisschen was abgekriegt, sonst könnte ich mich gar nicht so sisaselbständig machen. Und das Problem? Das Problem ist: wie diese Energie ohne Schischascherbenhaufen irgendwohin leiten, bevor andere nicht so nette Leute wie du und ich und Tom und Jerry und Micky und Maus es finden und wasweißich damit anstellen - hab ich mich klar genug ausgedrückt oder brauchst du 'nen Duden mit der neuen Deutschen Rechtschreibung und Gebrauchsanweisungen mit Bildern in zehn Sprachen?!"

  "Und dieses Energiefeld", drehte Mike skeptisch sein Geybey hin und her, "ist da drin?"

  "Pfff", machte Xammy verächtlich. "Sooooooviel Energie in so einem PiewieDingelchen? Außerdem hätte es dann längst wer gefunden. Nö, wir ha'm es ein wenig aufgeteilt und in den letzten paar Levels versteckt, und zwar so, dass keine Energie nach außen dringt - ist dir eigentlich klar, wie viele wollemolletitatolle Geybeys es auf der ganzen Welt gibt? Jetzt suchen ein paar Blabberidioten wie bekloppt, sind aber zum Glück noch nicht auf uns gekommen, sind ja eigentlich für Kids wie Pooh und du gedacht. Und bis zu den letzten Lilalevels schaffen es nur wenige - Erwachsene sowieso nicht, sind zu blöd dazu."

  Das war reichlich Stoff. Abends ließ Mike sein Geybey in Ruhe, er musste nachdenken: Hatte er geträumt, Halluzinationen gehabt? Und wenn nicht: wahr oder gesponnen? Und wenn wahr, was tun? Alleine war das nicht zu schaffen, er würde sich nach Verbündeten umsehen müssen: wer sonst hatte ein Geybey, kam noch in Frage...? Und schlief darüber ein.

  "Sag mal", sprach er am nächsten Morgen Stefan an, den Kumpel aus der Parallelklasse an, dem er das Geybey abgekauft hatte.

  "Was ist?" hob der hoheitsvoll eine Braue. "Geybey kaputt? Nicht meine Schuld, wir hatten eine klare Abmachung wonach eindeutig..."

  "Stop!" unterbrach Mike hastig. "Alles okay. Wollte nur was fragen, hast in der Pause Zeit?" Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich auf dem Absatz um und rannte beinahe in sein Klassenzimmer: Was hatte er sich dabei gedacht? Lachte man nicht genug über ihn, über seine Haare, die gepflegten Klamotten, seine allzu hochdeutsche Aussprache? Und was sollte er dem Langen sagen: Mein/dein Geybey hat sich selbständig gemacht und mich um Hilfe gebeten...? Hahahaha, schallte das Gelächter ihm misstönend in die Ohren: Phantasie ist etwas Fürchterliches, wenn man zwölf Jahre alt ist. Überhaupt ein blödes Alter, irgendwo zwischen Kindheit und Pubertät im Niemandsland schwebend, mal mit einer Träne im Auge zurück, mal zurückschaudernd nach vorne schielend, und doch zum Nichtstun verurteilt ein nie enden wollendes Jahr lang, ätzend! Es müsste ein Taschenbuchratgeber geben für Zwölfjährige, super dünn mit Index; darin stand etwa unter G wie

  "Geschlecht, andere: Sorry, aber in deinem Alter sollte man höchstens schnuppern. Behandele das andere Geschlecht stets mit respektvoller Vorsicht aus mindestens vier Meter Entfernung, es sei denn, es sind Verwandte, diesen wiederum gebührt respektlose Vorsicht aus mindestens zwei Meter Entfernung."

  Er kicherte, setzte noch eins drauf: "Und sei geduldig mit deinen Eltern, sie machen eine schwere Krise durch und sind leicht erregbar..."

  In der Pause versuchte er sich möglichst klein und unsichtbar zu machen. Zwecklos, Stefan fand ihn:

  "Also?" machte der lange Lulatsch nur, die Arme in Abwehrhaltung übereinander geschlagen. Stefan galt als Einzelgänger, er war groß und sehr mager mit einem praktischen Borstenschnitt, drückte sich seltsam abgehackt, altmodisch und barsch aus; die meisten Kollegen hatten Angst vor ihm und die Lehrer ließen ihn in Ruhe - beneidenswert.

  Was hatte er zu verlieren? Ebenso wortkarg packte Mike den Arm seines Gegenübers und zog ihn vom Schulgeländer unter eine alte Eiche. Erst da holte er sein Geybey aus der Innentasche seines Mantels hervor und schaltete es ein.

  Und richtig, da war der kleine Mann und winkte und rief ihnen beiden zu. Beim Namen.

  Mike sah Stefan von der Seite an: "Dich kennt er also auch. Und?"

  Der schaute verunsichert zurück. "Siehst du das etwa auch? Bei mir macht er es genauso..."

  Als es schellte; waren sie sich einig.

  Den Rest besprachen sie auf dem Heimweg, mit soviel Energie Mikes Zimmertür hinter sich zuziehend, dass der Mund von Mikes Mutter, den sie vor Überraschung aufgelassen hatte, ganz von allein zuklappte.

  "Was glaubst du?" kam Mike sofort zur Sache.

  Stefan verstand sofort. "Ob Xammy aus freien Stücken sich an uns gewandt hat oder ob das ein Teil des Programms ist oder ob das nachträglich von außen reinmanipuliert wurde oder oder oder...? Tja", er rieb sich das Kinn, als säße dort einen Bart. "Das ist eine gute Frage. Eine andere Frage wäre: wie finden wir heraus, wen er noch alles angesprochen hat, ohne uns bis zu unserem bitteren Ende sterblich zu blamieren? Mehr Köpfe bringen mehr Ideen hervor, und ein wenig Fußvolk ist auch nicht zu verachten."   Sie verwarfen einen Plan nach dem anderen und schauten irritiert zur Tür, als es klopfte.

  "Mike?" kam die Mutters Stimme gedämpft durch die Tür: im Hause Bergmann wurde die Privatsphäre eines jeden respektiert. "Es ist sechs Uhr, möchte dein Freund vielleicht mit uns Abendbrot essen?"

  Sie sprangen gleichzeitig auf, und Stefan ergriff seine Siebensachen. "Ich geh lieber, meine Alten haben bestimmt schon einen Suchtrupp losgeschickt!" Stefans Vater war bei der Polizei. "Morgen wieder bei dir?" schlug er vor. "Meine Alten sind nicht so diskret - im Gegenteil",

  Mike grinste verständnisvoll. "Bis morgen also!"



Level II

  Die Zeit oder Xammy drängte. Eine knappe Woche später quetschten sich immerhin drei Kumpels in Mikes Zimmer. Als die Bergmans vor knapp sieben Monaten hierher gezogen waren, hatte der Junge sich trotzig das kleinste Zimmer ausgesucht, obwohl die Eltern ihm das größte mit Balkon, Einbauschrank und Waschecke mit Kußhand überlassen hätten. Seitdem musste jeder Besucher lange Erklärungen über sich ergehen lassen, als hätten sie ihren einzigen Sohn in einen dunklen Kerker ohne Licht und Heizung gesperrt. Eltern waren schon ein komisches Volk: Die Leute hinten, die Leute vorne - und in der Mitte? Schlafen, Essen, Schule. Punkt. Viel Spielraum blieb da nicht, das fing schon bei seinen Klamotten an: sobald eine Hose sich an den Knien beulte, musste es durch eine neue ersetzt werden - natürlich Markenware, aber hal-lo. Mike wurde nicht einmal gefragt, na, wenigstens seine Haare wusste er zu verteidigten...

  "Also", fing er als Gastgeber an. "Ich schlage vor, wir hören auf mit der Mitgliedersuche und kommen endlich zur Sa..."

  Es klopfte und ein Rotschopf steckte den Kopf durch den Türspalt; Turbo, der Älteste der Gruppe, stöhnte: "Ach Mensch, Dani: geschlossene Gesellschaft, Weiber unerwünscht!"

  Dieses "Weib" wandte sich frech an Mike. "Wer sagt das - du etwa?"

  Der hatte Mühe nicht zu erröten und bückte sich, um seine bereits geknüpften Schuhbänder zuzumachen. "Nö", nuschelte er betont forsch. "Wir können ja abstimmen: wer dagegen ist soll jetzt seine linke Hand heben oder sie für immer unten behalten - also?"

  Turbos Arm schoss in die Höhe und er knurrte drohend in die Runde, doch er blieb der einzige. Jeder mochte Dani, sie war ein guter Kumpel und spielte sogar Fußball.

  Jetzt rieb sie sich strahlend die Hände: "Antrag abgeschmettert! Also: was habt ihr bisher unternommen, Jungs?"

  Die 'Jungs' sahen sich ratlos an.

  "Schlage vor, wir befragen Xammy", kam es energisch vom Neuzugang.

  "Sieh einer an", kreischte das Männchen wie verzückt, sobald er die Gruppe sah: "Max, der Computerfreak, Turbo mit den Hummeln im Hintern, seine Schwester Dani, die Sportkanone, Stefan, der Supercop und Mike..." Die so Angesprochenen hatten alle der Reihe nach verlegen gegrinst und warteten nun gespannt auf Mikes Beinamen - Mike auch: "...der Anführer! Ich heiße euch alle willkommen in Xammyland! Mich kennt ihr ja wohl, ha!"

  Mike bückte sich erneut nach seinen Schuhen: das Rotwerden war eine Plage, kam auf seiner Folterliste gleich nach Geburtstagen, Gefragtwerden vor versammelter Mannschaft und Turnen. Er schielte hoch, um zu sehen wie die anderen diese Auszeichnung aufnahmen - sicher mit Gelächter? Doch die warteten nur gespannt auf Xammys nächste Worte:

  "Klub komplett also, nimmt bloß niemand mehr auf, ohne mich vorher zu fragen, kenne meine Pappnasen..."

  "Pappenheimer muss es heißen", korrigierte Turbo herablassend. "Also: was erwartest du von uns, wie können wir einfache Schüler seiner Hoheit King Xammy dienlich sein?"

  "Pack deine Hummeln und Heimer mitsamt King in die Kliklaklospülung, Kumpel!" kreischte Xammy. "Unser Mike hat einen Plan!" Und weg war er.

  Mike hatte mitnichten einen Plan, er schüttelte irritiert sein Geybey und lächelte schief, als dabei nichts herauskam. "Äh, Max, was hast unternommen: Software analysiert?"

  "Jupp", nickte ein Junge, der unscheinbar aussah, eine Hornbrille trug und etwas zu lange glatte schwarze Haare. "Hab's gesaugt und gründlich untersucht - auch von innen."

  "Von innen, wie meinst du das?" wollte Dani neugierig wissen.

  "War im Spiel. Virtuell." Diese sehr ruhig vorgebrachte Behauptung ließ vier Kiefer fallen.

  Endlich wiederholte Turbo papageienhaft: "Im Spiel?! Häh?"

  Der eher kleine Max schien einige Zentimeter zu wachsen, dann meinte er lässig: "Exakt. Ihr wisst: mein Vater ist Programmierer, hat Software entwickelt, da kann man zum Beispiel mit einer Webcam virtuell in mehreren, leider nicht in allen Spielen rein schlüpfen. Bei Xammy klappt's prima, wir klappern die Levels halt zu zweit ab. Macht mehr Spaß."

  Sie sahen sich großäugig an.

  "Auf zu Max, Jungs!" trompetete Mike, um dann schnell hinzuzufügen: "Und Dani natürlich auch, klar."

  "Geht leider nicht", stotterte der bis dahin selbstbewusste PC-Profi. "Meine Mama verträgt keinen Besuch und ich weiß nicht, sie kennt zwar Dani und Turbo, aber ihr andere und dann auf einmal, ich glaube, das würde sie überfordern..."

  "Wer hat noch einen Computer?" überbrückte Mike die Verlegenheitspause.

  Keine Hand hob sich.

  "Kannst Cam und Software rüberholen, Max?"

  "Jupp", kam es prompt und der Junge verschwand.

  "Okay", erhob der Gastgeber sich möglichst locker. "Bin gleich wieder da." Keine zwanzig Minuten später kam Mikes Vater mit einem Rechner, Mike selbst mit einem Flachbildmonitor, und als Schlusslicht Mikes Mutter hereinspaziert, Lautsprecher, Tastatur und Maus und einen Haufen Kabel auf einem riesigen Tablett.

  "Danke", meinte Mike sagen zu müssen, nachdem der Vater alles inklusive Onlinezugang korrekt angeschlossen hatte. Er starrte seine Eltern so lange an, bis sie brav zur Tür trotteten.

  "Mensch", machte Dani zuerst den Mund auf. "Gibt's dafür ein Patent? Meine Alten sind nicht so gut erzogen."

  Mike grinste vielsagend. "Wir sind gegen meinen Willen umgezogen - seitdem haben die ein schlechtes Gewissen..."

  "Ja denn", klimperte Dani mit den Wimpern, wurde aber von einem Klopfen unterbrochen.

  Ohne viel Worte lud der zurückgekehrte Max das Spiel, installierte die Software und schloss die Webcam an. Eifrig wollte er sich davor stellen.

  "Stop!" hielt ihn Mike am Ärmel gepackt. "Erst die Absprache: wer geht? Und: wie bist du immer zurückgekommen?"

  "Hatte den Timer programmiert, die Webcam schaltet sich dann nach soundsoviel Zeit selbst aus", kam die prompte Antwort auf die zweite Frage; über die erste wurde kurz beraten und abgestimmt: Max und Stefan sollten zurückbleiben. Max, um PC und Cam zu bedienen und Stefan, weil er nach eigener Aussage in einer Viertelstunde zu Hause erwartet wurde. Dringend.

  Fasziniert konnten die Auserwählten sich kurz später selbst in Miniformat auf dem Monitor neben Xammy bestaunen.

  "'Beam me up, Scotty!' ginge gar nicht", versuchte Max ihnen ernsthaft zu erläutern. "Menschen bestehen zum größten Teil aus Wasser und würden auch einzeln und verkleinert das Gerät sofort unter Wasser also außer Betrieb setzen."

  Es erwies sich als gar nicht so leicht, sich außerhalb Xammys Welt so zu bewegen, dass man innerhalb gezielt vom Fleck kam, Dani hatte den Bogen am schnellsten heraus und deckte die anderen mit Anweisungen und Ratschlägen zu. Die ersten Levels waren leicht, die Landschaft harmlos und auch etwas einfallslos: Täler, Landwege, ein langweilig dahinplätschernder Fluss, ein paar treudoofe, wiederkäuende Kühe, dann wurden die Dörfer größer und größer, bis sie sich in einer Großstadt mitsamt Straßen, Hochhäuser, Verkehrsknotenpunkte, Leuchtreklame und natürlich jeder Menge Fahrzeuge und Menschen wiederfanden...

  Der Schwierigkeitsgrad steigerte sich, je weiter sie fortschritten. Es galt dann, etwas problematischere Hürden wie Erdlöcher, verschüttete Täler, endlose Seen oder völlig zugeschneite Gebirgen zu überwinden oder komplexe Wolkenkratzer, die oben und unten ins Nichts führten. Oft musste man andere Figuren ausweichen: wandelnde Bäume, spuckende Sonnenblumen, unheimliche Geier und jede Menge Krabbelgetier und Fahrzeuge. Nach einer knappen Stunde waren alle schweißgebadet und Max speicherte das Erreichte und schaltete die Webcam aus. Sofort verschwanden ihre kleinen Ebenbilder vom Monitor.