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gesiebtes brot 2015
(
leseprobe etc.)

I. unique
joh

  Er hatte weder vor dem Tod noch vorm Fliegen Angst, fand sich nur zu jung zum Sterben. Spaeter vielleicht. Er wuerde darauf zurueckkommen.

  Der Online-Tsunami aus Rassismus, Oekologismus, Rechtsextremismus, Pazifismus und Wasnochallesismus, als er nach Infos ueber seine Traumfrau gesucht hatte, war unglaublich, jedes Ismus zusaetzlich mit Foren, Blogs und Chats ueberschwemmt - zwei mit Liliane Schnoor herself als deren Bademeister. Kein Wunder, dass er anfangs die Mitfahrzentralen uebersehen hatte.
  Nichts gegen Fortschritt: Computer, Smartphone & Co gehoerten dazu. Als Gebrauchsgegenstaende. Mit Abschaltknopf. Zu zweit ein Glaeschen Wein im urigen Cafe drei Strassen - oder Staedte - entfernt war ihm lieber als das anonyme Getippse in digitalen Chatcafes. Doch was sollte er machen, die Dame seiner Wahl war im normalen Leben nicht erreichbar.
  Selbst in die hiesige Universitaet hatte er sich gewagt. Nach stundenlangem Herumlungern in ueberfuellten und seltsam riechenden Gebaeuden hatten die bekannten Anfangstakte eines alten Kumpels namens Tinnitus ihn genoetigt, diese letzte Kontaktmoeglichkeit abzuhaken. Partys, Kino, Remmidemmi war naemlich bei ihr nicht drin. Nicht einmal Spaziergaenge. Eine sozial eingestellte und zurueckgezogen lebende Frau im heiratsfaehigen Alter, ohne Geldnot, ohne berufliche Angriffsflaechen und komplett ohne Verbindungen ausserhalb ihrer universitaeren und digitalen Welt - schlimmer: eine, die ihn nicht zur Kenntnis nahm. Und wenn, wuerde sie erfahren, dass er fuer alles stand, wogegen sie ankaempfte. Ihm war nicht zu helfen...
Wenn das Haus, in dem sie wohnte, nicht ihm gehoeren wuerde.

  An Schicksal glaubte er nicht, Madame Ironie hatte sich gewiss amuesiert: ausgerechnet Lilianes Engagement waehrend der Fluechtlingskrise hatte er, Norddeutscher Businessman des Jahres 2006, es zu verdanken, dass sie in das Haus am Saltener Platz eingezogen war. Erst spaeter war ihm droepchenweise klar geworden, warum sie ihr eigenes Zuhause vom Fitnesskeller bis zu den Gaesteraeumen im ausgebauten Dachboden nach und nach mit sechs Kommilitonen und vier Fluechtlingsfamilien gefuellt hatte: alle herumhopsend und in allen moeglichen Sprachen vor sich hinbrabbelnd, konnte er sich lebhaft vorstellen. Sofort hatte er sich das Kleingedruckte in ihrem Mietvertrag vorgeknoepft, das Bild der 68er-Kommune mit uebereinanderliegenden Menschen und Chaos im Hinterkopf. Ein halbes Jahr nach ihrer 'Oeffnung' hatte die eigene Verruchtheit sie dann offenbar eingeholt, und die Agentur, die dieses Irrenhaus buerokratisch geordnet hatte, beauftragt, einen adaequaten Wohnersatz fuer sie zu finden. Ein moderner Kuhhandel oder Service, um wenigstens den kleinen administrativen Daumen an wertvollen Immobilien kleben zu haben; Werbekugelschreiber den Stoffeln vom Lande - global war anders.
  Zufall oder Madame, genau diese Agentur hatte seit deren Gruendung die inoffizielle Hauptaufgabe, ihm, Johannes Schmid, den Ruecken frei zu halten. Er konnte sich nicht um alles kuemmern: Peanuts gerne, selbst knacken weniger. Gut so, unbesehen haette er die ledige Frau unbesehen unter irgendeiner Saltener Bruecke schlafen gelegt, Menschen dieser Kategorie pflegten unschuldige Vermieter mit Nachwuchs zu ueberraschen. Nicht gut fuers Inventar, und im eigenen Haus indiskutabel. Das kam noch hinzu, noch mehr Madame.
  Sein Geburtshaus hatte Erfahrung darin, einsame Singles zusammenzubringen, war quasi zu diesem Zweck errichtet worden. Sein alter Herr, eigentlich Brueckenbauer, hatte das Haus in jungen Jahren als Lockmittel entworfen: doppelstoeckig und vom feinsten mit zwei Luxuswohnungen auf jeder Etage inklusive Kamin und Balkon oder Terrasse und - Achtung, Clou: zwei voellig voneinander getrennten Eingaengen. Mit Schicksal und Co. hatte das wenig zu tun, darauf gab er genauso wenig wie sein Vater vor ihm, der das Haus nach dem Krieg direkt am Saltener Platz hochgezogen hatte, nachdem inoffiziell feststand, dass die Buecherei mitsamt attraktiver Leiterin nebenan einziehen wuerde. Glasklare Berechnung anstatt Magie also, sorry.
  Joh konnte sich nur verschwommen an das Ziel dieser Anstrengungen erinnern, hatte die Geschichte jaehrlich unterm Weihnachtsbaum von Oehmchen erzaehlt bekommen, einer resoluten Persoenlichkeit, eigen und freiheitsliebend wie ihre Tochter, die bereits eine wunderschoene Wohnung im benachbarten Hamburg besessen hatte. Ein Dach ueberm Kopf war demnach nicht der Koeder, ueberzeugt hatte sein Vater mit der Moeglichkeit, sich innerhalb einer Wohngemeinschaft zurueckziehen und doch zusammen sein zu koennen: ein Pseudo-Nest fuer unabhaengige Frauen, deren biologische Uhr anfing zu ticken. Entweder seine Mutter war etwas eigen oder der Ruf seines Vaters auf weniger konservativen Steinen gebaut als dessen Bruecken, laut Oehmchen hatte die Umworbene noch vor ihrem Einzug in das Haus am Saltener Platz auf einen notariellen Tausch beider Wohnungen bestanden; eine Transaktion, die offiziell in der hiesigen Zeitung bekannt gegeben worden war. Ganzseitig. Im Gegensatz zur Vermaehlung knappe zwei Jahre nach Johs Geburt, von der selbst seine Grosseltern erst nach dem Flugzeugabsturz erfahren hatten. Weibliche Eigenbroetelei und maennliche Traeumerei - nicht nur architektonisch perfekt umgesetzt.
  Fast perfekt. Das schoene Gebaeude war auf die Fundamente eines zerbombten Schlosses gesetzt worden, dessen denkmalgeschuetzte Kellerraeume eine undichte Stelle hatte, die dank Schraeglage den gesamten Regen des Saltener Platzes aufzusaugen schien. Alte europaeische Staedte und unterirdische Denkmal-Popups sind unzertrennlich, wie von alleine hochgerutscht tauchen historische Scherben auf, um flugs wieder versenkt zu werden, weil Dauer-Baustellen und Buerokratie die Euphorie Indianer-Jones-Anhaenger laengst skalpiert hatten, zusammen mit einem Staat, der auf alles Anspruch erhebt, was tiefer als ein Pflug liegt - Ueberbleibsel einer Zeit, als Koenige noch das Sagen hatten. Doris, eine sehr liebe, aehm, Bekannte von ihm und im Kulturbereich taetig, hatte sich nach horizontalen Freuden gelegentlich darueber mokiert, die Geschichtsforschung waere wesentlich weiter und die Museen ueberfuellt, wenn der Schwarzhandel nicht dank der gierigen Kurzsicht der Obrigkeit bluehen wuerde. Durch die Finanzkrise hatte sich die Lage verschlimmbessert, manch Antiquitaet war wertvoller als Lebensversicherung oder Bausparvertrag. Und sicherer. Dummerweise war die uralte Dienstbotenkueche im Keller voluminoeser als eine Scherbe, die sich unauffaellig zuschuetten oder verscheuern liess. Nicht nur bunkerdickes Gemaeuer und enge Oeffnungen machten eine Evakuierung der Kulturgueter schwierig; die gut erhaltenen mosaikartigen Steinteilchen in der noch dickeren Decke zwischen Haus und Keller - angeblich waehrend der Zeit Napoleons entstanden - hatte noch ein Sahnehaeubchen obendrauf gelegt. Fuer alles gab es ein Verfallsdatum oder Preis, nur der Denkmalschutz scherte sich weder um die Zeit noch das Geld anderer.
War das wieder verdorbenes kapitalistisches Denken oder eine troestliche Philosophie?
  Johs Vater hatte aus der Not eine Tugend zu machen versucht und die untere Wohnung, links, mitsamt poroesem Kellerboden auf der Sozialwohnungsbau-welle mitsegeln lassen, die das damals boomende Deutschland plus Steuererleichterungen und Subventionen fest im Griff hatte. Seitdem wurde es als Sozialwohnung hauptsaechlich von besser gestellten Studenten geschaetzt - und Johannes Schmid Senior erhielt weitere Pluspunkte von seiner sozial gepolten Frau.
  Eine Generation spaeter erwog Johannes Schmid Junior, durch einen Antrag auf Foerdergeld zur Daemmung unter Denkmalschutz stehender Gebaeuden noch eins draufzusetzen. Die undichte Stelle war mehr als laestig, und Sozialwohnungen nicht mehr zeitgemaess - dafuer liess es sich auf der Klimaschutzwelle gut segeln. Trotz Kopfschuetteln von Uta, einer anderen auch sehr lieben, aehm, Bekannten vom Bauamt, wuerde es sicherlich reichen, die Wohnung unten zu raeumen, die nach erfolgter Sanierung um ein vielfaches wertvoller sein wuerde. Oder?! Das staendige Herummurksen wegen dem Gemaeuer nervte, und die Deregulierungen, die im Sozial- und Finanzsystem im Gleichtakt alles platt gemacht hatten, waren letztendlich nicht auf seinem Mist gewachsen. Er war doch keine Milchkuh. Verdammt, neuerdings traten Geld und Macht offiziell als Paar auf: warum auch nicht, die mangelnde Empoerung war ohrenbetaeubend. Bald konnte jeder wie er wollte - vorausgesetzt, der Preis stimmte. Im Gegensatz zu vielen, die kraeftig von den Geistern profitierten, die niemand gerufen haben wollte, besass Joh Phantasie und ein wenig Weitblick, der ueber den naechsten Wahltermin hinausging: Was, wenn der immer groesser werdenden Gruppe von "Losern" aufging, dass sie nicht mitspielen mussten? Wenn die Win-win-Illusion, diese Sehnsuchtsblase, irgendwann doch noch zu den Gewinnern zu gehoeren, platzte und das ganze Spiel mit sich riss, weil es an Mitspielern fehlte? Game over, ups. Spiele wie Monopoly sind auf einen regen Kreislauf angewiesen - ohne fallen sie wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Wie Feuer, Krieg und Mobbing.
  Liliane mit Baulaerm zu verscheuchen ging natuerlich gar nicht. Allein der Gedanke, dass sie Woche fuer Woche direkt nebenan gegessen, gekocht und geschlafen hatte und er hatte nichts davon gewusst - was fuer eine Verschwendung! Seine Saltener Wohnung war ihm bislang blosse Zwischenstation gewesen, bestenfalls zweckmaessig moebliert; die Kueche hatte als Aufbewahrungsort von Getraenken und Fertiggerichten gedient fuer den Fall, dass er zu muede zum Weiterreisen war und einen Snack benoetigte. Frau Dahne, seine unsichtbare Haushaltshilfe, war mit Bettlaken und Kuehlschrank haeufiger in Beruehrung gekommen als er.
Bisher wohlgemerkt: war. Vergangenheitsform.
  Die Wohnung unter ihm wurde von seinem Grossvater besetzt gehalten, der mitsamt kuerzlich verstorbener Ehefrau Wohnrecht auf Lebenszeit hatte und nun ein wenig wunderlich wurde. In seiner Familie ueberlebten trotz Raucherei und ungesunder Ernaehrung die Maenner. Ob man das nicht irgendwie klonen konnte?
  Ein ausgepraegtes Selbstbewusstsein - oder Gleichgueltigkeit? - hatte ihn stets davor bewahrt, seine Besitztuemer wie Trophaeen an oeffentliche Pinnwaende zu haengen; was andere dachten, interessierte ihn nicht. Es waren Kapitalanlagen. Sicherheiten. Messbar. Im Grundbuch verewigt.
Real vor allem. Keine Lichterscheinung, die aus dem Nichts auftauchte, keine physikalische Taeuschung, die er verpasst haette, waere der eigene Eingang dank Renovierungsarbeiten nicht unpassierbar gewesen. Unpassierbar ausgerechnet wegen jenem poroesen Kellerboden, der unter der anderen Haushaelfte lag. Doch sonderbar eigentlich...
Danke trotz allem, Madame: Kaeffchen gefaellig?
  Ob es an der Wintersonne lag, die durch das grosse Fenster hereinflutete, oder am Treppenhaus, dessen hohe Waende goldgelb getuencht waren, selbst im Dunkeln Helligkeit vortaeuschend - der passende Rahmen fuer eine Gestalt, die nur aus Licht zu bestehen schien: helle Haarstraehnen, deren tiefer Goldton nach Copyright schrie, lugten unter einer zum Mantel passenden beigefarbenen Pudelmuetze hervor, dazu eine honigfarbene Haut, idealer Kontrast zu den dunklen Wimpern mit den imposant gebogenen gleichfarbigen Brauen darueber und den bernsteinfarbenen Augen, Augen, die unpersoenlich, beinah kalt ueber ihn hinweg zu scannen schienen: erfasst und - schwupps: Papierkorb. Autsch.
  Sie war eine Illusion, eine physikalisch-psychisch-mental-emotional-chemische Reaktion. Zur unrechten Zeit am unrichtigen Ort, war er kurz und unbeabsichtigt auf Empfang gewesen und... verloren!
Ein Businessplan musste her.
  Sich in den verschiedenen Gutmensch-Foren und Oekogruppen registrieren, von denen er keine Ahnung gehabt hatte: hatten die alle nichts zu tun? - war schnell erledigt, lange brauchte er nicht, um zu erfassen worauf es ankam. Knapp dreieinhalb Wochen spaeter war er seinen weissen Lamborghini los, eingetauscht gegen ein altes Hollandrad, das sich als rostfrei und fahrtauglich entpuppte, sobald er es stundenlang unterdrueckt vor sich hinfluchend vom Modder befreit hatte - direkt unter ihren rueckwaertigen Fenstern, deren Rollos stets unnahbar runterhingen. Es war der Hit in ihren virtuellen Kreisen - zwei Wochen lang hatte er zuerst triumphierend, dann erwartungsvoll, und zu guter Letzt nur noch resigniert auf Feedback vom toskanischen Eisblock nebenan gewartet. Seitdem fuhr er Fahrrad.
  Er uebertrieb? Achtunddreissig Jahre hatte er keine Ahnung gehabt, wie es ist, sich restlos ausgeliefert, himmelhoch jauchzend und zutiefst ungluecklich zu fuehlen - alles auf einmal. In ihrer Gegenwart spuerte er jeden Herzschlag, die Luft schien langsam und gleichzeitig schnell aus seinen Lungen zu stroemen, ach was: zu vibrieren, den Rueckweg merkte er gar nicht - oder war es umgekehrt? Allein die Vorstellung, sie direkt nebenan zu wissen, liess seine Haare millionenfach am ganzen Koerper zu Berge stehen, von einer kuehlen Brise bewegt, die etwas Elektrisches hatte. Er bebte, er lebte, verdammt. Was sollte er sonst tun, nochmal achtunddreissig Jahre den Oetzi machen?
War bloss ein Auto.

  Als "Muenster des Hohen Nordens" hatte das Staedtchen Salten einen Ruf zu verlieren. Trotz hanseatischem Getroete, die Sportlichkeit oder das Umweltdenken der luetten Nachbarn waere unecht, und die vor Jahrzehnten angefangene Verkehrsberuhigung deren Angst zuzuschreiben, von Hamburg verschluckt zu werden, von einer Metropole, die bereits Globalisierung betrieben hatte, als das noch ein anstaendiges Wort war.
  Warum auch immer, der Infrastruktur war es nicht bekommen - weder hin, noch zurueck. Insbesondere den Strassen nicht; Straeucher, Asphaltbeulen, Baeume, Blumenbeete und andere Hindernisse erschwerten nicht nur den Rasern aus Hamburg ein flottes Durchfahren, Einheimische liessen ihr Auto am Stadtrand und nahmen die hiesigen kostenlosen Mini-Elektrotaxis; Saltens Feuerwehr- und Muellwagen waren die kleinsten in Deutschland, und wurden regelmaessig von umliegenden Ortschaften ausgeliehen - enge Strassen gab es ueberall. Selbst die Zuege fuhren selten und unregelmaessig - die Nachfrage war zu gering. Da war sie wieder, die typisch Saltener brauchen-wir-nicht Dickkoepfigkeit. Keine guten Voraussetzungen fuer einen Globetrotter ohne fahrbaren Untersatz, der eine Karriere am Wall Street in die Tonne gekickt hatte, um nicht fliegen zu muessen. In Bahnhofshallen oder Bussen kampieren war auch nicht seins, trotz Einladung eines Billig-Busverkehrs, der sich neuerdings kreuz und quer durch ganz Europa breit machte. Noch ein Ismus oder wie-dem-auch-sei-Bus, und selbstverstaendlich in Saltens Strassen unwillkommen, zu hoch, zu breit, zu unkatalysiert, zu whatever: Brauchen wir nicht, wech damit. Nur mit "Billig!" im Gepaeck rannte man in Salten keine Tuere ein.
  Die staendige Sucherei nach einer Kontaktmoeglichkeit, einem gemeinsamen Nenner, Freund, Hobby, irgend etwas, hatte zu nichts gefuehrt, bis seine jaehlings eingeschraenkte Mobilitaet ihn mit der Nase auf eine erstklassige Option fast platt drueckte: von einer der grossen Mitfahrzentralen starrte ihm unversehens ihr ernstes Gesicht als eins der wenigen in Salten ansaessigen Mitglieder entgegen. Zwar ein altes und schlechtes Foto, das mehr verbarg als zeigte, aber er hatte sie sofort wieder erkannt. Jeden Monat liess Liliane Schnoor sich abwechselnd von zwoelf Fahrern durch halb Deutschland und/oder zurueck kutschieren.
Heureka. Ma-dame!
  Einige Klicks spaeter hatte das heckige Dutzend eine Blankokarte der Deutschen Bahn im Mailbox, gueltig sechs Monaten lang innerhalb Deutschlands.
Dann waren es neun.
  Ein seltsames Voelkchen, die Deutschen. Einerseits Weltmeister im Trennen von Muell, und Atomaussteiger der ersten Stunde, andrerseits besassen nirgends Autofahrer soviel Ellenbogenfreiheit; Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit wurden zu toenernen Worthuelsen, wenn es ums Auto ging. Irgendein Spielzeug braucht jeder, erhoehte Joh ungeruehrt auf ein Jahr in ganz Europa, first class, und obwohl seine Bemuehungen scheiterten, das Rauchverbot der Deutschen Bahn auszuhebeln: fueueuenf, viiiier, dann irgendwann drei...
  Bevor der Abstossrausch ihn im Schwitzkasten hatte, ein alter Begleiter gelegentlicher Abstecher an der Boerse, zog er die Notbremse, sich rechtzeitig erinnernd, dass er kein Auto mehr hatte. Und ob es gut aussah, sich als taufrischer Radfahrer und registrierter Oekofreak ohne Punkt und Komma eine neue Welt auf vier Raedern zuzulegen, nur um es ihr zu Fuessen legen zu koennen...? Hm. Glaubwuerdigkeit war anders. Und es bestand die Moeglichkeit, dass Liliane die Deutsche Bahn ihm vorzog. Nicht wahrscheinlich, aber moeglich.
Vage moeglich.
  Egal, drei war uebersichtlich. Er musste nur achtgeben, dass sich keine neuen einfanden. Nach einer Durchsicht der Dateien auf ihrem komplett ungesicherten Computer - Leichtsinn pur, wuerde er ihr irgendwann abgewoehnen muessen - haetten zwei der drei Wuerstchen ihr Vater sein koennen, und das dritte war sicherlich potthaesslich, ein Idiot oder noch nicht trocken hinter den Ohren. Oder?!
  Der Output der Suchmaschinen zum Trio, ueberhaupt die Namen und E-Mail-Adressen aller Fahrer, die sich in der Mitfahrzentrale keine Daten-Bloesse gegeben hatten, war duerftig und hatte er durchs Hacken in eins ihrer Online-Postfaecher rausmelken muessen. Was war das: kleine Wiedergeburt vom Philosoph Kant im Schatten vom Big Brother, oder defekte Suchmaschinen? Er tippte den eigenen Namen ins Suchfenster und hatte nach einem Augenaufschlag ein paar hundert Seiten Unfug ueber sich. Beim Trio hatten saemtliche Suchmaschinen nur ein paar Artikeln ueber einen der Oldies, einen leibhaftigen Bigamisten - ob ihr das bekannt war? - ausgespuckt. Sonst nichts. Null Information gab es zum mysterioesen Dritten im Bunde, dessen Sicherheitseinstellungen wasserdicht waren, selbst die an Liliane adressierten Mails erwiesen sich als unleserlich, also einwandfrei verschluesselt. Liliane war weniger vorsichtig, ihre uebrigens bestenfalls freundschaftlich gehaltenen Antworten verrieten immerhin wie er hiess: Patrick W. Otto.
Nach einem Pseudonym klang das nicht: tschakka, baby!
  Richtig fuendig wurde Joh erst nachdem er ein Drittel aller IT-Business-Plattformen abgegrast hatte in der Annahme, es mit einem PC-Profi zu tun zu haben: in einem der kleinen war ein Patrick Werner Otto registriert, wohnhaft in Salten. Volltreffer und versenkt. Wenn der Windhund sich Liliane unter einem falschen Namen genaehert haette, waeren Johs Chancen, ihn jemals zu identifizieren, gleich Null gewesen.
Jeder macht Fehler.
  Von da an war es ein Kinderspiel. Der Bursche machte Eigenwerbung auf Deubel komm raus, seine Lieblingsidee eines 3D-Spiels kam aber nicht an - gab einfach zu viele. Hm, Beziehungen spielen lassen, um ihn nach Amerika zu koedern? Dahin wollten die Nerds doch alle, anstatt hier ein autarkes europaeisches Gegengewicht zu schaffen. Schoen bloed. Schnell entdeckte er ein paar Start-ups und einen Kunden, der auf Datenschutz weniger Wert legte und einiges in einem ungesicherten Cloud archiviert hatte.
Halleluja.
  Merkwuerdig eigentlich, in den meisten Mitfahrzentralen mussten sich alle registrieren - warum dieser Patrick Otto nicht - wie war das moeglich? Joh durchforstete den Cloud und klatschte sich mit der flachen Hand an die Stirn: Saltener Platz 8 - die Sucherei haette er sich sparen koennen! Mr. Topsecret wohnte links, unten in der sogenannten Sozialwohnung, teilte sich also den Eingang mit Liliane und hatte sie gewiss im Treppenhaus kennengelernt wie er selbst - wobei der Schlingel sich garantiert geschickter angestellt hatte. Dies erklaerte nicht nur den Umweg von fast fuenfundzwanzig Kilometer am anderen Ende der Strecke, den Patrick Otto offenbar jedes Mal in Kauf nahm, sondern auch, warum er einen Echtnamen angegeben hatte, in seinem Metier kein Usus. Nicht wirklich. Neugierig checkte Joh die Videoaufnahmen der zwei Security-Cams, die er am gleichen Tage seines illuminierten Nichtzusammenstosses mit Liliane im Treppenhaus hatte anbringen lassen, und beschloss, zuallererst Patrick rauszuschmeissen, aehm: auszuladen. Der Mensch war jung und sah nicht uebel aus, wenn man auf Aeusserlichkeiten gab: eine Art Redford/Cruise-Verschnitt in Jung. Shit.
  Wo hatte er den Antrag zur Sanierung des Kellers hingelegt, wo waren die Bauplaene, die sein alter Herr noch eigenhaendig gezeichnet hatte? Unlaengst war ihm die Moeglichkeit durch den Kopf gegangen, die Ausbesserung von aussen, also von der Fussgaengerzone bzw. Marktplatz anzugehen, also erst dort buddeln und dann seitlich in den Keller, sozusagen dem Regenwasser hinterher. Ein Jammer, dass er Uta nicht fragen konnte, sie wuerde fuer seine derzeitige sexuelle Enthaltsamkeit wenig Verstaendnis haben. Man koennte Saltens Kulturheinis zur Kooperation kitzeln, das hiesige Museum lag im rechten Fluegel des Saltener Hufes; alle paar Monaten erhielt er herzerweichende Bettelbriefe vor allem wegen den riesigen Kupferkesseln. Was gab es noch zu bedenken: Verkehrsbehinderungen? Der Saltener Platz war ein Marktplatz von der Groesse eines halben Fussballplatzes und gehoerte zur Fussgaengerzone am Huf. Im Wechsel mit den beiden anderen Fussgaengerzonen gab es dort Wochenmarkt mit in Babywannen schwimmenden Fischen und regionalen Lebensmitteln, Verkehr war also so gut wie nicht vorhanden - er haette nie gedacht, dass er sich mal ueber Saltens Verkehrsberuhigung freuen wuerde.
  Die Lieblingsbeschaeftigung fast aller seine Freundinnen war es gewesen, ihn zu verkuppeln, mit allem drum und dran unter die Haube zu bringen nach dem Motto "mitgefangen, mitgehangen" - ob er es doch mit Uta riskierte, ihr sozusagen seine rosafarbene Karten auf den Tisch legte? Sie wuerde in dem Fall helfen wollen. Die grosse Frage war doch: reichte die Evakuierung der unteren Wohnung? Die Verbindung zwischen den beiden Treppenhaeusern war auf seine Veranlassung hin gleich nach Fertigstellung der Sanierungsarbeiten korrekt verschlossen worden - er war wieder mal ueber die eigene Ehrlichkeit gestolpert - und muesste dann erneut geoeffnet werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Liliane muesste den anderen - seinen - Eingang nehmen, und der Patrick Dings waere weg vom Fenster. Andrerseits wuerde der Luemmel dann irgendwo hinziehen, wo er ihn nicht laenger im Auge hatte. Und somit evtl. auch Liliane. Nicht gut. Konnte man sich darauf verlassen, dass sie trotz Verschlossenheit nicht auf den reinfiel oder reingefallen war, war diese Unterkuehltheit ueberhaupt echt oder war sie traumatisiert wegen dem, aehm, Missgeschick ihres Vaters? Er hatte einige ihrer ehemaligen Lehrer und Mitschueler unauffaellig und anonym im Rahmen einer fingierter Umfrage ueber sie auszuquetschen versucht. Und nichts erfahren.
Die Frau trieb ihn noch in den Wahnsinn. Herrlich!
  Zu guter Letzt veranlasste er das Dezimieren der Suchergebnisse zur eigenen Person und tippte seinen Namen erneut ein: knapp dreieinhalb Seiten Bloedsinn. Geht doch. Weniger waere unglaubwuerdig. Seiner Traumfrau irgendwann stotternd irgendwelche Leichen erklaeren zu muessen, hielt er fuer unter seiner Wuerde - lieber drapierte er die Zombies von vornherein so, dass sie appetitlich oder wenigstens nachvollziehbar aussahen. Er war zwar ein guter Pokerspieler, aber ein miserabler Luegner und sah auch die Notwendigkeit nicht ein, herumzuflunkern: er war wie er war wie er war wie er war. Und so gedachte er zu bleiben.
  Blieb noch der fuer ihn schwierigste Teil: wie eine fette Spinne darauf lauern, wer sich wann wohin und weswegen bewegte und auf eine Gelegenheit warten, eins seiner Spinnenbeine in eins ihrer Mitfahrtrips zu schieben. Bis dahin versuchte er, die nicht-aktivistischen Informationen ueber Liliane zu ordnen und auszuwerten; den virtuellen Gutmenschkram hatte er abgehakt, nachdem er ein gewisses Muster heraus gefiltert hatte - darin war er Weltmeister. Abgesehen von den ueblichen Schuleintraegen und ihren ersten offenbar fuer sie unbefriedigenden beruflichen Schritten im sozialen Bereich, war die einzige Ausbeute zu ihrer Person der Autounfall ihres Vaters, der jemanden ueber den Haufen gefahren hatte.
Heftig.
  Er kannte die Berichte darueber und alles drumherum inzwischen auswendig, da es die einzig wirklich aussagekraeftige Information war. Es klang mysterioes und verschaffte ihm nicht nur Gaensehaut, sondern darueber hinaus ein angenehmes Zusammengehoerigkeitsgefuehl - durch einen anderen Crash war er mit vier Jahren Vollwaise geworden. Das froehliche und letzte Winken seiner Eltern, als sie im Flieger nach Kanada verschwanden, war in seinem Hinterkopf genauso gespeichert wie die Elite-Internate in ganz Europa in den Folgejahren, nur unterbrochen durch Ferienaufenthalten bei den Grosseltern am Saltener Platz. Nach einem passablen Schulabgang hatte er sich durch die oberen Etagen etlicher Managements geboxt und fuehrte seit fast sechs Jahren ein sorgenfreies und selbstaendiges Geschaefts- und Privatleben mit kleinen Abstechern in sonnigen Gefilden. Seine Freizeit war gespickt mit gelegentlichen Weekend-Parties, woraus sich ebenso gelegentliche Affaeren ergaben, vorwiegend mit verheirateten Frauen - sie waren pflegeleichter. Er war sein eigener Herr.
Das war es. Es war ein spannendes, interessantes Leben ohne Langeweile und Reue gewesen - ein Leben, das er dabei war, nach und nach auseinanderzunehmen. Mit dem groessten Vergnuegen, fast genuesslich auseinanderzunehmen. Ein Mann muss Prioritaeten setzen, wenn es die Umstaende erforderten. Ausserdem hatte er, streng genommen, genug beiseite gelegt, es wurde Zeit, ein Nest zu bauen. Ja. Auch er. Und was sein Vater, fuer den er diesbezueglich bis vor kurzem wenig Verstaendnis hatte aufbringen koennen, vor vier Dekaden gelungen war, konnte er mit links.
Aber hal-lo.

II. eine kleine bigamie
phil & so


  "Du erinnerst mich irgendwie an meine erste Liebe."
  "Echt?" hatte Liliane eine Braue gehoben. "Wenn du es schaffst, in meiner Gegenwart alle Assoziationen dazu fuer dich zu behalten, koennten wir uns verstehen..."
  Dies waren nicht ihre ersten Saetzen miteinander, aber praegend. Zwar hatte Phil ein reines Gewissen, es war keine Anmache gewesen: was dachte das Kind von ihm? Aber deswegen die beleidigte Leberwurst spielen? Kindisch, zeitraubend und schlecht fuer den Blutdruck. Machte ausserdem Falten, die auf natuerlichem Wege nicht mehr verschwanden. In seinem Alter nicht irrelevant.

  Verschwunden waren dafuer die goldene Zeiten, als man die eigenen Geschaefte einer unsichtbaren ehrlichen Haut namens Bank ueberlassen und sein Leben leben konnte, ohne staendig nach den Boersennachrichten schielen zu muessen. Vertrauen war eine gute Sache. Immer noch. Gut fuer die Freundschaft, gut fuer Partnerschaften und Beziehungen, gut fuer die Seele. Empfehlenswert also. Eigentlich. Veraendert hatte sich "bloss" das Geld oder vielmehr dessen Bedeutung vom schlichten Tauschmittel zum 'Schein-Gott', Religion und Staat verwaessernd bis zur Unsichtbarkeit - nur gut, dass er sich als agnostischer Weltbuerger auf alle drei nie verlassen hatte. Spaetestens seit Anfang der Finanzkrise zuckelte er nicht zuletzt deswegen die fuenfhundert Kilometer von seiner Wahlheimat Hamburg zur neuen Goetzenmetropole Frankfurt und zurueck, um persoenlich nach seinen Projekten zu schauen - ab und zu angenehme und halbwegs intelligente Gesellschaft waehrend der Fahrt war alles, was er sich gewuenscht hatte. Voraussetzungen, die Liliane muehelos erfuellte.
  Seit ihrer ersten gemeinsamen Fahrt fuhr Phil alle paar Monaten den kleinen Umweg ueber Salten, geduldig in seinem alten, dafuer bequemen Buick am Saltener Platz oder vorm Sanatorium auf sie wartend - je nachdem, ob sie die Hin- oder die Rueckfahrt gebucht hatte. Die Saltener Hilfspolizisten, HiPos genannt, hatte er bisher mit Charme, Logik, Pralinen und vor allem Gartenarbeit davon abhalten koennen, sein verkehrswidriges Warten zu ahnden, im Kofferraum nebst Pralinen und exotischem Gewaechs ein paar Gartenhandschuhe, die er sich ueberzog, bevor er sich daran machte, eine der gruenen Inseln am Saltener Platz zu verschoenern. Lange genug hatte es gedauert, im Saltener Labyrinth aus Baeumen, Blumenbeeten und anderen Hindernissen einen Weg hierher zu finden, obwohl der zum Elektrofahrzeug umgebauten Oldtimer einer der schmalsten und kleinsten seiner Sorte war.
  Vor dem Ausbruch einer Art Run auf die Bahn unter Lilianes Fahrern, der einen nach dem anderen von deren Chauffeuren-Karussell springen liess, hatte seine Fahrbeteiligung aktuell bei einmal alle zwei Monaten hin oder zurueck gelegen, hinten mindestens ein Mitfahrer, damit sie sich nicht erneut das huebsche Koepfchen ueber seinen Single-Status zerbrechen musste.
  Ihm war es Recht. An Gespraechsstoff mangelte es ihnen nie, er verstand sich gut mit dem Maedel mitsamt erhobener Augenbraue oder zwei. Gesellschaftlich, politisch und pseudo-wissenschaftlich lagen sie auf dem gleichen Level, nur philosophisch und ethisch drifteten sie manches Mal auseinander. Was auch seinen Reiz hatte. Seit einer der Mitfahrer das Thema Ehe angeschnitten hatte, war seine treffliche Eignung als polygamische Fallstudie hinzu gekommen. Schamgefuehl kannte er nicht, schon gar nicht, was seine Ehen betraf - warum auch? Das von der Anklage sowie Staatsanwaltschaft nicht durchgesetzte und, wie er fand, ungerechtfertigt hohe Strafmass wegen Bigamie war dank Unbescholtenheit, Sesshaftigkeit und mangelnder kriminalistischen Energie zu einer Bewaehrungsstrafe versickert und schreckte sie nicht ab. Im Gegenteil.
  Das Phaenomen kannte er. "Seine kleinen Bigamien", wie er sie provokativ nannte, erregten meistens eine Mischung aus Scheu, Neid und Neugier, die zu befriedigen er nicht abgeneigt war: why not? Im Gegensatz zur ueblichen Sensationsgier, war Lilianes Interesse dezent, fast beruflich. Mit offenem Mund hatte sie ihn nie angegafft. Perfekt.

ende der leseprobe



Kurz-Biographie & Alibis

  Bin in NL geboren und in den Staaten aufgewachsen; der Aufenthalt in drei verschiedenen Laendern ermoeglicht eine aufgeschlossene und anti-nationalistische Sichtweise, die verbindet anstatt zu trennen - meiner Meiniung nach. Erst nach etlichen Jahren K(r)ampf gegen buerokratische Windmuehlen im Niemandsland (im Geburtsland fuer tot erklaert, siehe 'das heulmeisje und ich) erhielt ich meine alte NLer Identitaet als Jacobse wieder. Die Schizophrenie dieser zwei Identitaeten macht sich hoffentlich im Buch nicht allzu breit und ist einer der Gruende, warum es keine Publikationen gibt.

  "gesiebtes brot" ist entstanden in zwei der schoensten Staedten der Welt - die Pendelei zwischen Luebeck und Utrecht via Mitfahrzentrale & Bahn war notwendig und wird im Buch entsprechend sichtbar, nachdem der Elektroscooter meiner damals 95jaehrigen Mutter nach einem tollkuehnen Ausweichmanoever per Salto deren Knie zertruemmerte. Sie starb im letzten Fruehjahr mit 98, dement.
  Das Buch schrieb sich also von alleine, ich musste nur lauschen, koennte ich daher behaupten, wenn mein Gehirn ordentlich mitgespielt haette. Aber das ist eine andere Geschichte.



Exposť & Co

  "Er hatte weder vor dem Tod noch vorm Fliegen Angst, fand sich nur zu jung zum Sterben. Spaeter vielleicht. Er wuerde darauf zurueckkommen", endet die Geschichte fast genauso wie es anfaengt.
  Dazwischen pendeln vier Personen waehrend und nach der Fluechtlingskrise einmal im Monat die jeweils fast fuenfhundert Kilometer zwischen Salten (fiktivem Staedtchen in der Naehe von Hamburg) und Frankfurt a.d. ueblichen Fluss: mittags hin, abends zurueck.

  Das Quartett besteht aus vier Welten - also mindestens vier Perspektiven: drei Maennern und einer Frau.

Phil, Hamburger mit Englischem Pass, gelangweilter Privatier jenseits der 50, der gern mit Episoden seiner nicht immer gueltigen Ehen unterhaelt, die sich wie ein roter Faden und emanzipatorische Zeitstudie durch die Erzaehlung winden;

Joh, als Vollwaise in Internaten aufgewachsen, Geschaeftsmann & Zocker um die 40, dessen bisher spannendes, aber unverbindliches Dasein ploetzlich Risse bekommt und schal schmeckt;

Marc, Mitte 20, Nesthaekchen im Schatten erfolgreicher Bueder, Nerd & Software-Profi mit viel Ehrgeiz, aber wenig Disziplin;

Liliane, Ex-Sozialarbeiter, Ende 20, nach beruflichem und privatem Debakel wieder Student, trotz Zweifel, ob ihre Ausbildung - zumal die psychologische - einen Sinn hat.
  Obwohl schweigsam, ist Liliane der Administrator der Fahrgemeinschaft. Sie ist die Letzte dreier Generationen Frauen, die alle mehr oder weniger unter der unverdauten Kriegsvergangenheit der ersten leiden und nicht eben Plaudertaschen sind - von Menschen umgeben, die sich damit nicht zufrieden geben und gespraechiger sind: Maenner.
  Ironie? Och.

  "Gesiebtes Brot" (Arbeitstitel: "Eine Kleine Bigamie") ist ein Gegenwartsroman (2015/2016; 213 Seiten), ausser im alten Buick von Phil spielt die Geschichte in einer der wenigen "Randortschaften" ab, die sowohl die Gier der Metropole, der Globalisierung wie die Verfressenheit nach immer mehr Strassen widerstanden und ueberlebt haben.
  Die Fluechtlingskrise hat den Markt-Tunnelblick der Politiker beinahe verdeckt, eine Pseudo(Boersen)welt vorlassend, die mit dem Leben nichts zu tun hat. Die unkontrollierte Gegenbewegung im Netz ist nichts als das Gegenstueck zur profit-orientierten Raupe, die alles frisst. Leise und authentische Hintergrundmusik einer merkwuerdigen Fahrgemeinschaft, deren Ende offen ist.



Table of contents

I. unique - joh.........................................................................1
daten-tsunami, treppenlicht, gehacktes, business plan

II. eine kleine bigamie - phil & so ........................................18
phil & die ehe, kaethe, liliane & der unfall, franz

III. gewittern - mim & liliane ................................................41
mob, elektronische vergewaltigung, austern, fluechtlinge

IV. nerdy - patrick & joh........................................................58
mathe, 3 im mini, kuckucks-oma, mantel unterm rock, dubliner

V. qwertz - keine janneke.......................................................81
berge, gusto, adobo, das wetter, mimosen-destruktion, footprint

VI. gesiebtes brot - janneke & pam ......................................100

absolution, totenruhe, wadenwickeln, nsa-mann, fotos, chevy

VII. machtsweg - anne & clara..............................................131

anne & mutter, aufloesung, sonnabend, kunstwerk, koma-ben

VIII. dekado - elvira & sophia..............................................152

regentropfen im zug, fasching, tirade, sophia, unfall

IX. die wand...............................................................189-213

blitzidee, error, kralle, der keller, suendenbock